Polarlichter über Russlands Arktis ohne Touristen aus China | Polarjournal
Ein chinesischer Tourist sitzt Ende Januar vor einem Iglu aus Glas auf dem Aurora Village Campingplatz bei Teriberka an Russlands arktischer Küste. Foto: Lev Fedoseyev/TASS/Getty Images

Die russische Arktis erfreut sich zunehmender Beliebtheit unter chinesischen Touristen, vor allem im Winter – der Polarlichter und ihren angeblich Glück bringenden Eigenschaften wegen. In Russland nimmt die Tourismusbranche die zahlenden Gäste gern auf und zeigt ihnen die Naturwunder. Doch nun hat Russland aufgrund des Corona-Virus ein Einreiseverbot für Chinesen verhängt und den russischen Tourismusanbietern gehen damit Einkünfte verloren.

Als chinesische Touristen im Winter zunehmend in die russische Arktis strömten, begannen die Einheimischen einen alten chinesischen Mythos über das Nordlicht zu verbreiten: Die Empfängnis eines Kindes unter dem Polarlicht wird den Nachkommen Glück bringen. Der Hotelbesitzer Alexander Gulimchuk vermutet jedoch, dass der Mythos von Reiseagenturen erfunden wurde, um das Geschäft anzukurbeln.

Und es scheint funktioniert zu haben, denn daraufhin kamen noch mehr chinesische Touristen. Und die Russen waren mehr als erfreut, ihren Wünschen – Romantik und Abenteuer – nachzukommen, im Austausch gegen einen wirtschaftlichen Aufschwung für einige der ärmsten Regionen Russlands.
Vor allem die kleine Siedlung Teriberka nordöstlich von Murmansk, die bis vor kurzem ein sterbendes Fischerdorf war, wird von chinesischen Touristen überrannt. Laut Zhang Yuan Yuan, einer Touristin aus Peking, mögen es Chinesen gar nicht so gern, wenn sie in ihren Ferien auf so viele andere Chinesen treffen. „Wir sind in einem Hotel mit vier chinesischen Nachbarn und sie sind sehr laut“, sagte sie.

Touristen aus China ziehen ihre Koffer durch das tief verschneite Teriberka. Foto: Andrey Borodulin/The World

Ob der Ansturm auf die Region wirklich auf den gestreuten Mythos zurückzuführen ist, bezweifelt Gulimchuk: “Nur etwa fünf bis zehn Prozent der asiatischen Besucher haben überhaupt von dem Mythos gehört.” Die meisten Gäste seien ohnehin keine jungen Paare sondern Familien und ältere Leute.

Wie auch immer, es wird nach dem Ausbruch des Corona-Virus sicher weniger Aurora Borealis-Babys und einen Einbruch des Tourismus im hohen Norden Russlands geben.
Das vorübergehende Einreiseverbot für fast alle Chinesen – Touristen, Arbeiter, Studenten und Privatreisende – begann am 20. Februar 2020. Die Maßnahme wurde jedoch von einigen Kritikern als zu extrem in Frage gestellt, vor allem, wenn man bedenkt, dass nur zwei Fälle der Krankheit in Russland bekannt geworden sind. Beide Patienten haben sich inzwischen erholt.

Chinesische Besucher machen nach Angaben des Reiseverbandes World Without Borders fast 30 Prozent des gesamten russischen Tourismus aus.
Die Reiseveranstalter erwarten für Januar und Februar Verluste in Höhe von etwa 43,7 Millionen Dollar und befürchten, dass diese auf mehr als 468 Millionen Dollar steigen könnten, wenn das Verbot erst im Sommer aufgehoben wird, sagte der Verband der Reiseveranstalter Russlands der Nachrichtenagentur Interfax. Der Direktor der Gruppe erklärte, dass man beabsichtigt, von der Regierung eine Entschädigung zu fordern.
Russland hat vor drei Wochen seine gesamte 2.600 Meilen lange Grenze zu China geschlossen.

Das kleine Dorf Teriberka, der Teriberka-Fluss und die Küste der Barentssee aus der Luft. Fotos: Andrey Borodulin/The World

„Das einzige, was sich feststellen lässt, ist, dass alle notwendigen Maßnahmen ergriffen werden, um zu verhindern, dass das Corona-Virus in unser Land gelangt und sich dort ausbreitet“, sagte der russische Präsidentschaftssprecher Dmitri Peskow am Mittwoch. Wahrscheinlich ist auch die Politik im Spiel.

„Die Regierung reagiert auf die Forderung des Volkes, mit der Bedrohung umzugehen, und will zeigen, dass sie der Entwicklung voraus ist“, sagte Alexander Gabuev, Vorsitzender des russischen Asien-Pazifik-Programms am Carnegie Moscow Center, ein Think-Tank und Forschungszentrum, das sich auf Innen- und Außenpolitik, internationale Beziehungen, internationale Sicherheit und die Wirtschaft konzentriert. „Es ist auch eine Möglichkeit, die wachsende Sinophobie in einigen Teilen der russischen Bevölkerung einzudämmen.

Die Beziehungen zwischen China und Russland haben sich in den letzten Jahren erwärmt – der chinesische Präsident Xi Jinping bezeichnete im vergangenen Jahr den russischen Führer Wladimir Putin als seinen „besten Freund“ – und Putin hat öffentlich Chinas „entschlossene und energische“ Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus gelobt.
Gabuev sagt, er erwarte wegen des Verbots keine langfristigen Spannungen zwischen Moskau und Peking.
„Der Kreml versteht den symbolischen Wert und die Sensibilität dieses Themas für Peking und Xi persönlich“, sagte Gabuev. „Gleichzeitig versteht die chinesische Führung die pragmatische Notwendigkeit Russlands, seine Bevölkerung zu schützen“.
Obwohl Moskau und St. Petersburg nach wie vor die Top-Destinationen in Russland für chinesische Touristen sind, hat der arktische Hafen Murmansk an Popularität gewonnen.

Auf dem ersten Atomeisbrecher der Welt, der Lenin, werden Informationen und die Speisekarte in chinesischer Sprache bereitgestellt. Foto: Lev Fedoseyev/TASS/Getty Images

Es ist eine preiswertere Alternative die Nordlichtern zu beobachten im Vergleich zu den skandinavischen Ländern und bei einer Rundfahrt mit dem ersten nuklearbetriebenen Eisbrecher der Welt sind Informationen und Menüs in chinesischer Sprache erhältlich.
Jeder fünfte Besucher der Region ist Chinese. Im Jahr 2016 sah Murmansk nur 4.000 chinesische Touristen, aber allein im vergangenen Jahr waren es etwa 20.000, so Anna Sibirkina, die das Programm “China Friendly” von World Without Borders leitet. Sie schrieb dem chinesischen Nordlicht-Mythos den Anstieg der Besucherzahlen zu.
„Man sieht viele junge Menschen und junge Paare, die nur deshalb nach Murmansk kommen“, sagte Sibirkina.

Oleg Terebenin, der Direktor des Reiseveranstalters VisitMurmansk, sagt, er persönlich propagiere nicht den Mythos, sondern „jeden Glauben, der Umsatz bringt, warum nicht?”
Vor dem Ausbruch des Corona-Virus sei Murmansk nicht für alle neuen Besucher gerüstet gewesen, sagte Sibirkina, aber jetzt schadet die plötzliche Dürre den Unternehmen. Terebenin schätzt, dass 20 Prozent seiner Geschäfte von chinesischen Touristen kommen. Das Corona-Virus „hat einen großen Einfluss auf uns“, sagte er. „Es ist sehr traurig. … Aber das wird nicht mehr lange dauern. Unsere chinesischen Kollegen haben uns heute einen sehr freudigen Brief geschickt, in dem sie hoffen, dass die Chinesen bald wieder in die ganze Welt reisen werden“.

Quelle:  Washington Post, Public Radio International

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