Rivalitäten um Bestäuber unter arktischen Pflanzen | Polarjournal
Die Silberwurz (Dryas octopetala) reckt ihre großen weißen Blüten mit der Ladung Nektar gen Himmel — die bestäubenden Insekten nehmen die Einladung gern an. Foto: Julia Hager

Wie in anderen Regionen sind auch die Pflanzen der Arktis auf Insekten als Bestäuber angewiesen. Bienen oder Hummeln gibt es jedoch kaum in den arktischen Polargebieten und so übernehmen vor allem Fliegen die Bestäubungsleistung. Die Konkurrenz um sie ist besonders groß, wenn viele Pflanzenarten gleichzeitig blühen.  Forscher der Universität Helsinki fanden heraus, dass die durch den Klimawandel bedingten höheren Temperaturen zu einem immer stärkeren Überlappen von Blütezeiten verschiedener Pflanzenarten führt.

Der arktische Sommer ist kurz und muss von seinen Bewohnern optimal genutzt werden. Unter den Pflanzen schreitet die Blüte daher rasch voran, um schnell die geflügelten Bestäuber anzulocken. Weniger als drei Wochen dauert die Hauptblütezeit im Untersuchungsgebiet der aktuellen Studie, im Zackenberg-Tal im Nordosten Grönlands. 

«Die meisten blühenden Pflanzen sind auf die Bestäubungsleistungen von Insekten angewiesen. Daher müssen die Pflanzen ihre Blüte auf Perioden mit maximaler Bestäuberhäufigkeit ausrichten. Auf der anderen Seite konkurrieren die Pflanzenarten miteinander um die Bestäubung. Daher können gleichzeitig blühende Pflanzenarten den Bestäubungserfolg der jeweils anderen beeinflussen. Die Temperatur ist eine der wichtigsten umweltbedingten Determinanten des Blühbeginns. Wenn sich das Klima erwärmt, ändern die Pflanzenarten ihre Blütezeiten und damit ihre Konkurrenz um die Bestäuber», erklärt Mikko Tiusanen, Forscher an der Land- und Forstwirtschaftlichen Fakultät der Universität Helsinki und leitender Wissenschaftler der Studie, die vor wenigen Tagen in der Fachzeitschrift Global Change Biology erschien.

Das Stängellose Leimkraut (Silene acaulis) hat es trotz der auffälligen Farbe mit seinen kleinen Blüten schwer, Insekten für sich zu interessieren, wenn gleichzeitig auch die Silberwurz blüht. Foto: Julia Hager

Arktische Insekten fliegen auf Silberwurz
In Nordostgrönland schreitet die Erwärmung doppelt so schnell voran wie im globalen Durchschnitt, weshalb die Forscher die Beziehung zwischen Pflanzen und ihren Bestäubern genau dort untersuchten. «Die häufigste Blütenpflanze in dieser Region ist die Silberwurz, eine weit verbreitete und reichlich blühende Art. Die Form ihrer Blüte ist ein offenes, weisses Körbchen voller Nektar, das für alle Bestäuber in der Umgebung unwiderstehlich attraktiv ist. In unseren Vergleichen wurde festgestellt, dass die Silberwurz viel mehr Besucher anzieht als andere Pflanzenarten. Während der Blütezeit monopolisiert sie somit die Bestäubungsleistungen der Insekten auf Kosten anderer blühender Pflanzen», so Tiusanen.

Die Wissenschaftler untersuchten den Zeitpunkt der Blüte verschiedener Pflanzenarten unter unterschiedlichen Umweltbedingungen und stellten fest, dass höhere Temperaturen zur Verkürzung der Blütezeit führen. Insbesondere die Blüte des Stängellosen Leimkrauts (Silene acaulis) setzte im Vergleich zur Silberwurz (Dryas integrifolia x octopetala) früher ein. Diese Verschiebung resultiert in einer größeren Überlappung der ökologischen Nischen und wirkt sich auf die Konkurrenz zwischen den beiden Arten aus: Je mehr Silberwurz blühen, umso weniger Insekten tragen den Pollen des Stängellosen Leimkrauts. Die globale Erwärmung kann somit die Überlebenschancen der Art auf lange Sicht beeinträchtigen. Dies ist wahrscheinlich eine besondere Bedrohung für seltene Pflanzenarten sowie für Blütenarten, die für Insekten weniger attraktiv sind, spekulieren Wissenschaftler.

Für arktische Fliegen ist der Anblick einer Silberwurz-Blüte unwiderstehlich und für ein bisschen Nektar helfen sie gern bei der Vermehrung. Foto: Julia Hager

«Für mich stellt die Arktis ein planetarisches Forschungslabor für Studien zum Klimawandel dar», sagt Tomas Roslin, Direktor der gemeinsamen Forschungsgruppe der Universität Helsinki und der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften (SLU). «Das Klima in dieser Region verändert sich jetzt doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Das bedeutet, dass das, was heute in der Arktis geschieht, später auch im Rest der Welt eintreten kann. Gleichzeitig erlaubt uns der relativ geringe Artenreichtum in der Arktis, ihre Wechselwirkungen im Detail aufzulösen. Aber wissenschaftliche Gründe sind nur die Hälfte der Attraktivität der Arktis. Nordostgrönland ist eines der schönsten Gebiete der Welt und gleichzeitig eines der größten unbewohnten Gebiete der Welt. Wenn man hier Insekten studiert, trifft man vielleicht sogar auf einen Eisbären. Eine solche Kombination hält die Forscher wach und munter.»

Julia Hager, PolarJournal

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