Kleines Insekt als Wächter für Klimaveränderung in der Antarktis | Polarjournal
Die kleine Mücke Parochlus steinenii, die nicht zu den stechenden Arten zählt, ist nur wenige Millimeter gross. Bisher wurden die Tiere nur auf subantarktischen Inseln gefunden, könnten aber durch die Klimaerwärmung auch in Antarktika gedeihen. Bild: Nanopore

Insekten haben praktisch die ganze Erde bevölkert, auch die Polarregionen. Doch während im Norden die Arten- und Individuenzahlen sehr hoch liegen, liegt in der Antarktis die Sache umgekehrt. Dank der abgelegenen Lage der subantarktischen Inseln und des Kontinents sind nur zwei einheimische Arten bekannt und nur eine davon ist auch geflügelt: Parochlus steinenii. Dieses nur wenige Millimeter grosse Tier könnte aber als Wächter für klimabedingte Veränderungen in Antarktika dienen, gemäss einer ganz neuen Studie.

Die Arbeit, die diese Woche in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht wurde, kommt zum Schluss, dass die kleine Mücke das Potential hat, allfällige klimatische Veränderungen auf dem antarktischen Kontinent anzuzeigen. «Wenn die Vorhersagen der jüngsten Klimamodelle korrekt sind, können Süsswasserökosysteme auf der Antarktischen Halbinsel stark beeinträchtigt werden, was sich auf das Bestehenbleiben von P. steinenii in seiner aktuellen Verbreitung auswirkt», schreiben die Autoren in ihrer Arbeit. Das Team um Dr. Tamara Contador und Melisa Gañan von der Universidad de Magallanes, Chile, den Hauptautorinnen der Studie könnte P. steinenii ein «wirksamer Wächter des Klimawandels in terrestrischen und aquatischen Ökosystemen der Antarktis» sein, da sich der Lebensraum durch die Klimaerwärmung auf den Inseln und der antarktischen Halbinsel stark verändern wird. Die Halbinsel gehört zu den sich schnellsten erwärmenden Regionen der Erde.

Die Mückenart benötigt Süsswassertümpel, in denen die Eier abgelegt werden können. Die Larven schlüpfen dann, ernähren sich von Algen und verpuppen sich. Die erwachsenen Tiere schlüpfen danach im Frühjahr, um sich zu paaren. Sie überleben jedoch nicht den folgenden Winter. Bilder: Gonzalo Arriagada

Die Lebensweise von Parochlus steinenii beinhaltet eine Phase, in der die Tiere auf Süsswassertümpel angewiesen sind. Da diese im Winter zufrieren, überdauern die Larven der Insekten diese Zeit verpuppt. Im Frühjahr schlüpfen dann die Erwachsenen, um sich zu paaren. Das Forschungsteam fand bei seinen Untersuchungen heraus, dass die Tiere gegenwärtigen auf Deception, Livingston und King George Island am häufigsten vorkommen. Dort seien die Bedingungen für die spezielle Lebensweise am geeignetsten. Danach nutzten die Wissenschaftler die aktuellsten Klimamodelle, um Regionen entlang der antarktischen Halbinsel zu identifizieren, die bei der weiteren Erwärmung geeignete Lebensräume bieten könnten. Dabei stellte sich heraus, dass bis zum Ende des Jahrhunderts die Tiere weiter südlich und entlang der Küste der Halbinsel diverse neue Lebensräume vorfinden könnten. Gleichzeitig würden sich aber die Bedingungen an ihrem jetzigen Ort verschlechtern, kommen die Forscher zum Schluss. Insgesamt hängt es aber davon ab, wie die klimatische Veränderung in der Antarktis sich weiterentwickelt. Denn die Mücken sind in den verschiedenen Entwicklungsphasen temperatursensitiv und eine stärkere Erwärmung würde auch eine grössere Ausbreitung mit sich bringen.

Die Südshetlandinseln liegen westlich der antarktischen Halbinsel und sind vulkanischen Ursprungs. Die Forscher fanden die grössten Mücken-Ansammlungen auf den bekannten Inseln Deception, Livingston und King George Island.

Doch es stellt sich die Frage, wie die Mücken den Sprung über die Bransfieldstrasse, die zwischen dem Archipel und der antarktischen Halbinsel liegt, überhaupt schaffen würde. Denn aus eigener Kraft können die nur wenigen Millimeter grossen Tiere die rund 100 Kilometer breite Wasserstrasse nicht überqueren, auch nicht mit Windunterstützung, meint Tamara Contador und ihr Team. Wahrscheinlicher sei die Ausbreitung durch den Menschen. « Menschliche Aktivitäten (Bewegung durch Fracht, Schiff, Flugzeuge und Überlandreisen) in der Antarktis haben ein erhebliches Potenzial für den Transport von Arten von einer biogeografischen Region in eine andere», schreiben die Autoren. Da die potentiell neuen Gebiete in den Bereichen erhöhter menschlicher Aktivitäten (Tourismus und Wissenschaft) liegen, sei es auch wahrscheinlich, dass P. steinenii diese Gebiete so erreichen kann. Sollten die Tiere dann dort überleben, sei dies ein effektives Zeichen dafür, dass sich diese Region entsprechen klimatisch verändert, sprich erwärmt hat, meint das Forschungsteam abschliessend.

Die Hauptautorin der Studie, Dr. Tamara Contador, beschäftigt sich schon seit längerem mit den Auswirkungen der Klimaerwärmung auf der antarktischen Halbinsel auf Süsswasser- und Landsysteme. Bild: Universidad de Magallanes

Quelle: Contador et al. (2020) Sci Rep 10 :9087, doi : 10.1038/s41598-020-65571-3

Link zur Studie: https://www.nature.com/articles/s41598-020-65571-3

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