Meerotter verschwinden und das Ökosystem mit ihnen | Polarjournal
Noch in den 1970er Jahren gab es die knuffigen Meerotter überall rund um die Aleuten. Sie sind die Wächter des Ökosystems Kelpwald. Foto: Lilian Carswell, US Fish and Wildlife Service

Sie sind flauschig, überaus niedlich und das wichtigste Raubtier in den Kelpwäldern vor der nordamerikanischen Westküste von Kalifornien bis Alaska: die Meerotter. Einst bevölkerten sie die Unterwasserwälder in großer Zahl und hielten dieses enorm wichtige Ökosystem gesund. Nachdem sich die Otter rund um die Aleuten in Alaska von der starken Bejagung im 18. und 19. Jahrhundert, die fast zu ihrer Ausrottung führte, erholt hatten, sind in den letzten Jahrzehnten mehr als 90 Prozent der Otter in der Region wieder verschwunden — mit massiven Auswirkungen auf das Ökosystem, wie eine aktuelle Studie jetzt zeigt.

Kelpwälder gehören zu den artenreichsten Lebensräumen in den Ozeanen und bieten Schutz und Nahrungsquelle zugleich für zahlreiche Fischarten, Wirbellose, marine Säugetiere und Vögel, darunter Robben, Seelöwen, Wale, Meerotter, Möwen, Seeschwalben, Reiher und Kormorane. Zusammengehalten wird dieses komplexe Ökosystem von den Meerottern (Enhydra lutris), deren Lieblingsspeise der Seeigel Strongylocentrotus polyacanthus ist. Zum Glück, denn der Seeigel ist Vegetarier und ernährt sich vornehmlich von Algen, also auch der großen Braunalge Kelp.

Im Jahr 1970 reiste der damals junge Biologe Dr. Jim Estes, Co-Autor der Studie, erstmals zu den Aleuten und wurde von einem Ozean voller pelziger Gesichter begrüßt. Zu der Zeit konnte er noch bis zu 500 Meerotter auf einmal beobachten. Gegenüber der New York Times beschreibt er, wie sie sich auf den Kelpbänken tummelten, Seeigel schälten und sich mit ihren charakteristischen Quietschlauten austauschten. «Es waren so viele von ihnen, dass wir den Überblick nicht behalten konnten», so Estes.

Meerotter sind fast überall entlang der nordamerikanischen Küste heimisch. Für die Studie konzentrierten sich die Wissenschaftler auf die Population auf den westlichen Aleuten. Karte: Google Earth

Seit etwa 30 Jahren beobachten Wissenschaftler jedoch eine massive Abnahme der Otterpopulation rund um die Aleuten. Laut Estes sind mehr als 90 Prozent der Otter verschwunden. «Man kann 10 Meilen an der Küste entlang fahren und nie ein Tier sehen», sagt er.

Da die Otter eine so essentielle Komponente in den Kelpwäldern darstellen, beginnt das gesamte lokale Nahrungsnetz in der zerbrechlichen Meereslandschaft der Aleuten zu bröckeln. Und durch den Klimawandel wird dieser Prozess noch beschleunigt und verstärkt, berichten Dr. Estes und seine Kollegen in dem in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten Artikel.
Die Ergebnisse der Studie stellen die Bedeutung des Meerotters auf den Aleuten nochmals heraus, wo die Meeressäuger durch ihren unersättlichen Appetit das biologische Gleichgewicht aufrechterhalten. Ein einziger Seeotter kann fast 1.000 Seeigel pro Tag vertilgen. «Sie fressen sie wie Popcorn», so Estes.

«Man kann 10 Meilen an der Küste entlang fahren und nie ein Tier sehen.»

Dr. Jim Estes, University of California Santa Cruz

Seitdem die Otter fehlen, haben sich die Seeigel explosionsartig vermehrt und den Seetang niedergemäht. Inzwischen sind sogar die Riffe, die über sehr lange Zeiträume von krustenartigen Rotalgen geschaffen wurden (ca. 0,35 Millimeter vertikales Wachstum pro Jahr) und auf denen einst der Kelp wuchs, in Gefahr. «Diese langlebigen Riffe verschwinden vor unseren Augen», sagt Doug Rasher, Meeresökologe am Bigelow Laboratory for Ocean Sciences in Maine und Erstautor der Studie.

Nachdem die Seeigel den Kelp bereits so gut wie ausgelöscht haben, konzentrieren sie sich nun auf die krustigen Rotalgen. Zwischen 2014 und 2017 schrumpften einige Riffe um bis zu 64 Prozent. Wo einst Algen den Meeresboden wie eine rosa Fahrbahn überzogen hatten, blieben nur noch einzelne Flecken übrig. Foto: J. Tomoleoni, US Geological Survey

Die Seeigel nagen an dem Krustenalgenteppich, der an rosafarbenes Kaugummi erinnert, und hinterlassen mehrere Millimeter tiefe Löcher, was einem Algenwachstum von bis zu sieben Jahren entspricht. Dies gelingt den Seeigeln jedoch nur dank des Klimawandels. Durch den Anstieg der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre ist das Meerwasser so sauer geworden, dass die Kalkskelette der Algen weniger stark ausgebildet sind. In früheren Zeiten hatten die Seeigel keine Chance, den dicken Panzer der Algen zu durchbrechen. Deshalb konnte sich auch die Otterpopulation nach dem Ende ihrer Bejagung wieder erholen. Doch nun ist vor dem Hintergrund des Klimawandels das Sicherheitsnetz des Riffs verschwunden, wie Rasher erklärt.

Im Labor konnten die Forscher zudem nachweisen, dass die Seeigel unter höheren Temperaturen — wie für die Zukunft prognostiziert — noch schneller an den Algen nagen, da sich ihr Stoffwechsel beschleunigte.

Das Verschwinden der Otter auf den Aleuten ist wahrscheinlich auf Orcas zurückzuführen, die nicht mehr genügend von ihrer eigentlichen Beute, den Walen, finden. Foto: Lilian Carswell, US Fish and Wildlife Service

Eine Rückkehr der Meerotter könnte angesichts der wahrscheinlichen Ursache für das rasante Verschwinden der Otter auf den Aleuten schwierig werden. Estes vermutet, dass hungrige Orcas — die möglicherweise durch den industriellen Walfang ihrer bevorzugten Wale als Beute beraubt wurden — sich in ihrer Verzweiflung den kleinen Säugetieren zugewandt haben, die sie zu Hunderten oder Tausenden pro Jahr verschlingen können. Das könnte es schwierig machen, größere Otterpopulationen zu erhalten: Einmal eingeführt, könnten sie einfach wieder verschwinden.

Und so zeigt sich einmal mehr, dass alles mit allem zusammenhängt.

Julia Hager, PolarJournal

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