Neuseelands Antarktisstation erhält neues Gesicht | Polarjournal
Kia Ora“ in der neuen Scott Base, Neuseelands Antarktisstation. Die Station soll Mitarbeitern und Forschern ein bequemes und sicheres Zuhause in der Antarktis bieten und gleichzeitig Sorge zur antarktischen Umwelt bieten. Bild: Jasmax Hugh Broughton Architects

Seit 1957 Sir Edmund Hillary seine Hütte auf Ross Island aufgestellt hat, ist Neuseelands Antarktisstation Scott Base kontinuierlich gewachsen. Mehrfach um- und ausgebaut, stehen heute 12 Gebäude auf der kleinen Landzunge Pram Point. Jedoch sind viele Bereiche der Infrastruktur in die Jahre gekommen und entsprechen nicht mehr den Umwelt- und Sicherheitsstandards, die im Antarktisvertrag und in der neuseeländischen Gesetzgebung verankert sind. Deswegen sind Antarctica New Zealand und die Regierung in Christchurch dabei, der einzigen Station Neuseelands ein komplettes Facelifting zu verpassen.

An einem von der New Zealand Antarctic Society organisierten Webinar stellten Projektmanager Simon Shelton und der Architekt und Designmanager Hugh Broughton die neue Station vor. Neuseelands grösstes und ambitioniertestes Projekt in der Antarktis seit der ersten Expedition 1957 soll sowohl den eigenen wie auch den im Antarktisvertrag geregelten Ansprüchen in punkto Sicherheit, Umweltverträglichkeit, Nachhaltigkeit und Komfort genügen. Denn Neuseeland will, wie viele andere Staaten in der Rossmeerregion Antarktikas auch, seine Präsenz und seinen Anspruch auf eine moderne, sichere und nachhaltige Antarktisforschung fortführen und unterstreichen. Dazu benötigt das Land eine entsprechende Infrastruktur, wie Simon Shelton im Webinar meint. «In den vergangenen 20 Jahren wurden Änderungen an der Station vorgenommen, da sich die Ansprüche der wissenschaftlichen Gemeinschaft verändern», erklärt er. Die fünf Hauptansprüche Präsenz, Umweltverträglichkeit, Sicherheit, Qualität und Glaubwürdigkeit, die für die neue Station formuliert worden sind, widerspiegeln auch diese Veränderungen. Vor allem der Umweltverträglichkeitsanspruch wird sehr hoch gewichtet, denn Neuseeland möchte seine Glaubwürdigkeit als eine moderne und auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz ausgerichtete Vertragsnation beibehalten.

Das Video des Architekturbüros Jamax und Hugh Broughton zeigt das neue und moderne Design der Station. Drei der vier Gebäude sind über einen Gang miteinander verbunden. Der Hubschrauberhangar steht aus Sicherheitsgründen etwas abseits. Video: Jamax / Hugh Broughton Architects

Gegenwärtig besteht die Station der zweiten Generation, die seit 1976 kontinuierlich ausgebaut und angepasst wurde, aus 12 Gebäuden auf einer Fläche von rund 7’000 Quadratkilometer. Die ganze Station liegt an einem Hang praktisch direkt an der Küste auf vulkanischem Gestein. Mount Erebus, der südlichste aktive Vulkan, liegt auf der einen Seite, der lange zugefrorene McMurdo-Sound und das Ende des Ross-Eisschelfs auf der anderen Seite. Diese geographische Lage und die klimatischen Bedingungen durch Wind und Schnee machten das Design der neuen Station zu einer echten Herausforderung, wie Hugh Broughton erklärt. Die Schneemengen, die sich durch den Wind angetrieben an der Station sammeln, sind ein Hindernis. Immer wieder müssen Bulldozer und Arbeiter die Schneeverwehungen mühsam von den Gebäuden entfernen. Das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Treibstoff und verursacht Lärm und Abgasemissionen. Mit dem neuen Konzept soll dies massiv reduziert werden. Die neue Station wird zum einen auf Stelzen stehen (ausser dem Hangargebäude) und mit der kleinen Seite dem vorherrschenden Wind zugewandt, damit der Wind den Schnee unter den Gebäuden wegwehen kann. Zum anderen sind die Gebäudedächer geneigt und aerodynamisch so konzipiert, dass sich der Schnee nicht mehr so leicht ansammelt, erklärt Broughton.

Der Architekt Hugh Broughton, der für das Design der Station verantwortlich ist, hat jahrelange Erfahrung in der Materie. Sein Büro ist für das Design der neuesten britischen Station Halley VI verantwortlich gewesen. Auch mit Spanien, Australien und den USA hat der Architekt zusammengearbeitet.

Die Schlüsselfaktoren, die zum endgültigen Design der Stationsaussenbereiche geführt hatten, waren neben der Vermeidung von Schneeansammlung auch die Reduktion von Treibstoff und der CO2-Ausstoss aufgrund von Energie und Heizung, die Zugänglichkeit bei Wartungs- und Reparaturarbeiten, Nachhaltigkeit des Stationsbetriebes, die Optimierung während der Wintersaison und der Komfort für die Mitarbeiter, die monatelang in der Station leben. Dazu wurden auch viele ehemalige Stationsmitglieder und Wissenschaftler befragt und deren Meinungen miteingebaut in das Design, worauf Simon Shelton und Hugh Broughton sehr stolz sind. Denn beide wissen, dass am Ende die Station nur für und mit den Menschen funktioniert. Dazu sollen beim Bau auch neue Materialien und Techniken eingesetzt werden und auch im Inneren sollen Funktionalität und Komfort sich mit Sicherheit verbinden.

Die gegenwärtige Station soll während der Umbauphase als Basis dienen und Stück für Stück rückgebaut werden, wobei Materialien, wann immer möglich, wiederverwendet werden sollen. Der Rest wird zurück nach Neuseeland gebracht. Bild: Antarctica New Zealand

Das Projekt ist noch in der Planungsphase und im nächsten Jahr sollen die Pläne für das endgültige Budget vorgelegt werden. Bisher hat Antarctica New Zealand vom Staat knapp € 14 Millionen Euro erhalten. Baubeginn soll, wenn alles nach Plan geht und trotz COVID-19, ab der Saison 2022/23 sein und insgesamt 7 Jahre dauern. Dabei, so hebt Projektmanager Simon Shelton hervor, soll die existierende Station als Basis dienen und im Laufe der Zeit rückgebaut werden, wobei Materialien wiederverwendet werden sollen, wenn möglich. Der Rahmen der Gebäude soll ein Netzwerk aus Stahl sein, wobei die Aussenmaterialien dafür sorgen sollen, dass die tiefen Temperaturen den Stahl nicht beschädigen. Das Projekt sieht auch vor, viele der Teile in Neuseeland vorzufabrizieren und sie danach mit Hilfe von eisverstärkten Schiffen und Eisbrechern an Ort zu liefern. Die Nähe der Station zu McMurdo-Station und dem Flugplatz helfen bei der aufwändigen Logistik für den Bau. Die endgültigen Logistikpläne für den Bau werden aber noch zusammengestellt.

Die von Sir Edmund Hillary gebaute Hütte wurde im Rahmen des Internationalen Polarjahres 1957/58 erstellt. Die Hütte gehört heute als historisches Monument zum kulturellen Erbe Neuseelands und zeigt, dass schon damals Funktionalität und Komfort wichtig waren. Bild: Jonny Harrison / Antarctica New Zealand

Auf die Frage, wie die gegenwärtige COVID-19-Pandemie die Pläne beeinflusst, meint Simon Shelton, dass finanziell Budgetbeschränkungen bestehen aufgrund von COVID-19. Doch die gegenwärtige Phase, in der sich das Projekt befindet, ist gesichert und macht gute Fortschritte. «Wie alle sind auch wir etwas unsicher in Bezug auf die nächsten 2 Jahre mit COVID», meint Shelton. «Aber in Bezug auf dieses Projekt, denke ich, dass wir gut situiert sind, da ein grosser Teil der Arbeit in Neuseeland stattfinden wird, bevor wir vor Ort loslegen werden. So haben wir genügend Zeit für alle anfallenden Vorbereitungen.» Auch Hugh Broughton findet, dass man zumindest auf der Seite des Designs von der gegenwärtigen Situation profitieren kann, um die Sicherheits- und Gesundheitsmassnahmen auf der Station zu verbessern im Falle einer Infektion. «Wir haben einige Zimmer, die mit ihrem eigenen Ventilationssystem ausgestattet, isoliert werden können. Die Türen haben elektromagnetische Halter, die sie aus feuertechnischen Gründen offenhalten. So muss man keine Türgriffe anfassen», erklärt er. «Diese Situation nehmen wir zum Anlass, um einige wichtige Überlegungen diesbezüglich zu machen.» Auch der Komfort und den Lebensbedingungen für die Leute, die in Zukunft in der Station arbeiten werden, sollen verbessert werden und die neue Station soll ein richtiges Zuhause darstellen. Vergleicht man die erste Hütte, die von Sir Edmund Hillary 1957 erstellt worden war und die auch nach dem Umbau noch stehen wird, erkennt man den Weg, den Neuseeland seither zurückgelegt hat.

Quelle: Antarctic New Zealand / New Zealand Antarctic Society

Zur Projektwebseite (englisch): https://www.scottbaseredevelopment.govt.nz/projects

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