Die Eisschelfs Antarktikas sind die Geburtsstätte von Tafeleisbergen. Diese eisigen Kolosse können teilweise gigantische Ausmasse annehmen, wenn sie sich vom Schelf loslösen. Der grösste bis dato bekannte Eisberg war der B-15, der im Jahr 2000 vom Ross-Eisschelf abbrach und dessen Teile noch heute im antarktischen Zirkumpolarstrom treiben. Jetzt brach am drittgrössten Eisschelf, dem Amery-Eisschelf, ein weiterer Koloss ab, D-28, der mit seinen 1,636 Quadratkilometer immerhin der sechstgrösste bekannte Eisberg sein wird.

Der Tafeleisberg, der auf den Satellitenaufnahmen des ESA-Sentinel 1A Satelliten deutlich zu sehen ist, löste sich am 26. September vom Amery-Eisschelf nahe an einer von Wissenschaftlern seit Jahren beobachteten Stelle namens «Loser Zahn». Dieser Bereich des Schelfs ist seit rund 20 Jahren von Forschern des Australian Antarctic Programs und des Scripps Instituts unter Beobachtung gehalten worden. «Wir beobachteten einen Riss vorne am Eisschelf zu Beginn des Jahrtausends und sagten voraus, dass sich ein gigantischer Eisberg zwischen 2010 und 2015 von dort ablösen würde», erklärt Helen Amanda Fricker, Professorin am Scripps. «Ich bin sehr aufgeregt, dass nach all den Jahren der Abbruch nun stattgefunden hat. Wir wussten, dass es früher oder später geschehen wird. Doch um uns auf Trab zu halten, ist es nicht dort passiert, wo wir es erwartet haben.»

Die Satellitenaufnahmen zeigen den Verlauf des Abbruchs an. Rund zwei Wochen vor dem Datum war noch nichts zu sehen, danach bildete sich ein Riss und der Eisberg brach am 26. Sept. ab. Darunter sieht man den eigentlichen Bereich, den die Forscher im Auge behalten wollten. Bild: ESA

Das Amery-Eisschelf ist das drittgrösste seiner Art in der Antarktis und liegt im australischen Sektor. Das rund 400 Kilometer lange und ca. 175 Kilometer breite Eisschelf hat prominente Nachbarn wie beispielsweise die australische Station Davis und die chinesische Station Zhongshan. Das Eisschelf selbst ist nicht ein sehr aktives Schelf und Tafeleisberge brechen hier seltener ab, als anderswo. Der letzte grosse Abbruch datiert von 1963/64. «Wir glauben nicht, dass der Abbruch mit dem Klimawandel in Zusammenhang steht, sondern ein Teil des natürlichen Kreislaufes ist. Etwa all 60 – 70 Jahre sind solche Abbrüche hier zu erwarten», meint Professor Fricker. Das Schelfeis wird seit den 60er-Jahren untersucht und der Abbruch des Eisberges wurde anhand von Satelliten entdeckt, sagt der Glaziologe des Australian Antarctic Division, Dr. Ben Galton-Fenzi. «Der Abbruch wird den Meeresspiegel nicht beeinflussen, da das Eisschelf bereits auf dem Wasser treibt, ähnlich wie ein Eiswürfel im Glas. Doch was interessant sein wird, ist zu sehen, wie der Eisverlust den Eisschwund unter dem Eisschelf beeinflussen wird und wie schnell nun das Eis vom Kontinent abfliesst», erklärt er. Dazu haben die Forscher bereits seit längerem Messinstrumente auf dem Eisschelf angebracht.

Tafeleisberge sind aufgrund ihrer Lage als bereits schwimmende Teile des Eisschelfs nicht am Anstieg des Meeresspiegels beteiligt. Doch aufgrund ihrer Grösse und ihrer Zusammensetzung beeinflussen sie das umliegende Wasser durch Nährstoffeintrag und Temperaturänderung. Bild: Michael Wenger

Der Eisberg weist eine Fläche von 1,636 Quadratkilometer auf und wurde D-28 getauft. Die Namensgebung wird durch das US National Ice Center organisiert. Dabei beschreibt der Buchstabe den Quadranten des Abbruchursprungs, während die Zahl die laufende Nummer in diesem Quadranten darstellt. Der Buchstabe D steht für den Quadrant zwischen dem 0°-Meridian und 90° Ost, vom Amery-Eisschelf zum östlichen Weddellmeer. Der grösste bekannte Eisbergabbruch fand im Jahr 2000 im Rossmeer statt und der resultierende Eisberg B-15 hatte eine Fläche von über 11,000 Quadratkilometer. Der grösste je beobachtete Eisberg datiert aus dem Jahr 1956 und soll eine Fläche von über 31,000 Quadratkilometer aufgewiesen haben.

Quelle: Australian Antarctic Division

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