Flechten-Hotspot Alaska | Polarjournal
Flechten sind keine Pflanzen, sondern werden als eigene Lebensform in Symbiose mit Algen den Pilzen zugerechnet. Hier bilden sie eine winzige Gemeinschaft mit Moos am Waldboden in Alaska. Foto: Betsey Crawford/The Soul of the Earth

Die von Regenwäldern gesäumten Fjorde im Südosten Alaskas beherbergen eine der höchsten Konzentrationen an Flechtenvielfalt, die man auf der Erde findet, wie eine neue Studie unter der Leitung von Wissenschaftlern der University of Alberta hervorbrachte. Nicht weniger als 1300 verschiedene Flechtenarten fanden die Forscher in den Nationalparks Südostalaskas.

Flechten – eine Symbiose von Pilzen und Algen – sind, abgesehen von einigen leuchtend-farbigen oder «langhaarigen» Arten, eher unscheinbarer Natur. Und doch spielen sie eine Schlüsselrolle in den Ökosystemen der höheren Breiten. Vor allem in den Regenwäldern entlang der nordamerikanischen Westküste hängen Bartflechten in langen Zöpfen von den Bäumen, andere verzieren deren Stämme oder Felsen wie Flickenteppiche.
Als Erstbesiedler haben Flechten mehrere wichtige Funktionen: Sie brechen mittels Enzymen und Säuren Felsen auf, fangen Schlamm, Staub, Wasser und Pflanzensamen ein, die dann in diesen winzigen, fruchtbaren Flecken Erde keimen. In der Folge sammelt sich immer mehr Boden an, auf dem sich weitere Pflanzen ansiedeln können. Cyanobakterien als Symbionten bestimmter Flechten helfen stickstoffarmen Nadelwäldern mit der Nachlieferung von Stickstoff aus der Luft. Darüberhinaus sind Flechten eine Nahrungsquelle, beispielsweise für Flughörnchen, Rehe und Rentiere. Als Zersetzer im Nahrungsnetz tragen sie schließlich dazu bei, Nährstoffe wiederzuverwerten und erfüllen damit eine lebenswichtige Funktion im Ökosystem der Wälder. 

Toby Spribille untersuchte mit einem internationalen Team von Wissenschaftlern die Flechten in den Nationalparks Alaskas. Foto: John Ulan

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Toby Spribille, Assistenzprofessor in an der Fakultät für Naturwissenschaften der University of Alberta, hat die Flechten im Glacier Bay National Park in Alaska genauer unter die Lupe genommen, sie bestimmt und ihre Lebensräume beschrieben. Den Charakter der Region schildern die Wissenschaftler folgendermaßen: “Zoomt man von der Landschaftsansicht in die Baumkronen der Küstenregenwälder und in den Teppich auf den Felsen und Geröllfeldern, so findet man wie in einer Matroschka ineinander verschachtelte Ökosysteme – eines in dem anderen.”

Die Forscher fanden mehr als 900 Flechtenarten, darunter 27 neue, noch nie zuvor gesehene Arten. „Dieser Grad an neuer Artenvielfalt wird normalerweise mit ‚vergessenen Tälern‘ in den Tropen in Verbindung gebracht“, sagt Spribille. „Dies im Südosten Alaskas zu finden, spricht wirklich dafür, wie wenig wir noch über die Küstenregenwälder wissen. Es gibt so viele neue Arten für die Wissenschaft, dass man, wenn man weiß, wonach man suchen muss, im Durchschnitt pro Tag Feldarbeit eine neue Art für die Wissenschaft finden kann.”

Detailaufnahmen von Xenonectriella nephromatis. A+B: Aufsicht, Skala = 1mm bzw. 250µm; C: Querschnitt, Skala = 100µm; D+E: Querschnitte durch unterschiedliche Abschnitte, Skala = 25µm bzw. 10µm; F – H: Sporen, Skala = 10µm (F) bzw. 2,5µm (G+H). Abbildung: Spribille et al. 2020

Die Autoren verglichen die kumulative Anzahl von Flechten in vier verschiedenen Nationalparks in Südalaska und stellten fest, dass die Parks zusammen mehr als 1300 Arten enthalten. Diese Arbeit unterstreicht die Bedeutung des Verständnisses der lokalen Biodiversität für den Naturschutz. Jeder Nationalpark beheimatet viele Arten, die in den anderen Parks nicht vorkommen. 

Allein innerhalb des Glacier Bay National Parks war jeder Fjord anders. „Von 950 Arten fanden wir nur 14 Arten, die in allen Sektoren von Glacier Bay vorkommen“, fügte Spribille hinzu. „Da fragt man sich, was es in all den Gebieten, die wir nicht erreichen konnten, noch zu entdecken gibt.

Das Forscherteam drückt die Hoffnung aus, dass die Erkenntnisse aus dem Glacier Bay National Park bei der Entscheidungsfindung in anderen Teilen des Küstenregenwald-Ökosystems helfen werden. „Dieses Ökosystem ist eindeutig sehr alt und für einige Artengruppen sehr vielfältig. Jede Insel und jedes Tal ist anders”, so Spribille.

Die Studie wurde von der National Park Service Cooperative Ecosystem Studies Unit in den USA in Zusammenarbeit mit der University of Montana, der Michigan State University und der Universität Graz in Österreich finanziert.

Quellen: Spribille et al. 2020, University of Alberta

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