Russlands Pläne, die Infrastruktur entlang der Nordmeerküste auszubauen, beinhalten auch die Verteilung von Energie. Doch statt auf Kohle, Öl oder Gas zu setzen, haben die Behörden das schwimmende Kernkraftwerk Akademik Lomonossow ins entfernte Tschukotka geschickt. In der Kleinstadt Pevek soll das «Schiff» verankert werden und die Stadt und das Umland mit Strom und Wärme versorgen. Die kleine Stadt hat sich nun mit staatlicher Hilfe entsprechend vorbereitet.

Die Ankunft der Akademik Lomonossow ist für den Montag, 9. September 2019, geplant. Das Kraftwerk wird vom russischen Eisbrecher Dikson gezogen und zwei weitere Eisbrecher, die Yasny und die Kapitan Martyshkin, begleiten die beiden Wasserfahrzeuge. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt (7. September) befindet sich der Konvoy noch in der Ostsibirischen See auf der Höhe von Krestovaya. Gestartet waren sie am 23. August 2019 in Murmansk, nachdem die Lomonossow über ein Jahr auf ihre Arbeit und die 4,700 Kilometer lange Reise vorbereitet worden war. In Pevek soll sie dann die nächsten 12 Jahre stationiert sein und die Region mit Strom und Wärme versorgen. Doch ist die Ortschaft, die seit dem Ende der Sowjetunion immer kleiner wurde und an Bedeutung verlor, bereit für ein eigenes Atomkraftwerk?

Die Karte zeigt die Position der Schiffe am 7. September 2019. Die Ankunft in Pevek ist für den 9. September geplant. Bild: Google Earth / PolarJournal

Seit einigen Jahren schon seien die Vorbereitungen im Gange, erklärte der Minister für Notfallsituationen EMERCOM, Jewgeny Zinichev, bei seinem Besuch in Pevek. «Es wird erwartet, dass die Station Akademik Lomonossow in Tschukotka am 9. September ankommen wird und daher ist es schon vorher notwendig, sich die Küsteninfrastruktur anzuschauen», sagte er den Medien. Gemäss den Meldungen seines Ministeriums seien bereits eine besondere Feuerwehr- und eine Rettungsstelle vor Ort im Aufbau begriffen. Wenn der Aufbau beendet sei, könnten sie als Basis für ein grösseres Arktisches Rettungszentrum dienen. Neben EMERCOM waren aber auch Vetreter der ROSATOM, unter deren Zuständigkeit die Station fällt, vor Ort. Die lokalen Behörden zeigten auch, dass nicht untätig gewesen waren. Eine komplette Restrukturierung der Infrastruktur sei bereits gestartet worden und 320 neue Wohneinheiten würden noch gebaut. Die Restrukturierungen betreffen das Hafengebiet, eine neue Kirche, ein Ausbau der Strassen inklusive Radwege und die Aufwertung von Plätzen, Parks und Spielplätzen für Kinder. Für die Sicherung der Anlage wird ein privates Unternehmen im Auftrag der russischen Nationalgarde zuständig sein.

Der Minister für Notfallsituationen (mit Fernglas) wollte sich vor Ort ein Bild machen, wie die Vorbereitungen in Pevek für die Lomonossow angelaufen sind. Auch Russland hat kein Interesse an einem GAU in der Arktis. Bild: EMERCOM

Doch die Stationierung der Akademik Lomonossow ist nicht unumstritten, auch in Russland selber. Ein Vertreter von Greenpeace Russland entgegnete gegenüber den Medien seine Bedenken, die Station mit ihren zwei KLT40S-Reaktoren in der Arktis zu stationieren. «Wir glauben, dass schwimmende Kernkraftwerke einfach zu risikoreich und zu teuer sind, um hier Strom zu produzieren», erklärt er. «Wir sind sicher, dass die Anlage nicht gebaut wurde, um die Bedürfnisse von Tschukotka zu decken, sondern als Arbeitsmodell für ausländische Käufer.» Andere Umweltorganisationen nannten die Anlage auch «Nukleare Titanic» oder «Tschernobyl auf Eis», zwei Namen, die von vielen Medien dankbar aufgegriffen worden waren, besonders in den USA. Pevek selbst und auch die übrigen Ortschaften entlang der Nordmeerküste, hatten ihren Energiebedarf vor allem durch Kohle und Dieselgeneratoren gedeckt. Doch viele der Anlagen stammten von aus Sowjetzeiten und waren hoffnungslos veraltet. Die Stationierung der Lomonossow nährt die Hoffnung, die Energieversorgung und damit die Lebensqualität zu verbessern.

Die kleine Stadt mit ihren knapp 4,200 Einwohnern liegt rund 640 km nordwestlich von der tschuktschischen Hauptstadt Anadyr entfernt. Sie gilt als nördlichste Stadt Russlands. Ursprünglich als Verwaltungsort gedacht, sank die Zahl der Einwohner von beinahe 13,000 auf die 4,200 innerhalb von 20 Jahren. Das Kraftwerk soll die Attraktivität und die Lebensqualität steigern. Bild: EMERCOM

Quelle: Atle Staalesen, The Independent Barents Observer / EMERCOM

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