Seeleoparden sollen identifiziert werden | Polarjournal
Seeleoparden sind mit knapp 3 Metern Länge und durchschnittlich 350 Kilo Gewicht massige Tiere. Während sie sich auf dem Eis und an Land nur ausruhen, verbringen sie die meiste Zeit im Wasser und sind schnelle und wendige Jäger mit einem grossen Beutespektrum. Im Sommer steht Krill als hauptsächliche Nahrung auf dem Plan, Pinguine und andere Robben werden aber nicht verschmäht. Bild: Michael Wenger

Der Seeleopard steht nicht nur ganz oben im antarktischen Nahrungsnetz, sondern auch auf der Wunschliste der zu beobachtenden Tiere bei Touristen und Guides. Die Robbe fasziniert durch ihre Kraft und Eleganz im Wasser, während sie auf dem Eis und an Land eher behäbig wirkt. Um das Tier ranken sich auch viele Gerüchte und Mythen, was ein Ausdruck des geringen Wissens über diesen Top-Räuber ist. Um mehr über die Lebensweise und vor allem auch die Wanderungen von Seeleoparden zu erfahren, haben sich drei Polarguides mit Experten zusammengetan und entwickeln einen Identifizierungskatalog für den antarktischen Räuber.

«Das Hauptproblem beim Schutz von Seeleoparden ist der Rückgang der Krillbestände»

Pippa Low, Meeresbiologin und Polarguide

Pippa Low, die schon seit vielen Jahren als Polarguide auf Expeditionsschiffen in der Antarktis unterwegs ist, hat es sich gemeinsam mit ihren Kolleginnen Sara Jenner und Felicity Johnson zur Aufgabe gemacht, Seeleoparden zu identifizieren und in einem Katalog die Informationen zu sammeln, um mehr über die Wandergewohnheiten der Tiere zu erfahren. «Generell hoffen wir, die Population und die Dynamik von Seeleoparden besser zu verstehen», erklärt Pippa Low, die Meeresbiologie an der renommierten Stirling Universität studiert hatte und seit Jahren mit verschiedenen Meeressäugerarten gearbeitet hat. «Wir möchten verstehen, wie die Tiere ihren Lebensraum nutzen und ihr Wanderverhalten untersuchen, sowohl im kleinen Raum wie auch im Grossen. Es gibt so vieles, dass wir immer noch nicht von ihnen wissen. Ihre Population is enorm weit verteilt und weil sie viel Zeit im Wasser verbringen, sind sie sehr schwierig zu beobachten.» Daneben geht es den Forscherinnen auch um den Schutz des wichtigsten Antarktisvertreter, dem Krill. «Das Hauptproblem beim Schutz von Seeleoparden ist die Verringerung der Krillbestände. Je mehr wir über die Nutzung des Lebensraums und die Populationsgrösse wissen, desto besser können wir ihre Ressourcen schützen.»

Das Projekt lebt von den Bildern, die den Initiantinnen zugeschickt oder direkt auf der Webseite «happywhale.com» hochgeladen werden. Momentan geschieht die Identifizierung anhand der Fleckenmuster auf den Gesichtshälften der Seeleoparden noch von Hand und hat auch schon erste Erfolge geliefert. Bild: Screenshot von www.happywhale.com

«Ich liebe und verstehe die Möglichkeiten dieser nicht-invasiven Untersuchungstechnik.»

Pippa Low, Meeresbiologin und Polarguide

Deswegen sammeln die Biologin und ihre Kolleginnen Bilder von Seeleoparden zur Identifizierung. Ein ähnliches Projekt mit Walen wird schon seit einigen Jahren erfolgreich mit dem Citizen Science-Projekt «Happywhale.com» von Ted Cheeseman betrieben. Dort werden Bilder und Positionsdaten von Walen und anderen Meeressäugern gesammelt, die Bilder verglichen und die Tiere anhand von individuellen Merkmalen genau identifiziert. Aufgrund des Vergleiches der verschiedenen Positionsdaten kann so eine Karte mit den Migrationsrouten der einzelnen Tiere erstellt werden. Dasselbe soll nun für Seeleoparden erreicht werden. Auf die Frage, warum gerade eine Seite für Wale ausgewählt wurde, meint Pippa Low: «Die Plattform bietet einige der unglaublichsten Treffer bei Buckelwalen, die jemals entdeckt worden sind. Sie ist in ihren Möglichkeiten einzigartig und eine unglaubliche Art, mit Wissenschaftlern und Laien zusammenzuarbeiten. Ich hatte Ted in der Vergangenheit geholfen, Buckelwale zu vergleichen und habe auch früher schon an zahlreichen Foto-Identifizierungsprogrammen mitgearbeitet. Ich liebe und verstehe die Möglichkeiten dieser nicht-invasiven Untersuchungstechnik.»

Neben dem Team von «Happywhale» konnten Pippa Low und ihre Kolleginnen bereits mehrere wissenschaftliche Institutionen wie das National Oceanic and Atmospheric Administration NOAA, die British Antarctic Survey und das neuseeländische Seeleoparden-Projekt mit ins Boot holen. Diese arbeiten bereits regional an Seeleoparden-Projekten und konnten schon einiges an Bildmaterial zur Verfügung stellen. Aber auch von Seiten wie Oceanwide Expeditions und anderen Touranbietern, der IAATO oder der Polar Tourism Guides Association kam Unterstützung.

Zur Identifizierung benötigen die Forscherinnen Bildmaterial von Seeleoparden mit möglichst detaillierten Positions- und Zeitangaben. Ebenso wichtig ist der Name des Schiffes und der Position, um die Daten besser abgleichen zu können. Am besten funktionieren Bilder wie dieses, bei dem das Gesicht links und/oder rechts und die Halshälfte sichtbar ist, um die Flecken erkennen zu können. Die Musterung ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Bild: Michael Wenger

Die Idee, sich auf Seeleoparden zu fokussieren, kam Pippa Low zwar schon früher. Doch aufgrund der ausgefallenen Saisons als Guide wurde aus der Idee ein Projekt. «Nachdem COVID uns alle gegroundet hatte, aber das Verlangen nach den Polarregionen geblieben ist, brauchte ich ein Projekt. Und weil es sehr schnell gross wurde, musste ich mir bei Kollegen Hilfe holen. Sara und Felicity unterstützen mich nun beim Vergleichen von allen Eingängen», erklärt Pippa Low uns gegenüber.  

«Doch dafür benötigen wir noch viel mehr Bilder»

Pippa Low, Meeresbiologin und Polarguide

«Bei der Nachforschung über Fotoidentifizierung von Seeleoparden, sahen wir, dass es auf regionaler Ebene bereits erfolgreich durchgeführt worden war. Doch im grossen Umfang wurde noch nichts unternommen.» Genau hier liegt auch die Stärke eines solchen Citizen Science Projektes: Touristen und Guides decken ein grösseres geographisches Gebiet ab, als es für Wissenschaftler möglich ist. Aber zusammen mit deren Daten kann so die Population von Seeleoparden in weiten Teilen der Antarktis bestimmt werden. Zurzeit wird die Identifizierung noch von Hand bzw. Auge vorgenommen. «Wir möchten am Ende aber versuchen, das zu erreichen, was Ted mit Buckelwalen gelungen ist: ein automatisierter Vergleich mithilfe von künstlicher Intelligenz. Dies würde eine schnellere Identifizierung von Individuen ermöglichen und wir könnten den Katalog nach Meeresregionen einfacher gliedern. Doch dafür benötigen wir noch viel mehr Bilder», sagt Pippa Low.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

WIE KANN MAN HELFEN?

Die drei Forscherinnen benötigen für ihr Projekt möglichst viele Bildaufnahmen von allen möglichen Leuten. Vor allem Aufnahmen, die das Gesicht von Seeleoparden von der linken und rechten Seite zeigen, sind gefragt. Mitmachen kann jede Person, die das Projekt gerne mit den eigenen Bildern unterstützen möchte. Wichtig sind neben dem Bild auch Angaben zum Ort und dem Aufnahmedatum, um das Tier genau positionieren zu können und so bei allfälligen Treffern beim Vergleich mehr über die Wanderung zu erfahren. Auch sind der Name des Schiffes, mit dem man unterwegs war und die Position (falls verfügbar in den Logbüchern). Wer teilnehmen möchte, kann seine Bilder mit allen Angaben entweder bei «happywhale.com/submitmedia» hochladen (LOGIN notwendig) oder uns eine Nachricht schreiben, die wir an die Forscherinnen weiterleiten werden. Im Falle eines Treffers oder falls das identifizierte Tier wieder gesichtet wird, werden die Besitzer des Bildes informiert. Dadurch kann man „seinem“ Seeleoparden auch weiterhin folgen. Alle Daten werden äusserst vertraulich behandelt und für nichts anderes verwendet.

Im Namen von Pippa Low, Sara Jenner, Felicity Johnson und allen Seeleoparden sagen wir „Danke schön!“

Link zur Webseite von Happywhale: www.happywhale.com

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