Albatrosse entlarven illegale Fischereiaktivitäten | Polarjournal
Wanderalbatrosse verbringen 90 Prozent ihres Lebens auf dem Südlichen Ozean und kommen nur alle zwei Jahre zum Brüten an Land. Foto: Alexandre Corbeau

Kein Geschöpf kennt das Meer so gut wie der Albatros. Mit Flügelspannweiten von bis zu 3 Metern – sie sind die größten aller heute lebenden Vögel – sind diese im Südpolarmeer und im Nordpazifik heimischen fliegenden Riesen für das Leben auf See gebaut. Sie gleiten mit Geschwindigkeiten von oft mehr als 80 Kilometer pro Stunde und können in Minutenschnelle weite Gebiete des Meeres überfliegen, während sie das Wasser nach Fischschwärmen absuchen. Einige Arten sind dafür bekannt, dass sie jahrelang auf dem Meer verbringen, ohne Land zu berühren, und von einige wenige ist sogar dokumentiert wie sie die Welt umrunden.

Mit ihren scharfen Augen und ihrem einzigartigen Wanderverhalten sind Albatrosse in gewisser Weise die „Wächter des Meeres“, sagt Henri Weimerskirch, Ornithologe für Meeresvögel am Französischen Nationalen Zentrum für Wissenschaftliche Forschung.
Weimerskirch arbeitet daran, diesen Titel ein wenig offizieller zu machen, indem er die Seevögel für Patrouillen auf dem Meer nach illegalen Fischfangschiffen rekrutiert. Er und seine Kollegen haben fast 200 Albatrosse mit winzigen GPS-Sendern ausgestattet, die die Radarsignale verdächtiger Schiffe aufspüren. Die Vögel können so illegal operierende Fischer auf frischer Tat ertappen und deren Aufenthaltsorte übermitteln. Die Ergebnisse dieser Methode wurden gestern in einer Studie in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

Diese gefiederten Verbrechensbekämpfer können Fischerboote in entlegene Regionen verfolgen, die sich außerhalb der Reichweite von Überwachungplattformen wie Schiffen, Flugzeugen und sogar bestimmten Satelliten befinden. Die Überwachung mit Hilfe der Albatrosse wäre eine bequeme und kostengünstige Möglichkeit, Verbrechen auf See im Auge zu behalten – und sie könnten sogar dabei helfen, wichtige Daten über den Naturschutz zu sammeln.

„Das ist eine wirklich clevere Methode, um die Strafverfolgung zu erleichtern“, sagt Melinda Conners, eine Naturschutzbiologin, die an der Stony Brook University Albatrosse studiert und nicht an der Studie beteiligt war. „Es gibt kein Boot oder Flugzeug, das mit der Fähigkeit eines Albatros mithalten kann, diese riesigen Meeresregionen abzudecken.”

Forscher befestigen einen Senderempfänger, der Radarsignale von Schiffen aufnimmt, an den Rückenfedern eines erwachsenen Wanderalbatrosses. Foto: Julien Collet

In vielen Teilen der Welt ist die Schleppnetzfischerei für den Fang von Meeresfrüchten zu einem zweifelhaften Geschäft geworden. Auch wenn die Schätzungen variieren, kann etwa ein Fünftel des auf dem Markt befindlichen Fisches aus illegalen, nicht gemeldeten und unregulierten Fängen auf See stammen. Fischer, die ohne Lizenz fischen, die Quoten überschreiten oder ihre Fänge zu niedrig melden, gefährden empfindliche Ökosysteme, und ihre Operationen wurden mit anderen Verbrechen, einschließlich Menschenhandel, in Verbindung gebracht. Alles in allem wird davon ausgegangen, dass die illegale Fischerei die Weltwirtschaft jährlich bis zu 20 oder 30 Milliarden Dollar kostet – Zahlen, die das jährliche Bruttoinlandsprodukt von etwa der Hälfte der Länder der Welt übersteigen.

Doch die Überwachung des Ozeans, der mehr als 70 Prozent unseres Planeten bedeckt, ist keine leichte Aufgabe für die Strafverfolgungsbehörden an Land. Besonders in weit von der Küste entfernten Regionen, wo regulierte Meeresgebiete in internationale Gewässer übergehen, fehlen Ressourcen und Infrastruktur, sagt Amanda Gladics, eine Fischereiexpertin der Oregon State University, die an der Studie nicht beteiligt war.

Hier draußen stützt sich die Überwachung oft auf eine Art Ehrensystem, bei dem die Schiffe ihre Anwesenheit freiwillig über ein automatisches Identifikationssystem (AIS) melden, das leicht abgeschaltet werden kann. „Wenn ein Boot sein AIS abschaltet, weiß niemand, wo sich das Boot befindet“, sagt Weimerskirch.

Aber metaphorisch gesehen schließt das Fliegen unter dem Radar nicht aus, dass ein Schiff Radarsignale aussendet, was es regelmäßig tun muss, um zu navigieren und Kollisionen zu vermeiden. Die Reichweite dieser Signale ist jedoch nicht groß genug, um von den Stationen an Land zuverlässig erfasst zu werden, so dass die Bewegungen der Schiffe weitgehend diskret bleiben. Das Radar des Schiffes kann in einem einige Kilometer großen Umkreis erfasst werden – jedoch nur solange etwas oder jemand nahe genug herankommt.

Ein Wanderalbatros, der mit einem Transmitter ausgestattet wurde, um illegal operierende Fischer zu entdecken. Foto: Alexandre Corbeau

Die gefiederten Helfer des Teams könnten diese Überwachungslücke schließen. Neben ihrer Ausdauer und ihrem Mut haben Albatrosse auch eine gewisse Vorliebe für Schleppnetzfischer, sagt die Studienautorin Samantha Patrick, Meeresbiologin an der Universität von Liverpool. Für die Vögel ist die an diesen Booten befestigte Fischfangausrüstung im Grunde ein Sammelsurium von Snacks – und die Albatrosse können die Schiffe aus fast 20 Meilen Entfernung erkennen.

Um das ‘Überwachungspotential’ der Vögel zu testen, stapfen die Forscher in die sumpfigen Nistgründe der Wanderalbatrosse (Diomedea exulans) und der Amsterdam-Albatrosse (Diomedea amsterdamensis), die auf Crozet Island, den Kerguelen und Amsterdam Island schlafen – abgelegene Inseln im südlichen Indischen Ozean. Nach der Auswahl von 169 Individuen unterschiedlichen Alters klebte das Team den Vögeln Transceiver – kombinierte Sender-Empfänger-Geräte, die jeweils nur knapp 60 Gramm wiegen – auf den Rücken und ließ sie davonfliegen.

Im Laufe von sechs Monaten inspizierte die Albatros-Armee des Teams über 20 Millionen Quadratmeilen des Meeres. Wann immer die Vögel in die Nähe eines Bootes kamen, protokollierten ihre Tracker dessen Koordinaten und sendeten sie dann per Satellit an eine Online-Datenbank, auf die die Beamten zugreifen und mit AIS-Daten abgleichen konnten. Von den 353 entdeckten Fischereischiffen ließen satte 28 Prozent ihr AIS abschalten – ein Befund, der Weimerskirch völlig unvorbereitet erwischte. „Niemand hätte gedacht, dass es so hoch sein würde“, sagt er.

Die Zahl der verdeckt operierenden Schiffe war besonders hoch in internationalen Gewässern, wo etwa 37 Prozent der Schiffe ohne AIS operierten. Näher an der Küste, in Regionen, in denen die einzelnen Länder ausschließliche Wirtschaftsrechte haben, war die Lage variabler: Während alle fischbeladenen Schiffe, die um das australische Territorium von Heard Island herum entdeckt wurden, ihr AIS eingeschaltet ließen, tat dies keines der Schiffe, die vor der Küste der südafrikanischen Prince-Edward-Inseln lauern. Diese Unterschiede spiegeln anscheinend wider, wie regelmäßig die Küstenstaaten ihre Küsten überwachen, sagt Weimerskirch.

Die mit den Loggern (links) aufgezeichneten Daten wurden visualisiert und mit den Informationen einer Datenbank über Schiffe abgeglichen. Dadurch konnten die Forscher Schiffe ohne AIS-Signal herausfiltern und die illegalen Schiffe (gelb) erkennen. Bild: Weimerskirch et al. (2020)

Da die Vögel und ihre Sende- und Empfangsgeräte nur Radargeräte erfassten, wurden keine Identifizierungsinformationen aufgezeichnet. Die Aufgabe, den rechtlichen Status eines Bootes zu überprüfen, obliegt nach wie vor den Beamten, die dann entscheiden müssen, ob sie Maßnahmen ergreifen, erklärt Patrick. Aber bei der Kartierung potenzieller Hotspots illegalen Fischfangs haben die Vögel eine Kettenreaktion ausgelöst, die dazu beitragen könnte, die Täter vor Gericht zu bringen.

Im Vergleich zu teuren, hochtechnologischen Methoden wie Flugzeugpatrouillen oder Satellitenüberwachung scheinen die markierten Vögel eine gute wirtschaftliche Wahl zu sein, sagt Weimerskirch. Er räumt jedoch ein, dass die Technik des Teams möglicherweise mit anderen Kosten für die Albatrosse selbst verbunden sein könnte.

Acht der 22 Albatrosarten sind vom Aussterben bedroht. Die Daten, die die Tiere sammeln könnten auch zu ihrem Schutz beitragen. Foto: Henri Weimerskirch

Von den 22 Albatrosarten, die die Gewässer der Welt durchstreifen, sind acht vom Aussterben bedroht, darunter der Amsterdam-Albatros. Einige der am größten Bedrohungen sind die Fischerboote, denen sie nachjagen – insbesondere Langleinenschiffe, an deren Haken sich die Vögel verfangen und qualvoll ertrinken können. Weimerskirch vermutet, dass zumindest einige der Albatrosse, die das Team eingesetzt hat, solchen Schiffen zum Opfer gefallen sind.

In extremen Fällen könnten illegale Fischer sogar versuchen, die Radar-Albatrosse zu verletzen oder untauglich zu machen, um den Aufenthaltsort ihrer Boote zu verbergen. „Das muss sorgfältig eingefädelt werden“, sagt Gladics. „Sonst riskiert man, dass es zu Feindseligkeiten kommt.“

Doch Weimerskirch, der das Verhalten der Vögel jahrelang dokumentiert hat, weist darauf hin, dass die meisten Albatrosse Schiffe aus hunderten oder tausenden Metern Entfernung überwachen, eine Entfernung, die das Entdecken der Tiere im Grunde unmöglich macht. Es ist auch unwahrscheinlich, dass die Experimente seines Teams weitere Vögel in Gefahr bringen: Ihre Geräte verändern die natürlichen Flugrouten der Vögel nicht und können von den Forschern leicht entfernt werden oder während der Mauser natürlich abfallen.

Darüber hinaus könnten die von den Albatrossen gesammelten Daten in die Politik einfließen, um unerwünschte Begegnungen zwischen Schiffen und Seevögeln zu verhindern. Während der Versuche stellten die Forscher fest, dass sich die Erwachsenen im Vergleich zu den Jungtieren häufiger den Schiffen näherten und länger verweilten. Das Zögern der Jungvögel deutet darauf hin, dass ihre Anziehungskraft auf die Schiffe mit der Zeit erlernt wird, sagt Patrick.

Allein das Wissen, wohin diese Vögel auf ihren langen Wanderungen gehen, ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Durch die regelmäßige Erfassung ihrer Koordinaten „beteiligen sich die Albatrosse an ihrem eigenen Schutz“, sagt Conners.

Um ihre Abdeckung auf Ozeane auszudehnen, wo Albatrosse normalerweise nicht hingehen, plant das Team, andere große Globetrotter-Arten einzubeziehen. Vielleicht werden eines Tages alle Gewässer der Welt überwacht werden – zumindest aus der Vogelperspektive.

Vorerst zeigen diese ersten Ergebnisse, dass „es ein sehr wirkungsvolles Instrument gibt, um illegale Fischerei an einigen der entlegensten Orte der Erde zu erkennen“, sagt Conners. „Das ist an sich schon ein großer Gewinn für den Naturschutz auf hoher See“.

Quelle: Smithsonian Magazin