2021: Die Zukunft gestalten wir | Polarjournal
Trotz aller schlechten Nachrichten gibt es auch einen Lichtschimmer hinter den dunklen Wolken, die über der Arktis hängen. Es hängt von uns ab, ob er grösser wird. Bild: M. Wenger

Das Jahr 2020 wird nicht nur aufgrund der COVID-Pandemie in die Geschichte eingehen. Auch klimatisch hat das vergangene Jahr sich von seiner extremen Seite gezeigt. Rekordtemperaturen in Russlands Norden, verspätete Meereisbildung, brennende Tundra und viele andere Ereignisse zeigten, wie stark die Klimaerwärmung die Arktis bedroht. Doch es gibt auch Anzeigen zur Hoffnung und die Zukunft der Arktis liegt in unseren Händen.

Kurz vor Weihnachten 2020 recherchierte ich für meinen Artikel zur Jahreswende. Draußen betrug die Temperatur 14°Celsius. Von einer weißen Weihnacht im Rheinland träume ich schon lange nicht mehr – aber dass die Rosen mitten im Winter blühen – das ist schon ungewöhnlich.

Mit 2020 ging das wärmste Jahrzehnt (2011-2020) seit Anfang der Wetteraufzeichnungen (1850) zu Ende, so die Weltwetterorganisation WMO. Nach einem Jahr im Zeichen einer tödlichen Pandemie, die die Welt mit Schrecken erfüllte und die Wirtschaft zum Stillstand brachte, könnten die Erwartungen an das kommende Jahr 2021 kaum höher sein. Das Klimageschehen wird uns allerdings voraussichtlich keine Erleichterung bringen. Laut den Wetterbehörden wird sich das kommende Jahr erneut in die Serie der heißesten Jahre auf der Erde einreihen.

Seit den 1980er Jahren war jedes Jahrzehnt wärmer als das vorangegangene, hieß es im Dezember 2020 im vorläufigen Bericht zum Zustands des Weltklimas der WMO. Man gehe davon aus, dass dieser Trend aufgrund des Rekordniveaus an Treibhausgasen in der Atmosphäre fortschreiten werde. Vor allem Kohlendioxid bleibe Jahrzehntelang in der Atmosphäre, womit eine Erwärmung in der Zukunft schon vorprogrammiert sei.

Die Durchschnittstemperatur für das Jahr lag circa 1.2°Celsius höher als im vorindustriellen Zeitalter (1850-1900). Wenn man überlegt, dass das Pariser Klimaabkommen das obere Limit auf nur 1.5°Celsius setzt, ist dies alles andere als beruhigend.

Das Ende der Arktis, wie wir sie kennen?

Mehr als 90% der überschüssigen Energie, die sich im Klimasystem ansammelt, geht in die Ozeane. Auch die Ozeane erlebten Wärmerekorde, so dass mehr als 80% des globalen Ozeans irgendwann im Laufe des Jahres 2020 eine marine Hitzewelle erlebte.

Das passierte unter anderem in der Laptewsee, einem Randmeer des Nordpolarmeers. Die Hitzewelle dort dauerte von Juni bis Oktober. Vom Frühjahr bis zum Herbst war die Ausdehnung des Meereises in der Region extrem niedrig. Normalerweise gilt die Laptewsee als wichtigste Entstehungsstätte für das arktische Meereis. Doch seit Mitte der 1980er Jahren erwärmte sich die Arktis mindestens zweimal so schnell wie der globale Durchschnitt.

Als das Meereis der Arktis im September 2020 sein jährliches Minimum erreichte, war dies das zweitkleinste in den 42 Jahren der Satellitenmessung. Für Juli und Oktober 2020 war die Ausdehnung niedriger als je zuvor gemessen.

Mehr dazu: Wenn das Arktische Meer nicht zufriert

In der sibirischen Arktis waren die Temperaturen mehr als 5°Celsius höher als der Durchschnitt. Im Juni wurde mit 38.0°Celsius die höchste bekannte Temperatur nördlich des Arktischen Polarkreises in Verkhoyans gemessen. Die Hitze begünstigte eine außergewöhnliche Waldbrandsaison.

Die US-Wetterbehörde NOAA veröffentlicht jedes Jahr einen Zustandsbericht für die Arktis. 2020 zog sie einen einfachen Schluß: die anhaltende Transformation der Arktis in eine wärmere, weniger vereiste und biologisch veränderte Region bleibe klar.

Die Arktis, wie wir sie kennen. Aber wie lange noch? (Foto: I. Quaile, Grönland)

Der Weg nach vorne

Was leisten also die Nationen der Erde, um den Treibhausgasaustoß anzuhalten, der unseren Planeten wie im Glashaus aufheizt?

Nach den neuesten Zahlen vom Berliner Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) wird das restliche CO2-Budget zur Einhaltung des 1.5 °C Zieles bereits 2027 aufgebraucht. Das Budget für das Zweigradziel wäre nach Berechnungen der Klimadenkfabrik 2045 aufgebraucht. Die Berechnungen basieren auf dem Sonderbericht des Weltklimarats IPCC zum 1.5°C-Ziel  von 2018.

Jedes Jahr veröffentlicht die Umweltorganisation der Vereinten Nationen UNEP den Emissions Gap Report, der die Lücke ausrechnet zwischen den Treibhausgaseinsparungen, die die Länder der Welt im Rahmen des Pariser Abkommens planen, und dem, was notwendig wäre, um das 2 bzw. 1.5°C-Ziel einzuhalten.

Sind wir auf Kurs, um die Lücke zu überwinden? “Keineswegs”, findet UNEP.

Trotz einer kleinen Reduzierung der CO2-Emissionen aufgrund der COVID-19-Pandemie steuere die Welt noch auf einen Temperaturanstieg von “weit über 3°Celsius in diesem Jahrhundert“, so der Bericht.

Trotz des Lockdowns ist die CO2-Konzentration in der Atmosphäre weiter gestiegen. Aufgrund der langen Lebensdauer von CO2 in der Atmosphäre wird sich der Planet auf Generationen hinaus weiter erwärmen, so die Weltwetterbehörde WMO.

Utopie oder Albtraum?

Das Pariser Klimaabkommen jährte sich zum fünften Mal im Dezember 2020. “Damit die Durchschnittstemperatur unter 1.5 Grad bleibt, also “nur” noch 0.3 Grad steigt, müssten die Regierungen den CO2-Ausstoß fünfmal so stark reduzieren, wie sie derzeit planen”, schrieben anlässlich des Jahrestags Petra Pinzler und Bernd Ulrich in der deutschen Wochenzeitung  DIE ZEIT vom 10.12.2020

Dabei hätten wir 2020 mit den Bränden in Kalifornien, den Dürren in Afrika, dem sterbende Wald im Sauerland bereits die Folgen von 1.2 Grad gespürt, so die Autoren weiter. „Dennoch ist die Menschheit mit 1.2° völlig in dem Plan, den alle Regierungen gefasst haben“, ermahnen Pinzler und Ulrich.

Das Pariser Abkommen habe das 1.5 Gradszenario wie eine „positive Utopie“ aussehen lassen. „Heute, von einer 1.2-Grad-Welt mit ihren galoppierenden Katastrophen aus gesehen, kann 1.5 Grad nur als Verschlimmerung erscheinen: noch mehr Dürre, Schmelze, Korallenbleiche, Artensterben, Orkane. 1.5 Grad – ein Albtraum!“

Fridays for Future Aktivisten demonstrieren für das 1.5° Ziel (Foto: I.Quaile)

Gleichzeitig gelten die 1.5 Grad heute in der politischen Debatte als eine “radikale” Forderung, als etwas, das höchstens „die naiven, idealistischen Fridays-for-Future-Jugendlichen fordern”, schreiben sie weiter. „Und so hat sich eine Scheindebatte etabliert – in der das 2-Grad-Ziel als mutig, das 1.5-Grad-Ziel als radikal und die 1.2 Grad der Gegenwart als normal bestätigt wird“.

Lücken überbrücken

Wie kommen wir also von hier zu den Aktionen hin, die für eine schnellere Reduzierung unseres Treibhausgasaustoßes notwendig wären? Wie können wir bis zur Jahrhundertwende die Energiewende, die CO2-neutrale Wirtschaft und Gesellschaft herbeiführen, die verhindern könnten, dass unser Planet in ein unkontrollierbares Klimachaos stürzt?

Die Pandemie, die 2020 unser Leben auf den Kopf gestellt und unsere Wirtschaft zum Erliegen gebracht hat, könnte zum Schlüssel werden und einen Wendepunkt darstellen.

Die Klimakrise, die Ausbeutung der Natur und die wachsende Gefahr von Pandemien sind alle miteinander verlinkt. Das heisst, Maßnahmen, die eines dieser Probleme angehen, werden sich wahrscheinlich auch auf die anderen positive auswirken.

“Die drei Krisen müssen sich nicht summieren, sie können auch synergetisch gelöst werden”, schreiben Zeitautoren Pinzler and Ulrich.

Naturschutz ist gut für das Klima und die Gesundheit des ganzen Planeten (Foto: I.Quaile, Spitzbergen)

COVID, Klima – Wege aus den Krisen

Da aufgrund der Pandemie weniger gereist, die Industrie gebremst und weniger Strom erzeugt wurde, ist der CO2-Ausstoß im letzten Jahr um circa sieben Prozent gesunken.

Das bedeutet allerdings eine Reduzierung der globalen Erwärmung von nur 0.01°C bis 2050, errechnete UNEP. Gleichzeitig seien die versprochenen Reduzierungen der Emissionen durch die Unterzeichnerstaaten des Pariser Abkommens unzureichend.

Angesichts der Pandemielage weicht der UNEP-Bericht für 2020 von seinen normalen Regeln ab und betrachtet nicht nur gesicherte Zahlen aus der Vergangenheit, sondern auch die möglichen Auswirkungen eventueller Maßnahmen, um eine Erholung der Wirtschaft zu unterstützen.

Die Notwendigkeit solcher Maßnahmen in einem beispiellosen Umfang könnte laut den UNEP-Experten eine kritische Rolle bei der Energiewende spielen. Es bestehe die Möglichkeit für strukturelle Veränderungen, die unabdingbar sind, um den Treibhausgasaustoß nachhaltig zu verringern und zu einer kohlenstofffreien Wirtschaft zu gelangen. Diese Gelegenheit müsse unbedingt genutzt werden, um die Emissions-Lücke zu überbrücken.

Wind und andere erneuerbare Energiequellen müssen zunehmen, um das Ziel der CO2-Neutralität zu erreichen (Foto. I.Quaile, Schottland)

Laut dem UN-Bericht könnte eine Konjunkturbelebung zur Erholung von der COVID-19-Krise auf einer niedrigen Emissionsbasis die voraussichtlichen Emissionen für 2030 um 25 Prozent reduzieren. Das würde nach den Berechnungen der Experten die Welt in die Nähe der Einhaltung des Zweigradziels führen.

Das würde auch die Zahlen, die bei der nächsten Weltklimakonferenz in Glasgow im November 2021 auf den Tisch kommen, wesentlich verändern.

Politische Fortschritte

In meinem Blogartikel: 2020: Crunchtime für die Arktis schrieb ich Anfang 2020:

 “Wir bräuchten einige große Veränderungen in den USA in diesem wichtigen Wahljahr. Aber auch in Umdenken in Brasilien, China und Indien, um die globale Erwärmung schnell anzuhalten.“

In mindestens zwei dieser Länder – und ausgerechnet bei den beiden größten CO2-Emittenten – haben wir in der Tat im letzten Jahr wichtige Entwicklungen in der Klimapolitik gesehen.

Lesen Sie auch: Arktis & Klima: Lage schlecht aber nicht hoffnungslos – mit etwas Licht am Horizont

Die Wahl von Joe Biden, der als Präsident der USA das Land wieder ins Pariser Abkommen zurückführen will, ist wahrscheinlich der wichtigste Grund für Optimismus an der Klimafront.

Während Trump ein erklärter Klimaskeptiker und Unterstützer der heimischen Erdölindustrie ist, hat Biden den Klimaschutz zu einem seiner obersten Prioritäten erklärt. Er will die USA bis 2050 CO2-neutral machen.

Xi Jinping, der Präsident Chinas, das Land, das die meisten Treibhausgase ausstößt, gab im September vor der UN-Generalversammlung neue Klimaziele bekannt. China will bis spätestens 2060 CO2-neutral sein.

Es bleibt abzuwarten, wie dies mit der Kohlepolitik des Landes zu vereinbaren ist, aber die Einhaltung der Ziele Chinas sind für die Entwicklung des Weltklimas entscheidend.

Das UN-Umweltprogramm sieht die wachsende Anzahl an Ländern, die sich dem Ziel der Nullemissionen bis ungefähr der Mitte des Jahrhunderts widmen, als die wichtigste und ermutigendste Entwicklung in der Klimapolitik im Jahr 2020. Es bleibt abzuwarten, ob und wie schnell sie umgesetzt werden.

Es liegt an uns

Es sind allerdings nicht nur die Regierungen der Welt gefragt. Wir Verbraucher in den wohlhabenden, industrialisierten, konsumorientierten Teilen der Welt müssen unseren Lebensstil verändern, wenn die Welt nur in die Nähe der CO2-Neutralität bis zur Mitte des Jahrhunderts gelangen soll. UNEP hat errechnet, das um die zwei Drittel der globalen Emissionen in Zusammenhang mit privaten Haushalten entstehen. Wir müssen also auch auf der individuellen Ebene unser Verhalten ändern.

Liedtext bei einer Klimademonstration in Bonn. (Foto. I. Quaile)

COVID-19 hat laut UNEP gezeigt, wie Veränderungen in unserem Lebensstil herbeigeführt werden können, wenn Regierungen dafür die Rahmenbedingungen schaffen. Dafür muss gleichzeitig die Zivilgesellschaft positive soziale Normen und ein kollektives Verständnis für Veränderungen unterstützen, und die Infrastruktur veränderte Verhaltensmuster ermöglichen

„Die Lockdownperiode wird in vielen Ländern möglicherweise lang genug sein, um neue, andauernde Routinen zu etablieren, wenn langfristige Maßnahmen diese unterstützen“, heißt es in dem Emissions Gap Report. „In der Planung der Erholungsmaßnahmen nach COVID-19 haben Regierungen die Gelegenheit, Veränderungen hin zu einem kohlenstoffarmen Lebensstil zu katalysieren, indem sie alteingesessene Gewohnheiten durchbrechen“.

Das klingt ziemlich drastisch – und das aus einem UN-Bericht. Ich bin mir nicht sicher, wie lange ein Lockdown dafür anhalten müsste und wie die Gesellschaft damit klar kommen würde. Aber möglicherweise ist es tatsächlich an der Zeit, alte Gewohnheiten zu durchbrechen, um schnell zu einer kohlenstoffarmen Gesellschaft zu gelangen.

 „Wir haben noch nie so viel Umweltbewußtsein gesehen, wie wir im Moment sehen“, sagte mir UNEP-Chefin Inger Anderen in einem Interview kurz nachdem sie 2019 ihr Amt angetreten hatte.

Sie betonte ebenfalls: „Die Lösungen sind da“.

Das war noch vor der COVID-19-Krise. Seitdem ist das Bewusstsein noch stärker geworden.

Immer mehr Menschen in der umweltverschmutzenden industrialisierten Welt denken darüber nach, wie sie leben, essen und sich bewegen.

Hier in Deutschland läuft eine Debatte über die Probleme der intensiven Landwirtschaft. Es wird zunehmend normal, weniger Fleisch zu essen. Biolebensmittel sind Mainstream geworden. Kampagnen nehmen zu, um Pestizide zu reduzieren und Bienen und die Artenvielfalt zu schützen. Selbst unsere kleine Dorfgemeinde hat ein Programm, um mehr Bäume zu pflanzen. Der Fahrradverkauf ist in die Höhe geschossen. Es entstehen mehr Fahrradwege. Die Regierung subventioniert den Kauf von Elektroautos. Erneuerbare Energie ist preiswerter geworden. Der CO2-Preis wirkt sich langsam auf unseren Verbrauch aus. Eine zunehmende Anzahl an Organisationen investieren nicht mehr in fossile Brennstoffe. Plastik und Verpackungen werden problematisiert.

So viele Dinge, die einst als Ökospinnereien abgestempelt worden wären, sind alltagstauglich geworden. Ich habe das Gefühl, unser Glas ist mindestens halb voll. Vielleicht wird 2021 der Anfang des Jahrzehnts sein, in dem wir die Wende schaffen. Möglicherweise hat uns die Pandemie den Tritt gegeben, uns zu einem veränderten Bewusstsein über die fehlende Nachhaltigkeit unseres bisherigen Lebensstils und der extremen Ausbeutung der begrenzten Ressourcen des Planeten, der unsere Heimat ist, geführt. Gleichzeitig zwang es uns, in den Shutdown zu gehen und – vielleicht – neu über alles nachzudenken. Vielleicht war das die Pause vor dem Neustart. Zugegeben, uns läuft die Zeit davon. Aber noch haben wir die Wahl. In einem Kommentar für DIE ZEIT im Dezember 2020 schrieb Journalist Stefan Schmitt: „Nie gab es mehr Anreize, in die richtige Richtung zu denken, zu handeln, zu planen, als in diesem Jahr“. Die Zukunft, erinnert er uns, passiere nicht, sie werde gemacht.

Also los, 2021. Packen wir es an!

Link zum Blog von Dr. Irene Quaile-Kersken:

Aktueller Blog: https://iceblog.org/

Ältere Blogs: http://blogs.dw.com/ice/

Mehr zum Thema:

Print Friendly, PDF & Email

Pin It on Pinterest

Share This