Zackenberg 2.0 – Klimaforschungsstation vom Klimawandel bedroht | Polarjournal

Dr. Irene Quaile_Kersken, renommierte und ausgezeichnete Journalistin, Moderatorin, Bloggerin und Kennerin der polaren Regionen über eine Ironie des Schicksals: die Klimaforschungsstation Zackenberg ins Grönland wird selber Opfer der Veränderungen in der Arktis..

Die Forschungsstation Zackenberg mitten in Grönland. Bild: I. Quaile

Die dänische Forschungsstation Zackenberg im Nordosten Grönlands untersucht die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen in der Arktis. Nun haben aber die Veränderungen die Station ein- und überholt, genauso wie an anderen Orten in der Arktis.

In einer entlegenen Region Nordostgrönlands, in der hohen Arktis, bei 74° Nord, stehen einige blaue Gebäude, dazwischen weiße zeltähnliche Strukturen, oberhalb eines Flusses. Er fließt durch ein breites Tal zwischen grünen und braunen Hügeln, hier und da noch mit Schnee besprenkelt. Im arktischen Frühling, wenn die Schmelze in den Bergen anfängt, schwillt der Fluss an, nimmt mehr Raum ein. Seit fast 25 Jahren fliegt jeden Sommer eine kleine Gruppe ausgewählter Forscher der dänischen Aarhus Universität mit einigen internationalen Gästen hierher. Sie untersuchen das Ökosystem und wollen wissen, wie es sich mit dem Klimawandel verändert

Die Station Zackenberg ist mit einer Twin Otter-Maschine erreichbar. Bild: I. Quaile

Arktische Inventur

Zackenberg gehört zu einem internationalen Netzwerk von 86 Forschungsstationen in der Arktis und in alpinen Regionen. Mitten in einem Nationalpark gelegen zieht die kleine Sommerstation Forscher der unterschiedlichsten Disziplinen an, darunter Biologie, Geographie, Geologie, die Umweltwissenschaften oder Physik. Hier werden tausende unterschiedlicher Parameter beobachtet und gemessen.

Zackenberg ist eine Sommerstation. Bild: I. Quaile

2009 durfte ich im Rahmen meiner Recherchen für eine Radiofeatureserie zum Thema Klimawandel in der Arktis eine kleine Gruppe von 12 Forschern und Technikern begleiten. Sie maßen die Tiefe und die Fließgeschwindigkeit des Flusses, die Schneeschmelze, sammelten Insekten, zählten Nester, beringten Vögel. (Die ganze Geschichte ist im Ice Blog zu lesen). Während die letzten Spuren von Eis aus dem Fjord schwanden und der Frühling Blumen, Schmetterlinge – und die gefürchteten Stechmücken – aus der Winterruhe holte, zählten die Wissenschaftler Lemminge und Moschusochsen, hielten Ausschau nach Eisbären und maßen den Ausstoß von den Treibhausgasen Methan und CO2, die auch vom tauenden Boden freigesetzt werden und unser Klima maßgeblich beeinflussen.

Klimaforschung auf wackligem Boden

Unter der sumpfigen grünen Oberfläche ist der Boden gefroren. Ich begleitete eine Wissenschaftlerin, die die Tiefe der Permafrostschicht maß. Der Boden taut bis in größere Tiefen als früher auf.

In Zackenberg wird der Ausstoß von Treibhausgasen gemessen. (I.Quaile)

Jetzt, 2020,  in diesen außergewöhnlichen Zeiten, wo so viel Selbstverständliches in Frage gestellt scheint, las ich mit Erschrecken, dass diese einzigartige Forschungsbasis in der hohen Arktis in absehbarer Zeit buchstäblich ins Wasser fallen könnte, da die Permafrostlandschaft so stark abtaut, dass der Boden erodiert. Der Klimawandel, zu dessen Erforschung diese einzigartige Station gebaut wurde,  droht ihr zum Verhängnis zu werden.

Auf der Webseite der Universität Aarhus schrieb Michaela Louise Thulesen am 30. Juni dieses Jahres der Fluss habe sich 15 Meter näher an die Station bewegt, seit diese 1995 gebaut wurde. Sie zitierte den wissenschaftlichen Direktor der Station Professor Torben Rojle Christensen, der vom Anfang an mit der Basis involviert war.

“Zackenberg steht vor einigen Problemen, die unserer Meinung nach durch den Klimawandel verursacht wurden. Als die Station in den neunziger Jahren gebaut wurde, gingen wir davon aus, dass die Gebäude 50 Jahre dort stehen würden. Jetzt stellen wir schon fest, dass wir sie umsetzen oder neu bauen müssen, ganz einfach weil die drastischen Umweltveränderungen die Station gefährden. Hier haben wir konkrete Beweise dafür, wie schnell sich das Klima verändert.“

Forscher untersuchen den Fluss, wenn die Sommerschmelze einsetzt. Bild: I. Quaile

Ich setzte mich mit dem Professor in Verbindung, um weitere Informationen zu erhalten.

Corona und andere Unwägbarkeiten

“Vor einigen Wochen konnten wir Zackenberg für eine stark eingeschränkte Saison eröffnen. Durch die Coronasituation können wir nur ganz wenige Menschen unterbringen. Wir konzentrieren uns darauf, unsere langfristigen Datenserien aufrecht zu erhalten“, erklärte er mir.

Ich wollte wissen, was es genau mit der Gefahr für die Gebäude auf sich hat.

“Es gibt eine fortschreitende Erosion des Flussufers, die mit dem Abtauen des Permafrosts zu tun hat. Das Wasser rückt näher an einige Gebäude. Das ist der akute Grund zur Besorgnis. Im August lassen wir Georadar-Messungen für das ganze Stationsgebiet durchführen. Das hat Priorität“, schrieb er mir per Email.

„Je nachdem wie das ausgeht und wie die Verteilung des Eises in den Sedimenten aussieht, auf denen die Station gebaut ist, müssen wir unter Umständen die Umsetzung einiger Gebäude vornehmen. In der Zwischenzeit nutzen wir Kunststoffplanen, wie man es aus den Alpen und anderen Gebieten kennt, um die Geschwindigkeit des Abtauens von Gletschern zu verlangsamen“.

Nun habe ich in der Schweiz den Einsatz solcher Abdeckungen, um Gletscher von der Erwärmung durch die Sonnen zu schützen, gesehen. Dort habe ich aus erster Hand im Laufe der letzen 35 Jahren beim alpinen Bergwandern beobachten können, wie die Gletscher drastisch zurückgehen. Das dies aber selbst im abgelegenen Nordostgrönland notwendig geworden lässt bei mir die Alarmglocken noch schriller läuten.

Spiegelung. Bild: I.Quaile

Von der Geschwindigkeit des Klimawandels überholt

Zackenberg wurde 1995 von der dänischen Regierung gegründet. Nach der Veröffentlichung des ersten Bericht des Weltklimarats 1990 sollte die innovative Forschungsstation im Hinblick auf die wachsende Besorgnis über den Klimawandel das Ökosystem Nordostgrönlands in allen Facetten beobachten und dokumentieren – die Tundra, Flüsse, Seen und Gletscher. Unberührt von menschlichen Aktivitäten oder Besiedelung galt Zackenberg als idealer Standort. Grönland ist nicht nur als eigenständige Insel für die Forschung wichtig, sondern auch aufgrund seiner Bedeutung für das globale Klimageschehen.

Als ich 2009 die Station besuchte war Professor Morton Rasch der Koordinator. Er erklärte mir die „Vision“ der Gründer:

“Die Wissenschaftler wollten eine Forschungsstation in dieser Region der hohen Arktis in Nordostgrönland etablieren, um Basisdaten zu sammeln, um zu dokumentieren, wie ein Ökosystem in der hohen Arktis funktioniert im Jahr Null, bevor der Klimawandel einsetzte. Sie dachten, sie hätten noch 50 Jahre Zeit“.

Bereits 2009 war Rasch aber sicher, dass der Klimawandel in Zackenberg bereits klar ersichtlich war.

Moschusochsen zu Hause in der Arktis, am Flussufer bei Zackenberg. Bild: I. Quaile

Nicht nur in lokales Problem

Die Bedrohung für die Station in Zackenberg ist nur ein Beispiel eines durch den Klimawandel verursachten Problems, das ungeahnte Ausmaße annehmen könnte, da die Treibhausgaskonzentration weiterhin ansteigt und die globale Erwärmung droht, weit über das als „relativ sicher“ angesehene 1,5 Grad C. Ziel hinauszuschießen.

Während eines Besuchs in Kangerlussuaq in Grönland vor einigen Jahren hörte ich, dass der Boden unter machen Gebäuden künstlich gekühlt werden musste, damit sie durch den tauenden Permafrost nicht einsackten.

Die Rollbahn des Flughafens, der für internationale Flüge und wissenschaftliche Expeditionen zum Eisschild eine wesentliche Funktion einnimmt, ist ebenfalls bedroht und wird keine lange Lebensdauer mehr haben.

US Sondermaschinen, die auch auf Skiern landen können, transportieren Wissenschaftler und ihre Ausrüstung von Kangerlussuaq zum Eisschild. Bild: I.Quaile

Der weltberühmte Saatguttresor auf der arktischen Insel Svalbard, Spitzbergen, den ich vor einigen Jahren besichtigen durfte, hat ebenfalls Schäden durch abtauenden Permafrost erlitten.

In diesen Tagen lenkte die Ölkatastrophe in Sibirien die internationale Aufmerksamkeit auf die lauernde Gefahr des abtauenden Permafrosts für Ölinstallationen und andere technische Infrastruktur vor allem in der russischen Arktis.

Brände auf Eis

Während in weiten Teilen der Arktis in diesem Jahr Rekordtemperaturen gemessen wurden, wie in meinem letzten Blogartikel berichtet, toben Wildbrände zurzeit selbst in Permafrostregionen .

 „Permafrost“ wird man unter Umständen in der nicht allzufernen Zukunft umbenennen müssen. Auf jeden Fall wird es wesentlich weniger Regionen geben, die wirklich „permanent“ gefroren sind.

Stationschef Professor Christensen betonte in seiner Email dass die Arbeit auf der Forschungsstation trotz des Erosionsproblems weitergehen wird.

„Wir planen KEINESWEGS die Station aufzugeben. Im Gegenteil planen wir jetzt den weiteren Betrieb für die nächsten 25 Jahre und länger. Gleichzeitig suchen wir nach Möglichkeiten, die Operation der Station umweltfreundlicher zu gestalten. Das heißt die Planung, um die Probleme zu lösen, die der Klimawandel physisch für die Grundmauern unsere Station verursacht, geht Hand in Hand mit Bemühungen, unseren CO2 Fußabdruck zu reduzieren und die Station auf eine grünere Art und Weise zu betreiben“, schreibt er.

Also Adaption – und Mitigation. Die Realität des Klimawandels auf dem ganzen Globus.

Mehr dazu in einem zukünftigen Artikel im Ice Blog.

Noch blüht der Arktische Mohn nahe Zackenberg, Grönland. Bild: I. Quaile

Zur Autorin:

Die mehrfach ausgezeichnete schottische Journalistin Irene Quaile-Kersken beschäftigt sich mit dem Klimawandel in den Polargebieten und den Auswirkungen auf den Rest der Erde. 2007 besuchte sie im Rahmen eines internationalen Radioprojekts die deutsche-französische Arktisforschungsstation auf Spitzbergen. Fasziniert vom weißen Norden, ließ sie das Thema Arktis und die Bedrohung des zerbrechlichen Ökosystems nicht mehr los. Während einer Reportagereise in Alaska 2008 entstand ihr Ice Blog, zunächst auf der Webseite der Deutschen Welle, heute als eigenständiges Projekt unter www.iceblog.org. Weitere Reisen führten die passionierte Naturliebhaberin immer wieder zurück in die Arktis, auch nach Island, Grönland und auf Forschungsschiffen durch das Nordpolarmeer.

Link zum Blog von Dr. Irene Quaile-Kersken:

Aktueller Blog: https://iceblog.org/

Ältere Blogs: http://blogs.dw.com/ice/

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