Weiteres zum Eisbärenangriff auf Svalbard | Polarjournal

Bemerkung: Aufgrund der laufenden Ermittlungen, zur Vermeidung von Sensationshascherei und aus Rücksicht auf die Gefühle der betroffenen Personen, haben wir darauf verzichtet, Bilder vom Unfallort oder der Opfer (Mensch und Eisbär) zu veröffentlichen. Sämtliche Bilder sind Archivmaterial.

Longyearbyen und auch die polare Gemeinde stehen immer noch unter Schock nach dem Unglück auf dem Campingplatz (hinten im Bild) von Longyearbyen, bei dem der Platzmanager Johan „Job“ Kotte sein Leben verloren hat. Bild: Michael Wenger

Der tragische Unfall am vergangenen Freitagmorgen auf dem Campingplatz bei Longyearbyen, bei dem ein Mann tödlich verletzt und ein Eisbär erschossen worden waren, hat für grosse Bestürzung in der Gemeinde und rund um den Globus gesorgt. Die Ermittlungen zu dem Fall sind zwar noch am Laufen, doch über den Ablauf und den Eisbären sind mittlerweile weitere Details bekannt geworden. Ausserdem kursieren im Netz bereits Fragen, wie es zu dem Unfall gekommen sei. Deswegen veröffentlichen wir hier nochmals den gegenwärtigen Stand der Dinge.

Der Eisbär, der am vergangenen Freitagmorgen früh auf den Campingplatz bei Longyearbyen kam, war ein 3-jähriges Männchen, welches noch ein paar Tage zuvor auf der anderen Seite des Adventfjords bei Hiorthhamn gesichtet und vertrieben worden war. Das Tier war nach Angaben von Experten ein Sohn einer Bärin, die noch am Montag mit ihrem neuen Jungtier ebenfalls auf der Longyearbyen gegenüberliegenden Seite aufgetaucht war. Die beiden wurden von den Behörden betäubt und unter strengen Kontrollen in den Norden des Isfjorden geflogen. Die 15-jährige Eisbärin war keine Unbekannte, gemäss einer Quelle aus Longyearbyen. Sie war die „Hauptdarstellerin“ in „Auf Wiedersehen, Eisbär“ von Asgeir Helgestad aus dem Jahr 2018, ein mehrfach ausgezeichneter Dokumentarfilm.

Eisbärenmütter sind sehr fürsorgliche und vorsichtige Mütter, die ihre Jungen meistens von potentiellen Gefahren fernhalten. Doch nach rund 2 -2.5 Jahren enden die mütterlichen Instinkte und die Jungtiere sind auf sich alleingestellt. Bild: Michael Wenger

Der Nachwuchs der Bärin scheint in der Vergangenheit wenig Glück mit Menschen gehabt zu haben. Im Jahr 2014 starb ein Jungtier von ihr, nachdem es zusammen mit seiner Mutter betäubt und untersucht worden war. Das zweite Tier aus diesem Wurf war der Jungbär, der 2015 von einem tschechischen Touristen angeschossen worden war, nachdem er in deren schlecht gesichertes Camp im Tempelfjord eingedrungen und einen Mann in seinem Zelt verletzt hatte. Die Behörden mussten das schwerverletzte Tier danach erschiessen.

COVID-19-Lockdown verhinderte geplanten Elektrozaun

Der Campingplatz von Longyearbyen liegt rund 1 Kilometer vom Ortsrand von Longyearbyen entfernt, direkt unterhalb des Flughafenparkplatzes. Von welcher Seite der Bär auf den Platz gekommen war, wird zurzeit abgeklärt. Jedoch ist der Campingplatz eigentlich nur von drei Seiten aus zugänglich. Die Kohleverladestation liegt in unmittelbarer Nähe des Platzes und von der Hauptstrasse zum Flughafen führt ein Weg zum Platz. Der Platz selbst ist eine grosse offene Fläche mit einem grossen Haus und mit direktem Blick auf den Fjord und weiter zum Ausgang des Adventfjordes. Die Gefahr durch Eisbären wurde nicht auf die leichte Schulter genommen. Aber de facto galt der Campingplatz aufgrund seiner Lage im Sommer als ein sicherer Ort. Trotzdem wurden alle Gäste des Platzes aufmerksam gemacht, gewisse Massnahmen zu ergreifen und beispielsweise keine Essensreste rumliegen zu lassen (eine Küche und Essplätze sind im Haus des Platzes). Jedoch waren das Tragen von Schusswaffen und das eigene Erstellen von Schutzzäunen aufgrund des Risikos von Selbstverletzungen zu gross. Eisbärenwachen und Hunde hatten in der Vergangenheit für eine Überwachung gesorgt. Doch aufgrund der steigenden Zahl an Eisbärenbesuche rund um Longyearbyen hatte auch die Besitzerin geplant, einen Elektrozaun rund um den Platz zu erstellen, wie sie Svalbardposten in einem Interview mitteilte. Aber der Lockdown Svalbards verhinderte den Bau und bis Juli war der Platz komplett verweist. Das Material war zwar da, aber es fehlten die Hände aufgrund der Massnahmen, den Bau durchzuführen.

Kurzfristiges Engagement des Platzmanagers nach Lockdown

Nachdem Johan Kotte, von allen «Job» genannt, sich kurzfristig nach 2018 wieder als Manager zur Verfügung stellte, konnte man zumindest die Grundfunktionen des Platzes sicherstellen, inklusive Hunde und Wachmaterial. „Job“ hatte das volle Vertrauen der Besitzerin und ging seine Stelle mit Enthusiasmus an. Er wurde von den Gästen geschätzt durch seine ruhige und freundliche Art. Ab dem 20 Juli trudelten die ersten Gäste ein. Im Vergleich zu anderen Jahren blieb die Zahl der Gäste zwar bescheiden, aber trotzdem wurde der Betrieb mit derselben Sorgfalt geführt wie sonst auch. Zum Zeitpunkt des Vorfalls waren neben Job noch 6 weitere Leute aus verschiedenen Ländern auf dem Platz. Keine dieser Personen wurden verletzt, doch der Schock sitzt tief. Experten vor Ort kümmern sich um sie und helfen, die Geschehnisse zu verarbeiten.

Keine 3’000 Bären auf Svalbard

Die genaue Zahl von Eisbären auf Svalbard ist nicht bekannt. Man geht jedoch davon aus, dass nicht mehr als 10 Prozent der gesamten Barentspopulation, die rund 3’000 Tiere umfassen dürfte, auf Svalbard zu finden sind. Bild: Michael Wenger

Die Sysselmannen haben nach dem Vorfall erneut darauf hingewiesen, dass Svalbard Eisbärenland ist und dass die Sicherheit vorgeht. «Eisbären sind überall auf Svalbard zu finden und das ganze Jahr hindurch», sagt Sølvi Elvedahl, Assistenzgouverneurin. Doch entgegen landläufiger Meinung leben nicht tausende von Eisbären auf Svalbard. Die Zahl von rund 3’000 Tieren bezieht sich auf die gesamte Barentspopulation und verteilt sich auf ein Gebiet von Svalbard bis Nowaja Semlja. Auf Svalbard selbst sind, nach den Ergebnissen des Experten, nur rund 270 – 300 Tiere vorhanden, weitere knapp 750 im Norden des Archipels auf dem Eis und der Rest auf der russischen Seite. Doch Eisbären wandern im Sommer weite Strecken auf der Suche nach Nahrung. Und dieses Jahr hat sich das Eis besonders weit nach Norden zurückgezogen, was zu einem Problem besonders für die Eisbärenmütter mit ihren Jungtieren führt. Auch junge Tiere, die erst entwöhnt wurden und sich selber durchschlagen müssen, sind häufig noch an Land. Und bei ihren Wanderungen kommen sie beinahe unweigerlich auch in die Nähe von den wenigen Siedlungen auf Svalbard und damit in ein potentielles Konfliktgebiet.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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