Sommer 2020, als das Abnormale zur Normalität wurde | Polarjournal
Grönland im Sommer. Bild: I. Quaile

Hitzewellen in der Arktis, unterirdisch schwelende Buschbrände, früh einsetzende Eisschmelze in Grönland während Corona die Klimaverhandlungen verzögert – der Sommer 2020 führt uns in unbekanntes Territorium.

Es regnet. Ich freue mich riesig. Eine ungewöhnliche Reaktion von einer Schottin, die dem feuchtkalten britischen Klima entflohen ist. Ich schreibe dies in einer ländlichen Region Deutschlands, die für ihr Obst, Gemüse und Wein bekannt ist, nicht weit vom Rhein. Der Pegel des mächtigen Flusses hat seinen niedrigsten Stand seit September 2019 erreicht. Der Boden ist so trocken wie nach einem heißen Sommer. Die Regionalzeitungen bieten Tipps für Pflanzen- und Baumarten, die normalerweise eher in südlicheren Gefilden wachsen. Beim Spazierengehen in den Wäldern ringsherum tote, trockene Fichten. Der Borkenkäfer hat sich satt gefressen an Bäumen, die durch zwei Dürresommer geschwächt wurden. In unserem Garten sind die Regentonnen längst leer gewesen. Die Pflanzen schreien nach Wasser. Und wir sind nur am Beginn der Wachstumsjahreszeit.

Noch nie dagewesen, unvorhersehbar

Nicht nur das Coronavirus hat uns eine fremde neue Normalität beschert. Der Klimawandel lässt uns Dürren erleben, in Orten, wo das früher undenkbar erschien. Wir haben bereits in diesem Frühjahr Rekordsonnenstunden gesehen, klaren blauen Himmel. Das fühlt sich an wie eine trügerische Idylle. Im Hintergrund lauert Corona, das Virus, das unseren sonst so selbstverständlichen Lebensstil in Frage gestellt hat. Und weit größer, düsterer lauert die stetig steigende Hitze, die unseren Planeten verwandelt. Corona, Klimawandel – während wir die zweite Hälfte des Jahres 2020 beginnen, wird das „unvorhersehbare“ zur „Normalität“. Wir können nur das Unerwartete erwarten. Noch nie dagewesen gibt es nicht mehr. Wir betreten unbekanntes Territorium. Unheimlich. Beängstigend. Ein Science-Fiction Szenario nach Ray Bradbury.

Eistriangel, Grönland. Bild: I. Quaile

Sibirien brutzelt

Ich lasse den Regen den Garten bewässern und widme mich den neuesten Entwicklungen in meiner geliebten Arktis. Der „eisige Norden“ erwärmt sich noch schneller als woanders und schneller denn je. “Red alert for northern Siberia as heat shocks threaten life on tundra”, schreibt Atle Staalesen in Barents Observer am 25. Mai.  Sibirien, der Inbegriff von unwirtlicher Kälte,  erleidet eine schockierende Hitze. Die US-Behörde The U.S National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) hat neue Temperaturkarten veröffentlicht, die eine noch nie dagewesene Erwärmung dieser riesigen Region der russischen Arktis zeigt. Abweichungen von mehr als fünf Grad Celsius im Vergleich mit „normalen“ Temperaturen in großen Teilen Sibiriens (gemessen am Zeitraum 198 1-2010)

Temperaturverlauf von Januar – April 2020. Sibirien und weite Teile Russlands sind 5° wärmer als im langjährigen Durchschnitt. Karte: National Centers for Environmental Information/ Barents Observer

Die Region zählt zu den Erdteilen, die sich am meisten erwärmen. Die Rekordtemperaturen sind schon seit Monaten da. Der Trend schreitet schon seit vielen Jahren fort, schreibt Staalesen. Er weist darauf hin, dass die gleichen Karten auch vom russischen Wetterdienst  Roshydromet zur Verfügung gestellt werden. Er zitiert seinen  neuesten Klimabericht, der entlang der Nördlichen Seeroute an der arktischen Küste von Russland vorbei einen Temperaturanstieg von ganzen fünf Grad seit den 90er Jahren verzeichnet . (Ich bin dem Barents Observer für diese Hinweise auf die russischsprachigen Informationen sehr dankbar). Weitere Temperaturkarten von Roshydromet zeigen eine weitere Hitzewelle Mitte Mai, während der Teile von Nordsibirien – darunter entfernte arktische Halbinseln – am 23. Mai eine Temperatur von bis zu 16 Grad Celsius höher als normal verzeichnen. Der russische Wetterdienst listet 2019 als zweitwärmstes Jahr in der Arktis seit Anfang der Messungen, 1936.

Blumen in Grönland im Sommer. Bild: I. Quaile

„Noch nie passiert“ heißt gar nichts

Eine Konsequenz des warmen Frühlings in Sibirien war ein ungewöhnlich früher Eisgang in den Flüssen der Region. Ich entdeckte einen interessanten Augenzeugenbericht vom Anthropologen Florian Stammer in Arctic Anthropology vom 19. Mai. Die wichtigsten Flüsse der Region fließen von Süden nach Norden, schreibt er, wo sie in den Artischen Ozean münden. Das Eis schmelze zunächst im Süden und wird dann vom Wasser in das noch gefrorene Eis weiter nördlich getrieben. Dieser Eisstoß passiere in diesem Frühjahr in der gesamten russischen Arktis wesentlich früher als sonst –von zehn Tagen früher bis hin zu einen ganzen Monat früher an manchen Orten.  

“In Salekhard, wo ich zurzeit bin, fing das Eis auf dem Fluss Ob bereits am 12. Mai an, sich zu bewegen. Laut den örtlichen Nachrichten  sind das fast drei Wochen früher als üblich….“

In Dudinka, der Hauptstadt von Russlands nördlichster Arktisregion Taimyr, fing das Eis bereits am 16. Mai an, sich zu bewegen. 1936 passierte das einen ganzen Monat später“, schreibt Stammler.

In Novosibirsk, wo der Ob seine Quelle hat, betrug die Temperatur Ende April bereits mehr als 20°C, nach einem Winter, den die Einheimischen als mild bezeichnen.

Da die zugefrorenen Flüsse im Winter als Straßen dienen, beeinträchtigt der frühere Eisgang den Frachttransport zu den Siedlungen. Im wichtigsten Rentierort Yar-Sale, sei die Eisstrasse das ganze Jahr über für Frachtlaster geschlossen gewesen. Das hatte es noch nie gegeben, berichtet Stammler.

Schnee und Eis sind lebenswichtige Faktoren für die Verkehrswege in der Arktis. Bild: I. Quaile

Solche Ereignisse hätten schwere Konsequenten für die Einwohner dieser Regionen, summiert er. Hohe Preise für Lebensmittel, Mängel an manchen Waren. So habe 2020 kein Benzin über die Eisstrasse nach Yar Sale gebracht werden können. Außerdem seien die Rentierhirte in Yamal auf das Eis angewiesen, um mit ihren Tieren den Fluss Yuribei zu überqueren. Wenn die Eisschmelze einsetze, könnten sie nicht mehr herüber. Zusammenfassend meint er, dass die Veränderungen der Zeitpunkte, an denen die Eisschmelze jetzt einsetzen, schwere Auswirkungen auf die Mobilität in der Arktis haben.

Alaska, Sibirien – alte Feuer glimmen unter der Erde weiter

Scientists warn of zombie fires in the Arctic war die Überschrift eines Artikels auf phys.org am 27. Mai.  Ich erspare mir hier einen Kommentar über die Gründe, warum eine Geschichte eine breitere Öffentlichkeit findet, wenn man von „Zombiefeuern“ redet, um Feuer zu beschreiben, die gelöscht wurden, aber unterirdisch weiter lodern und wieder ausbrechen könnten.

Wissenschaftler und Buschfeuerexperte Mark Parrington von der EU-Agentur Copernicus Atmospheric Monitoring Service  scheint den Ausdruck erfunden zu haben: Die Satellitenüberwachung habe aktive Feuer entdeckt, die darauf hinweisen könnten, das „Zombiefeuer“ sich erneut entzündet hätten, berichtet er.

Ich finde es sehr beunruhigend, dass Überbleibsel von den in ihren Ausmaßen und Dauer bisher noch nie bekannten katastrophalen Feuern in Sibirien und Alaska des letzten Jahres unterirdisch weiterglimmern und wieder an die Oberfläche drängen könnten. „Wir werden unter Umständen einen kumulativen Effekt der letzten Feuersaison in der Arktis sehen“, sagt Feuerexperte Parrington. „Das könnte in die kommende Saison einlaufen und zu erneuten weitflächigen und langfristig anhaltenden Feuern in derselben Region führen“.

Europa hat in diesem Jahr bereits Rekordtemperaturen und Trockenheit erlebt, die das Risiko für Wildfeuer erhöhen.

Wenn das Eis an Grönlands Küsten schmilzt. Bild: I. Quaile

Gehört Meereis im Sommer der Vergangenheit an?

Die Aussichten für das Meereis der Arktis sind ähnlich düster am Anfang des Sommers dieses rekordverdächtigen Jahres, das möglicherweise das heißeste sein wird, das wir je gekannt haben. Seit dem Anfang der Satellitenüberwachung 1979 hat das Meereis der Arktis im Sommer 40 Prozent seiner Fläche und bis zu 70 Prozent seines Volumens verloren.

Laut einer neuen Studie in Geophysical Research Letters , die 40 unterschiedliche Klimamodelle auswertet, rechnen Wissenschaftler damit, dass der Arktische Ozean bereits 2050 zumindest zeitweise in jedem Sommer eisfrei sein wird.

In einem Artikel für Barents Observer merkt Levon Sevunts an, dass das Eis laut manchen Simulationen auch dann verschwand, wenn der CO-Ausstoß schnell reduziert wurde.

In einem  Interview mit Radio Canada International erklärt Koautor Bruno Tremblay von der kanadischen  McGill University man werde auf jeden Fall Jahre erleben, in denen es im Arktischen Ozean im Sommer kein Meereis gibt.

„Je nachdem wie schnell und wie stark wir unsere Emissionen reduzieren, können wir aber wohl noch beeinflussen, ab wann und wie oft das der Fall sein wird“,  meint der Wissenschaftler. Die eisfreie Zeit werde voraussichtlich auch wesentlich länger sein. „Solche Bedingungen gab es das letzte Mal auf der Erde vor ungefähr 6.000 Jahren“, sagt Tremblay. „Und bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird es so warm sein wie vor Millionen Jahren.“

Grönlands Gletscher fliessen einer unbekannten Zukunft entgegen. Flug über Grönland. Bild: I. Quaile

Grönland: weitere Schmelze in Sicht

Der grönländische Eisschild könnte in diesem Jahr wieder auf eine Rekordschmelze zusteuern. In einem Artikel für E&E News in Scientific American am 3. Juni beschreibt Chelsea Harvey wie der südliche Teil des Eisschilds bei Temperaturen von fast 20 Grad Fahrenheit höher als der Durchschnitt an manchen Stellen seine höchste Schmelzrate der jetzigen Saison erreichte. Die Schmelzsaison fing am 13. Mai an – fast zwei Wochen früher als der Durchschnitt der letzten Jahrzehnte, schreibt Harvey. Sie zitiert  Jason Box, Eisexperten beim Geological Survey of Denmark and Greenland, der mangelnden Schnee als wichtigen Faktor ansieht, wenn es um die Möglichkeit einer überdurchschnittlichen Schmelze in diesem Jahr geht. An den Rändern des Eisschildes habe der Schnee bereits angefangen zu verschwinden, so dass Stein und Eis zum Vorschein kommen. Ohne den Schnee, der Sonnenlicht von der Erde wegreflektieren würde, gelange mehr Hitze an die Oberfläche, was zu einem schnelleren Abschmelzen führe. Das passiere früher als üblich in diesem Jahr, so Box. „Das heißt wenn andere Bedingungen gleich bleiben, können wir in diesem Jahr mit einer größeren Schmelze rechnen“. 

Der grönländische Eisschild in seiner Mächtigkeit könnte stärker schmelzen als je zuvor. Bild: I. Quaile

Laut einer neueren Studie in The Cryosphere führen im letzten Sommer nicht nur warme Temperaturen zum extremen Schmelzereignis, sondern auch außergewöhnliche atmosphärischen Zirkulationsmuster. Da die Klimamodelle für das zukünftige Abschmelzen  des grönländischen Eisschildes diese nicht berücksichtigen, unterschätzen sie die zukünftige Abschmelze um circa die Hälfte, sagt Leitautor Marco Tedesco von Columbia University, Lamont-Doherty Earth Observatory.

Tedesco and Koautor Xavier Fettweis von der Universität Liège fanden einen Zusammenhang zwischen dem Eisverlust, der alle Rekorde brach, und Hochdruckbedingungen, die 2019 über ungewöhnlich lange Zeiträume über der Eisinsel herrschte. Kurz gefasst stellten sie fest, dass es dadurch zu weniger Wolkenbildung über Südgrönland kam. Der klare Himmel ließ mehr Sonnenlicht durch, das den Eisschild zum Schmelzen brachte. Weniger Wolken brachte auch weniger Schnee, der die Masse des Eisschildes vergrößert hätte.

Schnee auf dem Eisschild. Bild: I. Quaile.

Außerdem absorbierten die dunklen Eisflächen ohne Schneebedeckung an manchen Stellen wiederum mehr Hitze, was zu einer weiteren Abschmelze führte. Die Wissenschaftler vermuten, dass dies kein einmaliges Ereignis war, da die Bedingungen, die zum massiven Abschmelzen führten, wahrscheinlich mit wellenförmigen Abänderungen des Jetstreams zusammenhängen, die durch den Klimawandel verursacht werden. Diese „außergewöhnlichen“ atmosphärischen Bedingungen könnten also über Grönland häufiger vorkommen.

„Da die jetzigen Klimamodelle das noch nicht berücksichtigen können, unterschätzen sie den Eisverlust durch den Klimawandel um bis zur Hälfte“, summiert Tedesco.

Treibhausgase werden in der Arktis an vielen Orten gemessen, auch auf Svalbard. Bild: I. Quaile

Ohne Präzedenz– und menschgemacht

„Der menschliche Fingerabdruck auf dem Klima ist jetzt unverkennbar und wird zunehmend sichtbar in den kommenden Jahrzehnten, “ bestätigte die britische Wetterbehörde UK Met Office  anlässlich des 30 Jahrestags ihres Hadley Centre for Climate Science and Services in The Guardian.

Klimawissenschaftler Peter Stott vom Hadley Centre sagte der Zeitung, globale Temperaturen seien inzwischen höher als jede Messung der Behörde seit 1850 oder – indirekt durch Baumringe berechnet – seit tausenden von Jahren. CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre seien ebenfalls höher als alles, was man in Eisbohrkernen gefunden habe, die Millionen von Jahren zurück gehen. Das heutige Klima sei ohne Präzedenzfall, sagte der Wissenschaftler. Der menschliche Fingerabdruck sei überall.

Der  neueste State of the Climate– Bericht der Weltorganisation für Meteorologie, der im März in New York vorgelegt wurde, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Treibhausgaskonzentration sei höher als in den letzten drei Millionen Jahren, als die Erdtemperatur bis zu drei Grad Celsius wärmer und der Meeresspiegel um die 15 Meter höher als heute gewesen seien, erklärte UN Generalsekretär António Guterres bei der Vorstellung des Berichts.

Eine kürzlich veröffentlichte zehnjährige Klimavorhersage der britischen Wetterbehörde geht von einem neuen jährlichen Temperaturrekord in den nächsten fünf Jahren aus. Man erwarte zwischen 2020 und 2024 einen globalen Temperaturanstieg zwischen 1.06°C und 1.62°C im Vergleich zu der Periode 1850–1900, erklärte WMO Generalsekretär Petteri Taalas ebenfalls bei der Vorstellung des UN-Berichts.

Sogar die Polarfüchse hüpfen davon. Bild: I. Quaile

Schicksalsjahr 2020?

Der UN-Generalsekretär sagte bei der Vorstellung des Berichts (der bereits im Dezember 2019 vorläufig erschien) das Jahr 2020 werde entscheidend sein, wenn es darum gehe, gegen den Klimawandel aktiv zu werden, um die sich ständig verschlechternden Auswirkungen und Indikatoren des Klimawandels zu kontrollieren, „bevor es zu spät ist“.

Leider ist dieses entscheidende Jahr schon zur Hälfte vorbei. Und außer einer kurzen Verschnaufpause durch die Coronakrise gibt es kaum Zeichen einer längerfristigen Wende innerhalb des nötigen Zeitraums. Alle Länder müssten zeigen, dass wir bereits in diesem Jahrzehnt den globalen Treibhausgasausstoß um 45 Prozent im Vergleich zu 2010 reduzieren, und bis zur Mitte des Jahrhunderts bei Null-Netto-Emissionen ankommen können, so der UN-Chef.

Patricia Espinosa ist Generalsekretärin des UN-Klimasekretariats, UNFCCC, das in meiner Wahlheimat Bonn sein Hauptquartier hat. In einem Interview für den Bonner Generalanzeiger in diesen Tagen musste sie zugeben, dass man mit den heute vorliegenden Klimazusagen der Länder keine dieser beiden Ziele erreichen könne. Nun wurde die jährliche UN-Klimakonferenz, die im November in meiner ehemaligen Heimatstadt Glasgow stattfinden sollte, aufgrund der Coronakrise um ein Jahr verschoben.

Die Frage ist, ob das ein Risiko für die Klimaverhandlungen darstellt, oder sich doch als Segen entpuppen könnte. Es wurden auf jeden Fall jede Menge Emissionen dadurch eingespart, das 20,000 Teilnehmer nicht nach Großbritannien reisen und dort zwei Wochen tagen. Theoretisch hätten unsere Regierungen Zeit, um vor dem Hintergrund des Lockdown ihre Prioritäten zu überdenken. Jeden Tag hören wir von den unterschiedlichsten Quellen, diese Krise könnte eine Gelegenheit sein, um uns von „business as usual“ zu verabschieden und auf ein grüneres Wirtschaftsmodell umzusteigen.

Glasgow, meine Heimatstadt, sollte dieses Jahr ins Zentrum der Klimapolitik rücken mit der jährlichen UNO-Klimakonferenz. Wegen Corona wurde die Konferenz nun verschoben. Bild: I. Quaile

Werden die Länder der Welt also jetzt viel mehr an den Tisch bringen, wenn Schottland ein Jahr später die Konferenz abhält? Oder wird die Notwendigkeit, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, als Vorwand dienen, zu „business as usual“ zurückzukehren oder sogar noch etwas darauf zu legen?

In einem Interview mit der schottischen Zeitung The Herald betonte UN Klimachefin  Espinosa: (meine Übersetzung aus dem Englischen)  “Wenn man das richtig handhabt, könnte die Erholung nach der Covid-19 Krise uns in Richtung auf einen inklusiveren und nachhaltigeren Klimapfad hinsteuern.“ Im Interview mit dem Bonner Generalanzeiger, führte sie weiter aus:

„Der Virus ist keineswegs nur ein Unfall, der Einfluss des Menschen ist entscheidend. Die Zerstörung natürlicher Lebensräume in der Vergangenheit hat die Wahrscheinlichkeit einer Pandemie erhöht. Jetzt verschärft die hohe Luftverschmutzung in vielen Teilen der Erde das Risiko für Erkrankte. Was bedeutet diese Erkenntnis für uns? Es zeigt uns, dass wir nicht zu einem Modell zurückkehren können, das Wirtschaft und Natur gegeneinander ausspielt. Anstatt dessen müssen wir unsere Anstrengungen beschleunigen, beide Bereiche zu harmonisieren. Hier tut sich, inmitten all dieser Herausforderungen, eine Chance auf. Die Chance für Länder, den Übergang zu einem gesünderen und nachhaltigeren Wirtschaftsmodell zu beschleunigen.“

Das macht so viel Sinn. Ein „Win-Win“- Situation für alle? Ich persönlich habe die saubere Luft während des Lockdown genossen, ohne Abgase von Luft- oder Straßenverkehr. Das könnten wir beibehalten. Leider hat die Luftverschmutzung in China das alte Niveau wieder erreicht. Und der andere wichtige Player, die USA, laufen wieder in Richtung „emissions as usual“. Ernüchternd wirkt außerdem die Tatsache, dass die CO2-Konzentration in der Atmosphäre trotz Corona-Lockdown höher ist als jemals in der Vergangenheit. Überraschung. Mehr als zweieinhalb Jahrzehnte mit zunehmenden Emissionen können nicht über Nacht verschwinden. Noch nicht mal, wenn wir heute ganz aufhören würden, Treibhausgase in die Luft zu pusten.

Ein Banner auf einer „Parents for Future“-Demonstration in Bonn. Ein Zeichen der Hoffnung? Bild: I. Quaile

Aaron Kiely ist Klimaaktivist bei Friends of the Earth in Großbritannien. Im Interview mit The Herald anlässlich der coronabedingten Verschiebung der Klimakonferenz sagte er: “Die Menschen werden weiterhin zusammenarbeiten, um Probleme zu lösen. Regierung sollten es ihnen nachmachen, denn es gibt einen Weg aus beiden Krisen, wenn wir zusammenarbeiten, auf die Wissenschaft hören und aufhören, Zeit zu verlieren“.

Leider gibt es einige wichtige international Regierungschefs, die dazu nicht bereit sind – weder um das Virus noch den Klimawandel zu bekämpfen. Zum Glück gibt es auch andere. Hier in Deutschland beinhaltet das Konjunkturpaket, um die Wirtschaft aus dem Coronatief zu verhelfen, unter anderem Unterstützung für alternative Energien. Man hat dem Druck der Autoriesen  widerstanden, die konventionelle Verbrennungsmotoren subventionieren wollten. Auf lokaler Ebene hat man hier in meiner Gemeinde die Infrastruktur für Fahrradfahrer verbessert und symbolisch eine Verbindungsstraße zwischen Ortschaften für den Autoverkehr geschlossen.

Ich nehme diese Entwicklungen als Hoffnungszeichen.

Ein treffender Slogan. Bild: I. Quaile

Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Ich werde jetzt nach meinen der Coronakrise geschuldeten Gemüsepflänzchen schauen – und überprüfen, ob meine Regenwassertonne inzwischen halb leer – oder vielleicht halb voll geworden ist.

Zur Autorin:

Die mehrfach ausgezeichnete schottische Journalistin Irene Quaile-Kersken beschäftigt sich mit dem Klimawandel in den Polargebieten und den Auswirkungen auf den Rest der Erde. 2007 besuchte sie im Rahmen eines internationalen Radioprojekts die deutsche-französische Arktisforschungsstation auf Spitzbergen. Fasziniert vom weißen Norden, ließ sie das Thema Arktis und die Bedrohung des zerbrechlichen Ökosystems nicht mehr los. Während einer Reportagereise in Alaska 2008 entstand ihr Ice Blog, zunächst auf der Webseite der Deutschen Welle, heute als eigenständiges Projekt unter www.iceblog.org. Weitere Reisen führten die passionierte Naturliebhaberin immer wieder zurück in die Arktis, auch nach Island, Grönland und auf Forschungsschiffen durch das Nordpolarmeer.

Link zum Blog von Dr. Irene Quaile-Kersken:

Aktueller Blog: https://iceblog.org/

Ältere Blogs: http://blogs.dw.com/ice/

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