Eine Schweizer Vision für die Arktis | Polarjournal
Die Schweiz hat eine längere Arktistradition als viele vielleicht meinen. Das Landesmuseum hatte kurz vor der Corona-Pandemie eine Ausstellung zur Grönland-Expedition von Alfred de Quérvain lanciert, die jetzt auch virtuell begehbar ist. Informationen sind auf der Webseite des Landesmuseum zu finden. Bild: Michael Wenger

Immer stärker gerät die Arktis in den Fokus der Welt. Der Klimawandel mit seinen grundlegenden Veränderungen der Umwelt bringt auch gesellschaftliche, wissenschaftliche und politische Veränderungen und Probleme mit sich. Sich diesen Herausforderungen zu stellen, ist eine der Hauptaufgaben der Mitglieder des Arktisrates. Dazu zählt auch die Schweiz, die als jüngstes und letztes Land den Beobachterstatus erhalten hat. Zwar hatte die Schweiz 2019 eine generelle Richtung ihrer Arktispolitik vorgestellt. Doch zwei Schweizer Wissenschaftler der Denkfabrik «foraus» haben nun konkrete Vorschläge für eine zukünftige Schweizer Arktisstrategie vorgelegt.

Der vorliegende Text ist eine für PolarJournal geschriebene Kurzversion der Arbeit von Dr. Anna Stünzi und Benno Zogg der Schweizer Denkfabrik „foraus“ mit dem Titel „Switzerland and the Arctic: Closer than you think“ veröffentlicht am 27. Oktober 2020.

Die Arktis ist am bekanntesten für ihre massiven Eis- und Schneemassen und Eisbären. Während die Region hauptsächlich aus dem Arktischen Ozean besteht, leben 4 Millionen Menschen in acht Nationen in den riesigen und weitgehend unwirtlichen Landregionen oberhalb des Polarkreises. Abgesehen von der Forschung hatte die Arktis lange Zeit nicht viel internationale Aufmerksamkeit erhalten, auch nicht von der Schweiz. Die rauen klimatischen Bedingungen haben den Handel, den Bau der Infrastruktur oder den Zugang zu Ressourcen behindert. Natürliche Hindernisse schmelzen jedoch buchstäblich weg. Das Volumen der arktischen Eisdecke ist seit 1979 um 75 Prozent zurückgegangen, was im Sommer eine Schiffsverbindung des Pazifiks und des Atlantischen Ozeans ohne Eisbrecher ermöglicht. Dies eröffnet neue Handelswege von und nach Ostasien. Einige Kommentatoren sprechen von einem „neuen Suezkanal ohne Piraten oder Warteschlangen“. Darüber hinaus ermöglicht eine bessere Erreichbarkeit der Arktis die Entwicklung abgelegener Gebiete und Bevölkerungsgruppen und erleichtert den Zugang zu reichen Reserven natürlicher Ressourcen.

Immer länger dauernde Sommer ohne Eis erlauben es Frachtschiffen und Tankern, zwischen Pazifik und Atlantik zu fahren. Obwohl das Volumen an Gütern global noch klein ist, glauben viele Analysten, dass die Nordostpassage dereinst eine Hauptverkehrsachse für Warentransporte sein kann. Der russische Präsident fordert, dass bis 2024 insgesamt 80 Millionen Tonnen Güter entlang der Passage transportiert werden. Bild: RIA Novosti

Diese Entwicklungen wecken das weltweite Interesse regionaler Akteure, aber auch von Grossmächten ausserhalb der Region an der Arktis. Die Zusammenarbeit bei Forschungs- und Rohstoffgewinnungsprojekten bleibt weitgehend bestehen. Entwicklungen tragen jedoch auch Risiken. Die Gewinnung fossiler Ressourcen treibt nicht nur die globale Erwärmung an, sondern gefährdet auch die fragile lokale Fauna und Flora, die Bevölkerung und die indigenen Völker. Die Spannungen zwischen Staaten in einem zunehmend belasteten geopolitischen Umfeld verschärfen sich umso mehr, als einige Ressourcenvorkommen in umstrittenem Gebiet liegen. Die menschliche Sicherheit der arktischen Bevölkerung ist gefährdet.

Kooperation der Nationen via Arktisrat

Bisher hat eine kooperativer Grundstimmung die Beziehungen zwischen den arktischen Staaten geleitet. Da die Arktis hauptsächlich aus Ozeanen besteht, basieren die Beziehungen auf der UN-Seerechtskonvention (UNCLOS), die einen umfassenden Rechtsrahmen für Fragen wie Navigationsrechte oder die Souveränität und damit Wirtschaftszonen arktischer Staaten bietet. Seit seiner Gründung im Jahr 1996 ist der Arktische Rat das führende zwischenstaatliche Forum zur Förderung der Zusammenarbeit, Koordinierung und Interaktion zwischen Staaten, indigenen Völkern und anderen Bewohnern der Arktis in gemeinsamen Fragen, insbesondere zu nachhaltiger Entwicklung und Umweltschutz. Er war erfolgreich bei der Förderung eines konstruktiven Dialogs und hat verschiedene Verträge initiiert, insbesondere in Bezug auf Umweltverschmutzung, wissenschaftliche Forschung sowie Suche und Rettung. Angelegenheiten der harten (militärischen) Sicherheit und territoriale Fragen sind in der Charta des Arktischen Rates ausdrücklich ausgeschlossen. Der Rat besteht aus acht Mitgliedstaaten und sechs Organisationen, die indigene arktische Völker vertreten. Dreizehn Staaten haben Beobachterstatus.

In einem vielbeachteten und erwarteten Auftritt 2019 stellte der Schweizer Vertreter im Arktisrat, Botschafter Stefan Estermann, die Richtung der Schweizer Arktispolitik vor. Er zeigte dabei vor allem, warum die Schweiz eine Arktispolitik braucht und worauf der Fokus in der Strategie gelegt werden soll. Ein entsprechender Informationsbericht wird zurzeit erstellt. Bild: Arctic Circle

2017 wurde die Schweiz Teil dieses Rates. Beobachter dürfen teilweise bei Sitzungen Erklärungen abgeben und es wird ausdrücklich erwartet, dass sie an Arbeitsgruppen teilnehmen. Der Hauptgrund für die Bewerbung – und ihre Akzeptanz – war die wissenschaftliche Expertise der Schweiz in Polarregionen in Bezug auf Eisschilde und in den Hochalpen in Bezug auf Glaziologie, Schnee, Atmosphäre, Permafrost und Gebirgsökosysteme. 2019 stellte die Schweizer Regierung auf der Arctic Circle Versammlung ihre Polarpolitik vor und konzentrierte sich dabei auf die Hauptsäule der Innovations- und Forschungszusammenarbeit.

Eine grosse Herausforderung: Umwelt

Die Arktis besteht nicht nur aus riesigen Schneebergen und Eisschelfs an Land und am Arktischen Ozean, sondern auch aus einem unglaublichen Ökosystem. Die Region ist sehr ressourcenreich und verfügt über geschätzte 22% der weltweiten Öl- und 30% der Gasreserven. Die Arktis ist jedoch stark vom globalen Klimawandel und den damit verbundenen sich selbst verstärkenden Rückkopplungseffekten betroffen. Die entstehenden Landflächen reflektieren das Sonnenlicht weniger als die mit Schnee bedeckten Gebiete, was zu einer beschleunigten Erwärmung führt. Das Auftauen von Permafrost beschleunigt die Freisetzung von Treibhausgasemissionen wie CO2 und Methan, was die globale Erwärmung weiter verschärft. Der Klimawandel gefährdet zunehmend die lokale Fauna, Flora und Bevölkerung.

Die verschiedenen Transportwege, die sich aufgrund des immer weiter und schneller abschmelzenden Meereises ergeben, könnten einen Gütertransportboom in der Arktis auslösen. Zumindest erhofft sich das die russische Regierung, die keine Mühen spart, neue Eisbrecher zu bauen, um auch im Winter die Wege freihalten zu können. Bild. Stünzi & Zogg, 2020, foraus

Es wird erwartet, dass in ein oder zwei Jahrzehnten mehrere Seewege im Sommer mehrere Wochen lang eisfrei sein werden. Dies ermöglicht Aktivitäten, die den Klimawandel und die Ökosysteme weiter befeuern. Erstens haben verschiedene Länder Interesse an Bohrungen für fossile Energiequellen bekundet. Die Erschöpfung und Verbrennung von Öl und Gas verursacht jedoch neue Treibhausgasemissionen. Zweitens ist der beobachtete Anstieg der arktischen Schifffahrt mit einer höheren Rate gemeldeter Unfälle im Vergleich zu südlichen Gewässern, der Ausbreitung von Schiffslärm und der Luftverschmutzung verbunden. Aufräumarbeiten und Rettungsaktionen in der Arktis sind viel schwieriger als auf anderen Seewegen. Drittens erfordern die Rohstoffgewinnung und neue kommerzielle Aktivitäten den Bau einer neuen Infrastruktur. Der Klimawandel und der auftauende Permafrost gefährden inzwischen grosse Teile der derzeitigen Infrastruktur. Die jüngste Ölkatastrophe in Norilsk, Sibirien, zeigt, dass Unfälle verheerende Auswirkungen auf die Umwelt und den Lebensunterhalt der arktischen Bevölkerung haben.

Das Ministertreffen in Rovaniemi endete mit einem Eklat, da der amerikanische Aussenminister Pompeo sich geweigert hatte, seine Unterschrift auf eine gemeinsam Erklärung des Arktisrates zur Bekämpfung des Klimawandels zu setzen. Bild: Jouni Porsanger / Ministry for Foreign Affairs of Finland

Der Arktische Rat hat die Herausforderungen und Risiken für die arktischen Ökosysteme in Bezug auf den Klimawandel, aber auch menschliche Aktivitäten erkannt und als Forum für Aktionspläne und Rahmenbedingungen zur Verbesserung des Umweltschutzes gedient. Darüber hinaus konzentrieren sich alle sechs Arbeitsgruppen auf die Bewertung von Umweltveränderungen und -schäden, die nachhaltige Entwicklung und die Koordinierung. Damit hoffen sie, umweltschädigende Ereignisse zu mildern und am besten darauf reagieren zu können. Trotz der offiziellen Anerkennung des Wertes der Umwelt besteht ein hohes Risiko, dass die nationalen Interessen die öffentlichen Bedenken überwiegen. Bei ihrem letzten Treffen im Mai 2019 konnten sich die Aussenminister der arktischen Staaten nicht auf eine gemeinsame Erklärung zur Bekämpfung des Klimawandels einigen.

Eine weitere grosse Herausforderung: Sicherheit

Klimawandel und technologische Innovation erleichtern die Navigation und die Rohstoffgewinnung in der Arktis, was sowohl ihre Bedeutung für die Sicherheit als auch für die Wirtschaft erhöht. In Bezug auf weiche Sicherheit – z.B. der Umgang mit Unfällen – ist die Zusammenarbeit zwischen den arktischen Staaten aufgrund klarer gegenseitiger Interessen auf fruchtbaren Boden gefallen. In Bezug auf die harte militärische Sicherheit sieht das Bild eher düster aus.

Russland hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Massnahmen unternommen, um seine militärische Präsenz in der Arktis zu demonstrieren und seine Nordgrenze zu festigen. Ein Ausbau der Nordflotte mit dem Flugzeugträger Admiral Kusnetzov als Flaggschiff war nur einer der Schritte. Neue U-Boote und anderes Material wurde ebenfalls gebaut. Bild: Michael Wenger

Viele arktische Staaten betrachten die Arktis als entscheidend für ihre jeweilige nationale Sicherheit. Norwegen und Kanada haben ihre militärische Präsenz in der Region verstärkt. Die USA haben beispielsweise den Luftwaffenstützpunkt Keflavík in Island reaktiviert. Russland reaktivierte in ähnlicher Weise Militärstützpunkte aus der Zeit des Kalten Krieges und baute neue. Diese Bedeutung der Arktis kann die anhaltenden territorialen Streitigkeiten in der Region, beispielsweise um den Lomonossow-Rücken, verschärfen.

Während ein offener Krieg in der Arktis unwahrscheinlich ist, dürften erhöhte geopolitische Spannungen die Region betreffen. Der Streit zwischen Russland und dem Westen seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 hat bereits unmittelbaren und langfristigen Einfluss auf Kontakte und Zusammenarbeit gehabt. Spannungen hatten eine wirtschaftliche Dimension. Zu den westlichen Sanktionen gegen Russland gehört ein Verbot der Bereitstellung von Krediten und Technologien, die für die Erkundung der arktischen Öl- und Gasfelder erforderlich sind. Dementsprechend musste Russland mehrere solcher Projekte auf Eis legen. Spannungen wirkten sich insbesondere im militärischen Bereich aus. Während gemeinsame Militärübungen abgesagt wurden, verstärkten die Parteien die Machtdemonstration und erhöhten die Anzahl der Patrouillen, Grenzverletzungen und Militärübungen.

Auch asiatische Staaten haben ein gesteigertes Interesse an der Arktis, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Der Ressourcenreichtum lockt und der Hunger der «Tigerstaaten» ist gross. Vor allem China hat sich hier hervorgetan und seine Ambitionen, als «arktisnaher» Staat anerkannt zu werden, mit dem Bau von Eisbrechern und der Unterstützung russischer Infrastrukturprojekte offen demonstriert. Bild: CHINARE

Neben dem Gegensatz zwischen Russland und dem Westen haben eine Reihe von Mächten in Asien ein verstärktes Interesse an der Arktis bekundet. Chinas Ambitionen müssen am ernstesten genommen werden. Es hat sich als „arktisnaher Staat“ profiliert und seinen Anteil an Infrastruktur- und Rohstoffgewinnungsprojekten im hohen Norden erhöht. China kann als moderierende Stimme dienen, die an stabilen Seewegen und Ressourcenflüssen interessiert ist.

Bisher haben alle Parteien in der Arktis durch den Arktischen Rat gearbeitet und ihr Engagement für das UN-Seerecht bekundet. Dennoch ist die Arktis als aussergewöhnlicher Ort, der von geopolitischen Spannungen nicht beeinträchtigt wird, nicht mehr vorhanden. Dies ist kein gutes Zeichen für den Arktischen Rat, der von kollektiven Entscheidungen abhängt. Mitglieder können drohen, solche Foren aufzugeben, oder sie können Mechanismen zur Beilegung von Rechtsstreitigkeiten missachten. Die Bedrohung durch die derzeitige Dynamik, die zu solchen Massnahmen führt, wird durch die Tatsache verschärft, dass es keine hochrangige zwischenstaatliche Plattform gibt, auf der Fragen der harten Sicherheit erörtert werden können.

Eine Schweizer Vision für die Arktis

Die Schweiz sollte diese Risiken für die Umwelt sowie für Frieden und Sicherheit erkennen. Gleichzeitig kann die Schweiz die Arktis als Chance für eine nachhaltige Politik und eine multilaterale Zusammenarbeit wahrnehmen. Unsere Vision zielt darauf ab, die Forschungszusammenarbeit zu sichern, die die Grundlage für die derzeitige Herangehensweise der Schweizer Akteure an die Region und den Arktischen Rat bildet, aber auch darüber hinausgeht.

Der Wohlstand und die Stabilität der Schweiz basieren auf dem Funktionieren der Weltwirtschaft, auf vertrauensvollen Beziehungen zwischen Staaten ohne Hindernisse und Sanktionen sowie auf dem freien Waren- und Personenfluss zu Land und zu Wasser. Der verstärkte Handel in der Arktis sollte im Einklang mit den Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels und der Sorge um die lokale Umwelt fortgesetzt werden. Zu diesem Zweck sollte die Gewinnung fossiler Ressourcen minimiert werden. Eine Vereinbarung, beispielsweise keine fossilen Ressourcen in umstrittenem Gebiet zu fördern, würde dem globalen Klima zugutekommen. Ölverschmutzungen und ähnliche Katastrophen sollten verhindert werden. Schliesslich sollte die neu gebaute Infrastruktur im Einklang mit ehrgeizigen Nachhaltigkeitszielen errichtet werden.

In Bezug auf Frieden und Sicherheit ist die Schweiz geografisch weit davon entfernt, ein Anrainerstaat der Arktis zu sein. Als kleiner Staat ohne die Mittel einer Grossmacht setzt die Schweiz jedoch auf einen kooperativen Geist und eine normbasierte Ordnung. Die Schweiz hat ein Interesse an mehr Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Staaten und Gemeinschaften, um Unfälle zu vermeiden, die die Navigation stören und eine Eskalationsdynamik auslösen könnten. Eine Schweizer Vision für die Arktis sieht vor, dass geopolitische Ausbrüche in die Arktis verhindert und Meinungsverschiedenheiten innerhalb internationaler Rechtsrahmen wie UNCLOS beigelegt werden. Idealerweise wird die Arktis frei von offensiven militärischen Fähigkeiten und Übungen von Kampfeinheiten gehalten. Vorhersehbare Zunahmen der Aktivitäten von Militär und Küstenwache in der Arktis sollten nur engen lokalen Sicherheitsinteressen sowie dem Schutz der Gemeinschaften, der kritischen Infrastruktur und der Schifffahrtsfreiheit dienen.

Ein Sinnbild für die Schweizer Arktispolitik ist sicherlich das Swiss Camp in Grönland. Diese Forschungseinrichtung, vom verstorbenen ETH-Professor und WSL-Leiter Konrad Steffen ins Leben gerufen, ist seit 30 Jahren ein Ort der Schweizer Arktisforschung und internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Bild: Wikimedia

Unsere Vision stellt sich die Arktis so vor, wie wir es uns wünschen würden. Es zeigt die Arktis als Anker der Stabilität, als Bereich der freien Navigation und Forschung, der rechtlichen Beilegung von Meinungsverschiedenheiten, der Abschwächung der Auswirkungen des Klimawandels, begrenzter militärischer Aktivitäten und eines pragmatischen, normbasierten Ansatzes für Sicherheitsherausforderungen. Als solches könnte die Region als Beispiel für eine Regierungsführung im Geiste der Zusammenarbeit und des Multilateralismus dienen.

Die Schweiz kann handeln: durch den Arktischen Rat oder die OSZE

Um eine solche Vision zu verwirklichen, haben verschiedene Schweizer Akteure unterschiedliche Engagement-Kanäle. Das EDA vertritt die Schweizer Regierung im Rat und bei entsprechenden Sitzungen. Ein strategischer Schweizer Ansatz in Fragen der Arktis wäre gerechtfertigt.

Ein Weg für das Schweizer Engagement könnte im Rahmen des Arktischen Rates sein. Die Arbeitsgruppen führen die von den Ministern des Arktischen Rates beauftragten Programme und Projekte durch. Sie erarbeiten Inhalte und schlagen Richtlinien vor. Während die tatsächliche Umsetzung solcher politischen Empfehlungen von den Mitgliedstaaten abhängt, können die Arbeitsgruppen die Tagesordnung der Sitzungen beeinflussen und den Schwerpunkt des Rates bestimmen. Auf der Grundlage der Ergebnisse und Vorschläge der Arbeitsgruppen können Schweizer Delegierte in ihren offiziellen Erklärungen bei den Beobachterversammlungen und bei den Treffen im Warschauer Format, einem Dialogforum in erster Linie für Beobachter des Arktischen Rates, Bedenken und Ideen äussern.

Der Arktisrat trifft sich einmal im Jahr auf Ministerebene, um die Vorschläge und Empfehlungen der Arbeitsgruppen in Beschlüsse umzuformen. Auf dieser Ebene könnte die Schweiz auch als Beobachterstaat, der keine Beschlussfähigkeit hat, Einfluss auf die Richtung der Arktis nehmen. Bild: Arctic Council – Linnea Nordström

Um bestimmte Forschungsbereiche anzusprechen, können die Schweizer Delegierten des Arktischen Rates die Einrichtung einer neuen Arbeitsgruppe vorschlagen und sogar zur Finanzierung beitragen. Die Herausforderung der aktuellen Gruppen ist zweifach: Erstens, nicht zu viele Unterthemen anzusprechen, die die detaillierte Bewertung und den Fortschritt spezifischer Herausforderungen behindern würden. Und zweitens, um konkrete Probleme anzugehen und konkrete Lösungen zu liefern. Daher könnte es fruchtbar sein, Forschungsthemen einer neuen Arbeitsgruppe zuzuweisen, anstatt die Arbeitsbelastung bestehender Gruppen weiter zu erhöhen. Angesichts des Schweizer Fachwissens in Bezug auf alpine und glaziale Umgebungen kann die Einsetzung einer Arbeitsgruppe, die sich auf nachhaltige Infrastruktur konzentriert, der lokalen Bevölkerung direkt zugutekommen und die Entwicklung und Instandhaltung der Infrastruktur sorgfältig begleiten.

Als zweite institutionelle Möglichkeit, sich zu engagieren, kann die Schweiz dazu beitragen, Sicherheitsbedenken in der Region auszuräumen. Militärische Angelegenheiten und Geopolitik sollten von der Charta des Arktischen Rates ausgeschlossen bleiben. Angesichts der Tatsache, dass andere Foren wie der NATO-Russland-Rat zu vorbelastet und die Vereinten Nationen zu weit gefasst sind, könnte die Schweiz eine andere Institution vorschlagen. Sie wurde als Plattform für Ost und West konzipiert, um in hochsensiblen Fragen einen minimalen Konsens zu erzielen: die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Bis heute scheint es ein stillschweigendes Abkommen zu geben, die OSZE nicht in arktische Angelegenheiten einzubeziehen, sondern sie weitgehend bi- oder minilateral zu erörtern. Angesichts der Trennung der Verbindungen zwischen Russland und dem Westen kann die OSZE als integrative Plattform jedoch eine seltene Möglichkeit bieten, mit Fragen der harten Sicherheit umzugehen.

Die OSZE ist die grösste zwischenstaatliche Organisation für Sicherheit. Ihren Hauptsitz hat sie Wien und dort tagen auch die permanenten Ratsmitglieder. Gegenwärtig sind 57 Länder und 11 Partner Teil der OSZE, die sich für Frieden und Sicherheit einsetzt. Die Schweiz möchte den freien Sitz des Generalsekretärs wieder selber besetzen, den sie bis im Juli innegehabt hatte. Bild: Kaihsu Tai – Own work, CC BY-SA 3.0

Würden die Spannungen weiter eskalieren und die verbleibenden Bereiche der forschungs- oder umweltpolitischen Zusammenarbeit bedrohen, könnte die Schweiz vorschlagen, dieses Forum auch in arktischen Fragen zu aktivieren. Die OSZE hat in dieser Hinsicht einige offensichtliche Vorteile. Alle arktischen Staaten sind Mitglieder der OSZE. Es baut auf einem umfassenden Sicherheitskonzept auf, das sich mit der politisch-militärischen, wirtschaftlichen und menschlichen Dimension der Sicherheit befasst. In ihren bestehenden Sicherheitsvereinbarungen strebt die OSZE keine unrealistische Reduzierung der militärischen Fähigkeiten oder Aktivitäten an. Es konzentriert sich auf die Erhöhung der Transparenz und Vorhersehbarkeit von Fähigkeiten und Lehren.

Eine stabile Arktis kann eine Ausweitung ihrer Abdeckung oder die (Wieder-) Einrichtung formeller oder informeller Vereinbarungen über vertrauens- und sicherheitsbildende Massnahmen erfordern. Solche Vereinbarungen könnten gegenseitige Besuche von Manövern oder gemeinsame militärische Übungen bei Aktivitäten ausserhalb des Kampfes vorsehen. Im Wesentlichen könnte ein „OSZE-Tromsö-Dokument“ das bestehende Wiener Dokument der OSZE ergänzen. Ein solches Abkommen wäre im heutigen Kontext angesichts des derzeit geringen Niveaus formalisierter Vereinbarungen in der Arktis und der offensichtlichen Unwilligkeit, arktische Angelegenheiten in der OSZE zu erörtern, äusserst ehrgeizig. Die Schweiz hat die OSZE jedoch zweimal als eines ihrer engagiertesten Mitglieder geleitet. Es ist ein nicht angeglichener Staat, der gute bilaterale Beziehungen zu allen beteiligten Ländern unterhält. Als solches kann es ein Befürworter einer Beteiligung der Organisation an arktischen Anliegen sein.

Mehr Möglichkeiten für die Schweiz, sich zu engagieren

Schliesslich schlagen wir zusätzliche Möglichkeiten des Engagements auf internationaler und nationaler Ebene vor.

  • Die Schweiz könnte ihre guten Dienste anbieten, um die friedliche Beilegung von Streitigkeiten in der Arktis zu erleichtern. Solche Aktivitäten würden auf der grossen Glaubwürdigkeit der Schweiz als vertrauenswürdiger, unparteiischer Akteur für den internationalen Frieden beruhen, der für die Anliegen verschiedener Parteien und die sich ändernden Kontexte sensibel ist. Darüber hinaus sind viele andere traditionelle Vermittler wie die nordischen Staaten selbst arktische Staaten und fallen daher als unparteiische Vermittler aus.
  • Im Rahmen der Wissenschaftsdiplomatie könnte die Schweiz die Ausarbeitung einer gemeinsamen Erklärung zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Arktis und die Verpflichtung der arktischen Staaten zur ehrgeizigen Eindämmung der globalen Erwärmung fördern.
  • Darüber hinaus könnte die Schweiz Diskussionen in verschiedenen Formaten an der Schnittstelle von Regierungen, Experten und Zivilgesellschaft ermöglichen. Wir ermutigen zu einem intensiven Austausch mit Wissenschaftlern und vor formellen Ratssitzungen sowie zu weiteren und erweiterten regelmässigen Treffen mit Akteuren aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft (basierend auf dem jährlichen Austausch „Landsgemeinde der Arktis“). Schweizer Akteure könnten auch mit NGOs und Vertretern indigener Völker zusammenarbeiten. Das internationale Genf könnte Treffen zwischen den Gemeinschaften als Raum für einen konstruktiven Dialog über Territorium, Ressourcen und kulturelle Erhaltung organisieren.
  • Schliesslich ermöglicht die Einbeziehung des Privatsektors das Testen und Implementieren wissenschaftlicher Ergebnisse in der Praxis, bietet neue Geschäftsmöglichkeiten und sensibilisiert für die oben genannten Herausforderungen.

Als Grundlage für all diese Bemühungen ermutigen wir die Bundesabteilungen, diese aufkommenden Herausforderungen und Chancen in der Region strategisch und umfassend zu analysieren – in einem gesamtstaatlichen Ansatz. Arktisfragen sollten in relevanten Einschätzungen und Berichten der Regierung wie dem aussenpolitischen Bericht und dem sicherheitspolitischen Bericht des Bundesrates oder der nationalen Risikobewertung des Verteidigungsministeriums oder in aussenpolitischen Visionen stärker berücksichtigt werden. Ein White Paper könnte schweizerische Aktivitäten und Interaktionen mit der Arktis abteilungsübergreifend erfassen. Die Schweizer Regierung sollte darüber nachdenken, auf welche Weise die Schweizer Politik von diesen Herausforderungen beeinflusst wird und sie beeinflussen kann, da die Arktis und die Schweiz näher sind als man denkt.

Dr. Anna Stünzi, Benno Zogg, foraus

Anna Stünzi ist Postdoktorandin am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in Deutschland. Sie studierte Psychologie und Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Zürich und Kopenhagen und promovierte am Zentrum für Wirtschaftsforschung der ETH Zürich. Anna Stünzi hat mehrere foraus-Veröffentlichungen mitverfasst und war von 2016 bis 2019 Co-Leiterin des Umwelt-, Energie- und Verkehrsprogramms. Seit November 2019 ist sie Präsidentin von foraus.

Benno Zogg ist Senior Researcher am Think Tank des Centers for Security Studies (CSS) der ETH Zürich. Er konzentriert sich auf die europäische Sicherheit, die internationale Politik Eurasiens und den Zusammenhang zwischen Entwicklung, Handel und Sicherheit. Benno Zogg studierte Politikwissenschaft und Neuere Geschichte an der Universität Zürich und Sicherheit und Entwicklung am King’s College London. Seit 2017 ist er Co-Leiter des Peace & Security-Programms bei foraus.

Link zur Arbeit: Stünzi, A. and Zogg, B. (2020). Switzerland and the Arctic: Closer Than You Think. Policy Paper. Zürich: foraus – Forum Aussenpolitik.

Mehr zum Think Tank „foraus – Forum für Aussenpolitik“

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