Wichtige Eisbärenschutzstudie von hochrangigem US-Beamten blockiert | Polarjournal
Das North Slope-Gebiet ist die gesamte nördliche Küstenregion von Alaska. Es liegt zwischen der südlichen Beaufortsee und der Brooks Range-Gebirgskette im Inland. Das rund 240’000 Quadratkilometer grosse Gebiet ist für seine reiche Natur, aber auch seinen Rohstoffreichtum bekannt. Hier liegen auch die meisten Eisbärenhöhlen im Winter gemäss der blockierten Studie. Bild: Paxson Woelber, Wikicommons CC BY-SA 3.0

Dass die gegenwärtige US-Regierung ihre eigene Meinung zum Klimawandel und dessen Auswirkungen hat, ist mittlerweile bekannt. Besonders in Alaska sind in den vergangenen Monaten trotz Protesten Ressourcenförderungsprogramme beschleunigt worden, vor allem diejenigen an der Nordküste von Alaska. Nun ist bekannt geworden, dass der Leiter der U.S. Geological Survey (USGS) eine wichtige Studie, die sich mit den Auswirkungen der Rohstoffförderungen auf die Natur und vor allem auf Eisbären beschäftigt hatte, absichtlich monatelang blockiert hatte.

James Reilly, der seit 2018 als Leiter der U.S.Geological Survey (USGS) amtiert und von Präsident Trump persönlich eingesetzt worden war, hatte mindestens drei Monate lang verhindert, dass die Resultate der Studie veröffentlicht werden würde, wie die Zeitung The Washington Post durch geleakte Memos erfahren hat. Dabei stellte er beispielsweise die Tatsache in Frage, dass ein ehemaliger Angestellter der USGS, der jetzt für eine Interessenvertretungsfirma arbeitet, Daten für die Studie gesammelt habe und warum nicht die Höhlen einzeln gezählt worden seien.

«Das langfristige Überleben von Eisbären (Ursus maritimus) ist durch den Verlust des Meereises aufgrund des Klimawandels bedroht, der in der Arktis gleichzeitig die Möglichkeit bietet, die anthropogenen Aktivitäten einschliesslich der Gewinnung natürlicher Ressourcen zu verstärken.»

Studie U.S. Geological Survey

Bemerkenswert dabei ist, dass Reilly selber als ausgebildeter Geologe einen wissenschaftlichen Hintergrund hat und die Vorgehensweise bei solchen Studien genauestens kennt. Brisant ist auch, dass Reilly bei seinen Angestellten gefragt habe, warum die US Fisch- und Wildtierbehörde USFWS eine veröffentlichte Version dieser Studie benötigen würde. Per Gesetz ist diese Behörde verpflichtet, offizielle Arbeiten der USGS zu sichten und zu zitieren, um prüfen zu können, ob Bohraktivitäten die Tier- und Pflanzenwelt beeinträchtigen würde. Aufgrund der Aussagen der USFWS werden dann Bohrgenehmigungen ausgestellt, wenn diese keine oder geringe Störungen feststellen. Eisbären sind per Bundesgesetz unter Schutz gestellt.

Der ehemalige Astronaut und ausgebildete Geologe James Reilly ist seit 2018 als Leiter der U.S. Geological Survey im Amt. Davor war er Dekan an der American Public University System Schule für Wissenschaft und Technologie. Als Astronaut nahm er an drei Space Shuttle Missionen zwischen 1998 und 2007 teil. Bild: US-Innenministerium

«Diese Aktivität im Lebensraum der Eisbärinnen bedeutet, dass sich die Aktivität auf den am stärksten gefährdeten Teil der Population konzentriert»

Rosa Meehan, Ex-Leiterin U.S. Fish and Wildlife Services

Die Studie hatte untersucht, wieviele Eisbärenhöhlen entlang der Küste Alaskas, dem sogenannten North Slope und besonders im grössten arktischen Schutzgebiet der USA, zu finden sind und wie sich die geplante Erdöl- und Erdgasförderung auf das Gebiet und vor allem auf die Eisbären auswirken würde. Dabei kamen die Forscher zum Schluss, dass rund 34 Prozent aller Eisbärenhöhlen allein im Schutzgebiet, dem Arctic National Wildlife Refuge, liegen. «Das langfristige Überleben von Eisbären (Ursus maritimus) ist durch den Verlust des Meereises aufgrund des Klimawandels bedroht, der in der Arktis gleichzeitig die Möglichkeit bietet, die anthropogenen Aktivitäten einschliesslich der Gewinnung natürlicher Ressourcen zu verstärken.» steht in der Studie, die der The Washington Post vorliegt. Damit kommt sie indirekt zum Schluss, dass die Eisbären in der Region durch die geplanten Bohrtätigkeiten negativ beeinflusst werden würden. Zu diesem Schluss kommt auch die ehemalige Leiterin der USFWS, Rosa Meehan, in einem Interview mit der Washington Post. «Diese Aktivität im Lebensraum der Eisbärinnen bedeutet, dass sich die Aktivität auf den am stärksten gefährdeten Teil der Population konzentriert», erklärt Meehan.

Weibliche Eisbären graben im Herbst ihre Höhlen in den Schnee nahe der Küste, um dort ihre Jungen zu gebären. Früher konnten die Tiere dies auf dem mehrjährigen Packeis tun. Doch aufgrund der Erwärmung bildet sich schon seit Jahren kein solches Eis mehr an der Küste von Alaska. Das fördert den Konflikt mit der dortigen Bevölkerung. Bild: Michael Wenger

«Die Unterdrückung von Berichten von Wissenschaftlern ist ein gefährlicher Weg, um Politik zu machen und amerikanische Steuergelder zu verschwenden.»

Nicole Whittington-Evans, Alaska Director bei Defenders of Wildlife

Das Zurückhalten der Resultate ist nach offizieller Ansicht der USGS nichts Verwerfliches. In einem Statement schreibt die Behörde, die Leitung der Agentur „routinemäßig zusätzliche Informationen zu wissenschaftlichen Berichten überprüft und anfordert, um die technischen Daten der wichtigsten Referenzen, die in den Modellschlussfolgerungen verwendet werden, am besten zu verstehen.“ Doch für frühere Mitarbeiter und auch die Alaska-Leiterin der US-Umweltschutzorganisation «Defenders of Wildlife», Nicole Whittington-Evans, ist das Vorgehen von Reilly und der USGS «beispiellos» und beunruhigend. «Die Unterdrückung von Berichten von Wissenschaftlern ist ein gefährlicher Weg, um Politik zu machen und amerikanische Steuergelder zu verschwenden.», meint Whittington-Evans gegenüber der Post.

Neben dem Klimawandel sind vor allem die Jagd und die Rohstoffförderung für den Rückgang der 19 Eisbärenpopulationen verantwortlich. Im Gebiet der südlichen Beaufortsee werden rund 900 Tiere vermutet, von denen 573 Bären in Alaska bekannt sind. Da Eisbären in den USA per Bundesgesetz geschützt sind, könnte die Studie eine mögliche Rohstoffförderung verhindern. Bild: Michael Wenger

Doch es ist nicht das erste Mal, dass Reilly und die USGS Studien, die nicht in die offizielle Trump-Politik passen, zurückhalten oder Pressemitteilungen verändern. Seit seinem Amtsantritt 2018 wurden Studien über die Auswirkungen von Klimawandel-induzierten Überflutungen, Vogelverlusten und Meeresspiegelanstieg blockiert und in Pressemitteilungen jeglicher Bezug zu Klimawandel gestrichen. Im gegenwärtigen Fall sind die Resultate der Studie eine Gefährdung des bevostehenden Multi-Milliardenprojekts im National Petroleum Reserve. Denn in diesem Projekt soll auch das grösste arktische Schutzgebiet auf US-Boden, das Arctic National Wildlife Refuge, für den Transport der Erdöl- und Erdgaslieferungen geöffnet werden. Doch das Eisbären gesetzlich geschützt sind und die Resultate der Studie eine Gefährdung der Population implizieren, könnte der USFWS zum Schluss kommen, dass das Projekt in seiner gegenwärtigen Form nicht durchführbar ist und es damit zu einer weiteren Verzögerung kommt. Und dies ist im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen und einem allfälligen Wechsel nicht im Sinne von Leuten wie James Reilly.

Die Karte zeigt die Lage des Naturschutzgebietes ANWR (Arctic National Wildlife Refuge) und des NPRA (National Petroleum Reserve Area). Dazwischen liegen mehrere Ortschaften, die auf der einen Seite von der Rohstoffförderung profitieren würden, andererseits ihre Natur in Gefahr sehen. Dies hat auch unter den Bewohnern zur Spaltung geführt. Karte: U.S. Geological Survey

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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