Der Eismann: Alfred de Quervain | Polarjournal

AUSSTELLUNG

Grönland 1912
Landesmuseum Zürich
6. Februar bis 19. April 2020

1912 durchquerte Alfred de Quervain Grönland. Die Daten, die der Schweizer Klimaforscher gesammelt hatte, sind für die Wissenschaft bis heute wichtig. Die Wechselausstellung beleuchtet de Quervains abenteuerliche Tour und verknüpft sie mit der Gegenwart. Bis heute betreibt die Schweiz in Grönland Klimaforschung und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu einem der zentralsten Themen unserer Zeit.

Er war Wissenschaftler und Abenteurer: Alfred de Quervain durchquerte 1912 Grönland und löste damit in der Schweiz ein regelrechtes «Polarfieber» aus. Auch für die Forschung war dieser Kraftakt im ewigen Eis enorm wichtig.

Alfred de Quervain in Grönland, 1912. Bild: ETH-Bibliothek

Seit Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft mit den schwindenden Gletschern. Der Rückzug der Eisriesen schreitet unaufhaltsam voran. Bereits vor gut 100 Jahren standen die Gletscher im Fokus der Klimaforschung. Allerdings unter anderen Voraussetzungen: Im 19. Jahrhundert fürchtete man sich vor einer neuen Eiszeit.

Der Grindelwaldgletscher greift im 19. Jahrhundert bedrohlich weit ins Tal aus.
Bild: Schweizerische Nationalbibliothek

Die «Schweizerische Grönland Expedition» von Alfred de Quervain war deshalb 1912 in aller Munde. Nicht nur die noch junge Klimaforschung interessierte sich für die Daten des Berner Geophysikers, auch die Gesellschaft gierte nach abenteuerlichen Geschichten aus dem Norden. Da sich der Staat nicht an den Kosten der Expedition beteiligen wollte, schloss der Abenteurer einen Vertrag mit der Neue Zürcher Zeitung ab. Sie bezahlte einen Drittel der Aufwände und sicherte sich damit das Recht, exklusiv über die Expedition zu berichten. Die Artikel machten de Quervains Abenteuer noch bekannter und lösten in der Schweiz einen regelrechten «Polarboom» aus.

Titelblatt der Neuen Zürcher Zeitung vom 24. November 1912.

Alfred de Quervain war schon 1909 im ewigen Eis von Grönland unterwegs gewesen. Drei Jahre später kehrte er dorthin zurück, um die Insel zu durchqueren. Das hatte vor ihm erst einer geschafft: Fridtjof Nansen. Und wie es sich für einen Abenteurer gehört, musste die Strecke des Schweizers länger und schwieriger sein als jene des Norwegers, der Grönland 1888 weiter südlich überquert hatte. Und das war sie! Mit Skiern und Hundeschlitten legten Alfred de Quervain und seine Mitstreiter in sechs Wochen rund 650 Kilometer zurück. Das war nicht nur anstrengend, sondern teilweise auch gefährlich. Gegen Ende der Überquerung fanden sie das Depot mit den rettenden Nahrungsvorräten nur knapp.

Seine Expedition hatte der Berner «Eismann» minutiös vorbereitet: Training mit Hundeschlitten im Engadin, Kajakfahren auf dem Lauerzsee. Dazu viele Stunden im Büro. Nicht nur musste mit der dänischen Kolonialverwaltung die Nutzung von Häusern, Schiffen oder Versorgungsstellen verhandelt und geplant werden. Auch die Auswahl der Expeditions-Teilnehmer nahm viel Zeit in Anspruch. Alfred de Quervain wurde mit Bewerbungen aus dem In- und Ausland überschwemmt. Polarheld zu werden, war der Traum vieler Zeitgenossen. Schliesslich entschied er sich für den Architekten Roderich Fick, den Ingenieur Karl Gaule und den Mediziner Hans Hössli, alles erfahrene Alpinisten.

Die Expeditionsmitglieder beim Training mit Hundeschlitten. Vom Inuit David Ohlson lernen sie, die Hundepeitsche richtig einzusetzen. Bild: ETH-Bibliothek

Trotz vieler Stunden Vorbereitung in der Schweiz wäre die Grönland-Überquerung nicht ohne die Hilfe der Inuit möglich gewesen. Die Bevölkerung Grönlands unterstützte Alfred de Quervain und seine Kollegen. Ob das richtige Lenken eines Hundeschlittens oder Tipps zur Bekleidung in der eisigen Kälte, die Inuit standen dem Team mit Rat und Tat zur Seite. Sie verdienten sich so temporär etwas zu ihren kargen Einkünften dazu. Alfred de Quervain war fasziniert von der ursprünglichen Lebensweise der Inuit und lobte deren Geduld, Freundlichkeit und «soziale Tugenden». Dennoch war es keine Begegnung auf Augenhöhe, denn sie fand im Kontext eines kolonialen Machtgefälles statt. Die Expeditionsteilnehmer sammelten auch gezielt Objekte der Inuit, um sie nach ihrer Rückkehr den neu gegründeten Völkerkundemuseen in der Schweiz zu übergeben.

Inuit-Familie an der Ostküste Grönlands vor ihrem Sommerzelt, 1912. Bild: ETH-Bibliothek

Quelle: André Abplanalp, Schweizerisches Nationalmuseum, Landermuseum Zürich

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