Bye bye Antarktis – Die Saison 20/21 fällt aus | Polarjournal
Dieses Jahr werden die Pinguinkolonien entlang der antarktischen Halbinsel kaum menschliche Besucher sehen. Im besten Fall werden es Wissenschaftler sein, die ihre Studien verfolgen. Die Tourismussaison ist aufgrund von COVID de facto abgesagt. Bild: Michael Wenger

Gegen Ende der für Expeditionsreisen erfolgreichen Antarktissaison 19/20 schlug ein kleines Virus unbarmherzig zu. Innerhalb weniger Tage beendeten praktisch alle Anbieter von Expeditionsreisen in die Antarktis ihre Saison und schickten ihre Gäste nach Hause und ihre Guides in Zwangsurlaub. Es blieb die Hoffnung, dass sich die Lage bis zum Beginn der neuen Saison wieder bessern würde oder man zumindest sie in den Griff bekommen würde. Doch nach einer komplett abgesagten Arktissaison ist nun auch die Antarktissaison Sars-COVID-2 zum Opfer gefallen.

Immer mehr grosse und kleine Anbieter von Reisen in zu Pinguinen und Eisbergen haben nun zu Beginn der Saison ihre Segel gestrichen und buchen ihre Gäste auf Reisen im nächsten Jahr um. Einige der Anbieter sagen ganz offiziell ihre Reisen ab, wie beispielsweise Hurtigruten; andere haben einfach damit begonnen, ihre Gäste und die Reisebüros individuell zu kontaktieren und Umbuchungen vorzunehmen. Damit wollen sie sicherstellen, dass die Gäste nächstes Jahr dabei sein werden und nicht gleich komplett absagen. Und gemäss Aussagen verschiedener Vertreter aus der Expeditionsreiseindustrie entspricht dies auch dem Wunsch der meisten Gäste: Umbuchung statt Rücktritt. Viele der Reisen in der nächsten Saison sind bereits derart gut gebucht, dass es für neue Kunden schwer sein wird, nächstes Jahr mit der gewünschten Firma reisen zu können. Doch auch dafür gibt es bereits die Lösung: Buchung auf die übernächste Saison, Ausweichen auf eine andere Firma oder Flexibilität beim Datum der geplanten Reise. Denn Flexibilität ist das, was Expeditionen ausmacht, nicht nur während COVID-Zeiten.

Zwar hat die COVID-Krise den Expeditionsreisemarkt sehr stark durchgeschüttelt. Doch noch stehen die Anbieter und planen ihre nächsten Saisons. Dadurch können Kunden aus einer Fülle von verschiedenen Schiffsgrössen, Daten und Aktivitäten auswählen. Trotzdem ist die Zukunft etwas ungewisser als auch schon. Bild: Michael Wenger (Archiv)

Einige der Firmen hatten bereits im Sommer ihre Antarktissaison gestrichen und ihren Kunden Alternativen in der nächsten Saison angeboten. Andere hatten gehofft, dass mit ausgeklügelten Sicherheits- und Gesundheitskonzepten an Bord den Auswirkungen von COVID-19 beizukommen sei und hielten ihre Reisen so lange wie möglich offen. Doch die steigenden Fallzahlen in Europa, die nicht sinken wollenden Zahlen in den USA und Argentinien und die zahlreichen und strengen Reisebeschränkungen vieler Länder würgten nun jede aufkeimende Hoffnung, doch noch zumindest zwischen November und Februar reisen zu können ab. Zusätzlich wollen Länder ihre Einreiserestriktionen beibehalten oder sogar verschärfen, wie im Fall der Falklandinseln, die gegenwärtig darüber diskutieren. Dadurch müssen Firmen, die noch auf eine verkürzte Saison gehofft hatten, nun einen Schlussstrich unter ihre Pläne ziehen. Hurtigruten und G Adventures, die ab Januar 2021 fahren wollten, haben bekanntgegeben, die Saison 20/21 komplett zu streichen. Auch grössere Gesellschaften wie Silversea und Seaborne werden keine Fahrten in die Antarktis anbieten. Zwar hat Silversea eine Reise von Ushuaia nach Kapstadt im Februar im Programm, doch ob diese tatsächlich stattfinden wird, ist mehr als fraglich. Weitere Firmen, die noch darauf hoffen, dass sich eine Tür öffnen wird und Reisen doch noch durchgeführt werden können, sind beispielsweise Ponant und Lindblad Expeditions. Beide haben erfolgreich Sicherheitskonzepte auf ihren Schiffen bereits getestet und haben auf ihren Webseiten Abfahrtsdaten noch drin. Doch auch hier bleibt die Frage, ob die Gäste überhaupt die Abfahrtsorte in Argentinien und Chile erreichen können, da beide Länder immer noch ihre Grenzen für Ausländer geschlossen haben (Stand: 19. Oktober 2020)
Eine weitere Frage, die sich stellt, aber über die kaum gesprochen wird ist, ob und welche Firmen diesen erneuten Shutdown einer polaren Saison einigermassen überstehen werden. Immerhin herrscht gegenwärtig noch Optimismus und die Pläne für die kommenden Saisons werden weiterhin erstellt. Doch Tatsache ist, dass sich viele Firmen nicht noch weitere Absagen erlauben können, wenn das langfristige Überleben gesichert werden soll.

Während Abfahrten in die Antarktis aus den traditionellen Ländern wie Argentinien und Chile gestrichen worden sind, hat Neuseeland der eigenen Gesellschaft Heritage Expeditions die Genehmigung für Fahrten in die eigene subantarktische Inselwelt wie beispielsweise Enderby Island erteilt. Das lockt aber auch Konkurrenten an. Bild: Michael Wenger

Die ganze Antarktis also touristenfrei? Nein, eine kleine Expeditionsreisefirma in einem von COVID wieder befreiten Land leistet der Schliessung Widerstand. Neuseeland hat das Glück, eine subantarktische Inselwelt im Hinterhaus zu haben und eine inländische Expeditionsfirma, die auch dorthin fährt. Heritage Expeditions bietet daher Reisen in einheimischen Gewässern für einheimische Gäste an. Um diese Genehmigung zu erhalten, musste das Unternehmen auch zahlreiche Sicherheits- und Gesundheitsprotokolle durchlaufen und vorweisen. Mit Erfolg: Ab dem 24. November werden Neuseeländer ihre Heimat anders erleben dürfen. Doch der Erfolg hat auch bereits die ersten Nachahmer auf den Plan gerufen. Eine grosse französische Gesellschaft will sich nun auch ein Stück von diesem Teil des Antarktiskuchens abschneiden und hat Pläne bei den neuseeländischen Behörden eingereicht, für einheimische Gäste Fahrten mit zwei Schiffen in die neuseeländische sub- und antarktische Welt durchzuführen. Auch eine weitere grosse Gesellschaft hat Pläne, zumindest ein Schiff von Neuseeland nach Australien im Februar 2021 segeln zu lassen. Ob diese beiden Firmen mit ihren Anträgen Erfolg haben werden, wird sich zeigen.

Was für die Gäste, die in dieser Saison sich den Traum einer Antarktisreise gönnen wollten, bleibt, ist die Hoffnung und die Zusagen der Anbieter, dass im nächsten Jahr alles wieder besser sein wird und man für sie bereitstehen wird, ihren Traum zu erfüllen. Bild: Michael Wenger

Neben den Firmen, die sich die Antarktissaison sicherlich anders vorgestellt haben, sind aber auch Gäste und Guides vom Shutdown massiv betroffen. Für die ersteren haben viele Firmen zum einen kostenlose Umbuchungen (nicht Stornierungen notabene) und ein einfaches Handling bei Ausweichen auf andere Schiffe oder andere Reisen versprochen. Auch die Tatsache, dass trotz COVID-Pandemie im nächsten Jahr noch mehr Schiffe und Firmen auf den nach wie vor als lukrativ betrachteten Markt drängen, macht es für Gäste einfacher, sich ihren Traum doch noch zu erfüllen. Vorausgesetzt natürlich, dass die Auswirkungen der Pandemie nicht noch stärkere negative wirtschaftliche Entwicklungen nach sich ziehen. Doch für die Guides der Expeditionsreisenfirmen ist die Absage eine Katastrophe, vor allem wirtschaftlich. Denn nach der bereits abgesagten Arktissaison fallen nun weitere Monate weg, in denen Einkommen hätte generiert werden können. Dies bedeutet für viele, dass sie sich anderweitig nach Einkommensmöglichkeiten umsehen müssen oder neue Stellen suchen müssen. Und es ist kaum wahrscheinlich, dass ein neuer Arbeitgeber nächstes Jahr monatelang auf seine Angestellten verzichten will, damit diese in den Polarregionen ihrer Passion nachgehen können. Damit würde aber eine riesige Lücke an Erfahrung und Wissen in der Branche entstehen, die nicht so einfach gefüllt werden kann in Zukunft. Damit hält das Virus auch ohne Infektion eine ganze Branche im Griff.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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