«Polarstern» erreicht den Nordpol | Polarjournal
Manchmal führt der kürzeste Weg über den Nordpol: die «Polarstern» überfährt auf der Suche nach einer neuen MOSAiC-Eisscholle ohne Schwierigkeiten den nördlichsten Punkt der Erde. Foto: Steffen Graupner

Am 19. August 2020 um 12:45 Uhr erreichte der deutsche Forschungseisbrecher «Polarstern» den Nordpol. Dabei hat das Schiff eine Route nördlich Grönlands genommen – durch ein Seegebiet, das in der Vergangenheit von dichter Bedeckung mit teilweise mehrjährigem Eis geprägt war. Die Reise von der nördlichen Framstraße bis zum Pol hat lediglich sechs Tage gedauert. Zur Feier des Anlasses versammelten sich viele Expeditionsteilnehmer auf der Brücke, starrten gebannt auf die Positionsmonitore und feierten gemeinsam das Erreichen des Pols.

Das gesamte Expeditionsteam war eingeladen, das Erreichen des Nordpols auf der Brücke der «Polarstern» zu erleben. Foto: Lianna Nixon

In diesem Jahr zeigten Satellitenaufnahmen, dass die Eisbedeckung bis jenseits von 87° Nord überraschend locker war. So entschieden MOSAiC-Expeditionsleiter Prof. Markus Rex und Polarstern-Kapitän Thomas Wunderlich, von der Position der letzten Versorgung in der nördlichen Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen direkt nach Norden zu fahren. «Wir sind größtenteils im offenen Wasser bis 87°30’ Nord gelangt, oft mit Wasserflächen bis zum Horizont», beschreibt Prof. Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung die Situation. «Wir waren uns aufgrund der Satellitenbilder zunächst nicht sicher, ob die lockere Eisbedeckung auf Winde und Strömungen zurückzuführen ist und hatten die Befürchtung, ein Wetterwechsel könnte das Eis wieder zusammenschieben. Das hätte bedeutet, dass wir wie in einer zugeschnappten Mausefalle im Eis eingeschlossen gewesen wären», berichtet der MOSAiC-Expeditionsleiter, der den Nordpol bereits im Jahr 2000 schon einmal mit einem Forschungsflugzeug erreicht hatte. Vor Ort stellte sich jedoch heraus, dass das Meereis tatsächlich großflächig geschmolzen ist, und nicht nur vom Wind auseinander geschoben wurde. Dies ist ein weiteres besonderes Phänomen, dass während MOSAiC beobachtet und erforscht werden konnte, nach dem im Juli schon stark beschleunigte Eisschmelzraten im sibirischen Sektor auftraten.

Am Nordpol erwartet man eigentlich dickes, mehrjähriges Meereis. In diesem Jahr sind die Temperaturen jedoch so hoch, dass die Eisschollen sehr weich und mit Schmelzwassertümpeln übersäht sind. Foto: Folke Mehrtens

Für die letzte Phase von MOSAiC nehmen die Expeditionsteilnehmer die Gefrierphase in den Fokus. Es ist das letzte Puzzlestück, welches ihnen in der Beobachtung des gesamten Jahreszyklus des Eises der Arktis noch fehlt. Nachdem die MOSAiC-Scholle im Juli wie erwartet nahe der Eiskante in der Framstraße auseinander gebrochen ist, sind sie für diese letzte Phase weit nach Norden vorgestoßen, wo die Gefrierphase bald beginnt.

«Sogar nördlich von 88° Nord sind wir meist mit 5-7 Knoten unterwegs, das habe ich soweit im Norden noch nicht erlebt»

Kapitän Thomas Wunderlich

«Ich bin sehr erstaunt, wie weich und leicht durchfahrbar das Eis dieses Jahr bis 88° Nord angetaut ist und dementsprechend weich und löchrig», berichtet Kapitän Thomas Wunderlich. «Sogar nördlich von 88° Nord sind wir meist mit 5-7 Knoten unterwegs, das habe ich soweit im Norden noch nicht erlebt», sagt der Polarstern-Kapitän. «Die Situation ist für diese Region historisch. Normalerweise hält man sich aus der Region nördlich von Grönland besser fern, weil hier das dickere und ältere Eis liegt und kaum ein Durchkommen ist. Jetzt finden wir hier erstmals ausgedehnte Flächen offenen Wassers fast bis zum Pol vor», ordnet Thomas Wunderlich ein.

Um 12:45 Uhr Uhr am 19.  August war es dann so weit: Über die Bordlautsprecher wurden alle eingeladen, auf die Brücke zu kommen, um gemeinsam das Erreichen des Pols zu erleben. 

Expeditionsleiter Markus Rex und Kapitän Thomas Wunderlich mit der speziell für das Erreichen des Nordpols angefertigten Stahltafel. Foto: Lianna Nixon

Die Festlegung der Route erfolgte auf Basis von Eiskarten und war so ausgewählt, dass sie den schnellsten Zugang zur Zielregion des abschließenden MOSAiC-Abschnitts im Zentrum der Transpolardrift erlaubt. Eventuell wird sich die Polarstern vom Pol aus in Richtung Sibirien treiben lassen, bis sie etwa 87° Nord erreicht. «Je nach Eisbedingungen, werden wir jedoch auch bereits im Bereich des Nordpols nach einer geeigneten Scholle suchen, um die Arbeit auf dem Eis möglichst frühzeitig zu beginnen», erläutert Markus Rex. Im Fokus der Forscher stehen der Beginn des Frierens und die frühe Phase der Eisbildung. Diese Prozesse sollen an einer Eisscholle studiert werden, die der ursprünglichen MOSAiC-Scholle möglichst ähnlich ist.

Die Freude über das Erreichen des Nordpols ist groß bei der MOSAiC-Crew. Foto: Lianna Nixon

Quelle: Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

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