Das schwarze Gold, Permafrost und ein Stück Hoffnung | Polarjournal
Eine Aufnahme des Copernicus Sentinel-2 Satelliten vom Ambarnaya-Fluss kurz vor der Mündung in den Pyasino-See nördlich von Norilsk am 31. Mai 2020. Die vom ausgetretenen Diesel rotgefärbten Gewässer sind deutlich zu erkennen. Foto: ESA

Die Katastrophe in Norilsk ist stark mit dem Klimawandel verbunden. Denn dessen Auswirkungen sind vielerorts bereits zu beobachten, besonders in den sensiblen Regionen der Arktis. Die Temperaturen steigen viel schneller als in gemäßigten Breiten, was den Permafrostboden immer stärker tauen lässt. Das seit Zehntausenden von Jahren im Boden gespeicherte Kohlendioxid und Methan gelangt nun in riesigen Mengen in die Atmosphäre und verstärkt so die Erwärmung zusätzlich – eine positive Rückkopplung. Gleichzeitig drohen Umweltkatastrophen durch auf Permafrost errichtete, kollabierende Bauwerke, wie Ende Mai in Norilsk.

Allein die regulären Aktivitäten der Ölindustrie in Sibirien (und ebenso in anderen Teilen der Erde) sind für sich genommen schädlich für die lokale Natur und durch die Nutzung der Förderprodukte als Energiequelle in der Folge auch für das Weltklima.
Wie sich in Norilsk in eindrücklicher und zugleich trauriger Weise zeigt und in der Vergangenheit schon in anderen Regionen offensichtlich wurde, leidet zuallererst immer die lokale Natur unter unserer Gier nach fossilem Brennstoff.
Im Fall von Norilsk ist man sicher, dass der immer stärker auftauende Permafrostboden zu dem Leck in dem Dieseltank eines Heizkraftwerks führte. Bauwerke, die, egal wo auf der Erde, auf Permafrostboden errichtet sind, verlieren mit der fortschreitenden globalen Erwärmung ihren sicheren Stand.

Permafrostboden kann bis in eine Tiefe von 1500 Metern reichen, wobei die oberflächliche Auftauschicht zwischen 30 und 200 Zentimeter dick ist. Grafik: Projekt PAGE21

Unsere massiven Kohlendioxid-Emissionen der letzten Jahrzehnte bewirken vor allem in der Arktis eine Verschiebung der Jahreszeiten hin zu längeren und wärmeren Sommern, weshalb die Auftauschicht des Permafrostbodens zunimmt und folglich den Untergrund destabilisiert. Norilsk erwartet beispielsweise in der nächsten Woche Temperaturen um 20°C und mehr — die durchschnittliche Höchsttemperatur im Juni liegt bei 8°C.

Experten sind sich einig, dass dieser Katastrophe weitere folgen könnten. Bereits 2018 warnten Wissenschaftler in einer Studie, dass 45 Prozent der Öl- und Gasfelder in der russischen Arktis in einer Hochrisikozone liegen, in der das prognostizierte Auftauen des Permafrostbodens bis 2050 die Infrastruktur ernsthaft beschädigen könnte. Nun, der erste Ernstfall mit katastrophalen Ausmaßen ist bereits 2020 eingetreten. 

Fortschritte bei den Eindämmungsmaßnahmen

Eine Gesetzesgrundlage zu Mechanismen einer angemessenen, rechtzeitigen und umfassenden Reaktion auf solche Situationen und zur Verhinderung derartiger Unfälle gibt es bisher nicht. Präsident Putin wies daher die Regierung und die Staatsduma bei einem Online-Treffen zum Verlauf der Maßnahmen mit dem Notfallminister, dem Umweltminister, Vertretern verschiedener Bundesdienste und Norilsk Nickel am 19. Juni an, schnellstmöglich entsprechende Gesetzesvorlagen zu erarbeiten.

Der russische Präsident Wladimir Putin bespricht mit den Verantwortlichen den weiteren Verlauf der Maßnahmen nach dem Diesel-Unfall in Norilsk. Foto: Kreml

In dieser Video-Konferenz machte Präsident Putin deutlich, dass die Folgen für die Umwelt und die aquatische Artenvielfalt schwerwiegend sind. Laut Ilja Schestakow, Leiter des Bundesamts für Fischerei, wird die Wiederherstellung des biologischen Gleichgewichts zehn oder mehr Jahre in Anspruch nehmen. “Um eine vollständige Einschätzung des verursachten Schadens zu erhalten, haben wir beschlossen, eine groß angelegte Expedition durchzuführen, die im Juli stattfinden wird”, so Schestakow. Sicher ist laut seiner Aussage jedoch schon jetzt, dass zwei weitere Fischzuchtanlagen gebaut werden müssen, um die Erholung der Fischbestände zu gewährleisten.

Der russische Notfallminister Jewgeni Sinitschew ist vor Ort in Norilsk und berichtet, dass bereits 32.000 Kubikmeter Wasser-Kraftstoff-Gemisch abgepumpt und 103.000 Kubikmeter verseuchter Boden abgetragen und in versiegelten Tanks gesammelt wurden. Die abgepumpte Flüssigkeit soll über eine noch zu bauende Pipeline direkt zur Entsorgungsstation geleitet werden. Wo sich die Entsorgungsstation befindet, wurde nicht genannt.

Mitarbeiter von Rosprirodnadzor, dem Bundesdienst für die Überwachung der natürlichen Ressourcen, haben bisher 353 Proben gesammelt, in denen sich die maximal zulässige Konzentration (MPC) von Schadstoffen von über 80.000facher Überschreitung auf eine 8 – 22fache Überschreitung verringerte. Der noch auf der Wasseroberfläche verbliebene Kraftstoff-Mikrofilm soll mit Sorptionsmitteln entfernt werden, wie Swetlana Radionowa von Rosprirodnadzor erklärt. Sie versichert, dass all diese Ereignisse bis zum allerletzten Moment begleitet werden; die Arbeit endet erst nach der vollständigen Wiederherstellung des Ökosystems.
Darüberhinaus werden bis 24. Juli in Zusammenarbeit mit dem Bundesdienst für ökologische, technische und nukleare Überwachung 426 Unternehmen in der russischen Arktis einer Sicherheitsinspektion unterzogen.

Die Landschaft rund um Norilsk ist geprägt von vielen kleinen Flüssen und Tümpeln, die es gilt vom Diesel zu reinigen. Die Wiederherstellungsmaßnahmen werden zehn Jahre oder mehr in Anspruch nehmen. Karte: Google

Alexander Uss, Gouverneur der Region Krasnojarsk, der ebenfalls am Treffen teilnahm, sagt:

„Ich halte es für notwendig, Vertreter der indigenen Minderheiten des Nordens in diese Arbeit einzubeziehen, da viele von ihnen in persönlichen Gesprächen und Treffen berechtigte Bedenken äußern, dass dieser Unfall die traditionellen Formen ihres Managements und ihr Leben auf dieser Erde beeinträchtigen könnte.”

Weiterhin schlägt Gouverneur Uss angesichts der Komplexität der Situation vor, viele Forschungsteams in die Arbeit einzubeziehen. Die Sibirische Föderale Universität soll dabei als Koordinationsstelle dienen.

Wer die Kosten für sämtliche Maßnahmen im Zusammenhang mit dieser Katastrophe zu übernehmen hat, stellte Präsident Putin früh klar – der Präsident von Norilsk Nickel Wladimir Potanin. Dieser versicherte bei dem Treffen am 19. Juni erneut, für alle anfallenden Kosten aufzukommen und auch bei der Beseitigung der Umweltschäden “mit allen Organisationen, die daran beteiligt sind, zusammenzuarbeiten und diese Arbeiten vollständig zu finanzieren.”

Die bisher durchgeführten Maßnahmen zur Eindämmung und Beseitigung von kontaminiertem Wasser und Boden bezeichnete der russische Umweltminister Dmitry Kobylkin als beispiellos und einzigartig auf dem Territorium der Russischen Föderation. Für die Zukunft schlug er vor, ein Konzept des „Managements der Zuverlässigkeit und Sicherheit kritischer Infrastruktureinrichtungen“ einzuführen und ein System zur vorbeugenden Überwachung zu entwickeln. Digitale Überwachungssysteme werden bereits beim Bau neuer Anlagen eingesetzt und bereits existierende müssten mit solchen nachgerüstet werden.

Fazit des Treffens ist, so Präsident Putin, dass dieser Unfall mit entsprechenden Kontrollen hätte verhindert werden können. Der Fehler liege im System und müsse so schnell wie möglich behoben werden. Präsident Putin bat die stellvertretende Premierministerin Victoria Abramtschenko, die bestehenden relevanten Organisationen und Kontrollstrukturen zu überprüfen:

“Ich bitte Sie, dies mit größter Sorgfalt zu analysieren […], um zu verhindern, dass so etwas in unserem Land passiert, nicht nur in der Arktis, wo das Ökosystem besondere Aufmerksamkeit und besonderen Schutz benötigt, sondern allgemein im Land. Darunter leiden nicht nur die kleinen Völker des Nordens, die Menschen können überall darunter leiden.”

Die Ölverschmutzung ist in Nigeria ein beständiges Problem. Nach der Ölkatastrophe im Ogoniland in 2010 haben die Aufräumarbeiten noch nicht einmal richtig begonnen. Foto: Pius Utomi Ekpei/AFP

Eine Erfindung, die Umweltschäden begrenzt

Weltweit kommt es immer wieder zu Ölunfällen, selten in solchem Ausmaß wie in Norilsk oder im Golf von Mexiko in 2010. Doch auch die weniger spektakulären, von denen nicht in den Tagesmedien berichtet wird, fügen der Natur immensen Schaden zu. Ein sehr anschauliches Beispiel ist die nicht endende Ölverschmutzung im Niger-Delta in Nigeria, wo an den Förderanlagen und durch undichte oder angezapfte Pipelines permanent Öl austritt. 

Der deutsche gemeinnützige Verein One Earth – One Ocean (OEOO) mit Sitz in Garching bei München führte 2015 ein eigen-finanziertes Pilot-Projekt im Niger-Delta durch. Mitarbeiter des Vereins und Freiwillige reinigten erfolgreich ein kleines mit Öl verschmutztes Gewässer ohne Wasser absaugen oder ölbindende Chemikalien einsetzen zu müssen. Statt der weltweit üblicherweise angewendeten Ölbindemittel, nutzten sie dafür ein neuartiges Watte-ähnliches Material, das hydrophobe Schadstoffe wie Öl, Kraftstoffe und Lösungsmittel adsorbiert. Wegen seiner großen Oberfläche war die Menge an benötigtem Material viel geringer als bei herkömmlichen Bindemitteln: Während beispielsweise ein Kilogramm Ölbindegranulat etwa einen halben Liter Öl aufnimmt, kann dieselbe Menge der Wachswatte etwa 6,5 Liter Öl aufnehmen. Für OEOO war dies die perfekte Lösung, da sie zum einen viel weniger Material nach Nigeria transportieren mussten und auch die Entsorgung wegen der deutlich geringeren  Menge an eingesetztem Bindemittel um ein Vielfaches günstiger war. Zudem können die adsorbierten Stoffe durch verschiedene Verfahren von der Watte getrennt und wiederverwendet werden. Auch die Watte kann nach der Trennung mehrfach verwendet werden, was sowohl ökologisch als auch ökonomisch einen großen Vorteil darstellt. Alternativ kann das Öl-Watte-Gemisch auch thermisch verwertet werden.

Für die Natur und die zu reinigenden Gewässer ist der Einsatz der Wachswatte im Gegensatz zu Granulaten oder Öl-lösenden Chemikalien völlig unbedenklich, da es rückstandsfrei entfernt werden kann und reines Wasser hinterlässt. Sogar verseuchte Böden können mit der Watte dekontaminiert werden.

Einige der besten Erfindungen sind in einem (technischen) Unfall begründet. So auch die inzwischen patentierte Watte, die von dem Chemieunternehmen DEUREX in Elsteraue in Sachsen-Anhalt produziert und unter dem Namen PURE vermarktet wird. Vor drei Jahren gewann die Firma mit PURE sogar den Europäischen Erfinderpreis.

Für das neuartige Ölbindemittel in Watteform gewann das Unternehmen DEUREX 2017 den Europäischen Erfinderpreis. Video: Europäisches Patentamt

Als Präventiv-Maßnahme hat der Forschungseisbrecher «Polarstern» die selbst bei arktischen Temperaturen wirksame PURE-Watte seit Beginn der MOSAiC-Expedition mit an Bord, um im Falle des Falles ausgetretenes Öl auf dem Eis schnell aufnehmen zu können.

Die Umweltkatastrophe von Norilsk lehrt, dass man für die Risiken, die sich aus dem immer schneller fortschreitenden Auftauen des Permafrost ergeben, gerüstet sein muss. Die von Präsident Putin forcierten Gesetze sind ein entscheidender Schritt zur Erhaltung und zum Schutz der sibirischen Natur.

Julia Hager, PolarJournal

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