Turbulenter Sommer in der Arktis | Polarjournal
Auch im arktischen Norden sind zurzeit die Temperaturen weit über dem Normalen.

Seit Juni herrschen in weiten Teilen der Arktis Temperaturen, die man normalerweise in Mittel- und Südeuropa wähnen würde. Gleichzeitig vermelden die wissenschaftlichen Daten, dass die arktische Meereisausdehnung den zweitniedrigsten Wert seit Messbeginn für den Juni erreicht hat. Und trotzdem: Die norwegische Nordpolexpedition an Bord der neuesten Eisbrechers Kronprins Haakon musste umkehren, weil zuviel Eis den Weg versperrte; Guides und Experten an Bord der 50 Years of Victory meldeten sehr viel Eis am Nordpol; Mehr als die Hälfte des Svalbardarchipels ist immer noch von dichtem Packeis umschlossen.

In den Medien sind vor allem die extrem hohen Temperaturen in weiten Teilen der Arktis ein grosses Thema. In einigen Regionen werden beinahe täglich neue Temperaturrekord gemeldet. Beispielsweise stieg das Thermometer auf 32°C in Anchorage, Alaska; 29°C in Teilen der kanadischen Nordwestterritories führten zu Hitzewarnungen durch die Behörden; Svalbard auf 78° nördlicher Breite meldet über 18°C. Auch in Sibirien sind seit Juni die Temperaturen durchschnittlich 6 – 9°C höher gewesen als im über 50-jährigen Mittel. Diese hohen Temperaturen und wenige Niederschläge liessen auch die Zahl der Buschbrände an vielen Orten massiv ansteigen. Sogar in Grönland, wo solche Brände eher die Ausnahme sind, zeigten Satellitenaufnahmen verschiedene Brandherde. Die Menge an Kohlendioxid, die alleine im Juni durch alle Brände freigesetzt worden war, überstieg mit 50 Megatonnen sämtliche durch Brände verursachten Ausstossmengen der vergangenen 8 Jahre. Gleichzeitig mit den Meldungen über die hohen Temperaturen beklagten Wissenschaftler den massiven Verlust von arktischem Meereis. Gegenwärtig liegt die von Eis bedeckte Fläche bei etwas mehr als 7.5 Millionen Quadratkilometer, rund 1.9 Millionen unter dem Durchschnitt seit Start der Aufzeichnung bis 2010. Im Beringmeer sind signifikant höhere Wassertemperaturen seit Monaten gemessen worden. Als Folge daraus schmolz das Meereis dort viel früher. Fast der gesamte Bereich der russischen Nordküste ist eisfrei und nur die sehr weit nördlich liegenden Inseln wie Severnaja Zemlya oder Wrangel sind noch von Eis umschlossen.

Die Karten zeigen die Meereisausdehnungen für Mai, Juni, 15. Juli und 21. Juli. Die roten bzw. orangen Linien sind die Durchschnittsgrenzen im langjährigen Mittel. Karten: National Snow and Ice Data Center, Colorado

Während also weite Teile des arktischen Ozeans kaum mehr Eis aufweisen, liegt in der Nordwestpassage und vor allem um Svalbard so viel Eis, dass Passagen nicht möglich sind. Dies steht vor allem in Svalbard im krassen Gegensatz zum vergangenen Jahr, als bereits im Mai Fahrten durch die Hinlopenstrasse, die Spitzbergen von Nordaustlandet trennt, möglich waren und Eisbären kein Eis an den Küsten fanden. In diesem Jahr sind bisher alle Schiffe, die den Touristen die «Perlen», «Juwelen», «Schätze» und «Schönheiten» der Arktis zeigen wollten, gezwungen gewesen, ihre Pläne zu ändern. Dies führte zu teilweise beengenden Situationen in einigen Fjorden und Küstenabschnitten. Glücklicherweise kam es zu keinen Zwischenfällen und die Kommunikation unter den meist AECO-Mitgliedern schien sehr gut zu funktionieren. Auch Fahrten zum Nordpol wurden zu Herausforderungen. Der russische Eisbrecher 50 Years of Victory notierte zwar sehr viel dickeres Eis auf dem Weg zum Pol, erreichte aber sein Ziel dank der 75,000 PS. Dagegen musste Norwegens neuestes Forschungsschiff, die Kronprins Haakon seinen Versuch, das erste norwegische Schiff am Nordpol zu sein, aufgeben und umkehren. Der Grund für den Fehlschlag: zuviel Eis auf den letzten 300 Kilometern. Dabei handelt es sich gemäss den Aufnahmen und Berechnungen der NASA und des NSIDC um 1-2 jähriges Eis. Das echte mehrjährige Eis existiert nur noch als stationäres Band zwischen der kanadischen Arktis und dem Nordpol.

Die Eisbedingungen am Nordpol waren in diesem Jahr eine Herausforderung und nur mit einem wirklich starken Schiff zu meistern, wie die Norweger feststellen mussten. Bild: Michael Wenger

Auf den Karten ist klar ersichtlich, dass die gegenwärtige Eissituation auf der europäischen Seite der Arktis eher dem Mittel 1981 – 2010 entspricht. Die Gründe für die verfrühte Eisschmelze in der Beringstrasse und in weiten Teilen der russischen Arktis sind nach Meinung der Experten höhere Wassertemperaturen im Pazifik und die wärmere Luftmassen, die mit den Windsystemen über den Norden getrieben worden waren. Wie es jedoch mit den Meeresströmungen aussieht und wie diese mit den Windsystemen und dem niedrigeren Meereisflächen zusammenhängen, ist zurzeit noch nicht ganz klar. Aufschluss erhoffen sich Wissenschaftler durch die bevorstehende MOSAiC-Expedition unter der Leitung des Alfred-Wegener-Instituts. Die Polarstern, der deutsche Forschungseisbrecher, wird sich im arktischen Meereis für ein Jahr einfrieren lassen und eine treibende Forschungsplattform bilden. Auch ob die gegenwärtige Eisschmelze Rekordpotential hat und den Minimalwert von 3.4 Millionen Quadratkilometer aus dem Jahr 2012 unterschreiten wird, ist noch nicht klar. Gemäss der Wissenschaftler der National Snow and Ice Data Center NSIDC in Colorado, sind die Daten noch nicht schlüssig und alles hängt vom Wetter in den nächsten 8 Wochen ab. Die Berechnungen zeigen aber, dass auch dieses Jahr wieder die Eisfläche weit unter dem Durchschnitt liegt. Der Klimawandel zeigt sich hier deutlicher als in vielen anderen Teilen der Welt.

Die Grafik zeigt den Verlauf der Eisausdehnung pro Tag und den möglichen Verlauf, prognostiziert aufgrund verschiedenere Mittel. Die gestrichelte horizontale Linie zeigt den Rekordwert aus dem Jahr 2012. Bild: NSIDC

Quelle: National Snow and Ice Data Center

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