Bleispuren im arktischen Eis erzählen europäische Geschichte | Polarjournal

Wie wirkten sich Ereignisse wie die Pest auf die Wirtschaft des mittelalterlichen Europas aus? Bleiteile, die tief im arktischen Eis gefangen sind, können nun Aufschluss darüber geben: Kommerzielle und industrielle Prozesse haben seit Jahrtausenden Blei in die Atmosphäre abgegeben, welches dann mit Windströmungen durch die Atmosphäre gewandert ist und sich schliesslich an Orten wie dem Eisschild in Grönland und anderen Teilen der Arktis abgesetzt hat. Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, haben diese Bleiverunreinigungen nun anhand von Eisbohrkernen in einer Studie untersucht, die im Journal „Proceedings der National Academy of Sciences“ veröffentlicht wurde.

Aufgrund der Verbindung von Blei mit Edelmetallen wie Silber und der Tatsache, dass die natürlichen Bleigehalte in der Umwelt sehr niedrig sind, haben die Wissenschaftler herausgefunden, dass Bleivorkommen in Schichten des arktischen Eises ein empfindlicher Indikator für die gesamtwirtschaftliche Aktivität im Laufe der Geschichte sind.  Die Forscher verwendeten dafür dreizehn arktische Eisbohrkerne aus Grönland und der russischen Arktis, um die Bleiemissionen von 500 bis 2010 n. Chr. zu messen, zu datieren und zu analysieren. Diese Spanne bildet die Zeit vom Mittelalter, über die Neuzeit, bis hin zur Gegenwart ab. „Wir haben unsere früheren Aufzeichnungen über das Mittelalter und die Neuzeit bis in die Gegenwart verlängert“, erklärte Joe McConnell, Ph.D., leitender Autor der Studie und Direktor des Desert Research Institute (DRI)-Labors für Ultra-Trace-Eiskernchemie in Reno, Nevada. „Diese neue Studie hat gezeigt, dass die Bleiverunreinigung vor der industriellen Revolution in einem großen Teil der Arktis weit verbreitet und überraschend ähnlich war und zweifellos das Ergebnis der europäischen Emissionen ist.“

Joe McConnell, Ph.D., der Leitautor der Studie (links), und Nathan Chellman, Doktorand am DRI und Mitautor der Studie (rechts), untersuchen einen Eisbohrkern im Ultra-Trace-Eisbohrkern-Chemielabor des DRI in Reno, Nevada. Bild: Desert Research Institute, Nevada, USA

Das Forscherteam stellte fest, dass der Anstieg der Bleikonzentration in den Eiskernen eng mit den Expansionsperioden in Europa, dem Aufkommen neuer Technologien und dem wirtschaftlichen Wohlstand zusammenhängt. Der Bleiabbau ging hingegen mit Klimastörungen, Kriegen, Pest und Hungersnöten einher. „Ein anhaltender Anstieg der Bleiverunreinigungen im Früh- und Hochmittelalter (um 800 bis 1300 n. Chr.) deutet beispielsweise auf ein weit verbreitetes Wirtschaftswachstum hin, insbesondere in Mitteleuropa, als neue Abbaugebiete in Orten wie dem deutschen Harz und dem Erzgebirge entdeckt wurden.“ Bemerkte McConnell. „Die Bleiverunreinigung in den Eisbohrkernen nahm im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit (um 1300 bis 1680) ab, als die Pest diese Regionen verwüstete, was darauf hinweist, dass die Wirtschaftstätigkeit ins Stocken geriet.“ Selbst mit Höhen und Tiefen im Laufe der Zeit aufgrund von Ereignissen wie Seuchen zeigt die Studie, dass die Bleiverschmutzung in der Arktis in den letzten 1500 Jahren exponentiell zugenommen hat.

Die Karte links zeigt die Minenstandorte in Europa, den Einflussfaktor der Bleiemissionen und die Standorte der Eiskernbohrungen. Die Zeitlinie rechts zeigt die Emissionen und die dazugehörenden geschichtlichen Ereignisse. Grafiken: Desert Reseacht Institute, Nevada, USA

Quelle: Alfred-Wegener-Institut

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