Europäische Investitionen für russisches Gasprojekt in der Arktis | Polarjournal
Im Golf von Ob sollen, nahe der Halbinsel Gyda soll ab 2023 das neue Erdgasfeld Utrenneye angezapft werden und ab 2026 20 Millionen Tonnen flüssiges Erdgas pro Jahr liefern. Dabei soll das Gas in die ganze Welt verschifft werden, vor allem nach Asien. Bild: Novatek

Das riesige «Arctic LNG 2» des russischen Erdgasproduzenten Novatek ist ein Prestigeprojekt in Sachen Erdgasförderung. Seit 2018 sind auf der Gyda-Halbinsel in der Region Yamal-Nenets die Arbeiten für das Mammutprojekt im Gange. Doch die endgültigen Finanzierungspläne wurden erst letztes Jahr genehmigt, nachdem sich der russische Staat zurückgezogen hatte. Nun haben mehrere Exportkreditagenturen aus Frankreich, Deutschland und Japan Interesse an einer finanziellen Unterstützung gezeigt, wobei die entsprechenden Regierungen Bürgschaften für die Kreditvergaben übernehmen würden. Die ganze Sache birgt aber einige brisante Punkte, sowohl politisch wie auch ökologisch.

Wie Reuters berichtet, sind neben der russischen Sberbank auch die japanische Bank für internationale Zusammenarbeit (JBIC) und Exportkreditagenturen aus Frankreich, Deutschland und Italien an dem Projekt «stark interessiert». Da Novatek keine staatliche Firma ist, fallen die Investitionen nicht unter die Sanktionen, die seit 2014 von der EU über Russland verhängt worden waren. Die Grösse der Investitionen variieren: Während die Japaner rund US$ 2.5 Milliarden in Form einer Absicherung gewähren würden, wären es bei der italienischen SACE rund US$ 1 Milliarde, bei der französischen Bpifrance rund US$ 700 Millionen, bei der deutschen Euler Hermes US$300 Millionen und der chinesischen China Development Bank rund US$ 5 Milliarden. Diese Finanzinstitute sichern die Kosten des Novatek-Projektes in der Regel im Auftrag der jeweiligen Regierungen über Bürgschaften ab und können so die eigenen Firmen, die dann am Projekt beteiligt wären, stützen.

Neben der russischen Novatek sind auch der französische Konzern Total und chinesische und japanische Energiekonzerne am «Arctic LNG 2»-Projekt beteiligt. Firmen aus weiteren Ländern sollen Technologien und Materialien zur Förderung und Verflüssigung des Erdgases und Transportinfrastruktur liefern. Bild: Novatek, via Total

Brisant an der ganzen Sache sind mehrere politische wie auch ökologische Punkte. Zum einen sind die Beziehungen zwischen Russland und den europäischen Staaten nach der Vergiftung des Kreml-Kritikers und Oppositionspolitiker Alexander Nawalny noch weiter angespannt. Auch das Tauziehen um die Ostseepipeline «Nord Stream 2», ein weiteres Energiegrossprojekt Russlands hat die Beziehungen zwischen Europa und Russland belastet. Dass nun gewisse europäische Staaten darüber nachdenken, ein anderes Grossprojekt zu finanzieren, mutet durchaus merkwürdig an.

Ein weiterer Aspekt, der die mögliche Beteiligung in ein schiefes Licht rückt, ist ökologischer Natur. Die 2018 von der EU deklarierten Klimaziele sehen eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 40 Prozent vor bis 2030 und eine klimaneutrale Wirtschaft bis 2050. Diese ambitionierten Ziele stehen aber im Widerspruch zur Überlegung, ein Grossprojekt wie das «Arctic LNG 2» finanziell zu unterstützen. Denn von den geplanten 20 Millionen Tonnen flüssigem Erdgas, die bei voller Kapazitätsauslastung pro Jahr verschifft werden sollen, gehen rund 80 Prozent auf den asiatischen Markt. Und es mutet schon sehr seltsam an, wenn die europäischen Länder auf der einen Seite eine Reduktion des Kohlendioxids und ein Festhalten am Pariser Klimaabkommen propagieren und gleichzeitig die Förderung fossiler Brennstoffe für andere Märkte mit Milliardenbeiträgen finanzieren wollen. Besonders ironisch: Das Fördergebiet liegt in einem vom Klimawandel und Erwärmung stark betroffenen Gebiet. Denn die Halbinsel Gyda besteht zu weiten Teilen aus Permafrostboden, der immer stärker auftaut. Wie schlimm die Situation ist, hat der Bürgermeister der Gemeinde Gyda hautnah miterlebt und in sozialen Medien gepostet: Durch das Auftauen des Permafrostbodens ist ein 200 Meter breiter Gürtel nahe der Ortschaft weggerutscht und als Schlammlawinen ins Meer geflossen, wie The Independent Barents Observer berichtet.

Die Aufnahmen, die der Bürgermeister von Gyda, Oleg Shabalin, auf Instagram veröffentlichte, zeigen Schlammmassen des aufgetauten Permafrostbodens, die ins Meer fliessen. Damit steht die Ortschaft im Zwiespalt von Wirtschaft und Umwelt, da sie vom geplanten Projekt wirtschaftlich stark profitieren würde.

Wie es nun nach der Veröffentlichung der brisanten Papiere weitergeht, ist nicht klar. Nachdem die Meldung bekannt geworden war, liess die französische Bpifrance jedoch verlautbaren, dass noch keine Entscheidung zur Unterstützung getroffen worden sei. Auch die übrigen Exportkreditagenturen gaben noch keine Kommentare ab. Von Seiten Novateks und seiner Partner des «Arctic LNG 2» Projektes wurde auch nichts bekannt. Endgültige Entscheidungen hängen von den Regierungen ab und könnten trotz positiver Empfehlungen der Agenturen noch negativ ausfallen.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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