„Vögel verbinden unsere Welt“ | Polarjournal
Antarktikskuas legen bis zu 10.000 Kilometer zwischen ihren Nahrungs- und Brutgebieten zurück und zählen somit zu den am weitesten migrierenden Vögeln. Foto: Richard Youd

Anlässlich des World Migratory Bird Day am 9. Mai, der unter dem Motto “Vögel verbinden unsere Welt” gefeiert wurde, rückt die Australian Antarctic Division (AAD) die Antarktikskuas (Stercorarius maccormicki) in ein besseres Licht: Zwar fressen die Antarktikskuas gerne Pinguinküken, doch werden sie oft ungerechterweise als grobschlächtige babyfressende Tyrannen angesehen. Dabei sind diese zähen Vögel talentierte Überlebenskünstler, die sich dorthin wagen, wo andere sich nicht hin trauen. Zudem gehören sie zu den Zugvögeln mit den längsten Migrationsrouten, die jemals aufgezeichnet wurden. Neue Forschungsarbeiten der Australian Antarctic Division sollen nun mehr über die Winterziele dieser Fernreisenden und ihre wichtige ökologische Rolle aufdecken.

Von den weltweit 11.000 Vogelarten sind 1.800 Arten Zugvögel, die wir überall antreffen können: in Städten und auf dem Land, in Parks und in unseren Hinterhöfen, in Wäldern und in den Bergen, in Wüsten und in Feuchtgebieten und überall an den Küsten, wie Amy Fraenkel, Generalsekretärin der Convention on Migratory Species erklärt. “Sie stellen eine Verbindung zu all diesen Lebensräumen her, und sie verbinden uns und die Orte, an denen wir leben, mit Menschen und Orten rund um den Globus.” Sie mahnt, dass Zugvögel dennoch wegen vielfältiger Ursachen bedroht sind (Lebensraumverlust, Klimawandel, Vergiftungen u.a.) und die Maßnahmen weltweit verstärkt werden müssen, um Zugvögel und ihre Lebensräume besser zu schützen.

Eine besondere Art unter den Zugvögeln ist die Antarktikskua, die von den auf Seevögel spezialisierten Biologen Kimberley Kliska und Marcus Salton nun weiter erforscht wird. Die beiden Wissenschaftler haben einen Teil des Sommers 2019/20 in der Nähe der australischen Forschungsstation Mawson verbracht und statteten 18 Vögel mit GPS-Sendern aus.

Die GPS-Sender am Fuß der Skuas sind winzig und behindern die Vögel bei ihren langen Wanderungen nicht. Foto: Kimberley Kliska

Mit einer Flugstrecke von mehr als 10.000 Kilometern zwischen den Nahrungs- und Brutgebieten gehören die möwenähnlichen Antarktikskuas zu den am weitesten migrierenden Vögeln. „Man hat ihre Wanderung zwischen den Polarregionen verfolgt, von der Antarktis bis nach Grönland und Nordalaska“, erklärt Salton.

Die Rekordhalter unter den Zugvögeln sind jedoch die Küstenseeschwalben, die von ihren arktischen Brut- zu den antarktischen Überwinterungsgebieten und retour bis zu 30.000 Kilometer zurücklegen. Ein Tier, das mit einem Sensor ausgestattet war, legte innerhalb von zehn Monaten sogar einen Weg von 96.000 Kilometern zurück.

„Vögel tragen eine Botschaft der Hoffnung. Erinnern wir uns an die Vögel und die Natur als Ganzes, wenn wir voranschreiten, um eine gesündere, umweltverträglichere und lebenswertere Welt für uns alle zu schaffen. Vögel verbinden uns.“

Jacques Trouvilliez, Generalsekretär des African-Eurasian Migratory Waterbird Agreement (AEWA)

Globetrottende Vielflieger

Während des antarktischen Winters fliegen die Antarktikskuas auf die Nordhalbkugel und zurück, wobei sie die vorherrschenden ozeanischen Winde zu ihrem Vorteil nutzen.

In der Vergangenheit wurden die Vögel im Rahmen von Forschungsarbeiten auf der Antarktischen Halbinsel und in den Stationen anderer Länder rund um die Antarktis beobachtet. In den 1950er Jahren wurden an der US-amerikanischen Wilkes-Station Beringungsstudien durchgeführt. Ausgewachsene Skuas von der Ostküste des australischen Antarktisterritoriums wurden jedoch bisher noch nicht nachverfolgt. 

„Wir glauben, dass erwachsene Skuas aus der Ostantarktis jeden Winter auf die Nordhalbkugel wandern, aber mit Sicherheit wissen wir es nicht“, sagt Salton. “Wir werden es zum ersten Mal herausfinden.”

Die winzigen GPS-Geräte, die mit Bändern an den Beinen der Skuas befestigt sind, zeichnen die Zeiten des Sonnenauf- und Sonnenuntergangs auf und ermöglichen die Berechnung von Breiten- und Längengrad. Zusätzlich zeichnen sie auch die Zeit des Eintauchens in Salzwasser auf und ermöglichen so die Schätzung der Dauer, die im Flug oder auf dem Wasser sitzend verbracht wurde.
Laut Salton sollen noch in diesem Jahr die Lücken auf der Karte gefüllt werden, um das Bild der Skua-Migration zu vervollständigen.

Standorte von mit GPS-Sendern ausgestatteten Antarktikskuas (schwarze Punkte), die die Routen über drei Ozeane verdeutlichen. Durchgezogene und gestrichelte Linien zeigen den Hin- und Rückflug zu den Brutgebieten Grafik: Weimerskirch et al. 2015

Öko-Influenzer

Antarktikskuas sind in den Küstenregionen der Antarktis, insbesondere in der Nähe von Pinguinkolonien, häufig anzutreffen. Sie sind groß und langlebig und ökologisch wichtig als Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette, die selektiv auf die Entwicklung anderer Seevögel einwirken.
„Sie beeinflussen die Populationen von Seevögeln, indem sie Eier, Küken und erwachsene Tiere fressen“, so Kliska. „Auch das Verhalten der Seevögel beeinflussen sie, indem sie während der Brutzeit eine allgegenwärtige Bedrohung darstellen“, erklärt Kliska. „Die Eltern und ihre Jungen lernen, sich der Entdeckung und dem Erbeuten zu entziehen, so dass nur die wachen und starken Vögel in der Zukunft überleben.”

Antarktikskuas halten sich häufig in der Nähe von Pinguinkolonien auf, um nach Eiern, Küken und erwachsenen Tieren als Beute Ausschau zu halten. Foto: Marcus Salton

Als Raubtiere sind Raubmöwen gut gerüstet, mit beeindruckenden Schwimmkrallen, bei denen die dritte Klaue nach hinten zeigt, um einen sicheren Halt zu gewährleisten, und sie können mit Geschwindigkeiten von bis zu 72 Kilometer pro Stunde fliegen.
Abhängig von der Jahreszeit sind Antarktikskuas sowohl einfallsreiche Aasfresser als auch Raubtiere, die Pinguinkolonien, Sturmvögel, Fische, Weich- und Schalentiere ins Visier nehmen. Kliska betont ihre wichtige Rolle im Ökosystem als ‘Reiniger’, “da sie eine Reihe von Aas von der Robbenplazenta bis hin zu toten Seevögeln fressen und so zur Bekämpfung von Krankheiten beitragen. Man hat sogar gesehen, wie sie eine ganze Seehundflosse wieder erbrechen!”
Abgesehen von persönlichen Beobachtungen ist jedoch wenig über ihr lokales Jagdverhalten im australischen Antarktisterritorium bekannt.

Talent zum Überleben

Der lebensfeindlichste Ort der Erde ist wohl der Südpol, doch selbst dort wurden einzelne Antarktikskuas nachgewiesen – keine andere Vogelart wurde jemals am südlichsten Punkt beobachtet.

Antarktikskuas haben eine Lebenserwartung von 30 bis 40 Jahren und bilden eine starke, oft lebenslange Partnerbindung, die ihnen während der kurzen Brutzeiten aufwändige Balzrituale erspart.

Die stark territorialen Vögel verteidigen ihr Territorium von bis zu zwei Hektar Größe, indem sie laut rufend ihre Brust- und Flügelgröße zur Schau stellen und sich sogar gegenseitig bombardieren. Foto: Kimberley Kiska

Dr. Louise Emmerson, Leiterin des Seevogel-Ökologenteams bei der AAD, sagt, dass ihre Forschung auch mithilfe genetischer Methoden versucht zu verstehen, wie verwandt Skuapopulationen untereinander sind und ob ihre Populationsveränderungen die langfristigen Veränderungen anderer Seevögel und des Klimas widerspiegeln. „Das Studium der Antarktikskuas ermöglicht es uns, ein besseres Gefühl für die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Arten zu entwickeln“, sagt Dr. Emmerson. „Dies ist wichtig in der kurzen Nahrungskette des Südlichen Ozeans, die in erster Linie durch die Verfügbarkeit von Krill bestimmt wird.”

Die Forschung ist Teil des langfristigen Seevogel-Überwachungsprogramms der AAD, das seit dreißig Jahren die Kommission für die Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (CCAMLR) und deren Regulierung der Krillfischerei informiert.

„Da das winterliche Nahrungsangebot der Südpolar-Skuas so groß ist, versuchen wir auch, den Grad ihrer Kontamination mit Quecksilber und persistenten organischen Schadstoffen zu verstehen, da sie auf ihren Wanderungen weiter nach Norden eine größere Menge an Schadstoffen aufnehmen können“, so Dr. Emmerson.

Quellen: Australian Antarctic Division, worldmigratorybirdday.org

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