„Ja, ich stehe zur norwegischen Souveränität!“ | Polarjournal
Marcel Schütz, Schweizer Firmenbesitzer und seit 2010 in Longyearbyen wohnhaft, ist erfolgreich in der Tourismusbranche auf Svalbard tätig. Doch er macht sich, wie viele vor Ort, Gedanken über die Zukunft.

Schon seit einer Weile erleben Longyearbyen und ganz Svalbard turbulente Zeiten. Nicht nur die Auswirkungen der COVID-Krise, sondern auch die verstärkte Polemik Russlands über Norwegens Souveränität, die Diskussion um Sinn und Zweck des arktischen Tourismus und nicht zuletzt Umwelt- und Naturschutz in der Hocharktis beschäftigen die Einwohner Longyearbyens. Gerade die neuesten Entwicklungen und Einschätzungen von Experten über mögliche ausländische Beteiligungen an Firmen oder Immobilien haben Bedenken und Überlegungen geweckt, wie es auf dem norwegisch verwalteten Archipel weitergehen soll.

Auch Marcel Schütz, Mitbesitzer von Spitzbergereisen AS, einem lokalen Reiseanbieter in Longyearbyen, gehört zu denjenigen, die sich mit den Themen zurzeit auseinandersetzen. Im Gespräch mit PolarJournal erklärt der Schweizer, der seit 2010 in Longyearbyen lebt, worum es seiner Meinung nach geht und welche Szenarien eine Lösung für die Zukunft Svalbards sein könnten.

Marcel Schütz, es wird momentan viel über die Souveränität, den Spitzbergen-Vertrag und Norwegens Rolle darin diskutiert. Beispielsweise fordert Russland eine grössere Öffnung in Bezug auf Svalbard.

Das stimmt und dass über den Vertrag und die norwegische Souveränität diskutiert wird, ist ok – für Norwegen aber selbstverständlich unangenehm. Norwegen sollte es aber als Chance sehen, die Souveränität zu festigen. Der Vertrag ist heute 100 Jahre alt und zeitlich unbegrenzt – und wäre viel detaillierter geschrieben, würde man diesen heute aufsetzen. Damit behält Norwegen eigentlich die Karten in der Hand, um auch in Zukunft unbestritten den Archipel zu verwalten. Doch dies wird von anderen Ländern vermehrt in Frage gestellt. Besonders von Russland, welches einen historisch bedingten Anspruch auf Svalbard erhebt, wünscht sich einen politisch offeneren Umgang auf der Inselgruppe. Und mit China als neue, aufstrebende Schlüsselfigur in der Arktis, vor allem wirtschaftlich, wird diese Souveränität Norwegens herausgefordert. Das Hauptargument, über den Vertrag zu reden, ist, dass Norwegen die Punkte des Vertrages zum eigenen Vorteil auslege. Denn es geht um eine vorteilhafte geopolitische Stellung in der Hocharktis.

Siehst Du denn einen Verlust norwegischer Souveränität?

Wir haben in Longyearbyen einen internationalen Hintergrund, sind aber eine norwegische Gemeinde und arbeiten zum grössten Teil für norwegische Firmen und stehen so indirekt politisch und strategisch auch für Norwegen ein. Da aber viele Firmen zwar in Norwegen registriert, aber keine Staatsbetriebe sind, hat das Land meiner Meinung nach nicht die gewünschte Kontrolle. Was, wenn norwegische Firmen, auch Grossfirmen, auf Spitzbergen durch ausländische Firmen erworben werden? Jetzt gerade ein Thema mit Hurtigruten und China. Ich glaube, da hat man gewissen Respekt davor. Corona macht das Ganze nicht besser, da es einigen lokalen Firmen – speziell im Tourismus – nicht sehr gut geht, oder sie auch mit Langzeitfolgen kämpfen müssen. Für mich würde es also Sinn machen, die Tourismusbranche generell auf Spitzbergen verstärkt staatlich zu unterstützen. Brandaktuell ist, dass Hurtigruten Svalbard alle ihre Immobilien verkaufen will und es gemäss Per Arne Totland wahrscheinlich dem Höchstbietenden verkaufen werden. Da würden Norwegen und die nationale Sicherheit erneut gefordert. Store Norske – eine staatliche Firma, welche seit 1916 auf Spitzbergen im Kohlenbergbau aktiv ist und der grösste Immobilienbesitzer vor Ort, ist momentan sehr daran interessiert, alle Immobilien der Firma Hurtigruten Svalbard zu kaufen. Damit hat der Staat meiner Meinung nach indirekten Einfluss auf die Touristenbranche und wer weiss, vielleicht wird Store Norsk bald ein touristischer Akteur, wie vom Geschäftsführer letzten Oktober angedeutet.

Die Auswirkungen der COVID-19-Krise hat die Geschäfte und Firmen auf Longyearbyen hart getroffen. Aufgrund fehlender Touristen mussten zahlreiche Angestellte entlassen oder auf Kurzarbeit gesetzt werden. Dadurch kamen viele in existenzielle Schieflage, die nur teilweise von Norwegen abgefedert wurde. Bild: Michael Wenger (Archivbild)

Stehst Du denn mit deiner Firma für Norwegen ein?

Für mich persönlich macht Norwegen einen guten Job und ja, ich stehe hinter der norwegischen Souveränität. Man darf nicht vergessen, dass genau dieses internationale Flair, welche praktisch alle Menschen in Longyearbyen als einzigartig empfinden und oft als einer der Gründe wählen, hier zu sein, von Norwegen unterstützt wird. Wer weiss, wie dies aussehen würde, wäre ein anderer Staat die Verwaltungsmacht. Persönlich gesehen gibt es in gewissen Bereichen sicherlich noch Verbesserungsbedarf. Ein aktuelles Beispiel sind die Entschädigungen während der Corona Zeit. NAV (Die Arbeits- und Sozialverwaltung) bezahlt allen Norwegern und EU/EFTA- Staatsbürger auf Spitzbergen, welche in einer norwegischen Firma angestellt sind und in Kurzarbeit geschickt wurden, eine faire Unterstützung. Dies gilt aber nicht für andere Staatsangehörige, die teilweise länger hier gearbeitet und Steuern bezahlt haben. Das heisst, der eine hat Glück, weil er nicht 100% in Kurzarbeit ist und der andere steht vor Existenzproblemen, im Extremfall sogar vor der Ausreise. Und gerade, weil auch Nicht-Norweger in norwegischen Firmen indirekt die für Norwegen wichtige geopolitische Stellung halten, finde ich dies absolut falsch und sollte meiner Meinung nach sofort geändert werden. Klar ist, dass mit COVID-19 ein Spezialfall gilt, da man auf Spitzbergen sonst keine Sozialhilfeleistungen beziehen kann. Das ist aber wieder ein anderes politisches Thema.

Neben der politischen Situation wird auch viel über Umweltthemen auf Svalbard und Norwegens Rolle darin gesprochen. Was passiert in Sachen Nachhaltigkeit?

Was die Nachhaltigkeit in den verschiedenen Bereichen betrifft, macht Norwegen sehr viel. Es gibt natürlich gewisse Herausforderungen im Alltag, wie beispielsweise die Stromproduktion und Fernwärme für Longyearbyen. Momentan ist es in so, dass wir noch die von der eigenen Kohlengrube abgebaute Steinkohle verwenden. Es wird aber nach alternativen Lösungen gesucht und Projekte auch finanziert. Ich unterstütze, dass Alternativen nicht überstürzt entschieden werden und man Testprojekte laufen lässt. Ganz aktuell will nun Longyearbyen auf Wasserstoff als Energiequelle setzen. Noch in diesem Jahr soll einen Vertrag mit Varanger Kraft (VK) abgeschlossen werden und ein Pilotprojekt starten. Eine endgültige Umsetzung wird auf 2025 gesetzt. Das Ziel ist es also Longearbyen emissonsärmer zu machen. Man spricht auch immer wieder von «emissionsfrei», was ich persönlich schwierig finde. Auch in Sachen Tourismus geschieht viel. Denn Norwegen ist auch politisch hier etwas unter Druck geraten und beurteilt die Situation in Bezug auf Natur-, Umweltschutz und Tourismus merklich neu.

In den vergangenen Jahren sind vermehrt Firmen auf Svalbard entstanden, die touristische Aktivitäten wie beispielsweise Schneescooterfahrten oder Hundeschlittentouren anbieten. Doch dies hat zu einer verstärkten Diskussion um Naturschutz und Arktis-Tourismus und zu strengeren Gesetzen auf Svalbard geführt.

Wie stehst Du denn als Reiseanbieter zum Thema „Arktis-Tourismus“? 

Ich persönlich stehe absolut zu dem was wir lokal auf Spitzbergen in der Tourismusbranche machen, sonst wäre ich nicht hier. Die Herausforderung künftig sind aber die Zahlen. Ich habe diesbezüglich eine klare Meinung und finde man sollte den ganzen Tourismusbereich lokalisierter gestalten.

Wie meinst Du das?

Der Spitzbergen Vertrag im Artikel 3 besagt:

Die Staatsangehörigen aller hohen Vertragschließenden Teile haben in den Gewässern, Fjorden und Häfen der im Artikel 1 genannten Gebiete gleiches Recht auf Zugang und Aufenthalt zu jedem beliebigen Zwecke. Sie können sich daselbst, sofern sie sich nach den örtlichen Gesetzen und Vorschriften richten, ungehindert und bei völliger Gleichberechtigung in der Schifffahrt, in der Industrie, im Bergbau und Handel betätigen.

Artikel 3, Svalbard-Vertrag

Das heisst, dass auch nicht auf Spitzbergen oder in Norwegen basierte Firmen unter örtlichen Gesetzen auf der Inselgruppe operieren dürfen. Persönlich gesehen finde ich, dass Norwegen gewisse örtliche Gesetze aber anziehen sollte, denn was schliesslich passiert, ist, dass ansässige Firmen teilweise Marktnachteile erhalten. Ausländische Firmen, die hier agieren wollen, können theoretisch ihre eigenen Anstellungsbedingungen verwenden. Wir aber zahlen norwegische Löhne, norwegische Versicherungen und haben Kosten, die höher sind als auf dem Festland, beispielsweise durch den Wohnungsmangel oder Frachtkosten. Man vergisst also, dass so lokale Firmen diskriminiert werden. Und das sind meiner Meinung nach genau solche Firmen, welche man in der Menge politisch verwenden könnte, um den Souveränitätsanspruch Norwegens zu zementieren. Denn dieses Problem besteht nicht nur lokal auf Spitzbergen, sondern auch auf nationaler Ebene in Norwegen. Bedenkt man zum Beispiel die Sache mit der ungarischen Billigairline Wizzair, welche nationale Routen zu unter 20 EUR anbietet und gleichzeitig ihren Mitarbeitern verbieten wollen, sich zu organisieren. Unsere Regierung muss immer wieder tief in die Tasche greifen, um die eigenen nationalen Airlines am Leben zu erhalten und somit die Versorgung aller wichtigen nationalen Flugstrecken. Und mit Angeboten wie von dieser Billigairline werden norwegische Airlines noch zusätzlich national unter Druck gesetzt und ihre gegenwärtige Schwäche ausgenutzt. Wie weit ist in solchen Fällen eine offene Marktwirtschaft noch gesund, frage ich mich da. Meiner Meinung nach sollte durch eine passende Gesetzgebung die lokale Wirtschaft gestärkt werden. Dies bringt Vorteile für sowohl die lokale Bevölkerung wie auch für Norwegen selbst, auch in der Spitzbergenfrage.

Was wäre denn Deiner Meinung nach ein Lösungsansatz für Spitzbergen?

Man sollte in sehr naher Zukunft damit beginnen, nur auf Spitzbergen ausgebildete Guides anstellen zu dürfen, egal wo der offizielle Sitz der Firma ist. So würden für alle Firmen die gleichen Bedingungen in Bezug auf Anstellungskriterien bestehen, denn es wäre ein örtliches Gesetz. So müssten alle Firmen ihre Kosten neu berechnen und es würde zu einer Annäherung der Kostengleichheit kommen. Eine Stufe weiter wäre dann, dass diese lokal ausgebildeten Guides generell faire Mindestlöhne erhalten sollten. So würden die Mindestkosten für alle hier operierenden Firmen ähnlich hoch sein. Ein solches Gesetz würde Spitzbergen zwar nicht preisgünstiger machen. Denn einen «Mallorca»-Tourismus will hier keiner. Ich glaube aber, dass viele davon profitieren würden: Die Natur, unsere Grundlage, die mit grösstem Respekt behandelt werden muss; Der Kunde in Sachen Sicherheit, die durch lokal ausgebildete Guides gewährleistet ist; Der angestellte Guide, der eine faire Entschädigung erhält, egal für wen sie/er arbeitet; Der lokale Veranstalter, da er ein faireres Marktumfeld vorfindet; Und vor allem Norwegen als Souveränitäts-Staat, da so lokale Firmen auf Spitzbergen zukünftig gestärkt werden und nicht von aussenstehenden Firmen dominiert oder sogar aufgekauft werden können und damit ein Argument für die Souveränität Norwegens verloren gehen würde.

Der grösste Ort auf Svalbard und Verwaltunsgzentrum des Archipels hat in den letzten Monaten viel durchgemacht. Neben den wirtschaftlichen und politischen Wellen, die geschlagen wurden, war beispielsweise auch die Überflutung der Kohlenmine, die der Energieversorgung dient, ein weiterer Punkt auf der Agenda der Diskussion um die Zukunft Svalbards. Bild: Michael Wenger (Archivbild)

Ein weiterer Punkt müsste die weitere Aufwertung der Tourismusbranche in der Verwaltung von Spitzbergen sein. Momentan stehen auf der Webseite von Sysselmannen fünfzig Mitarbeiter und nur zwei davon sind direkt für die Reisebranche zuständig. Für mich ist diese Abteilung unterbesetzt. Vor Corona hatte alleine der Tourismusvertreter «Visit Svalbard» 137 registrierte Firmen, welche auf Spitzbergen im Tourismus tätig sind. Der Tourismus ist gemeinsam mit der Forschung heutzutage einer der einkommenstechnisch stärksten Bereiche für die lokale Wirtschaft. Deswegen sollte hier eine stärkere Kontrolle und Zusammenarbeit mit allen Interessenvertreter gesucht werden, statt künftig einfach mit Verboten und Einschränkungen zu arbeiten. Diese Tendenz sehe ich momentan.

Wie siehst Du die Zukunft Spitzbergens?

Spannend und mit vielen Herausforderungen. Unsere Branche hat sich in den letzten 10 Jahren sehr verändert und administrativ sind wir gefühlt bei 9 Jahren stehen geblieben. Ich hoffe, dies ändert sich in Kürze und das dies überholt wird. Norwegen wird die Souveränität weiter festigen und Natur und Mensch können trotz lokaler Veränderung und moderner Zeit im Einklang miteinander leben.

Das Interview mit Marcel Schütz führte Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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