Am Südpol wird es wärmer | Polarjournal
An der Amundsen-Scott-Station am Südpol wird seit über 60 Jahren die Lufttemperatur aufgezeichnet. Foto: Wikipedia/Mradyfist

Die Temperaturen am Südpol steigen einer neuen Studie zufolge seit 1989 dreimal stärker als im globalen Mittel. Die Hauptursachen für die Erwärmung sehen die Autoren in einer natürlichen Klimaschwankung zwischen dem tropischen Pazifik und dem Weddellmeer. Die Wissenschaftler gehen allerdings davon aus, dass der Anstieg der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre die Erwärmung verstärkt. 

Auf dem antarktischen Kontinent lassen sich im Verlauf eines Jahres enorme Temperaturunterschiede beobachten, wobei die regionalen Kontraste sehr groß sind. Die höchste jemals gemessene Temperatur in der Antarktis wurde erst im Februar diesen Jahres mit 20,75°C auf Seymour Island östlich der Antarktischen Halbinsel registriert. Im Gegensatz dazu stehen die tiefen Wintertemperaturen im Inneren des Kontinents mit der niedrigsten je gemessenen Temperatur von -89,2°C im Juli 1983 bei der russischen Wostok-Station.

Der Einfluss des Klimawandels macht sich am stärksten in der Westantarktis und an der Antarktischen Halbinsel bemerkbar. In der Region um den geographischen Südpol, der auf einer Höhe von 2’835 Metern liegt, war dagegen lange Zeit eine Abkühlung beobachtet worden.
Wie ein Team von Wissenschaftlern aus Neuseeland, Großbritannien und den USA in ihrer neuen Studie herausfand, erwärmt sich der Südpol jedoch seit Ende der 1980er Jahre im Vergleich zum globalen Temperaturanstieg rapide. Die Forscher führen die Erwärmung auf eine Kombination von natürlichen und anthropogenen Einflüssen zurück, wobei der individuelle Beitrag der einzelnen Faktoren noch nicht gut verstanden ist und sich nur schwer genau bestimmen lässt.

Das Forschungsteam analysierte anhand von Klimamodellen die Veränderungen der Lufttemperatur, die seit 1957 an der US-amerikanischen Amundsen-Scott-Station am Südpol aufgezeichnet wird. Ihre Analysen zeigen, dass sich der Südpol inzwischen mit einer Rate von etwa 0,6°C pro Jahrzehnt erwärmt, im Vergleich zu einer Rate von ca. 0,2°C auf dem Rest des Planeten.

Die Temperaturen an der Amundsen-Scott-Station im Jahresmittel. Seit dem Jahrtausendwechsel wurden am Südpol mehrfach Rekordtemperaturen gemessen: in 2002, 2009, 2013 und 2018. Daten: Clem et al. 2020, Grafik: Carbon Brief

«Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass sich die antarktische Hochebene, der kälteste und einer der abgelegensten Orte der Erde, während des globalen Temperaturanstiegs abgekühlt hat. … Unsere Studie hat ergeben, dass dies nicht mehr der Fall ist. Der Südpol ist jetzt eine der sich am schnellsten erwärmenden Regionen auf dem Planeten, er erwärmt sich unglaublich dreimal schneller als der globale Durchschnitt.»

Hauptautor Dr. Kyle Clem, Polarforscher an der Victoria University of Wellington in Neuseeland
Während der 30-Jahresperiode von 1989 – 2018 stiegen die Temperaturen am Südpol um eine Rekordrate von 0,61°C pro Jahrzehnt, die um das Dreifache höher liegt als mittlere globale Erwärmung. Daten: Clem et al. 2020, Grafik: Carbon Brief

Als dominierenden Antriebsfaktor für die Erwärmung machen die Autoren der Studie, die in der Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht wurde, natürliche Klimaschwankungen verantwortlich, die mit dem Phänomen der «Interdekadischen Pazifischen Oszillation»  (IPO) zusammenhängen. Der IPO-Zyklus dauert etwa 15 bis 30 Jahre und wechselt zwischen einem «positiven» Zustand, in dem der tropische Pazifik wärmer und der nördliche Pazifik kälter ist als im Durchschnitt, und einem «negativen» Zustand, bei dem sich die Temperaturanomalie umkehrt. Der IPO ist zu Beginn des Jahrhunderts in einen «negativen» Zyklus gekippt, was zu stärkeren Stürmen im Weddellmeer geführt hat. Clem erklärt, dass so mehr warme und feuchte Luft in Richtung Südpol transportiert werden konnte.

Die Interdekadische Pazifische Oszillation verursacht in ihrem negativen Zyklus schwerere Stürme im Weddellmeer, wodurch verstärkt warme Luft ins Innere des Kontinents gelangt. Grafik: Clem et al. 2020

Wie groß der Einfluss des anthropogenen Klimawandels dabei ist, können die Forscher nicht mit Sicherheit sagen. «Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass der globale Klimawandel sehr wahrscheinlich eine Rolle gespielt hat, aber er war nicht der dominante Treiber», so Clem.

Die Forscher ließen die Klimamodelle mit verschiedenen Szenarien laufen, darunter eines ohne vom Menschen verursachte Treibhausgasemissionen. Demnach wäre die Erwärmung des Südpols in den letzten Jahrzehnten in einer Welt ohne Treibhausgasemissionen möglich gewesen — aber, laut Clem, nur gerade so.

«Die beobachtete Erwärmung des Südpols während der letzten 30 Jahre überstieg 99,9% aller möglichen 30-jährigen Temperaturtrends am Südpol, die in Klimamodellen ohne Einbeziehung der erhöhten Treibhausgase simuliert wurden. Während also natürliche Veränderungen hauptsächlich die jüngste Erwärmung des Südpols verursachten, scheint es sehr wahrscheinlich, dass sie mit einer vom Menschen verursachten Erwärmung einherging.»

Dr. Kyle Clem

Das Verständnis der Erwärmung am Südpol ist ein komplexes Thema, sagt Dr. Ella Gilbert, Klimawissenschaftlerin am British Antarctic Survey, die an der Studie nicht beteiligt war.

«Dies ist eine wirklich interessante Studie, weil sie zeigt, wie komplex die Ursachen der Erwärmungstendenzen in der Antarktis sind. Aus diesen Ergebnissen geht klar hervor, dass Fernverbindungen, die weit über die Antarktis hinausgehen … in hohem Maße zum regionalen Klima über dem Südpol beitragen, indem sie die Wärmemenge beeinflussen, die ins Landesinnere gelangen kann.»

Dr. Ella Gilbert

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass die Erwärmungsrate am Südpol sieben Mal höher war als auf dem gesamten Kontinent. «Der Erwärmungstrend am Südpol ist viel größer als an anderen Stationen, aber diese Studie zeigt, dass er nur deshalb größer ist, weil natürliche Faktoren das zugrunde liegende Signal des Klimawandels verstärken», fügt Gilbert hinzu.

Julia Hager, PolarJournal

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