Blauwale entdecken wieder Südgeorgien | Polarjournal
Blauwale sind trotz der extensiven Jagd immer noch die grössten Wale der Erde. Doch vor der Jagd konnten die Tiere bis zu 30 Meter gross und 140 Tonnen schwer werden, heute immer noch bis zu 27 Meter. Insgesamt vier Unterarten von Blauwalen sind bekannt, zwei davon in der Antarktis. Bild: Michael Wenger

Blauwale sind die grössten Tiere, die je auf der Erde gelebt haben. Diese Grösse hatte die Tiere aber auch an den Rand der Ausrottung gebracht, als der industrielle Walfang Fahrt erhalten hatte. Vor allem um Südgeorgien herum wurden ab Anfang des 20. Jahrhunderts zehntausende der Giganten Opfer menschlicher Ausbeutung. Bald schon wurden Sichtungen immer seltener und Blauwale schienen um die Insel verschwunden zu sein. Doch nun feiern die Riesen ein Comeback gemäss den Resultaten einer internationalen Forschungsgruppe.

Insgesamt 41 neue Blauwale konnten die Forscher um Susannah Calderan von der schottischen Gesellschaft für Meeresforschung SAMS rund um Südgeorgien identifizieren. Dabei wurden Bildaufnahmen der Rücken der Tiere mit 517 bekannten Blauwalen aus einem internationalen Artenkatalog abgeglichen und die Forscher nutzten auch die Walsichtungen und Bildaufnahmen von Touristenschiffen und Seeleuten, die rund um Südgeorgien entstanden waren. Zusätzlich konnten noch akustische Unterwasseraufnahmen ausgewertet werden, welche die lauten, aber tieffrequenten Töne und Rufe von Blauwalen in der Region aufgenommen hatten. Auch Daten des South Georgia Museums, welches Sichtungen von Walen rund um Südgeorgien in den vergangenen 30 Jahren gesammelt hatte, flossen in die Analyse hinein. Die gesamte Zeitspanne der Untersuchungen lag zwischen 1991 und 2020. Die Resultate der Studie wurden diese Woche in der Fachzeitschrift Endangered Species Research veröffentlicht.

Zur Identifizierung von Blauwalen kann man die Musterung auf dem Rücken der Tiere verwenden und auch der Form der Rückenfinne, die aber zu den kleinsten aller bekannten Wale zählt. Die Sichtungen, die alleine im Februar 2020 zwischen den Shag Rocks und Südgeorgien verzeichnet worden waren, zeigen, dass die Tiere wieder vermehrt in die Gewässer zurückkehren. Bild: Michael Wenger / Karte: Calderan et al. (2020)

«Das ist eine aufregende Entdeckung und ein wirklich positiver Schritt nach vorne für den Schutz der antarktischen Blauwale»

Dr. Jennifer Jackson, British Antarctic Survey

Für die Wissenschaftlerin Susannah Calderan sind die Resultate der Studie aufregend. «In den vergangenen Jahren, in denen wir um Südgeorgien gearbeitet haben, sind wir sehr optimistisch geworden, was die Zahlen der Sichtungen und Aufnahmen von Blauwalen rund um die Inseln anbelangte, was erst seit kurzem auch geschieht.» Besonders die Untersuchungen in diesem Februar waren ergiebig. Denn insgesamt 58 Blauwale konnten im Verlauf des Monats auf rund 2’430 zurückgelegten Kilometern rund um die Insel beobachtet werden. Doch neben den eigenen Sichtungen sammelten die Forscher auch Daten von anderen Expeditionen und Fahrten. Dazu zählte auch die erste Schweizer Antarktisexpedition ACE, die 2016-17 eine Forschungsfahrt rund um die Antarktis unternommen hatte. Die Zahl der Sichtungen von Blauwalen stieg dabei von 43 Sichtung zwischen 1991 und 2020 (zufällige Sichtungen plus spezifischer Beobachtungsfahrt) auf die erwähnten 58 alleine im Februar 2020. Die akustischen Daten, die verwendet worden waren, stammten von Bojen, die seit 2003 rund um Südgeorgien ausgesetzt worden waren. Hier verzeichneten die Forscher einen Anstieg der aufgezeichneten Tonstunden von 46 im Jahr 2003 auf 114 im Jahr 2020. «Das ist eine aufregende Entdeckung und ein wirklich positiver Schritt nach vorne für den Schutz der antarktischen Blauwale», erklärt Mitautorin Dr. Jennifer Jackson vom British Antarctic Survey.

Ab 1904 wurden auf Südgeorgien feste Stationen eingerichtet, damit die Wale gleich verarbeitet werden können. Federführend war dabei der Norweger Carl Anton Larsen, der 1904 Grytviken gegründet hatte (Bild). Hier wurde auch der grösste jemals notierte Wal zerlegt mit 33.6 Metern. Bild: Michael Wenger

Blauwale waren aus den Gewässern rund um Südgeorgien nach der industriellen Walfangzeit eigentlich völlig verschwunden. Seit 1904 Carl Anton Larsen die Station Grytviken gegründet hatte, wurden Blauwale gejagt. Mit der Erfindung von Harpunenkanonen mit Sprengköpfen und schnellen Fangschiffen, konnten die Tiere nicht mehr den Walfängern entkommen. Zwischen 1904 und 1971 kamen 42’698 Blauwale rund um Südgeorgien ums Leben von rund 346’000 Tieren weltweit. Tatsächlich dauerte es nur knapp 30 Jahre, bis die Tiere praktisch verschwunden waren. Erst ein Fangstopp Ende der 60er Jahre, zur Erholung der Zahlen eingeführt, beendete die Jagd auf die Wale. Auf die Frage, warum die Tiere erst jetzt wieder häufiger zu sehen sind, kann Susannah Calderan nur mutmassen und denkt, dass vielleicht ein Verlust des «kulturellen Gedächtnisses» bei den Tieren stattgefunden hatte, weil ja die Population verschwunden war und erst jetzt die Region um Südgeorgien wiederentdeckt worden ist.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

Link zur Studie: Calderan SV, Black A, Branch TA, Collins MA et al. (2020) South Georgia blue whales five decades after the end of whaling. Endang Species Res 43:359-373. https://doi.org/10.3354/esr01077

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