Grönlands Eisschild und seine Zukunft | Polarjournal

Das Bild von Hunden, die Schlitten durch das Schmelzwasser ziehen, ging um die Welt und liess Weltuntergangspropheten jubeln, Klimawandelskeptiker seitenweise Hasstiraden gegen die Medien (und Greta Thunberg) schreiben und die sozialen Medien überschlugen sich mit Posts von besorgten und verängstigten Usern zum Thema Klimawandel. Doch was bedeutete das Bild tatsächlich, vor allem für Grönland selber? Nerilie Abrams, Leiterin des Kompetenzzentrums für Klimaextreme der australischen Nationaluniversität erklärt in einem Gastbeitrag die Hintergründe und die Zukunft des grönländischen Eispanzers.

(Anm. d. Red.: Der Beitrag stammt ursprünglich von www.theconversation.com und wurde von uns übersetzt)

Grönland ist etwas häufig in den Medien in Erscheinung getreten: Von Huskies, die scheinbar über das Wasser gehen, über Temperaturen von 20°C über dem Jahresdurchschnitt bis zu Vorhersagen über den kompletten Verlust des Eispanzers. Doch was passiert wirklich? Ganz einfach gesagt: Eis schmilzt, wenn es zu warm wird! Natürlich schmilzt Eis immer, wenn es Sommer wird. Doch die Menge an arktischem Eis, das jeden Sommer wegschmelzt, wächst. Wir warten nun, um zu sehen, ob dieses Jahr ein Rekordjahr für die grönländische Eisschmelze sein wird.

Dieses Bild wurde millionenfach in allen verschiedenen Medien geteilt und zeigt Einheimische im Nordwesten Grönlands, die durch einen Schmelzwassersee fahren. Im Hintergrund sieht man die grönländische Küste. Bild: AP / Metro

Kein Teil der Welt ist gefeit vor den Auswirkungen des vom Menschen verursachten Klimawandels. Aber Grönland und die Arktis insgesamt spüren diese Auswirkungen in besonders starkem Mass. Die Temperaturen im hohen Norden steigen zweimal so schnell wie im globalen Durchschnitt. Grönland erwärmt sich derart schnell aufgrund von, was Klimaforscher als «positives Feedback» bezeichnen. Trotz des Namens ist das nicht Gutes. Ein besserer Ausdruck wäre «Klimawandelverstärker». Die Arktis hat viele «positive Feedbacks» oder «Klimawandelverstärker», die hier die Effekte des Klimawandels verschlimmern. Zum Beispiel wird bei der Schmelze von Eis und Schnee der dunkle Untergrund sichtbar, der mehr Wärme aufnehmen kann und so mehr von der Umgebung abschmelzt. Dieser Effekt ist besonders dramatisch, wenn Eis und Schnee komplett weg sind, wie beispielsweise beim Verlust der gesamten Meereisdecke des Arktischen Ozeans. Dieser Verlust ist einer der Hauptgründe, warum die Arktis sich viel stärker erwärmt als der Rest der Welt. Ein weiteres Charakteristikum des arktischen Klimawandels ist das Potential der Eisschmelze, sich zu beschleunigen. Der Temperaturgrenzwert der Eisschmelze bedeutet, dass, wenn das Klima warm genug geworden ist um Eis zu schmelzen, jede zusätzliche Erwärmung noch mehr Eis noch schneller schmelzen lässt. Diese Tatsache hat nun in Grönland begonnen, sich zu zeigen.

Schmelzwasserseen bilden sich immer auf dem Meereis. Wenn die Temperaturen rasch ansteigen, schmilzt das Eis an der Oberfläche, verdunkelt den Untergrund und erlaubt so dem Schmelzwasser, noch mehr Wärme aufzunehmen, was die Schmelze verstärkt und beschleunigt. Bild: Michael Wenger

Letzten Monat ging die Eisschmelze in Grönland durch die Medien weltweit. Die Oberflächenschmelze schoss rapide in die Höhe und war ungewöhnlich stark für einen Juni. An den Rändern des grönländischen Eispanzers war es besonders stark und bis zu 40 Prozent der gesamten Eisoberfläche waren bis zu einem gewissen Grad betroffen. Die Schmelze in Grönland ist jedoch typischerweise unregelmässig pro Sommer und schiesst in die Höhe, wenn Wettersysteme warme Luftmassen über das Eis treiben. Aufgrund dieser Variabilität ist noch nicht klar, ob 2019 ein ungewöhnlich schlechtes Jahr für das grönländische Eis sein wird und das Rekordjahr 2012 übertreffen wird, als praktische die gesamte Oberfläche Grönlands von Schmelzen betroffen gewesen war. Doch was sicher klar ist aufgrund der Beobachtungen seit den 1970er (und einfache Physik), ist, dass während sich die Arktis weiter erwärmt, die grönländischen Sommer früher starten, länger dauern und intensiver werden. Proben von altem Eis aus der Tiefe des grönländischen Eispanzers malen ein noch klareres Bild von den Veränderungen durch die Klimaerwärmung. Die Sommerschmelzen begannen ab Mitte des 19. Jhd. zuzunehmen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten erreichte die Sommerschmelze Werte von mehr als 50% über denjenigen vor der industriellen Revolution. Die Geschwindigkeit des Eisverlustes in Grönland hat sich seit den 1980er beinahe versechsfacht.

Daten aus Eisbohrkernen zeigen, dass die Intensität der Eisschmelze in Grönland in den vergangenen 150 Jahren stark angestiegen ist, obwohl keine Industrie dort heimisch war. Dies zeigt klar den Einfluss der Industrienationen auf die Schmelze. Bild: Nach Trusel et al. Nature (2018, 564)

Ein Eisschild existiert auf Grönland schon seit Millionen von Jahren. Doch die geologischen Zeitspannen für Wachstum und Erneuerung des Schildes sind durch die Mensch-verursachten Veränderungen massiv überholt worden. Gemäss einer im Juni veröffentlichten neuesten Studie, als die Schmelze einen Höhepunkt erreicht hatte, wird der Meeresspiegel durch Schmelzen des grönländischen Eisschildes um 33 Zentimeter bis zum Ende dieses Jahrhunderts ansteigen, wenn der Treibhausgasausstoss nicht gedrosselt wird. Schmilzt der gesamte Eisschild ab, würde der Meeresspiegel um 7 Meter steigen. Gemäss derselben Studie würde dies innerhalb der nächsten 1000 Jahre geschehen. Die Beweislage ist absolut klar: die steigenden Temperaturen lassen im Nordsommer mehr arktisches Eis schmelzen. Wir können den weiteren Verlust von Eis in den kommenden Jahrzehnten nicht verhindern und Menschen und Ökosysteme werden sich anpassen müssen. Doch es besteht immer noch die Möglichkeit, die schlimmsten Auswirkungen langfristig zu verhindern. Die Beweise zeigen uns, dass der einzige Weg, die Zerstörung des grönländischen Eisschildes und den resultierenden Meeresspiegelanstieg zu verhindern, die schnelle und tiefgreifende Verringerung von Treibhausgasen ist. Das ist eine Wahl, die wir noch treffen können.

Quelle: Nerilie Abrams, The Conversation

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