Inuktitut in Microsoft-Übersetzungen verfügbar | Polarjournal
In Nunavut, Kanadas arktischer Region mit grosser Selbstverwaltung, ist Inuktitut offizielle Sprache. Das bedeutet, dass offizielle Schreiben und Texte wie auf Pond Inlet’s Willkommenstafel nicht nur in Englisch und Französisch, sondern auch in der Sprache der Einheimischen geschrieben werden. Bild: Michael Wenger

Wer heutzutage einen PC besitzt, gehört in den meisten Fällen zur Microsoft-Community. Windows und viele seiner Dienstprogramme gehören zum Standard. Eine der Funktionen, die Microsoft dabei anbietet (und erfolgreich macht), ist die eingebaute Übersetzungssoftware Microsoft Translator. Mit dieser Funktion können einzelne Textteile oder gleich ganze Dokumente in rund 70 Sprachen übersetzt werden (über die Qualität lässt sich diskutieren). Nun hat der Softwaregigant angekündigt, dass seit neuestem die Inuitsprache Inuktitut Teil der Übersetzungssoftware sein wird.

Der Konzern schreibt in einer Pressemitteilung, dass mit dem neuesten Update ab sofort sämtliche Microsoftprodukte, die mit Übersetzung zu tun haben oder diese verwenden, Inuktitut hinzufügen können. Dabei soll der KI-betriebene Azure Cognitive Service Übersetzer und die Sprechsoftware Azure Cognitive Services Speech im Hintergrund für die Übersetzung sorgen. «Dies bietet eine zusätzliche Möglichkeit, Inuktitut bei der Arbeit, in der Schule und im Alltag zugänglicher zu machen, und trägt dazu bei, dass die Sprache weiterhin gedeiht.», schreibt Microsoft. Um die Qualität des Service zu zeigen, hat der Konzern die Pressemitteilung auch in Inuktitut veröffentlich, sowohl mit in der normalen Schrift wie auch in der Silbenschrift, der Canadian Aboriginal Syllabics.

Die Pressemitteilung von Microsoft wurde auch gleich in Inukitut veröffentlicht. Die Sprache ist tatsächlich ein Dialekt der Inuitsprachen. Die Silbenschrift war Mitte des 19. Jahrhunderts von James Evans für einige Ureinwohnervölker entwickelt worden. Bild: Screenshot Pressemitteilung Microsoft

«Sprache ist tief mit der Kultur und der Identität verwurzelt.»

Kevin Peesker, CEO Microsoft Canada

Die Entwicklung der Sprachsoftware wurde von Microsoft in Zusammenarbeit mit der Regierung von Nunavut vorangetrieben. «Es ist eine Ehre und ein Privileg, mit der Regierung von Nunavut an einem solch wichtigen Projekt zusammenzuarbeiten», erklärt der Chef von Microsoft Canada, Kevin Peesker. «Sprache ist tief mit der Kultur und der Identität verwurzelt. Wir glauben, dass Technologie helfen kann, unsere Überlieferungen zu schützen und die Sprache zu bewahren.» In Nunavut sprechen rund 40’000 Menschen Inukitut und sie ist auch seit 2008 offizielle Sprache in der selbstverwalteten Region. Deswegen ist auch für die Regierung von Nunavut diese Neuerung sehr wichtig und willkommen. Denn mit der Neuerung wird die Kommunikation mit abgelegeneren Orten innerhalb Nunavuts noch einfacher. Aufgrund der Abgeschiedenheit ist die Online-Verbindung (häufig via Satellit) der einfachste Kommunikationsweg zwischen den Regionen.

Letztes Jahr kam es in Nunavut zum Super-GAU, als durch einen Ransomware-Angriff die komplette Kommunikation der Region lahmgelegt worden war. Bei einem solchen Angriff soll das Opfer ein Lösegeld an die Hacker bezahlen, um sein System wieder freigeschaltet zu bekommen. Gemäss Regierung wurde damals kein Geld bezahlt. Doch die Wiederherstellung kostete ebenfalls viel Geld und Zeit. Bild: Nunatsiaq News

Doch das hat auch seine Tücken, besonders in der Sicherheit. Nunavut musste diese traurige Erfahrung letztes Jahr machen, als ein Ransomware-Angriff die komplette Verwaltung Nunavuts lahmgelegt hatte. Microsoft war damals eine der Firmen, die Nunavut geholfen hatten, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen. Das brachte die Verwaltung auch dazu, sein System zu modernisieren und auf Microsoft Teams umzusteigen. So kann nun neben der Sicherheit auch die Einbindung der Übersetzungssoftware auf allen Ebenen garantiert werden. «Durch die Zusammenarbeit mit Microsoft konnten wir unsere Informationstechnologie-Infrastruktur sprunghaft weiterentwickeln», erklärt Dean Wells, der Leiter der Informationsabteilung in der Verwaltung von Nunavut. Die Umstellung auf Teams zahlte sich während der Pandemie besonders aus, da auch in Nunavut Reisen zwischen den Orten auf ein absolutes Minimum reduziert worden ist, besonders jetzt, da das Virus auch den Weg nach Nunavut gefunden hat.

Praktisch jedes Jahr feiern die Einwohner Tschukotkas und Alaskas die Beringia Arctic Games, ein Festival der Kultur und des Sports. Dabei messen sich die Orte an der Beringstrasse in verschiedenen Sportarten, Tanzdarbietungen und anderen Bereichen. Es ist auch die Gelegenheit, sich auszutauschen und entfernte Verwandte zu sehen. Eines der verbindenden Elemente ist dabei die Sprache. Bild: Michael Wenger

Eigentlich ist Inuktitut eine Dialektgruppe innerhalb der Inuit-Sprachen. Doch der Begriff wird auch für die komplette Familie der Inuitsprachen verwendet. Neben Nunavut gilt Inuktitut auch in den Nordwestterritorien als Amtssprache und in den Provinzen Québec und Neufundland/Labrador und Yukon in Teilen als anerkannte Minderheitensprache. Die Schrift, die heutzutage für Inuktitut verwendet wird, basiert auf der Silbenschrift der Cree-Ureinwohner. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte der Methodist James Evans die Schrift (titirausiq nutaaq genannt), damals eigentlich für die Cree und andere Ureiwohnervölker. Doch die Schrift übderdauerte die Zeit und wird heute offiziell in Nunavut zur Darstellung von Inuktitut verwendet. Da Inuktitut zu den Inuit-Yupik-Unangan-Sprachen gehört, können sich die Leute von Russlands Tschukotka über Alaska bis nach Westgrönland mehr oder weniger mit den Bewohnern Nunavuts verständigen. So ist auch ein kultureller und gesellschaftlicher Austausch zwischen den Regionen möglich. Denn in vielen Gebieten war die Nutzung der eigenen Sprache lange Zeit verboten, auch im heutigen Nunavut. Deshalb ist die Einbindung von Inuktitut ein grosser Sieg für die Ureinwohner, die Jahrtausende lang sich nur mündlich verständigt hatten… und gut damit gefahren waren.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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