UPDATE: Massive Umweltverschmutzung tötet Kamtschatkas Meerestiere | Polarjournal

UPDATE 07. Oktober: STREIT ZWISCHEN STAATLICHEN BEHÖRDEN UND WISSENSCHAFTLERN
Die Vorkommnisse am Khaltyrsky-Strand sind zu einem Streitpunkt zwischen staatlichen Behörden und unabhängigen Wissenschaftlern entbrannt. Denn während die Behörden bekanntgegeben haben, weder erhöhte Werte von Schaddstoffen gemessen zu haben und auch keine Anzeichen von Verschmutzung im nahegelegenen Fluss registriert zu haben, erklären Wissenschaftler, dass sie nicht an die Version von toxischen Algen oder dem Austritt von Gashydraten durch seismische Aktivitäten unter Wasser. Auch viele Bewohner der Region glauben, dass die Behörden versuchen, die wahre Ursache und das Ausmass der Verschmutzung zu verschleiern. Zuletzt hatten Mitarbeiter der regionalen Kamchathydromet behauptet, sie hätten auch keine toten Tiere am Strand gefunden und auch keine Verfärbungen oder andere Hinweise auf eine Katastrophe. Auch eine Beteiligung des Militärs wird von offizieller Seite bestritten. Es habe keinerlei militärische Aktivität im Gebiet gegeben, auch nicht auf dem Test- und Übungsgelände. Behördenvertreter, die bei der Mülldeponie Untersuchungen durchgeführt haben, meldeten zwar keine erhöhten Werte, aber mehrere Verstösse von Umweltgesetzen.
WWF Russland vermutet, dass die Katastrophe nicht von Ölprodukten ausgelöst worden ist, sondern durch ein hochtoxische Substanz, die stark wasserlöslich ist. Ihre Untersuchungen an Strandabschnitten und Satellitenbildern lassen sie zu diesem Schluss kommen.

UPDATE: MINISTERIUM FÜR NATÜRLICHE RESSOURCEN DEMENTIERT ÖLPRODUKTE ALS URSACHE
Das russische Ministerium für natürliche Ressourcen Rosprirodnadzor dementiert, dass Ölprodukte für die massive Verschmutzung am Strand von Khalatyrsky verantwortlich seien. Auch andere Schadstoffe seien in den Wasserproben nicht entdeckt worden. Dmitry Kobylkin, der Leiter der Behörde, meinte, nur unbedeutende Mengen an Eisen und Phosphaten seien entdeckt worden. Auch Vladimir Solodow, der Gouverneur der Region, der noch vor einigen Tage erhöhte Phenole und andere Schadstoffe gemeldet hatte, schlug nun andere Töne an. Am Fluss, der als Eintragsort der Verschmutzung gegolten hatte, seien keine erhöhten Konzentrationen von schädlichen Substanzen gemessen worden, gab er gegenüber den Medien bekannt.
Kobylkin und seine Behörde geben an, das Massensterben der Meerestiere und die Gesundheitsschäden der Menschen seien auf ein natürliches Phänomen zurückzuführen. Tier- und Bodenproben sind für weitere Analysen nach Moskau geschickt worden. Auch Wissenschaftler der Fernöstlichen russischen Universität und der russischen Akademie de Wissenschaft sind an den Untersuchungen beteiligt. Es fehlen jedoch unabhängige Experten von Nichtregierungsorganisationen.
In den sozialen Medien derjenigen, die vor Ort über die Verschmutzung berichtet hatten, haben die Aussagen für Empörung und Kopfschütteln gesorgt. Greenpeace Russia, die zwar vor Ort sind, haben mit der lokalen Bevölkerung gesprochen. Aber eine Reaktion auf die neuesten Entwicklungen wurde noch keine gegeben.

Die Karte zeigt die Lage der stillgelegten Deponie für chemische Abfälle am Fuss des Vulkans Avachinsky, der nur wenige Kilometer nordöstlich der Regionalhauptstadt Petropavlovsk Kamtschatsky liegt. Der Vulkan gilt immer noch als aktiv und war zuletzt 2008 ausgebrochen.

UPDATE: STILLGELEGTE MÜLLDEPONIE FÜR CHEMISCHE ABFÄLLE ALS MÖGLICHER VERURSACHER
Die Verschmutzung des Khalatyrsky-Strands hat weltweit für Bestürzung und eine Aufruhr, besonders in den sozialen Medien, gesorgt. Neben dem Ausmass des Disasters hat auch die Tatsache, dass bereits seit Wochen die Region stark verschmutzt wird, für teilweise heftige Reaktionen aus dem In- und Ausland gesorgt.
Als Ursache wurden bisher entweder die Verklappung von Restöl auf Schiffen entlang der Küste oder ein militärischer Übungsplatz, der an einem Fluss liegt vermutet. Weitere Recherchen haben jetzt aber gezeigt, dass auch eine stillgelegte Mülldeponie am Fuss des Avachinsky-Vulkans in Frage kommen könnte. Denn diese 2010 stillgelegte Deponie wurde zur Lagerung von chemischen Abfällen genutzt und nach ihrer Stilllegung nicht rückgebaut. Die Nähe der Deponie zum Fluss, der schon Anfang September gelbgefärbtes Wasser ins Meer gebracht hatte, und die die Substanzen mit ihren massiv erhöhten Werten sprechen dafür. Die Untersuchungen dauern zurzeit aber noch an.

Entlang des Strandes von Khalatyrsky östlich der Regionalhauptstadt liegen die Überreste von toten Meerestieren, angespült durch gelb gefärbte Wellen des Beringmeeres. Auch Menschen, die in den Fluten gebadet und gesurft hatten, beklagen sich über massive gesundheitliche Folgen. Die Ursache ist noch nicht bekannt. Bild: Kristy Rozenberg via Instagram

Die Halbinsel Kamtschatka an der der russischen Ostküste zählt zu den Inbegriffen von Wildnis und Natur. Dank den zahlreichen Flüssen und den Vulkanen, die das Innere der Halbinsel durchziehen, werden Unmengen an Nährstoffen in das Beringmeer gefördert, was einen enorm hohen Artenreichtum von Meerestieren fördert. Doch nun schlagen Umweltorganisationen Alarm: Durch eine gigantische Umweltkatastrophe wurden zahlreiche Meerestiere an einen Strand nordöstlich der Hauptstadt Petropavlovsk Kamtschatsky gespült und zahlreiche Menschen, die den Strand besucht hatten, klagen über massive Gesundheitsschäden.

Die Besucher des bei der Bevölkerung beliebten Strandes klagten über Halsschmerzen, Seheinschränkungen, Fieber, Übelkeit und Erbrechen und Kopfschmerzen, wie die Zeitung The Siberian Times berichtet. Augenschäden in Form von Hornhautverätzungen seien auch massiv gestiegen, berichtet auch Greenpeace Russland auf ihrer Webseite.

«Der gesamte Boden ist mit Leichen von Meerestieren übersät. Alle unsere Unterwasserschönheiten sind jetzt grau-gelb. Die Fische sehen aus, als ob sie gekocht wurden.»

Statement via Greenpeace Russland

Diese Klagen herrschten bereits vor drei Wochen. Nun liegen aber im schwarzen Vulkansand des Strandes hunderte und aberhunderte von toten Seeigeln, Fischen, Tintenfische und Muscheln. Ausserdem seien nach Angaben von Beobachtern Seelöwen kaum mehr getaucht, blieben mehr an der Wasseroberfläche und seien sehr teilnahmslos. Auch Taucher, die sich noch in die Tiefe der verschmutzen Region gewagt haben, berichten über zahllose tote Meerestiere auf dem Grund und grau-gelbe Verfärbung des Wassers. «Heute sind die Jungs getaucht und mit Tränen in den Augen aufgetaucht. Der gesamte Boden ist mit Leichen von Meerestieren übersät. Alle unsere Unterwasserschönheiten sind jetzt grau-gelb. Die Fische sehen aus, als ob sie gekocht wurden.»

Das von Kristy_Rozenberg auf Instagram gepostete Video zeigt das Ausmass an toten Meerestieren. Neben Seeigeln und Muscheln sind auch beweglichere Tiere wie Oktopusse und Fische in Massen angespült worden. Video: Kristy Rozenberg via Instagram

«Die Verschmutzung des Wassergebiets in der Nähe des Strandes Khalaktyrsky hat bereits zum Tod von Meerestieren und zur Vergiftung von Menschen geführt.»

Wassily Jablokow, Leiter Greenpeace Russland

Die Ursachen der Gesundheits- und Umweltschädigungen sind noch nicht bekannt. Doch erste Untersuchungen der regionalen Behörden haben einen massiven Anstieg von Phenolkonzentration und anderen Erdölprodukten angezeigt. Aufgeschreckt durch die Berichte forderte der nationale Beauftragte für den russischen Fernen Osten, Juri Trutnev, eine umfassende Abklärung über die Ursache der Verschmutzung. Auch Greenpeace Russland hat die nationale Umweltbehörde Rospotrebnadzor, die Industriebehörde, das Verteidigungsministerium und die Generalstaatsanwaltschaft beauftragt, die Vorkommnisse rund um die Verschmutzung genau zu untersuchen. Der Leiter von Greenpeace Russland, Wassily Jablokow ruft auf: «Die Verschmutzung des Wassergebiets in der Nähe des Strandes Khalaktyrsky hat bereits zum Tod von Meerestieren und zur Vergiftung von Menschen geführt. Die einzigartige Natur von Kamtschatka, dem UNESCO-Weltnaturerbe, ist bedroht. Identifizieren Sie die Verschmutzungsquelle und ergreifen Sie die erforderlichen Maßnahmen.»

Aufgeschreckt durch die Reklamationen von Surfern, Tauchern und Besuchern haben die regionalen Umweltbehörden Proben genommen. Dabei stellten sie massiv erhöhte Werte von Schadstoffen wie aus der Erdölbranche bekannt, fest. Bild: Vladimir Sokolov via Instagram

Für Greenpeace Russland ist klar, dass es sich bei der Ursache nicht um ein natürliches Phänomen handelt. Seit Anfang September seien durch einen Fluss gelbe Wassermassen ins Meer gespült worden, die sogar auf Satellitenbildern zu sehen sind. Nördlich des Flusses liege ein militärischer Übungsbereich, der jetzt auch von den Behörden als eine mögliche Ursache für die Verschmutzung in Betracht gezogen wird. Für die lokale Bevölkerung ist die Verschmutzung auf jeden Fall eine Katastrophe und man rechnet nicht mit einer sachlichen und klaren Untersuchung: «Wohl wissend, wie das System funktioniert und wie diese Art von Fragen vertuscht werden, müssen wir alles in unserer Macht stehende tun, um den Ozean richtig zu retten und uns in Zukunft vor einer Katastrophe zu schützen», schreibt ein Betroffener auf seiner Instagramseite.

Kamtschatka ist eine bekannte und beliebte Halbinsel am östlichen Ende Russlands. Die 1996 von der UNESCO ins Weltnaturerbe aufgenommen Region war bis in die 90er Jahre für Zivilisten und Ausländer gesperrt. Seit der Öffnung locken Vulkane, Fischreichtum und eine fast intakte Natur zahlreiche Touristen auf die rund 1’200 Kilometer lange Halbinsel. Der betroffene Strand Khalatyrsky liegt nur wenige Kilometer östlich der Regionalhauptstadt Petropavlovsk Kamtschatsky, wo auch der grösste Teil der Bevölkerung lebt.

Russland hat in den vergangenen Monaten mehrere schwere Umweltkatastrophen erlebt, von denen viele erst im Nachhinein bekannt geworden sind. Dazu gehört auch das Unglück von Norilsk, bei dem 21’000 Tonnen Treibstoff aus einem Tank in die Gewässer ausgelaufen waren und eine ökologische Katastrophe verursacht hatte. Zwar versuchen Umweltbehörden und Naturschutzorganisationen eine Verbesserung der Umweltsituation zu erreichen. Doch ein riesiger und schleppender Staatsapparat und die Verflechtung von Politik und Wirtschaft behindern häufig die Arbeit und entsprechende Erfolge.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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