Weitere Untersuchungen der Umweltverschmutzung in Kamtschatka | Polarjournal
In Schutzanzügen haben Spezialisten von Greenpeace Russland an verschiedenen Stellen Proben entnommen. Gemäss Aussagen des WWF Russland ist das Massensterben nicht durch natürliche Ursachen entstanden, sondern durch eine hochgiftige und sehr wasserlösliche Substanz. Bild: Greenpeace Russia

Seit Anfang September sind am Khalaktyrsky-Strand an der Ostküste Kamtschatkas zahlreiche tote Meerestiere angespült worden und Menschen beklagen gesundheitliche Probleme nach dem Kontakt mit dem Wasser. Die Gründe für das Umweltdesaster werden stark debattiert und zwischen den Behörden und Umweltorganisationen zu einem Streitpunkt geworden. Nun hat aber die Untersuchungsbehörde der russischen Föderation, eine Art FBI, kriminaltechnische Ermittlungen aufgenommen, um die Hintergründe und die Ursache herauszufinden. Auch Greenpeace Russland hat weitere Untersuchungen angekündigt.

Wie Greenpeace Russland mitteilt, soll nun mit Hilfe einer Unterwasserdrohne das Ausmass der Schäden am Meeresboden genauer eruiert werden. Ausserdem sollen weitere Proben genommen werden, um endlich Licht in das Dunkel rund um das Massensterben an der Küste zu bringen. Denn die Umweltorganisation ist immer noch der Meinung, dass die Ursache nicht natürlichen Ursprungs ist. Sie befürchten, dass ein zu langes Warten der Untersuchungen und der Proben allfällige Resultate verfälschen könnten und so ein Verschleppen der Ursachenfindung erreicht werden könnte. Auch die Untersuchungsbehörde der russischen Föderation, eine Art russisches FBI, hat seine Ermittlungen in alle Richtungen ausgeweitet und schliesst eine menschliche Ursache genauso wenig aus wie einen natürlichen Ursprung. Dazu hat die Behörde nun ein Strafverfahren eingeleitet. Spezialisten dieser Behörden haben ihre eigenen Proben an verschiedenen Stellen des Gebietes entnommen und sie zur Analyse nach Moskau geschickt. Basierend auf diesen Daten und der übrigen werden dann weitere rechtliche Schritte gegebenenfalls unternommen, heisst es in einer Mitteilung der Behörde.

Die von Greenpeace Russland veröffentlichten Satellitenbilder zeigen eine gelbgrüne Verfärbung des Flusses Nalytschew, die sich weit ins Meer hineinzieht und dem Khalaktyrsky-Strand entlangzieht. Die Aufnahmen dienen der Untersuchungsbehörde als Indiz auf eine menschlich/technische Ursache. Gleichzeitig behaupten Forscher eines Institutes, diese Verfärbungen seien natürlichen Ursprungs. Bild: Greenpeace Russia

Bisher verliefen die Untersuchungen der Proben, die aus der Avacha-Bucht, an der auch die Regionalhauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatskyi liegt, und von verschiedenen anderen Orten entlang des Strandes alle im Sand. Auch die Berichte über die Resultate waren bisher eher chaotisch und halfen kaum, die Sachlage klarer darzustellen und Licht ins Dunkel zu bringen. Dies hängt auch mit den verschiedenen Institutionen, Organisationen und Behörden zusammen, die in die Untersuchungen eingebunden worden waren. Dabei treten zwei Meinungen klar aufeinander: die offizielle Seite der regionalen Behörden, des Gouverneurs Vladimir Solodov und des Ministers für Natürliche Ressourcen und Umwelt, Dmitry Kobylkin, und die Seite der nationalen Umweltverbände Greenpeace und WWF und der Bundesumweltbehörde Rosprirodnadzor. Während die erstere Seite natürliche Ursachen wie Algenblüten oder Vulkanismus als Ursache angeben, hat die letztere Seite Hinweise für ein menschlich/technische Ursache gefunden. Dazwischen stehen verschiedene wissenschaftliche Institutionen und Abteilungen, die für die jeweiligen Seiten die Proben untersucht haben und ihre Schlüsse daraus gezogen haben.

Die Aufnahmen, die von Kristy Rozenberg erstellt und von der Zeitung The Siberian Times veröffentlicht wurden, zeigen das Ausmass des Massensterbens am Strand. Trotz dieser Aufnahmen liessen zwei offizielle Behörden verlauten, sie hätten keine Anzeichen für ein Massensterben entdeckt. Video: The Siberian Times

Besonders das Institut für Vulkanologie und Seismologie, das Teil der Russischen Akademie der Wissenschaften ist, hat sich mit bisher an natürliche Phänomene als Ursache gehalten. Zuerst habe man keinerlei erhöhte Werte von Schadstoffen in der Avacha-Bucht und an anderen Orten festgestellt. Danach erklärte das Institut, es sei vielleicht das Austreten von Gashydraten am Meeresboden durch seismische Aktivitäten gewesen. Diese konnte jedoch widerlegt werden, da keinerlei Aktivitäten von anderen Messstationen verzeichnet worden waren. Jetzt hat der Leiter des Instituts, Alexei Ozerov, erklärt, dass wohl ein massives Auftreten von kleinen Rotalgen, eine sogenannte «Red Tide» dafür verantwortlich ist. Dabei stützen sich die Forscher auf die Satellitenaufnahmen von Greenpeace. Gouverneur Solodov und einige hochrangige Beamte folgen der Argumentation der Wissenschaftler. Doch die Umweltorganisation lehnt diese Argumentation und das Resultat ab. Sie verweist auf die Resultate der Untersuchungen von Rosprirodnadzor, die stark überhöhte Phosphat-, Eisen- und vor allem Phenolwerte in Wasserproben festgestellt hatte. Zwar sind die Proben nach Angaben von Vladimir Chuprov von Greenpeace Russland nicht ausreichend, um ein komplettes Bild des Geschehens zu erhalten. Denn es fehlen noch die Resultate der Gewebe- und Bodenproben und weitere Untersuchungsresultate. Ausserdem beklagt er das Tempo der Untersuchungen der offiziellen Stellen.

Die Umweltorganisation Greenpeace hat am 11. Oktober eine Expedition in den Süden von Kamtschatka gestartet, um dort untersuchen, ob auch in dieser menschenleeren Region ein Massensterben aufgetreten sein könnte. Resultate sind noch keine verfügbar. Bild: Dmitry Sharomov Greenpeace Russia

Als besonders schwerwiegend werden jedoch die Aussagen von regionalen Behörden wie Kamchathydromet und des Direktors des regionalen Notfallministeriums angesehen, die behauptet hatten, ihre Mitarbeiter hätten weder tote Tiere noch Veränderungen des Wassers vorgefunden. Eine Behauptung, die angesichts der Videoaufnahmen, die vor Ort erstellt worden waren, nur ein Kopfschütteln auf der anderen Seite hervorrufen kann. Dagegen hat Greenpeace bereits neben den Proben von Flüssen und an den Stränden auch weitere Gebiete südlich der Bucht von Avacha unter die Lupe genommen. Dort werden Boden- und Wasserproben und die Tierwelt am Meeresboden untersucht. Denn Greenpeace fürchtet, dass die giftige Substanz sich weiter nach Süden ausgebreitet und auch dort zu einem Massensterben geführt haben könnte. Ergebnisse dieser Untersuchungen liegen jedoch noch nicht vor. Am Ende werden alle diese Aussagen von der nationalen Untersuchungsbehörde genau analysiert werden, um schliesslich Fakt von Spekulation zu trennen. Es bleibt zu hoffen, dass ihre Untersuchungen mehr zu den wahren Ursachen dieser Katastrophe beitragen werden.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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