Mehr tote Rentiere dieses Jahr auf Svalbard | Polarjournal

Rentiere auf Svalbard haben kein einfaches Leben. Die Lebensbedingungen sind viel härter auf dem Archipel als für die Verwandten auf dem Festland. Dafür herrscht kein Druck durch Fressfeinde. Doch dieses Jahr hat dafür ein anderer Selektionsfaktor die Zahl der Tiere stärker als normal beeinflusst: das Klima. Forscher des norwegischen Polarinstituts haben auf ihrer alljährlichen Zählung über 200 Kadaver von verendeten Rentieren entdeckt. Die Vermutung der Wissenschaftler über die Todesursache: Verhungern wegen eines regenreichen Winters.

Im vergangenen Dezember erlebte Svalbard einen regenreichen Winter. Immer wieder führten höhere Temperaturen zu Regen statt Schnee. Da aber der Boden eiskalt war und auf die Regenfälle Kälteeinbrüche folgten, gefror das nicht ablaufende Wasser zu einer dicken Eisschicht. Zu dick für die Rentiere, meinen die Experten des Polarinstituts. Mit ihren Hufen konnten sie das Eis nicht zerbrechen und kamen so nicht an die dringend benötigte Nahrung. „Das Grasen wurde in einigen Gebieten Svalbards für die Tiere dort sehr schwierig. Die Kadaver, die wir gefunden haben, zeigen klare Anzeichen von Verhungern“, erklärt Åshild Ønvik Pedersen, die Expertin und Leiterin der Untersuchung auf Svalbard. „Es ist beängstigend, so viele tote Tiere in einer Saison zu finden“, meint sie.

Verhungern ist die häufigste Todesursache für Rentiere auf Svalbard. Andere Ursachen sind Lawinen und Steinschläge, Ertrinken oder Krankheiten. Verendete Tiere werden dann häufig gefressen und die Knochen dienen als Dünger für Pflanzen. Bild: Michael Wenger

Dass Rentiere auf Svalbard verhungern, ist keine Seltenheit. Denn durch die langen Wintermonate müssen die Tiere mit sehr wenig auskommen und auf ihre angehäuften Fettreserven zurückgreifen. Dies ist in der Regel kein Problem, Nahrung finden die Tiere meist unter dem Schnee und in schneefreien Gebieten. Doch wenn Eis ins Spiel kommt, haben die Rentiere verloren. Und im letzten Winter regnete es oft auf Svalbard. „Die grössere Zahl an toten Tieren ist eine Konsequenz der häufigeren Regenfälle. Und die sind eine Konsequenz der globalen Klimaerwärmung“, sagt Pedersen weiter. Zwar hatten die Rentiere letzten Sommer eine grössere Zahl an Kälbern geboren. Doch in diesem Winter starben vor allem die Jüngsten und die Ältesten. Denn um die wenige Nahrung wurde gekämpft und die Schwächsten verloren diese Kämpfe.

Wenn im Winter die Nahrung unter Schnee liegt, versuchen die Rentiere an verschiedenen Orten Futter zu finden. Unter anderem sieht man sie dann auch häufig entlang der Küste wandern, wo der Wind den Schnee verdriftet. Bild: Michael Wenger

Rentiere können durchaus längere Zeiten mit sehr wenig Nahrung auskommen, doch nur wenn sie stark genug sind. Auch für trächtige Kühe bedeutet der Winter eine harte Zeit, muss sie doch für zwei Futter finden. Daher behalten Weibchen auch ihr Geweih länger als die Männchen und können sich so Platz schaffen. Die Tiere leben aufgrund der kargen Verhältnisse und des fehlenden Feinddruckes in kleinen Verbänden. Andere Anpassungen sind kleinerer, aber stämmigerer Wuchs und einen kleineren Kopf als sein Verwandter auf dem Festland.

Gruppen von Rentieren auf Svalbard sind selten grösser als 6 – 8 Tiere. Herdenbildung ist aufgrund des geringeren Nahrungsangebotes und der fehlenden Fressfeinde nicht notwendig. Kühe haben normalerweise ein Kalb. Bild: Michael Wenger

Für die Forscher des norwegischen Polarinstituts sind die zahlreichen toten Rentiere ein klares Indiz für den Klimawandel auf Svalbard. Seit 40 Jahren werden die Tiere beobachtet und gezählt. So viele tote Tiere wie in dieser Saison gab es bisher nur einmal. Und das Schicksal der Rentiere dient als Beispiel für andere arktische Bewohner, egal in welcher Region und wie abgelegen sie auch sein mag, gemäss Pedersen. Auch Torkild Tveraa, Rentierexperte am norwegischen Institut für biologische Forschung, hat Angst um das Schicksal der Tiere. „Rentiere sind die grössten Pflanzenfresser in der Arktis. Wenn sie verschwinden und nichts mehr gefressen, zertrampelt und gedüngt wird, wird die arktische Landschaft ganz anders aussehen.“

Rentiere halten in der arktischen Ökologie eine Schlüsselposition. Denn sie können durch das Grasen einwandernde Arten in Schach halten. Ausserdem sind Kotwürstchen der Rentiere sehr beliebt bei Weisswangegänse, da sie noch viel, jetzt leichter verdauliches Pflanzenmaterial enthalten. Bild: Michael Wenger

Quelle: Norwegisches Polarinstitut / NRK

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