Fataler Eisbärenangriff auf Campingplatz | Polarjournal

UPDATE: Die Sysselmannen haben erklärt, dass der Eisbär, der für den Tod von Johan Jacobus Kotte verantwortlich ist, identifiziert worden ist. Es handelt sich um ein dreijähriges Männchen, welches bereits Tage zuvor in der Nähe von Longyearbyen aufgetaucht und wieder vertrieben worden war. Jon Aars, ein Spezialist des Norwegischen Polarinstitutes, bestätigte die Identifikation.

UPDATE: Wie wir soeben erfahren haben, handelt es sich beim Opfer um den Manager des Campingplatzes, den 38-jährigen Johan Jacobus Kotte, ein Niederländer. Er hatte erst Anfang Juli die Stelle kurzfristig übernommen, nachdem klar war, dass die Lockdownmassnahmen in Longyearbyen wieder aufgehoben werden. Kotte hatte schon vor zwei Jahren den Campingplatz geleitet. Gemäss Angaben der Sysselmannen wurde der Manager in der Nacht vom Eisbären in seinem Zelt überrascht worden und tödlich verletzt.

Der Campingplatz von Longyearbyen liegt 300 m unterhalb des Flughafens. Bei vielen Menschen ist der Platz beliebt, da er sehr schön fast direkt am Wasser liegt und auch über eine gute Infrastruktur verfügt. Noch nie zuvor hatte der Platz Besuch von einem Eisbären. Bild: Julia Hager

In Longyearbyen auf Svalbard haben die Menschen mit der Tatsache, dass sie sich in Eisbärengebiet befinden, leben gelernt. Zahlreiche Massnahmen sollen dafür sorgen, dass ein Aufeinandertreffen von Menschen und Bären nicht stattfinden sollte oder es zumindest keine Opfer geben sollte. Doch wie überall, existiert auch hier keine hundertprozentige Garantie auf Erfolg. Diese traurige Erfahrung machte man einmal mehr am frühen Freitagmorgen, als ein Eisbär überraschend auf dem lokalen Campingplatz auftauchte und einen Mann angriff und tödlich verletzte.

Nach einem ersten Bericht der Sysselmannen, der örtlichen Verwaltung, ging um 03.50 bei der Polizei ein Anruf ein, dass ein Eisbär auf den Campingplatz gelangt war und einen Mann verletzt habe. Die alarmierten Bewohner des Platzes hatten darauf auf den Bären geschossen und ihn verletzt in Richtung Flughafen vertrieben. Dort erlag das Tier seiner Schusswunde. Die Polizei und ein herbeigerufener Krankenwagen konnten zwischenzeitlich nur noch den Tod des verletzten Mannes feststellen. Polizisten, die den Ort untersuchten, fanden den toten Bären auf dem Parkplatz, rund 300 Meter vom Campingplatz entfernt. Die weiteren sechs Menschen auf dem Platz wurden zwar nicht verletzt, doch sie wurden ins Krankenhaus gebracht, wo sie von Fachpersonen psychologisch betreut worden sind. Mittlerweile seien sie in ein Hotel in Longyearbyen gebracht worden. Über die Identität des Toten machten die Behörden bisher keine Angaben, lediglich, dass es sich um einen ausländischen Staatsbürger handle. Weitere Ermittlungen sind im Gange.

«In den 44 Jahren seit der Gründung des Campingplatzes haben wir noch nie etwas derartiges erlebt und sind selbst in einem Schockzustand.»

Mitteilung Longyearbyen Camping

Der Campingplatzbetreiber und die Sysselmannen haben darum gebeten, den Platz nicht zu besuchen. In einer ersten Reaktion schreibt die Betreiberin auf der Webseite, wie schockiert und traurig sie über den Vorfall und den Verlust eines Menschenlebens ist. «In den 44 Jahren seit der Gründung des Campingplatzes haben wir noch nie etwas derartiges erlebt und sind selbst in einem Schockzustand. Wir drücken unser tiefstes Beileid der Familie und den Lieben des Verstorbenen aus.»

Eisbären sind sehr neugierige, aber auch eigentlich vorsichtige Tiere. Auf der Suche nach Futter im Sommer nähern sie sich dann auch häufiger menschlichen Behausungen oder Orten, auch auf Svalbard. Gerade erst hatte Longyearbyen mehrere erwachsene und einen jungen Bären nahe am Ort. Bild: Michael Wenger

Gemäss den Angaben der Sysselmannen wird der Bär nun einer Autopsie unterzogen, um den Zustand des Tieres festzustellen. Es ist auch nicht klar, woher der Eisbär auf den Campingplatz gekommen war. In den vergangenen Tagen waren im Adventdalen und auf der Longyearbyen gegenüberliegenden Seite bei Hiorthhamm mehrere Eisbären gesichtet worden. Dabei wurden ein Muttertier mit ihrem Jungen betäubt und in den Norden des Isfjorden transportiert worden. Schon früher dieses Jahr wurden nahe bei Longyearbyen einzelne Eisbären gesichtet. Die neugierigen Tiere wurden aber von der Siedlung vertrieben. Ein weiterer, etwas aufdringlicherer Bär war vor ein paar Wochen bei der Station Isfjord Radio und bei der Trapperstation Farmhamna mehrfach aufgetaucht und liess sich nur sehr mühevoll vertreiben. Generell sind Eisbären sehr neugierig, aber auch vorsichtig, nicht verletzt zu werden. Doch offensichtlich gilt das nicht für alle Bären.

Die Ortschaft von Longyearbyen ist eine Sicherheitszone, die potentiell als Eisbären-frei und damit auch sicher für die Bewegung ohne Bewaffnung ist. Der Campingplatz und der Flughafen gehören zwar nicht dazu, werden jedoch aufgrund der Lage und des Verkehrs als relativ sicher betrachtet. Bild: Visit_Svalbard

Der Campingplatz von Longyearbyen ist seit 1976 in Betrieb und hatte in seiner ganzen Geschichte bisher keine Probleme mit Eisbären. Dank seiner Lage, rund 300 vom Flughafen entfernt, nahe an der Hauptstrasse und auf offenem Gelände ist er bisher als eigentlich eisbärensicher betrachtet worden. Bei Menschen aus aller Welt ist er sehr beliebt, da er eine kostengünstige, aber qualitativ hochstehende Übernachtungsmöglichkeit bietet. Hier lassen sich auch Vögel und manchmal Belugas vom Strand aus beobachten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte man an derselben Stelle das erste Hotel in Longyearbyen bauen lassen.

Zwar kommen immer wieder Zwischenfälle auf Svalbard vor, in die Mensch und Eisbär involviert sind, vor. Doch meistens lassen sich die Bären vertreiben, bevor es zu Schlimmerem kommt. Leider aber sind bei den restlichen Fällen die Bären in der Regel diejenigen mit dem schlechteren Ende. Todesfälle bei Menschen sind selten. Bild: Michael Wenger

Im vergangenen Winter wurde ein Eisbär in Longyearbyen erschossen, als er auf der Strasse mitten im Ort entdeckt worden war und sich nicht vertreiben liess. Im Sommer davor hatte ein Eisbär eine Gruppe Camper im Osten vom Isfjorden überrascht und das Camp verwüstet, ohne aber jemanden zu verletzen.  Im Sommer 2018 hatte ein Eisbär auf der Insel Phippsøya einen Guide der Firma Hapag Lloyd angegriffen und verletzt, als dieser trotz Warnungen anderer Schiffe an Land gegangen war. Eisbärenwächter erschossen das Tier. Im Frühling 2015 war ein Eisbär in ein schlecht gesichertes Zeltlager von Touristen gelangt und hatte einen Mann verletzt, bevor er selber von einem anderen Touristen erschossen wurde. Der letzte Todesfall eines Menschen auf Svalbard aufgrund eines Eisbären datiert aus dem Jahr 2011, als eine Schulgruppe bei einem Campingausflug von einem Eisbären überrascht worden war und dieser einen Jungen tödlich verletzt hatte, bevor er selber erschossen worden war.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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