Tiefseebewohner verwirren Seeelefanten mit Lichtblitzen | Polarjournal
Südliche Seeelefanten verbringen etwa ein Drittel des Jahres an den Stränden subantarktischer Inseln, um ihre Jungen zu gebären und den Fellwechsel abzuwarten. Im Anschluss an die entbehrungsreiche Zeit gehen sie in den Tiefen des Südpolarmeers auf die Jagd nach Laternenfischen und Tintenfischen. Foto: Julia Hager

Tiefseejäger wie die Südlichen Seeelefanten (Mirounga leonina) haben es nicht leicht in den dunklen Tiefen ihre Beute aufzuspüren. Weniger als ein Prozent des Lichts dringt bis in ihre Jagdgründe vor. Da scheint das Glühen und Blitzen der biolumineszierenden Tiefseebewohner eine willkommene Hilfe zu sein. Ob dem wirklich so ist, haben Forscher der University of St. Andrews, Großbritannien versucht herauszufinden.

Südliche Seeelefanten sind in den kalten Gewässern der Südhalbkugel beheimatet. Etwa acht Monate des Jahres verbringen sie auf dem offenen Meer, wo sie zwischen 200 und 1000 Meter Tiefe, im Mesopelagial, auf die Jagd nach Laternenfischen und Tintenfischen gehen. Nur die Brutsaison und die Zeit während des Fellwechsels verbringen sie in Kolonien auf subantarktischen Inseln.

Die Wissenschaftler Pauline Goulet und Mark Johnson von der University of St. Andrews vermuteten, dass das geheimnisvolle Leuchten, das von vielen Kreaturen in der Tiefsee erzeugt wird, den Seeelefanten hilft, ihre Beute aufzuspüren. „Biolumineszierende Organismen sind die Hauptlichtquelle (80%) in Gewässern, die tiefer als 500 Meter sind“, sagt Goulet. Diese Tiere erzeugen zwei Formen von Licht: ein kontinuierliches, schwaches Glühen zur Tarnung von unten gegen die Wasseroberfläche und blendende Blitze, möglicherweise um Raubtiere abzulenken.
Goulet und Johnson fragten sich, ob die jagenden Robben aus dem Blitzlichtgewitter der biolumineszenten Tiere einen Nutzen ziehen könnten. Oder nutzt ihre Beute die Lichtblitze, um die Angreifer zu blenden und sich Zeit für die Flucht zu verschaffen?

Südliche Seeelefanten finden ihre Beute vor allem im Mesopelagial zwischen 200 und 1000 Meter Tiefe. Bis zu dessen oberer Grenze dringt nur noch ein Prozent des Lichts vor, das bis zur Grenze zum Bathypelagial vollständig absorbiert ist. Grafik: divemagazine.co.uk

Goulet, Christophe Guinet vom Centre d’Etudes Biologiques de Chizé, Frankreich, und Johnson waren neugierig, wie sich diese Katz und Maus-Spiele in der Tiefe abspielen und beschlossen daher, Jagdszenen der Seeelefanten detailliert zu dokumentieren, um die Frage zu beantworten.

Zuerst stellten Goulet und Johnson einen Datenlogger zusammen, der einen sensitiven, schnell reagierenden Lichtsensor und einen hochauflösenden Positions- und Bewegungssensor vereint, um zeitgleich die Biolumineszenz der Beute und die Angriffsbewegung der Robben mit einer Auflösung von 20 Millisekunden aufzeichnen zu können. „Da die Biolumineszenz-Blitze so kurz sind, in der Regel weniger als eine Sekunde, benötigten die Tags einen sehr schnellen Lichtsensor“, erklärt Goulet.
Die Forscher statteten sieben Seeelefantenmütter, die ihre Jungen bereits entwöhnt hatten, mit den Datenloggern sowie GPS-Sendern aus — fünf Tiere auf den Kerguelen und zwei Tiere auf der argentinischen Halbinsel Valdés. „Es gibt immer eine Person, die auf die anderen Robben aufpasst, wenn man sie ausrüstet, weil man völlig auf das konzentriert ist, was man tut und sich nicht bewusst ist, dass ein aggressives Tier kommt, um einen zu beißen“, erinnert sich Guinet.

A: Ein weiblicher Südlicher Seeelefant ausgerüstet mit dem speziell entwickelten Datenlogger. B: Regionen, in denen die Tiere mit Datenloggern ausgestattet wurden. C-D: Die mit einem GPS-Sender aufgezeichneten Routen von vier Tieren. Grafik: Goulet et al. 2020

Als die Robben zwei Monate später wieder zurückkamen, konnte das Team bei der Bergung von vier Datenloggern feststellen, dass die meisten Tiere auf eine 3000 km lange Odyssee in fischreiche Meeresregionen aufgebrochen waren. Eine unerschrockene argentinische Robbe umrundete jedoch Kap Hoorn und legte schließlich 2300 km zurück, bevor sie Fische vor der chilenischen Küste entdeckte.
Nach der monatelangen Auswertung und dem genauem Studium der Manöver der Robben sowie der sorgfältigen Analyse der mehr als 2000 biolumineszierenden Lichtblitze, die die Robben in Tiefen zwischen 79 und 719 Meter aufnahmen, erkannten Goulet und Johnson, dass die blinkenden Beutetiere versuchten, ihre Angreifer abzuschrecken.
„Die Beutetiere senden immer in der Sekunde, in der die Robbe einen Angriff startet, einen Blitz aus, was darauf hindeutet, dass der Blitz eine Abwehrreaktion ist, sobald die Beutetiere erkennen, dass sie angegriffen werden“, sagt Goulet. Darüberhinaus schnappten die Robben schnell solche Fische, die nicht aufleuchten konnten, während es ihnen schwerer fiel, die Mahlzeit zu fangen, wenn ihre Beute sie unerwartet blendete. Eine Robbe schien jedoch den Spieß umgedreht zu haben, indem sie ihre Opfer mit einem subtilen Zucken des Kopfes, das einen verräterischen Blitz auslöste, dazu brachte, sich selbst zu verraten.

Es scheint, dass biolumineszierende Fische sich wehren, indem sie versuchen, ihre Angreifer zu erschrecken, aber ihre Angreifer können auch lernen, den biolumineszierenden Verrat ihrer Beute auszunutzen. Goulet und Johnson hoffen auch, anhand der charakteristischen Lichtblitze der Tiere zu erkennen, welche Arten auf dem Speiseplan der Robben stehen, wenn sie das nächste Mal ins Südpolarmeer zurückkehren.

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Journal of Experimental Biology veröffentlicht.

Quelle: SciTechDaily, Goulet et al. 2020

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