Frustration auf den Falklandinseln über Brexit steigt | Polarjournal
Gegenwärtig bläst der Wirtschaft der Falklandinseln ein heftiger Wind aus der EU entgegen. Durch den Brexit sind auf Produkte, die im grossen Masse am wirtschaftlichen Aufschwung der Inseln Anteil hatten, zwischen 6 und 42 Prozent Zölle draufgeschlagen worden. Das verteuert die Produkte massiv und macht sie weniger konkurrenzfähig. Bild: Annina Egli

Der Brexit, der Grossbritannien «aus den Fesseln der EU» lösen solle (O-Ton Befürworter), ist nun seit knapp einem Monat in Kraft. Nach zähem Ringen war noch in der Nacht des 31. Dezembers eine Einigung über das wirtschaftliche Verhältnis mit der EU erreicht worden. Doch diese Vereinbarung gilt nicht für alle Teile des Königreiches. Die Falklandinseln als Überseegebiet sind nun mit hohen Zöllen und Abgaben auf ihre Produkte in die EU konfrontiert. Und trotz mehrfachen Versuchen, diese wieder abzuwenden, finden sie kein Gehör bei der Regierung in London. Dadurch ist die Frustration in den vergangenen Wochen massiv angestiegen.

Bereits eine Woche, nachdem die Trennung von der EU endgültig vollzogen gewesen war, schrieben Abgeordnete des lokalen Parlaments in einem offenen Brief ihre Frustration und Enttäuschung vom Leib. «Zuerst ist es wichtig festzuhalten, wie enttäuscht und frustriert wir darüber sind, dass das Abkommen zwischen den UK und der EU keine Bestimmungen für die Falklandinseln oder die anderen Überseegebiete vorsieht. Infolgedessen unterliegen unsere EU-Exporte nun Zöllen.» steht zu Beginn des Schreibens, welches von Penguin News abgedruckt worden war. Im Weiteren führen die Abgeordneten auf, welche Schritte sie in der Vergangenheit unternommen hatten, um zu verhindern, dass die Falklandinseln beim Brexit übergangen oder vergessen würden. Mangelnde Unterstützung hätten sie nicht angetroffen. Doch schliesslich sei alles vergeblich gewesen. «Leider konnte die britische Regierung trotz unserer besten und anhaltenden Bemühungen keine Einigung in unserem Namen erzielen.» kommen die Verfasser zum Schluss.

Die Fischerei ist der wichtigste Handelszweig der Falklandinseln. Daneben sind aber auch Fleisch und Wolle weitere Exportgüter, die in die EU geliefert worden sind. Mit dem Brexit sind nicht nur die Zölle gestiegen, sondern auch der administrative Aufwand, die Produkte in den EU-Raum liefern zu können. Bild: CFIG

Doch nicht nur die Politiker sind von den Versäumnissen der Regierung in London enttäuscht. Auch der Fischereiverband hatte mehr erwartet. Er hatte bereits Mitte Dezember in einem Artikel davor gewarnt, die Falklandinseln im Regen stehen zu lassen. Die wirtschaftlichen Folgen wären sofort spürbar und hätten einen massiven Schaden zur Folge. Denn neben den Zöllen, die mit 6 bis 18 Prozent zu Buche schlagen, ist auch der administrative Aufwand um ein Mehrfaches angestiegen. Und damit sind die Fischer im Südatlantik nicht alleine. Auch die in Grossbritannien sitzenden Fischer sind mit dem Abkommen sehr unzufrieden. Ihrer Meinung nach hatte die Regierung zu viele Zugeständnisse gegenüber der EU gemacht. Tatsächlich war die Fischerei einer der umstrittensten Punkte und mit ein Grund für das beinahe Scheitern der Verhandlungen. Dies ist für die Fischer auf den Falklandinseln ein schwacher Trost. Ihre Produkte werden aufgrund der Zölle und Abgaben kaum konkurrenzfähig sein auf dem europäischen Markt. Dasselbe gilt für die Fleischproduzenten, auf deren Produkte sogar bis zu 42 Prozent Zölle fallen.

In der traditionellen Weihnachtsansprache versprach Boris Johnson den Bewohnern der Falklandinseln Hilfe bei der Bewältigung der Brexit-verursachten Probleme. Doch bisher ist diese Hilfe ausgeblieben. Bild: Ben Shread / Cabinet Office, OGL 3 via Wikimedia Commons

Als kurz vor Weihnachten Premierminister Boris Johnson die traditionelle Weihnachtsansprache für die Falklandinseln veröffentlichen liess, war nur ein kleiner Teil dem Brexit gewidmet. Darin schob er zum einen der EU die Schuld zu, die Überseegebiete aus den Verhandlungen ausgeschlossen zu haben; zum anderen versprach er Hilfe in der Zeit nach dem Brexit. Doch diese Hilfe blieb bisher aus. Der Brief wurde in einem Editorial der Chefredakteurin Lisa Watson der Zeitung Penguin News sogar als «herablassend» bezeichnet und dass er die Bewohner der Falklandinseln «wie Kinder behandelt» habe. In dem Brief findet die Autorin auch deutliche Worte in Bezug auf das Gefühl, welches durch die Nichtbeachtung der Falklandinseln hervorgerufen wird: «Scheisse und ungerecht».

Die Bewohner der Falklandinseln sind seit jeher im Kampf. Sei es gegen die Witterungen und Elemente auf den windumtosten Inseln oder gegen Besatzer wie im Konflikt 1982: Klein beigeben gehört nicht zu ihren Eigenschaften. Bild: Michael Wenger

«Die grosse Ironie ist, dass wir wahrscheinlich das Ganze besser überstehen werden als Grossbritannien.»

Lisa Watson, Chefredakteurin Penguin News

Doch sowohl in ihrem Leitartikel wie auch im Brief der Abgeordneten wird eine Stärke der Falkländer klar: Aufgeben gibt es nicht. Während die Abgeordneten schreiben, dass nicht aufgegeben wird und «kein Stein auf dem anderen bleibt, um die Abschaffung dieser Zölle (…) sicherzustellen», ist die Meinung der Chefredakteurin Lisa Watson: «Die grosse Ironie ist, dass wir wahrscheinlich das Ganze besser überstehen werden als Grossbritannien.» Und wer den Charakter der Einwohner auf dem südatlantischen Archipel kennt, weiss, dass sie sogar recht haben könnte.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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