Drifteisstationen haben russische Tradition | Polarjournal
Die selbstfahrende Polarplattform «Severny Polyus» kann sich zwei Jahre ohne Fremdunterstützung im arktischen Eis zu Forschungszwecken einfrieren lassen. (Foto: Roshydromet)

Die selbstfahrende Polarplattform «Severny Polyus» wurde am Freitag, dem 18. Dezember 2020 in St. Petersburg zu Wasser gelassen. «Severny Polyus» ist eine Plattform mit der Funktionalität eines Forschungszentrums und kann ohne Eisbrecher in das Einsatzgebiet gelangen. Das Schiff wird es Wissenschaftlern ermöglichen, die regelmäßigen Studien in der Zentralarktis fortzusetzen, die seit fast 80 Jahren mit Driftstationen durchgeführt werden.

Der Rohbau der «Severny Polyus» wurde auf der Admiralty Shipyards innerhalb von 1½ Jahren gefertigt. (Foto: Admiralty Shipyards)

Die Plattform wurde 2018 von Roshydromet in Auftrag gegeben und im April 2019 auf Kiel gelegt. Sie sollte die Driftstationen ersetzen, die von 1937 bis 2015 regelmäßig in Betrieb waren. Aufgrund des Klimawandels wurde es immer schwieriger, mehrjährige Eisfelder mit einer Dicke von zwei bis drei Metern zu finden, die für den Betrieb einer Drifteistation erforderlich sind. Die Eisschollen wurden immer kurzlebiger und zerbrachen schon nach kurzer Zeit. Darüber hinaus wurden für die Organisation der Expeditionen der Einsatz von nuklearen Eisbrechern benötigt, was die Kosten der Expeditionen erhöhte.

Bis zur Inbetriebnahme der «Severny Polyus» werden nochmals weitere zwei Jahre benötigt. Diese Arbeiten werden von einem Pier aus erledigt. (Foto: Admiralty Shipyards)

Es wird davon ausgegangen, dass die selbstfahrende Plattform ohne Hilfe das Untersuchungsgebiet erreichen wird, sich im Eis einfrieren lässt und mit dem Eis mitdriftet. Die Kraftstoffversorgung und Infrastruktur der «Severny Polyus» ist so ausgelegt, dass 34 Wissenschaftler in 15 Laboren während zwei Jahren ohne Fremdversorgung arbeiten können. Die technische Besatzung des Schiffes besteht aus 14 Personen.

Die Plattform bietet der Besatzung und dem wissenschaftlichen Personal komfortable und sichere Arbeits- und Lebensbedingungen bei Aussentemperaturen von bis zu -50° Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 85%.

Der Innenausbau wird den Forschern und der Besatzung viel Annehmlichkeiten bieten. Allen Mitgliedern an Bord stehen Einzelkabinen zur Verfügung. (Foto: Admiralty Shipyards)

Zurzeit besteht die «Severny Polyus» nur aus dem stählernen Rumpf. Die Fertigstellung des Schiffes zur eisbeständigen Plattform ist für 2022 geplant. Während dieser Zeit wird die Innenausstattung der Kabinen, die elektrische Installation, die Installation von Navigationsgeräten, Mechanismen, Rohren und die Anordnung der wissenschaftlichen Labors vorgenommen. Außerdem wird das Schiff mit einem Landeplatz für die Mehrzweckhubschrauber Mi-8 und Mi-38 ausgestattet. Die «Severny Polyus» ist 83,1 Meter lang und 22,5 Meter breit. In freien Gewässern hat die Plattform eine Geschwindigkeit von mindestens 10 Knoten. 

Nordpol-1 war die erste Polarstation, die von der damaligen Sowjetunion 1937 auf einer driftenden Eisscholle am Nordpol eingerichtet worden ist. «Nordpol-1» wurde von Iwan Papanin geleitet und umfasste außerdem die Wissenschaftler Jewgeni Fjodorow und Pjotr Schirschow, sowie den Funker Ernst Krenkel. (Foto: Archiv)

Drifteisstationen haben lange russische Tradition

Die erste Drifteisstation „Nordpol-1“ wurde 1937 eröffnet: Vier Wissenschaftler unter der Leitung von Ivan Papanin verbrachten etwa neun Monate auf dem Eis. Nach dem Krieg, in den 1950er Jahren, wurde die Arbeiten der Forschungsstationen auf Eis wieder aufgenommen. Bis 1991 arbeiteten 30 Expeditionen in der Arktis. Manchmal befanden sich zwei Stationen gleichzeitig auf dem Eis. 2003 wurde die erste postsowjetische Station, die «Nordpol-32», auf dem Eis eingerichtet. Wissenschaftler in den Treibeis-Stationen untersuchten Meereis, den Zustand der Atmosphäre, Strömungen, die ökologische Situation und das Klima. Doch bereits da traten Probleme auf: Russische Rettungsmannschaften mussten im März 2004 zwölf in Not geratenen Polarforscher von der Station «Nordpol 32» in Sicherheit zu bringen. Zwei Helikopter nahmen die Wissenschafter und zwei Hunde kurz vor Einbruch der Dämmerung an Bord.

Die Drifteisstation, «Nordpol-40», wurde im Oktober 2012 eingerichtet und musste bereits im Mai 2013 wieder evakuiert werden, da die Eisscholle auseinander zu brechen begann. Die 16 Wissenschaftler, die den Winter auf der Scholle verbracht hatten, mussten von einem aus Murmansk herbeigeilten Eisbrecher gerettet werden.

Die letzte Drifteisstation war «Nordpol 2015». Diese musste aber bereits nach 4 Monaten evakuiert werden. Weitere Versuche eine Station aufs Eis zu bringen wurden nicht mehr unternommen. (Foto: TASS)

Russland hat in den Jahren 2013-2015 keine Driftstationen mehr eingerichtet. Im April 2015 wurde mit «Nordpol 2015» der letzte Versuch unternommen eine Station aufs Eis zu bringen. Dieser Plan scheiterte und musste bereits nach 4 Monaten aufgegeben werden. Dies war zum einem auf den Klimawandel in der Arktis zurückzuführen.

Heiner Kubny, PolarJournal

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