Dunkle COVID-19-Wolken über der Antarktissaison | Polarjournal
In der letztjährigen Saison in der Antarktis landeten beinahe 55’000 Menschen auf antarktischem Boden. Die steigende Nachfrage lockte auch immer mehr Anbieter mit brandneuen Schiffen an, die den Gästen eine einzigartige Natur und Tierwelt präsentieren will. Doch ein kleines Virus hat die Situation komplett verändert. Bild: Michael Wenger

Die COVID-19-Pandemie hat den Tourismusmarkt weltweit heftig durchgeschüttelt. Auch der Polarreisen-Sektor wurde in diesem Sommer nicht von dem kleinen Virus verschont und liess den lukrativen Markt praktisch völlig zusammenbrechen. Lockdowns und nationale Einreisesperren zum Schutz der lokalen Bevölkerungen wurden erst nach Wochen und Monaten langsam wieder aufgehoben; zu spät aber, um den wirtschaftlichen Schaden zu verhindern. Nun steht der Saisonstart auf der Südhalbkugel vor der Tür und die das Virus wütet immer noch fast ungehindert in der Welt. Seinen Schatten hat es bereits auf den Antarktistourismus geworfen und erste Massnahmen und Entscheidungen sind getroffen worden, die zeigen, dass nichts wie früher sein wird in dieser Saison.

Während noch vor etwas mehr als vier Monaten die Stimmung in der Polarreise-Industrie einer Goldgräberstimmung ähnelte und die Touristen inmitten von Eisbergen und Pinguinen staunten und genossen, ist jetzt, vier Monate VOR dem Start der neuen Saison 2020-21 noch vieles offen. Denn die COVID-19-Pandemie ist bei weitem noch nicht ausgestanden, wie die immer noch steigenden Infektionszahlen zeigen. Zwar haben viele Länder ihre Schutzmassnahmen gelockert. Doch gerade in den für den antarktischen Tourismus wichtigen Ländern wütet das Virus immer noch. Die USA, die seit langem die grösste Zahl an antarktischen Touristen stellen, erreichen mit ihren Neuansteckungen traurige Rekordwerte und es scheint auch kein Ende in Sicht. Auch China, die Nummer 2, hat nach anfänglichen Erfolgen in der Bekämpfung des Virus wieder mit plötzlich auftretenden Infektionen zu kämpfen, zwar nur lokal oder regional, aber trotzdem steigend.

Maskentragpflicht ja oder nein? Abstand in den Flugzeugen ja oder nein?

Und in viele europäischen Ländern ist die Krise immer noch vorhanden und diejenigen Länder, die normalerweise als Startpunkt für die Antarktisreisen gelten (UK, Deutschland, Spanien), sind noch sehr wackelig mit regionalen Neuausbrüchen. Von der Luftfahrtindustrie, die eigentlich Antarktistouristen an die Eingangstore der Antarktis bringen sollen, kommen zwar die Einladungen, wieder zu fliegen, aber die Schutzkonzepte sind uneinheitlich und verunsichern eher als das sie beruhigen, gemäss einem Bericht der Washington Post. Maskentragpflicht ja oder nein? Abstand in den Flugzeugen ja oder nein? Wird überhaupt geflogen? Was geschieht bei einem neuerlichen Ausbruch?

Zwar sieht die COVID-Lage in Ushuaia etwas entspannter aus als in Buenos Aires, wo noch alles geschlossen ist. Doch internationale Gäste kommen praktisch alle über Argentiniens Hauptstadt oder Chile in die südlichste Stadt der Welt. Bild: Michael Wenger

Tore in die Antarktis noch immer geschlossen

Auch die Länder, die entweder als Tore in die Antarktis gelten, oder Sektoren in der Antarktis verwalten, sind in ihren Antworten und Massnahmen gegenüber der neuen Realität unterschiedlich weit. In Argentinien sind beispielsweise viele der Provinzen, darunter auch Tierra del Fuego mit Ushuaia, dabei, ihren Weg der Öffnung zu beschreiten. In Ushuaia wurden bereits seit mehr als einem Monat keine Neuinfektionen entdeckt. Doch die Hauptstadt Buenos Aires ist noch mindestens bis Mitte Juli komplett im Lockdown, da die Zahlen hier noch immer angestiegen waren. Ausländische Gäste werden noch nicht empfangen und ab wann das sein soll, hat die Regierung auch noch nicht bekanntgegeben.

In Chile ist die Situation nicht besonders berauschend. Neben den immer noch steigenden Infektionszahlen sind auch COVID-Unruhen in der Hauptstadt Santiago an der Tagesordnung.

Andere Länder wie Australien und Neuseeland, von wo aus Abfahrten in die Antarktis getätigt werden, haben ihre Grenzen für die meisten Auslandsgäste immer noch geschlossen. Australiens Premierminister Scott Morrison erklärte vor einigen Wochen, dass sein Land bis Anfang nächstes Jahr seine Grenzen geschlossen halten werde. Zwar sind Gespräche über eine «Tasmanische Blase» mit Neuseeland im Gange, bei der Touristen der jeweiligen Länder einschränkungsfrei reisen dürfen. Doch noch ist nichts endgültig. Auch Neuseeland hat seine Einreisebeschränkungen noch nicht gelockert. Gleichzeitig haben beide Länder bekanntgegeben, dass ihre Antarktisstationen keine Besuche von ausserhalb empfangen werden. Andere Länder haben ähnliches verlautbaren lassen.

Südgeorgien und die Falklandinseln, zwei der Highlights einer Antarktisreise haben bereits jetzt Massnahmen bekanntgegeben, wie ein Einschleppen des Virus in die kleinen Gemeinschaften verhindert werden sollen. Obwohl man den Einfluss auf das Erlebnis geringhalten will, sind die Massnahmen einschneidend. Bild: Michael Wenger

Die kommende Falkland Island Tourismussaison könnte „sehr hart und sehr spät, wenn überhaupt, sein“

MLA Mark Pollard, Falkland Islands

Auf der anderen Seite haben die Falklandinseln vor einigen Tagen erklärt, dass alle einreisenden Fluggäste aus dem Ausland in eine 14-tägige Quarantäne müssen und Schiffe nur anlaufen dürfen, wenn sie zuvor mindestens 10 Tage fern von jedem Hafen waren und keine Gäste an Bord haben, die Anzeichen einer Infektion zeigen. Der Abgeordnete Mark Pollard meinte in einem früheren Interview Ende Mai, dass nach seiner Meinung ein Start der Tourismussaison «sehr hart und sehr spät, wenn überhaupt, sein werde». Auch Südgeorgien hat seine Einreisebestimmungen an die neue Situation angepasst und diese bereits veröffentlicht. So müssen alle Schiffe vor dem Erreichen von Grytviken ein 3-teiliges Beurteilungsverfahren mit Gesundheitszertifikaten und Contact Tracing durchlaufen. Ausserdem sind Museum, Poststelle und King Edward Point für die Besucher geschlossen. Es soll aber einen «ferngesteuerten» Service für Postdienste und Souvenirs geben.

Die IAATO und seine Mitglieder bereiten sich auf eine komplett neue Antarktissaison vor und versuchen mit einer speziellen COVID-Taskforce so viele Informationen wie möglich zu sammeln, um geeignete Schutzmassnahmen ausarbeiten zu können. Denn der Schutz der Menschen und der Umwelt steht im Zentrum der Gesellschaft. Man hofft, bald erste Resultate vorstellen zu können. Bild: Michael Wenger

Tourbetreiber arbeiten an Massnahmen

Die Schiffsbetreiber und Touranbieter der Antarktisreisen sind gegenwärtig mit Hochdruck dabei, Schutzkonzepte und -massnahmen auszuarbeiten. Dazu wurde von der IAATO (International Association of Antarctic Tour Operators) eine Taskforce ins Leben gerufen. Viele Erfahrungen konnten bereits in der Arktissaison gesammelt werden und einzelne Massnahmen dürften auch in der kommenden Antarktissaison übernommen werden. Doch noch fehlt einiges an Informationen, da vieles auch von den einzelnen Ländern, insbesondere Argentinien und Chile abhängt. Doch bereits jetzt sind auch auf der Operatorseite einzelne Entscheidungen oder Massnahmen bekannt. So hat beispielsweise Polar Latitudes bekanntgegeben, auf diese Saison zu verzichten, da sie allfällige Schutzmassnahmen nicht in Einklang zur Qualität ihrer Reiseprodukte sehen und auch mit Massnahmen das Potential eines eventuellen Ausbruches an Bord nicht ausschliessen können. Auf der anderen Seite hat die niederländische Reederei Oceanwide Expeditions erste technische und konzeptionelle Schutzmassnahmen auf ihren Schiffen veröffentlicht. Auch Hurtigruten und Ponant haben erste Schutzkonzepte für ihre Schiffe vorgestellt. Doch wie sich diese in der Realität der Antarktis bewähren werden, ist noch unklar.

Auch für die Expeditionsteams und Schiffscrews, die am stärksten mit den Gästen an Bord in Kontakt stehen, ist die gegenwärtige Situation auch nicht einfach. Denn auf der einen Seite ist die Angst einer Infektion und den daraus resultierenden Konsequenzen noch allgegenwärtig. Gleichzeitig ist auch niemand daran interessiert, eine weitere Polarreisesaison zu verlieren und noch einmal eine derart grosse finanzielle Einbusse zu erleben. Deswegen schweben viele zwischen Hoffen und Bangen in einer Art Limbo. Sicher ist, dass die Saison 2020-21 eine neue Realität im Sektor Polarreisen sein wird und dass das Virus auch ohne direkten Kontakt mit Antarktika seinen Einfluss auf die weisse Wildnis ausüben wird

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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