„The Whale“ wird ab 2023 auftauchen | Polarjournal
Die Fluke eines abtauchenden Pottwals kurz bevor er in den Tiefen des Meeres verschwindet. Bis zu 2’000 Meter tief und ca. 45 Minuten bleiben die Kolosse bei der Jagd nach ihrer Lieblingsnahrung, den Tintenfischen unter Wasser. Im Hintergrund die schneebedeckten Berge der Insel Senja
Foto: Stefan Leimer – Fotografie

Die spektakuläre Landschaft beeinflusste schon immer die Bauweise und Gestaltung der Gebäude in Norwegen. In zwei Jahren wird ein weiterer monumentaler Bau diese Tradition fortsetzen. 2023 wird auf den Vesterålen  The Whale eröffnet. Ein weltweit einzigartiges Zentrum, das sich ausschliesslich den Walen und ihrem Lebensraum Meer widmen wird.

Seit je her haben die spektakulären Landschaften die Bewohner Norwegens bei der Bauweise und der Gestaltung ihrer Bauwerke massgeblich beeinflusst. So wurden immer wieder architektonische Schmuckstücke hervorgebracht. Die Oper von Oslo ist diesbezüglich wohl das bekannteste norwegische Gebäude. Wie ein gewaltiger Eisberg liegt sie mitten in der Hauptstadt am Ufer der Bucht von Oslo und ihre Ausläufer reichen bis ins Hafenwasser hinein.

Das Siegerprojekt des Architekturwettbewerbes wurde vom dänischen Architekturbüro Dørte Mandrup A/S entworfen. Das Gebäude erinnert an eine gigantische Walflosse, die sich aus dem Meer emporhebt.
Illustration: Dørte Mandrup Arkitekter/Mir

Im Jahr 2023, so die aktuelle Planung, wird die Liste der aufsehenerregenden Bauwerke in Norwegen um ein zusätzliches architektonisches Highlight erweitert werden. The Whale – so der Name des Projektes – wird aber mehr sein, als nur ein ausgefallenes Gebäude. Vielmehr hat es sich das Projektteam zur Mission gemacht, „Ein einzigartiges und unvergessliches Erlebnis zu bieten, das Bewusstsein für Wale schafft und dazu inspiriert, mehr über Wale und das Meer zu erfahren und sich entsprechend um sie zu kümmern.“

Der Blick vom Leuchtturm auf das winterliche Andenes. Vorne links der Bereich, wo The Whale in zwei Jahren eröffnet werden soll. Foto: Stefan Leimer – Fotografie

Andenes wurde dabei ganz gezielt als Standort für The Whale gewählt. Der kleine Fischerort befindet sich gut 300 Kilometer nördlich des Polarkreises auf dem Inselarchipel Vesterålen und gehört weltweit zu den Top-Orten, um Wale zu beobachten. In unmittelbarer Nähe der Küste fällt der Kontinentalsockel steil ab und bildet den über 2’000 Meter tiefen Bleik-Canyon. Das kalte und nährstoffreiche Wasser bietet zudem perfekte Bedingungen für eine außergewöhnlich reiche und einzigartige Tierwelt. Das ganze Jahr über lassen sich hier Pottwale beobachten, die in der Tiefseeschlucht nach ihrer Lieblingsnahrung, den Tintenfischen jagen. Aber auch Finnwale, Buckel- vorallem aber Schwertwale lassen sich regelmässig in der Region blicken, um vom reichhaltigen Nahrungsangebot zu profitieren. Seit über 30 Jahren werden hier in Andenes professionell Wal Safaris angeboten. Inzwischen ziehen die Whale Watching Touren bis zu 30’000 Besucher pro Jahr an. Die Verwaltung von Andenes hat nun endgültig grünes Licht für das Projekt „The Whale“ erteilt und Geld zugesichert.

Schon seit 1987 werden professionell geführte Walsafaris von Andenes aus durchegführt. Neben Pottwalen sind auch Orcas in den Fjorden der Vesterålen zu sehen. Die Tiere jagen hier den grossen Fischschwärmen nach und verzaubern Besucher und Einheimische immer wieder aus Neue. Foto: Stefan Leimer – Fotografie

«The Whale ist eine weltweit einzigartige Attraktion, die Wale mit einer Kombination aus Wissenschaft und Kunst ehrt»

Unterlagen Architekturausschreibung

Bereits vor sieben Jahren träumte Camilla Ilmoni, verantwortlich für Marketing & Vertrieb «The Whale», davon, ein einzigartiges Wal-Zentrum in der Region Andøya aufzubauen. Schnell realisierte sie, dass sie mit ihrer Idee offene Türen einrennt. Und so wurde 2016 aus ihrem Traum das konkrete Projekt The Whale. Noch im gleichen Jahr wurde eine Machbarkeitsanalyse durchgeführt. Es folgten weitere Marktanalysen in Dänemark und Island und im Jahr 2018 wurde mit der Gründung der Aktiengesellschaft The Whale AG die Finanzierung weitgehend sichergestellt. Das Gesamtbudget beträgt in der Zwischenzeit über 450 Mio norwegische Kronen (ca. 45 Mio Euro). Vielen Investoren geht es bei Ihrer Beteiligung nicht um eine gewinnbringende Investition, sondern darum, mit The Whale ihrer Heimat langfristig etwas zurückzugeben.

Kronprinz Haakon von Norwegen liess es sich nicht nehmen, sich vor Ort über das Projekt The Whale zu aus erster Hand zu informieren. Foto: Stefan Leimer – Fotografie

Die groben Rahmenbedingungen, die für den internationalen Architekturwettbewerb definiert wurden, lauteten: «The Whale ist eine weltweit einzigartige Attraktion, die Wale mit einer Kombination aus Wissenschaft und Kunst ehrt». Zusätzlich flossen die Rückmeldungen von hunderten von Bewohnern von Andøya in die Anforderungsunterlagen ein. Anlässlich eines Informationsevents hatten sie die Möglichkeit bekommen, ihre Wünsche, Bedenken, Vorstellungen und Ziele zu formulieren.

Weit über hundert Architekturbüros weltweit hatten sich die Bewerbungsunterlagen heruntergeladen. Eingereicht wurden schliesslich über 40 Projekte.

Den Wettbewerb gewinnt das dänische Architekturbüro Dorte Mandrup A/S. Die renommierte Architektin soll bei einem Besuch vor Ort angesichts der spektakulären Aussicht ein paar Tränen verdrückt haben. Auf ihrer Internetseite schreibt sie dazu: «The Whale erzählt eine Geschichte der grossen Bewohner dieser Unterwasserwelt, die wie ein sanfter Hügel an den felsigen Küsten hochsteigt – als ob ein Riese eine dünne Schicht der Erdkruste hochgehoben und eine Höhle geformt hätte.»

Bereits die Publikation des Siegerprojektes schlug international hohe Wellen. Durch die weltweite Veröffentlichungen in den Medien wurden bisher weit über 530 Mio Menschen erreicht.

In der Tat, die ersten Animationen des Siegerprojektes sehen sehr vielversprechend aus. In unmittelbarer Nähe zum Leuchtturm von Andenes wird sich das Bauwerk wie eine gigantische Walflosse aus dem Meer emporheben. Ohne dabei aber aufdringlich oder gar arrogant zu wirken. Fast schon harmonisch fügt sich der Bau in die Gesamtumgebung ein. Die durchdachte Konstruktion erlaubt einen eindrücklichen Innenraum, der gänzlich ohne Stützelemente auskommt. Eine durchgehende Fensterfront nach Nord-Westen erlaubt den Blick auf das offene Meer und somit auf den natürlichen Lebensraum der Wale.

Der Aussenbereich soll gleichermassen für Touristen und Einheimische zur Verfügung stehen. Das leicht geschwungene Dach wird begehbar sein und so einen ungefilterten Kontakt mit der Natur ermöglichen.
Illustration: Dørte Mandrup Arkitekter/Mir

Der Aussenbereich von The Whale wird für jedermann frei zugänglich sein. Camilla betont, dass es der ausdrückliche Wunsch der Projektleitung war, dass dieser Teil gleichermassen von Besuchern und Einheimischen genützt wird.

«Ein wesentliches Ziel von The Whale wird es sein, zukünftige Generationen wieder zurück zur Natur zu führen.»

Camilla Illmoni, Marketing & Kommunikation The Whale

The Whale will kein herkömmliches Naturkundemuseum sein, kein konventionelles Kunstmuseum und auch keine Forschungseinrichtung, sondern das Beste aus diesen drei Bereichen vereinen. Die Wale stehen dabei immer im Zentrum.

Ganz besonders am Herzen liegen Camilla die jungen Besucher: «Wir haben uns zu sehr von der Natur entfremdet». Und weiter: «Ein wesentliches Ziel von The Whale wird es sein, zukünftige Generationen wieder zurück zur Natur zu führen. Denn, nur was man kennt, schützt man auch!»

Stefan Leimer

Link zur Webseite: The Whale (engl.)

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