Nächster Eisberg schon bald unterwegs | Polarjournal
Das Satellitenbild vom 23. Januar 2021 des ESA-Satelliten «Sentinel-1» zeigt die Rissbildung rund um den «McDonald Ice Rumple». (Foto: ESA, Sentinel-1)

Vor zwei Jahren befürchteten die Wissenschaftler der britischen Halley-VI-Station, dass das in ihrer unmittelbaren Nähe befindende Brunt-Eisschelf sich vom Kontinent trennen könnte. Die Situation beruhigte sich bald wieder. Doch die neusten Satellitenfotos vom 12. Januar 2021 und den darauffolgenden Tagen geben wieder Anlass den Abbruch eines Eisberges in der Grösse von New York ins Auge zu fassen. Das ‘Kalben’ von einem, eventuell sogar zwei Eisbergen scheint unvermeidlich. Die Frage ist nur: Wann?

Massive Risse im Blunt Ice Shelf geben Anlass dazu, dass es bald zu einem Abbruch von einem oder zwei Eisbergen kommen wird. (Foto: ESA, Sentinel-1, 23.01.2021)

Das ‘Kalben’ von Eisbergen aus Eisschelfs ist Teil eines natürlichen, zyklischen Wachstums- und Zerfallsprozesses. Eisschelfe sind grosse Eisplatten. Wenn das Eis von Gletschern oder Eisströmen die Küste erreicht, schwimmt es ab einer gewissen Wassertiefe auf dem Meer auf. In der Regel ist Schelfeis zwischen 200 und 1000 Metern dick. Kennzeichnend für Schelfeis ist, dass am äußersten Rand immer wieder Eisberge abbrechen.

Das auf dem Meer schwimmende Schelfeis wird, je weiter es sich vom Gletscher entfernt, durch das Abschmelzen immer dünner. Dadurch wird das Schelf anfälliger für die Bildung von Rissen und wird schließlich abbrechen. Das Brunt-Schelfeis scheint sich in einer Phase der Instabilität zu befinden, in der sich Risse auf seiner Oberfläche ausbreiten.

Das Blunt Ice Shelf befindet sich in der östlichen Weddel Sea. Da der Eisberg zwischen den Breitengraden 0º – 90º abbricht, würde dieser die Bezeichnung ‘A’ erhalten. (Grafik: Heiner Kubny)

Ende Oktober 2016 bildete sich der «Halloween-Riss» und dehnte sich rasch nach Osten aus. Anfang 2019 erstreckte sich «Chasm 1», ein weiter südlich gelegener Riss, bis zu 4 Kilometer pro Jahr nach Norden. Jetzt zieht ein neuer Riss über das Eisschelf nördlich des «Halloween-Risses» und dies viel schneller als der Riss im Süden.

Der neuste Riss (New Crack) im Gebiet des als «McDonald Ice Rumples» bekannten Gebiet taucht bereits im September 2019 auf Satellitenbildern auf, als er etwas mehr als 2 Kilometer länger geworden war. Das größte Wachstum ist jedoch erst kürzlich aufgezeichnet worden. Zwischen dem 18. November und dem 22. Dezember 2020 wuchs der Riss etwa 20 Kilometer. Er bildete sich in Richtung Norden und wuchs bis zum 12. Januar 2021 um weitere 8 Kilometer.

„Es ist unmöglich genau zu wissen warum sich dieser neue Riss so schnell ausbreitete“, sagte Christopher Shuman, Glaziologe an der University of Maryland. „Es ist wahrscheinlich, dass die Bruchdynamik in der Nähe der «McDonald Ice Rumples» eine Rolle spielte, wie sie es bei der schnellen Ausbreitung des ‚Halloween Crack‘ im Jahr 2016 getan haben. Die ungewöhnliche Mischung aus Eisblöcken und Eisgemisch in diesem Teil des «Brunt Eisschelfs» ist ein weiterer Faktor dafür.“

Die Grafik zeigt den möglichen Weg welcher der neue Eisberg nehmen könnte. (Chris Readinger / NIC)

Das «McDonald Ice Rumples» ist ein Gebiet, in dem sich der felsige Meeresboden erhebt und über die Unterseite des Eisschelfes auftürmt. Diese felsige Formation behindert den Eisfluss und führt dazu, dass sich an der Oberfläche Spannungen, Gletscherspalten und Risse bilden.

Alle diese Risse, kombiniert mit einer kürzlichen Beschleunigung der Risse im Schelfeis, wurde vom Satelliten «Sentinel-1» der ESA erkannt und deuten auf eine Instabilität hin, die wahrscheinlich ein oder zwei neue Eisberge hervorbringen wird. Nur der genaue Zeitpunkt des Abbruchs kann nicht vorausgesagt werden.

Die Halley-Station auf dem Brunt-Eisschelf sind eine britische Forschungsstation die sich der Erforschung der Erdatmosphäre widmet. Hier gemachte Messungen führten 1985 zur Entdeckung des Ozonlochs. Die Station wurde 1956 für das Internationale Geophysikalische Jahr 1957–1958 durch eine Expedition der Royal Society gegründet. Bisher sind sechs Halley-Stationen gebaut worden. Die ersten vier Stationen sind nach jeweils rund 10 Jahren unter Schneeanhäufungen begraben und zusammengedrückt worden. «Halley VI» (im Bild) ist die erste bewegbare Forschungsstation und kann mit schweren Traktoren verschoben werden. (Foto: BAS)

Eine Forschungsstation muss umziehen

Das British Antarctic Survey berichtete im Jahr 2015, dass sie beabsichtige, «Halley VI» im antarktischen Sommer 2016-2017 an einen neuen Standort zu verlegen.

Die Überwachung ergab, dass sich «Halley VI» stromabwärts eines sich erweiternden Risses im Schelfeis befand. Ein großer Riss habe sich durch das Eis ausgebreitet und drohte die Station vom stabilen Teil des Schelfeises abzuschneiden, was die Entscheidung zum Umzug veranlasste.

Dadurch wurde die Station 23 Kilometer von ihrem vorherigen Standort in Richtung Kontinent verschoben. Dies war das erste Mal, dass «Halley VI» seit ihrer Inbetriebnahme im Jahr 2012 verlegt wurde. 

Während der Verlegung der Station kamen neue Bedenken hinsichtlich eines weiteren Risses, dem «Halloween Crack», auf. Dieser Riss war am 31. Oktober 2016 entdeckt worden, und die BAS erkannte, dass auch er die Station abschneiden und möglicherweise zum Meer treiben könnte. Da die Evakuierung der Besatzung im Winter so gut wie unmöglich ist, kündigte die BAS im März 2017 mit, ihre Mitarbeiter von März bis Oktober von der Basis abzuziehen. Die Mitarbeiter kehrten nach dem antarktischen Winter im November 2017 zurück» und fanden die Station in einem guten Zustand. Trotzdem wurde entschieden, «Halley VI» nur noch als reine Sommerstation zu betreiben, bis sich das Brunt-Eisschelf stabilisiert hat.

Heiner Kubny, PolarJournal

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