Wenn das arktische Meer nicht zufriert | Polarjournal
Statt Meereis waren weite Flächen in der russischen und europäischen Arktis blaues Wasser und die Temperaturen weit über dem Durchschnitt. BIld: I. Quaile-Kersken

Mehrfach haben wir über die Ausdehnung des arktischen Meereises und die Erwärmung über der russischen Arktis berichtet. Die Konsequenzen davon war eine enorm verspätete Bildung neuen Meereises in einer der wichtigsten Bildungszonen. Auch darüber hatten wir berichtet. Irene Quaile-Kersken, ausgezeichnete Journalisten und Polarkennerin, fasst nun die Ereignisse nochmals zusammen und erklärt, warum alle diese Ereignisse als Vorboten einer noch düstereren Zukunft sein könnten.

Stellen Sie sich vor, Sie machen sich zum Nordpol auf, um Ihren nagelneuen, supermodernen Eisbrecher zu testen – und finden kein Eis dick genug, um die neuste Technik gebührend zur Schau zu stellen. Das muss für die Betreiber der russischen Arktika extrem frustrierend gewesen sein. Als ich einen Bericht von Thomas Nilsen im Independent Barents Observer im Oktober las, hatte ich selbst das Gefühl, auf dünnem Eis zu wackeln.

„Die Tests müssen noch durchgeführt werden, wahrscheinlich noch in diesem Jahr, weil das diesmal nicht geklappt hat. Das Eis war zwischen 1.1 und 1.2 Meter dick. Es war dünn und lose, der Eisbrecher traf also auf überhaupt keinen Widerstand“, sagte Oleg Schchapin vom “Icebreakers Acceptance Team” im Gespräch mit der Nachrichtenagentur TASS.

Solches Meereis, das „nur“ etwas mehr als einen Meter dick ist, traf die Arktika, Russlands stärkster Eisbrecher, auf seiner Fahrt beim Nordpol an. Zuwenig, um das Schiff adäquat zu testen. Bild: Michael Wenger

Dabei hatten die russischen Experten ganz andere Bedingungen erwartet. Nilsen berichtet über eine „voreilige“ Pressemitteilung von Atomflot. Darin stand, das Schiff habe sich bewährt und drei Meter dicke Eischichten durchbrochen. Es stellte sich aber heraus, dass die Crew erfolglos nach dickem Eis gesucht hatte. Und das am Nordpol im Oktober. Die ganze Nordroute nördlich von Sibirien, von der Karasee bis zur Beringstraße sei im Oktober noch offenes Wasser gewesen, schreibt Nilsen.

„Ein historisches Ereignis“

Am 15. September erreichte das Meereis der Arktis sein jährliches Minimum, mit 3.74 Millionen Quadratkilometern. Das ist die zweitniedrigste Ausdehnung seit Anfang der Satellitenmessung. Nur 2012 gab es noch weniger. Der langfristige Trend geht weiter nach unten. Vor allem die russische Arktis erlebte in diesem Jahr noch einmal eine außergewöhnliche Hitzewelle.

Zachary Labe ist Klimaforscher an der amerikanischen an Colorado State University und beschäftigt sich vor allem mit der graphischen Darstellung des Klimawandels in der Arktis. Auf Twitter veröffentlichte er am 21. Oktober diese Meldung:

Kein “Nachwuchs” in der Eiskinderstube

Wissenschaftler sorgten sich vor allem über die Laptewsee, nördlich der sibirischen Küste. Sie wird als “Kinderstube” des arktischen Meereseises angesehen.

„Dieser Teil des Arktischen Ozeans ist normalerweise eine Art Fabrik für neues Meereis im Herbst und im Winter, wenn die Lufttemperatur unter null Grad  sinkt und das Wasser an der Oberfläche zu frieren anfängt“, erklärt Jonathan Bamber, Professor für Physikalische Geografie an der britischen University of Bristol in The Conversation. „Dieses neue Eis wird dann vom Wind westwärts transportiert, wie eine Art Förderband. In diesem Sommer erreichte die Eisausdehnung dort ein Rekordtief. Den ganzen Oktober durch gab es kein Eis, später als jemals seit dem Anfang der Satellitenmessungen.“ Labe beschrieb die Situation im Sommer 2020 als „historisches Ereignis“ und mahnte, man müsse auf diese „Indikatoren des Klimawandels“ achten.

Am 26. Oktober schrieb er wieder auf Twitter das „extreme Ereignis“ in der Arktis dauere an. Die Ausdehnung des arktischen Meereises habe ein Rekordminimum für diese Jahreszeit erreicht. Er schreibt von „anomaler Wärme in Zusammenhang mit wenig bis überhaupt keiner Meereisbedeckung nördlich von Sibirien”.

Eisfreie Arktis nur eine Frage der Zeit

Eric Holthaus, Meteorologe and Journalist reagierte ebenfalls per Twitter:

“Damit wir uns über den aktuellen Zustand des Klimakollapses im Klaren sind: der arktische Ozean nördlich von Sibirien hat noch nicht mal angefangen wieder zuzufrieren. Vor ca. 20 Jahren wäre das Meer bis jetzt vollkommen zugefroren. Dies ist nicht normal. Wir befinden uns in einem Klimanotstand.“

In The Conversation schreibt Jonathan Bamber, das mehrjährige Eis in der Arktis sei in den letzten 40 Jahren um ungefähr die Hälfte geschrumpft.

„Der ganze Arktische Ozean bewegt sich in Richtung eisfreie Bedingungen. Das definiert man als weniger als eine Million Quadratkilometer Eisbedeckung, erläutert Bamber. „Vor nur 40 Jahren waren es um die 8 Millionen Quadratkilometer.“ Der Sommer 2020 habe uns einen Schritt näher an diese Bedingungen gebracht.

 “Alarm as Arctic sea ice not yet freezing at latest date on record” –„Alarm: das Meereis in der Arktis friert immer noch nicht – so spät im Jahr wie noch nie“ – war die Überschrift über einem Artikel von Jonathan Watts in der britischen Zeitung The Guardian am 22. Oktober. Im Interview mit der Zeitung sagte Walt Meier, leitender Wissenschaftler beim US National Snow and Ice Data Center der Arktische Ozean könnte laut vorhandenen Daten und Modellen zwischen 2030 and 2050 eisfrei sein. Es gehe nur noch darum wann das passieren werde.

Immer häufiger sind die Bereiche in der europäischen und russischen Arktis eisfrei und auch nördlich von Grönland, wo die letzte Bastion mehrjährigen Eises lag, sieht vermehrte Öffnungen der Eisdecke. Experten sagen eisfreie Sommer zwischen 2030 und 2050 voraus. Bild: Michael Wenger

Die berüchtigten Rückkopplungseffekte  

In einem Artikel am Anfang dieses Jahres (“2020: Crunch time für die Arktis“), schaute ich unter anderem auf den Zustandsbericht der US-Wetterbehörde NOAA:  Arctic Report Card.

„Der Kreis schließt sich. Der Rückgang der Meereis- und Schneeflächen neben der Grönlandeischmelze führen dazu, dass die Luft in der Arktis sich schnell erwärmt“, schreiben die Wissenschaftler. Der Verlust der weißen Schnee- und Eisflächen die Wärme in die Atmosphäre zurück reflektierten, führt zu weiterm Abschmelzen und einer weiteren Erwärmung. Neben den Auswirkungen für die Bewohner der Arktis sorgen der steigende Meeresspiegel, die Freisetzung von Kohlenstoff aus dem Permafrost sowie die Auswirkungen auf das globale Wettergeschehen dafür, dass die Veränderungen, die in der Arktis stattfinden, auch für den Rest der Welt relevant sind,“ erklären die Autoren.

Die Verlangsamung der Eisentwicklung am Anfang dieser Winterperiode 2020-21 könnte diese Rückkopplungseffekte weiter verstärken.

Erst Anfang November kam die erleichternde Nachricht, dass das arktische Meer endlich anfing, zuzufrieren.

We have to pay attention”, wir müssen aufhorchen – war die Überschrift eines Artikels von Tom Batchelor für die Onlinezeitung Independent am 26. Oktober. Die Verringerung des Meereises sei “nicht nur ein düsterer Vorbote des Klimawandels, sondern auch eine Gefahr für Lebewesen im Ozean, da das schwimmende Eis unter anderem auch Nährstoffe für arktisches Plankton transportiere.

Dem “Worst-case-scenario” entsprechend

Während eines großen Teils des Jahres waren die Temperaturen in der sibirischen Arktis 8 bis 10 Grad Celsius höher als normal. Wissenschaftler der russischen Tyumen State University, die den Permafrost im westlichen Sektor der russischen Arktis untersuchten, schrieben am 23. Oktober die jährliche Durchschnittstemperatur in der Arktis sei seit 1970 um fast 3 Grad Celsius gestiegen.  Alexander Vasilyev der neben der Universität dem “Earth Cryosphere Institute of the Tyumen Scientific Center at the Siberian Branch of the Russian Academy of Sciences” angehört, erklärte das sei “nah am extremen Klimawandelszenario.”

Wird das das „Neue normal“? Eisbrecher ohne richtiges Eis? Bild: Michael Wenger

Wenig Meereis – schneereicher Winter?

Studien belegen, dass die Erwärmung der Arktis und die Verringerung des Meereises das Wetter weiter südlich beeinflussen, indem sie den “Jetstream” und andere wetterrelevante Wellen verändern”. Umweltjournalist Stephen Leahy vergleicht die Situation mit dem Winter 2010:

Noch haben wir die Wahl

Die kommenden Monate werden zeigen, ob Leahy recht behält – und wenn ja, ob ein kalter, schneereicher Winter in Teilen von Europa wieder von denjenigen instrumentalisiert wird, die die Ausmaße und Auswirkungen der globalen Erwärmung herunterspielen wollen.

Dr Stefan Hendricks, Meereisphysiker beim Alfred Wegener Institute, fasste die Reaktion vieler Wissenschaftler und Beobachter zusammen, als er die Meereistrends im Gespräch mit The Guardian als „düster aber nicht überraschend“.

„Es ist eher frustrierend als schockierend. Das wird schon so lange vorhergesagt – aber die Entscheidungsträger haben kaum entsprechend reagiert“.

In einem früheren Beitrag, “Sommer 2020, als das Abnormale zur Normalität wurde”, zitierte ich Bruno Tremblay von der kanadischen  McGill University und Mitautor der in der Zeitschrift Geophysical Research Letters veröffentlichten Studie   Arctic Sea Ice in CMIP6, die die aktuellen Ergebnisse aus 40 unterschiedlichen Klimamodellen analysierte.  In einem  Interview mit Radio Canada International erklärt Tremblay man werde auf jeden Fall Jahre erleben, in denen es im Arktischen Ozean im Sommer kein Meereis gibt.

Weltklima auf dünnem Eis

Was wir aber noch beeinflussen können, sei ab wann und wie oft das der Fall sein werde, meint der Wissenschaftler, je nachdem wie schnell und wie stark wir unsere Emissionen reduzieren.

Solche Bedingungen gab es das letzte Mal auf der Erde vor ungefähr 6.000 Jahren, sagt Tremblay. Und bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird es so warm sein wie vor Millionen Jahren.

Die Wärmebedingungen, die am Ende des Jahrhunderts herrschen werden, habe es höchstens vor Millionen Jahren auf der Erde gegeben.

Russlands Flaggschiff der Eisbrecherflotte soll noch einmal in richtung Nordpol vorstossen, um seine Fähigkeiten unter besseren Bedingungen testen zu können. Doch die Frage stellt sich, ob es in der Zukunft, die von den Forscher vorhergesagt wird, überhaupt noch solche Eisbrecher braucht. Bild: Anton Haas

Im Laufe dieses Winters wird die Crew des neuen russischen Eisbrechers mit Sicherheit genügend Gelegenheiten haben, ihr neues Schiff zu testen, in Vorbereitung auf die Zunahme des Schiffverkehrs durch arktische Gewässer. Für diejenigen, die von kürzeren Transportwegen und leichterem Zugang zu bisher verborgenen Ressourcen in der Arktis profitieren wollen, könnte dünnes Eis um den Nordpol als eine gute Nachricht erscheinen. Für diejenigen von uns, die um das verletzliche Ökosystem und die einzigartige Lebensweise der nördlichen Völker besorgt sind, sieht das anders aus. Angesichts der Bedrohung für unseren ganzen Planeten, falls es uns nicht gelingt, den Klimawandel in den nächsten Jahren zu bremsen, ist das dünne Eis am oberen Pol unserer Welt eher ein düsterer Vorbote.

Link zum Blog von Dr. Irene Quaile-Kersken:

Aktueller Blog: https://iceblog.org/

Ältere Blogs: http://blogs.dw.com/ice/

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