US-Armee will Arktis mit eigener Strategie «zurückerobern» | Polarjournal
Die USA als Arktisstaat haben die nördliche Region seit längerem vernachlässigt und sehen sich jetzt durch die Ausbaupläne Russlands und China in der Arktis bedroht. Darum musste eine neue, umfangreiche und integrierte Arktisstrategie her. Bild: US-Army via Army Times

Mit den klimatischen Veränderungen, die in der Arktis zurzeit ablaufen, hat sich auch die Situation der Arktis-Staaten im Hinblick auf Teile ihres Staatsgebietes und ihrer Arktispolitik geändert. Dadurch wurden in den vergangenen Monaten zahlreiche neue Strategien veröffentlicht. Ein zentraler Aspekt dabei war die Sicherheitspolitik. Nun hat auch die US-Armee ihre zukünftige Arktis-Strategie veröffentlicht. Und dies zu einem Zeitpunkt, wo die Beziehungen zu Russland in Richtung Gefrierpunkt laufen.

Die neue Strategie der US-Armee wurde unter dem Titel «Regaining Arctic Dominance» (dt. Rückeroberung der arktischen Vorherrschaft) veröffentlicht. Darin führt das Oberkommando auf, wie die Armee sich auf zukünftige Operationen in der Arktis vorbereiten will, welche Bereiche der Armee gestärkt und ausgebaut werden sollen. Dabei zielt sie nicht nur auf Operationen im eigenen Bereich der Arktis, nämlich Alaska, ab, sondern verfolgt eine panarktische Strategie. «Es existieren signifikante Variationen innerhalb der Gebiete der Arktis. Eine Einheit, die für Alaska-Operationen angepasst und optimiert worden ist, könnte Schwierigkeiten habe, wenn sie plötzlich in der europäischen Arktis eingesetzt werden muss», heisst es in der Dokumentation. Als Ziel will die US-Armee fähig sein, «schnell Multi-Domain-Kräfte (i.e. Luft-, See-, Boden-, Cyberstreitkräfte) aufzustellen und global einzusetzen, die spezifisch trainiert und ausgerüstet sind und die Kraft haben, unter extrem kalten Wetter- und rauen Gebirgsbedingungen über eine längere Zeit zu kämpfen, zu gewinnen und zu überleben».

Das Ziel der US-Armee ist die Wiedererlangung einer Dominanz in der Arktis. Dazu sollen spezifisch ausgebildete Einheiten aus allen Bereichen, eine sogenannte Multi-Domain-Force, aufgestellt werden. Dazu gehören auch Luftlandetruppen wie hier diese Fallschirmspringer bei einer Übung in Alaska. Bild: Daniel Love US Army via Amy Times

Um dieses Ziel zu erreichen, haben die Strategen fünf Punkte aufgeführt, die für das Ziel essentiell sind. Dazu zählen die Stärkung und der Ausbau der eigenen Streitkräfte, um sie für Operationen unter arktischen Bedingungen fit zu machen. Neben neuen Materialien und Systemen gehört aber auch die physische und vor allem psychische Ausbildung dazu. Denn um länger unter den harschen Bedingungen in der Arktis funktionieren zu können, erachten die Strategen die psychische Verfassung der Truppeneinheiten als enorm wichtig. Daher wird ein Augenmerk auch auf die Familien der Soldaten gelegt und deren Wohlergehen gelegt. Doch auch die Zusammenarbeit mit Partnern und wichtigen Verbündeten weltweit soll wieder gestärkt werden. Dabei spielt die indigene Bevölkerung und Organisationen in Alaska eine wesentliche Rolle.

„Die Arktis ist eine Gelegenheit, die Geschwindigkeit, Reichweite und Konvergenz der neuesten Technologien, die für Multi-Domain-Operationen entwickelt werden, schnell zu nutzen, um unsere Abschreckungsfähigkeiten in der Region zu stärken“

General James McConville, Oberkommandierender US-Armee

Überhaupt liegt ein Augenmerk der Strategie auf der Stärkung von Alaska, dem einzigen arktischen Gebiet der USA. Hier soll neben den militärischen Einheiten auch Multi-Domain-Task-Force Hauptquartier entstehen, von wo aus die arktischen Einheiten für ihre Operationen teilweise ausgebildet und eingesetzt werden sollen. Dies bedinge aber eine Neubeurteilung der bestehen Strukturen innerhalb der Armee, steht im Papier. Insgesamt ist die Armee aber überzeugt, dass mit der neuen Strategie der in den vergangenen Jahren verlorene Boden in der Arktis wieder wettgemacht werden kann. Experten sehe aber grosse Hürden, die noch zu überwinden sind. Gegenüber Radio Canada erklärt Troy Bouffard, Experte an der Universität von Alaska Fairbanks, dass die Armee zuerst ein Qualifizierungsprogramm zur Zertifizierung von extremem Kaltwetter erstellen muss und auch die Problematik der Fortbewegung auf arktischem Terrain überwinden muss. In beiden Dingen ist Russland viel weiter als die USA.

Die USA haben in den vergangenen Monaten wieder die Zusammenarbeit mit den europäischen Verbündeten, besonders im Norden, verstärkt. Neben dem Entsenden von Flottenteilen in die Barentssee und der Nutzung von Flugplätzen in Norwegen, standen Einheiten der US-Armee in Manövern mit europäischen Verbündeten, wie hier in Litauen. Bild A. Shea, US Army

Jede Armee benötigt ein Feindbild. Im Fall der USA werden als Bedrohung für die Sicherheit die Pläne Russlands und Chinas in der Arktis angegeben. Vor allem der militärische Ausbau Russlands entlang der Nordküste, die neuen U-Boote und Waffensysteme und deren Tests, die bis an die Grenze zu Nachbarstaaten gehen, werden von der US-Armee als «effektive offensive Bedrohung» betrachtet, obwohl man den russischen Ausbau «primär aus Gründen der territorialen Verteidigung und zum Schutz der Zweit-Schlags-Fähigkeiten Russlands» in der Strategie beschreibt. Trotzdem wird Russland als Sicherheitsbedrohung betrachtet. Und dies nicht nur von der Armee, sondern auch von der Marine und der Luftwaffe, die ihre Strategiepapiere bereits veröffentlicht haben. Und scheinbar liegen sie mit ihrer Einschätzung gegenüber Russland nicht falsch. Denn die Beziehungen zwischen den USA und Russland sind seit gestern Mittwoch in Richtung Gefrierpunkt gefallen. Dies, nachdem die US-Geheimdienste Russland und Präsident Putin der Einmischung in die US-Wahlen vorgeworfen haben und gleichzeitig US-Präsident Joe Biden seinen russischen Amtskollegen öffentlich als «Mörder» bezeichnet und erklärt hatte, dass er für seine Einmischung bezahlen würde. Daraufhin hat Russland seinen Botschafter aus den USA nach Hause zurückbeordert, um die Beziehungen zu den USA neu zu analysieren. Das könnte für die US-Armee bedeuten, dass sie ihre Pläne und Strategie schneller umsetzen könnte, als bisher gedacht. Doch sie muss auf jeden Fall Gas geben, wenn sie ihr Ziel einer «Rückeroberung arktischer Dominanz» erreichen will.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

Link zur pdf-Version des Strategiepapiers der US-Armee

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