Plastikmüll in der Antarktis gefährdet Seevögel | Polarjournal
Bei den Schwarzbrauenalbatrossen (Thalassarche melanophris) fanden die Forscher im Vergleich zu den anderen drei untersuchten Seevogelarten Wanderalbatros (Diomedea exulans), Graukopfalbatros (Thalassarche chrysostoma) und Riesensturmvogel (Macronectes spp.) die geringste Menge an Plastik. Die Schwarzbrauenalbatrosse gehen in den weniger verschmutzten antarktischen Gewässern auf Nahrungssuche und kreuzen selten die weiter nördlich verlaufenden Routen der südamerikanischen Fischereiflotten. Foto: Julia Hager

Lebensmittelverpackungen, Fischereigeräte und Plastikabfälle gelangen weiterhin in die Antarktis. Zwei neue Studien darüber, wie Plastikmüll die subantarktischen Inseln erreicht, wurden in der Fachzeitschrift Environment International veröffentlicht. Die neuen Erkenntnisse stammen aus Analysen einiger der weltweit am längsten kontinuierlich gesammelten Datensätze über Kunststoffe, die von Seevögeln aufgenommen und an Stränden angespült wurden, sowie Hinweise darauf, woher diese Kunststoffe stammen. Sie zeigen auch die anhaltende Ausbreitung von Plastik in den Polarregionen, seine Auswirkungen auf die Umwelt und die Tiere, die diese abgelegenen Gebiete bewohnen.

Wissenschaftler des British Antarctic Survey (BAS) haben den an die Strände von Bird Island (Südgeorgien) und Signy Island (Süd-Orkney Inseln) angespülten Meeresmüll über drei Jahrzehnte hinweg systematisch gesammelt. Ihre Ergebnisse zeigen eine Zunahme der gesammelten Menge – über 10.000 Gegenstände wurden geborgen, die meisten davon aus Plastik.

Hauptautorin Dr. Claire Waluda, Meeresökologin beim BAS, sagt:

„Während wir eine Zunahme der Menge an gestrandetem Plastikmüll feststellen konnten, haben jüngste Untersuchungen eine zunehmende Anzahl kleinerer Stücke ergeben. Dies könnte auf den Zerfall größerer Plastikteile zurückzuführen sein, die sich seit langer Zeit im Südpolarmeer befinden.
Es sind nicht nur schlechte Nachrichten. Da die Menge an Plastik, die an den Stränden geborgen wurde, in den 1990er Jahren ihren Höchststand erreicht hat, legt unsere Studie nahe, dass die Maßnahmen zur Begrenzung der Menge an Müllteilen, die in den Südlichen Ozean gelangen, zumindest teilweise erfolgreich waren. Aber es muss noch mehr getan werden. Indem wir unsere Daten in ozeanographische Modelle einfließen lassen, werden wir mehr über die Quellen und Senken von Plastikabfällen und deren Transport in und um den Südlichen Ozean erfahren.”

Plastikmüll, der im Rahmen der Studie von Waluda et al. 2020 im Zeitraum von Oktober 2018 bis März 2019  in der Main Bay von Bird Island gesammelt wurde. Foto: Waluda et al. 2020

In einer zweiten, vom BAS geleiteten Studie wurden Seevögel als Bio-Indikatoren der Plastikverschmutzung eingesetzt wegen ihrer natürlichen Neigung, unverdauliche Gegenstände – wie Plastik – zu verzehren, die sie mit natürlicher Beute verwechseln. Über einen Zeitraum von 26 Jahren untersuchten Forscher die Unterschiede in der Aufnahme von Plastik durch drei Albatrossarten, darunter der Wanderalbatros, und die Riesensturmvögel auf Bird Island.

Die Forscher kategorisierten die Müllteile – einschließlich Art, Größe, Farbe und Herkunft – und  stellten erhebliche Unterschiede in den Merkmalen der mit den Seevögeln Südgeorgiens assoziierten Müllteile fest.

Beispielsweise handelte es sich bei den von Wanderalbatrossen und Riesensturmvögeln aufgenommenen Gegenständen in erster Linie um Lebensmittelverpackungen, die in Südamerika verpackt worden waren. Diese Vogelarten folgen häufig Schiffen in deren Fahrwasser sie nach Nahrung suchen, so dass es sich bei dem Müll höchstwahrscheinlich um Abfälle handelt, die weggeworfen wurden oder über Bord gegangen sind.

In der Antarktis brüten auch Riesensturmvögel, die sich hauptsächlich von Aas, Fischen, Tintenfischen und Krustentieren ernähren. Sie legen ein einziges Ei, brüten in der Regel in Kolonien und beide Elternteile teilen sich die Aufgaben der Brut- und Kükenaufzucht. Wie Albatrosse haben Sturmvögel eine niedrige Fortpflanzungsrate und damit ein geringes Potenzial zur Populationserholung, was sie anfällig für Umweltveränderungen macht. Foto: Julia Hager

Hauptautor und Seevogelökologe beim BAS, Professor Richard Phillips, sagt:

„Unsere Studie fügt einer wachsenden Zahl von Beweisen hinzu, dass Fischerei- und andere Schiffe einen großen Beitrag zur Verschmutzung durch Plastik leisten. Es ist klar, dass Plastik im Meer eine Bedrohung für Seevögel und andere Tiere darstellt und dass mehr getan werden muss, um die Praktiken der Müllentsorgung und die Überwachung der Einhaltung der Vorschriften sowohl an Land als auch auf Schiffen im Südatlantik zu verbessern.
Es gibt einige gute Nachrichten: Wir haben festgestellt, dass Schwarzbrauenalbatrosse typischerweise relativ geringe Mengen an Müll aufgenommen haben, was darauf hindeutet, dass die Verschmutzung durch Plastik in den antarktischen Gewässern, in denen sie auf Nahrungssuche gehen, relativ gering bleibt.”

Die Langzeitüberwachung auf den Inseln wird fortgesetzt, während der Rest der Welt sich im Lockdown befindet.

Weitere Informationen:

Vier Arten von Albatrossen brüten in Südgeorgien – Wanderalbatrosse, Graukopfalbatrosse, Schwarzbrauenalbatrosse und Schwarzmantelalbatrosse. Albatrosse fliegen bei der Nahrungssuche, selbst während der Brutzeit, über riesige Entfernungen, wobei die Nahrungsgebiete der meisten Arten Tausende von Quadratkilometern des Ozeans umfassen. Der Wanderalbatros ist der größte Seevogel der Welt mit einer Flügelspannweite von über drei Metern. Er kann mehr als 60 Jahre alt werden und von den Subtropen bis in die antarktischen Gewässer innerhalb von 10-20 Tagen bis zu 10.000 km zurücklegen. Fischfangflotten töten jedes Jahr mehr als 100.000 Albatrosse.

Bird Island liegt vor der Nordwestspitze Südgeorgiens und ist eines der artenreichsten Wildtiergebiete der Welt. Sie liegt etwa 1000 km südöstlich der Falklandinseln und ist nur per Schiff erreichbar. Die Temperaturen variieren dort von -10 bis 10⁰C. Die Bird Island Research Station ist ein wichtiges Zentrum für die Erforschung der Seevogel- und Robbenbiologie. Die Station ist das ganze Jahr über in Betrieb.

Signy Island ist eine der abgelegenen Süd-Orkney-Inseln, mehr als 1300 km von den Falklandinseln entfernt. Etwa die Hälfte der Insel ist von einer permanenten Eiskappe bedeckt; die niedrigste aufgezeichnete Temperatur beträgt -39,3⁰C. Die Forschungsstation von Signy ist nur während des antarktischen Sommers besetzt. Die Forschung konzentriert sich hier auf Vogelpopulationen und terrestrische Ökologie.

(a) Karte der Scotia Sea im Südatlantik mit den verschiedenen Fronten des antarktischen Zirkumpolarstroms: SAF – Subantarktische Front, PF – Polarfront, SSACF – Südliche antarktische Zirkumpolarstrom Front, SB – Südliche Grenze des antarktischen Zirkumpolarstroms. (b) und (c) Südgeorgien mit Bird Island und dem untersuchten Strand. (d) und (e) Süd-Orkney Inseln mit Signy Island und den untersuchten Stränden. Karte: Waluda et al. 2020

Quellen: British Antarctic Survey, Waluda et al. 2020, Phillips & Waluda 2020

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