Tschechien’s Forschung will in den Arktisrat | Polarjournal
Tschechien betreibt seit 2015 seine eigene Forschungsstation auf Svalbard. Doch anders als die meisten Stationen steht das Gebäude, das nach dem berühmten tschechischen Polarforscher Julius von Payer (rechts) benannt ist, nicht in Ny Ålesund, sondern in Longyearbyen. Daneben betreibt Tschechien auch ein Forschungsschiff und eine Feldstation. Bild: links Marcel Schütz, rechts Wiki Commons CC-BY SA 4.0

Die Arktis rückt immer mehr in den Fokus zahlreicher Staaten, die nicht direkt Teil der Arktischen Region sind. Als zentrales Organ der Region, wo alle wichtigen Entscheidungen für die Arktis diskutiert und gefällt werden, gilt der Arktisrat. Da aber nur die acht direkten Arktisnationen Mitgliedsrecht haben, bleibt den restlichen Staaten die Möglichkeit als Beobachter im Arktisrat Platz zunehmen. In diesem Jahr haben bereits Irland und Estland ihre Beitrittsabsichten bekanntgegeben. Nun hat auch Tschechien diesen Schritt öffentlich bekanntgemacht. Federführend dabei: die tschechische Polarforschung.

Anlässlich eines virtuellen Treffens organisiert durch den Arctic Circle erklärte der tschechische Aussenminister Tomáš Petříček, dass Tschechien nach längeren Überlegungen im vergangenen Dezember offiziell sein Beitrittsgesuch beim Arktisrat eingereicht habe. Mehrere Mitglieder des Rates seien an einem Beitritt Tschechiens als Beobachter interessiert, sagte der Aussenminister. Begründet wird das Gesuch zum einen mit dem wissenschaftlichen Interesse und Arbeiten Tschechiens im Bereich der Arktisforschung, die eine lange Tradition hat. Denn Julius von Payer, einer der Entdecker und Kartographen von Franz-Josef-Land im Rahmen der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition 1872 – 74, war Tscheche und initiierte das Interesse Tschechiens an der Arktis. Mittlerweile betreibt das Land auch seine eigene Forschungsstation auf Svalbard, zu der neben der Hauptstation in Longyearbyen, das Payer-Haus, auch eine Feldstation nahe der alten Siedlung Pyramiden und ein Forschungsschiff gehören. Man hoffe, sich vor allem in den Bereichen der Klimaforschung, Umwelt- und Naturschutz und nachhaltige Entwicklung und in den entsprechenden Arbeitsgruppen des Arktisrates verstärkt einbringen zu können, erklärt Tomáš Petříček.

Die Arktis mit seinen Gletschern und dem Meereis gilt als einer der am stärksten durch die Erwärmung beeinflussten Regionen der Welt. Die Auswirkungen sind auch in den mittleren Breiten Europas spürbar und verstärken die direkten Effekte dort. Davon ist auch Tschechien betroffen. Bild: Michael Wenger

Zum anderen sieht die Regierung aber auch Handlungsbedarf bei den Auswirkungen des Klimawandels. Diesen sieht sie als grosse Herausforderung und die Arktis als eines der Hauptgebiete des Klimawandels. Daher sind zahlreiche wissenschaftliche Projekte tschechischer Forschungsgruppen mit dem Thema verbunden. Um in diesem Bereich voranzukommen und Lösungen zu finden, sei es wichtig mit den Mitgliedern des Arktisrates zusammenzuarbeiten, meint Petříček. Auf die Frage, ob auch wirtschaftliche Überlegungen ein Antrieb für das Beitrittsgesuch gewesen seien, fügt der Aussenminister an, dass diese nur indirekt eine Rolle spielten. Natürlich würde man auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Arktisnationen und den anderen Beobachterstaaten suchen, besonders beim Thema Nachhaltigkeit und Entwicklung. «Tschechien kann auch hier viel bieten, zum Beispiel im Bereich der Wasseraufbereitung, Gesundheit, oder Nanotechnologie, nur um ein paar zu nennen», sagte der Aussenminister. Angesprochen darauf, ob die Mitgliedschaft Tschechiens in der EU und der NATO ein Problem beim Beitrittsgesuch darstellen könnte, winkte er ab und erklärte, dass der Beitritt unabhängig von diesen Bereichen sei und alleine auf wissenschaftlichen Überlegungen beruhe. Man glaube auch an die friedliche Kooperation und die Kommunikation innerhalb des Arktisrates und daher ständen geopolitische Überlegungen nicht im Zentrum Tschechiens.

Der tschechische Aussenminister Tomáš Petříček ist seit 2018 in seinem Amt. Der Sozialdemokrat war davor Vizeaussenminister und war für die strategischen Ziele Tschechiens in Sachen Aussenpolitik verantwortlich. Bild: Arctic Circle

«Mittlerweile haben wir die Forschung auf einen hohen Level geführt, vor allem im Bereich der Naturwissenschaften. Doch was sich verändert hat und wofür ich mich eingesetzt habe, es weiter auszubauen, ist der politische bzw. internationale Aspekt der Polarforschung. Dies ist sehr wichtig, um die verschiedenen Bereiche miteinander zu verbinden und das Ganze in einem grösseren Bild zu sehen. Dazu brauchen wir den Beitritt.»

Dr. Barbora Halašková, Expertin für Internationale Beziehungen, Masaryk Universität

Tschechien hatte seit längerem einen Beitritt zum Arktisrat diskutiert. Assistenzprofessorin Dr. Barbora Halašková, Expertin für Internationale Beziehungen an der Masaryk Universität, erklärt nach der Präsentation gegenüber PolarJournal, dass der Antrieb für ein Gesuch aus der Wissenschaft gekommen war. Bereits 2016 hatten sie und andere Wissenschaftler in einem Bericht der Regierung die Vorteile und die Wichtigkeit eines solchen Schrittes dargelegt. «Wir haben eine lange Tradition in der Arktisforschung, die auf die österreichische-ungarische Nordpolexpedition zurückgeht», sagt sie. «Mittlerweile haben wir die Forschung auf einen hohen Level geführt, vor allem im Bereich der Naturwissenschaften. Doch was sich verändert hat und wofür ich mich eingesetzt habe, es weiter auszubauen, ist der politische bzw. internationale Aspekt der Polarforschung. Dies ist sehr wichtig, um die verschiedenen Bereiche miteinander zu verbinden und das Ganze in einem grösseren Bild zu sehen. Dazu brauchen wir den Beitritt.»

Und wie ernst es Tschechien mit der Arktis ist, zeigt sich nicht nur am Engagement der Wissenschaftler. Seit 2018 organisiert der ehemalige tschechische Botschafter in Dänemark Zdeněk Lyčka alljährlich für die Öffentlichkeit das «Arctic Festival», ein Kultur- und Wissenschaftsevent über arktische Belange. Dabei bringt er aber nicht nur die arktische Kultur nach Tschechien, sondern auch umgekehrt die tschechische Kultur in die Arktis. «Man will nicht nur die harten Wissenschaftsfakten in Fachzeitschriften für Experten veröffentlichen, sondern die Arktis der Allgemeinheit näherbringen und ein Bewusstsein für die Belange der Arktis eröffnen», erklärt Barbora Halaskova. Und damit sei man auch durchaus erfolgreich, fügt sie an.

Das letzte Arctic Festival 2019 fand in verschiedenen grossen tschechischen Städten statt und brachte nicht nur naturwissenschaftlichen Themen wie Natur und Klima auf den Tisch, sondern auch gesellschaftliche Themen wie beispielsweise Schamanismus. Bild: Arktickyfestival.cz

Doch es bleibt noch viel zu tun für Tschechien und seine Polarforschung. Denn es fehle beispielsweise ein Strategiepapier für die Polarforschung und die Arktis, sagt Barbora Halašková weiter.  Auch eine zentrale Organisation zur Steuerung der Polarforschung habe man, zumindest noch, nicht. Zurzeit teilen sich die beiden Universitäten in Brno und České Budějovice die Organisation der Polarforschung. Hier sei die Politik gefordert, zu handeln, meint sie. «Wahrscheinlich will man erst den Entscheid über den Beitritt abwarten, bevor es weitergeht», sagt sie. Und wie der Arktisrat entscheiden wird, ist zurzeit etwas unsicher. Denn wie bei den anderen Beitrittsgesuchen schwebt auch hier die geopolitische Lage über dem Gesuch wie ein Damoklesschwert. Der Aussenminister war entsprechenden Fragen ausgewichen.

«Es wäre wirklich grossartig für die Wissenschaftsgemeinde, wenn das Gesuch akzeptiert wird.»

Dr. Barbora Halašková, Expertin für Internationale Beziehungen, Masaryk Universität

Er erklärte zwar, dass einige Ratsmitglieder das Gesuch positiv bewertet hatten. Doch ein Entscheid muss einstimmig gefällt werden. Und Russland könnte durchaus dagegen stimmen aufgrund der Tatsache, dass Tschechien, Irland und Estland EU- und NATO-Mitgliedstaaten sind. Auf diese Frage, wie denn sie als Expertin die Chancen Tschechiens für einen Beitritt sieht, sagt Barbora Halašková: «Es wäre wirklich grossartig für die Wissenschaftsgemeinde, wenn das Gesuch akzeptiert wird. Dass die Gesuche einzeln behandelt werden, ist ein Vorteil. Denn die Tatsache, dass wir den Fokus auf die Wissenschaft legen, könnte Russland überzeugen, positiv auf das Gesuch zu reagieren.» Das Aussenministerium habe im Vorfeld die einzelnen Mitgliedsstaaten konsultiert. Aber eine Garantie gibt es nicht. Es wird sich also zeigen, ob tschechische Polarforschung auf der Ebene der Diplomatie ebenso überzeugend ist, wie sie es auf der Wissenschaftsebene ist. Der Arktisrat wird im Mai in einer teils virtuellen, teils realen Sitzung in Reykjavik zusammenkommen und unter anderem über die Beitrittsgesuche Tschechiens, Estland, Irlands und der Türkei abstimmen. An dem Treffen wird Island den Vorsitz an Russland turnusgemäss übergeben. Und Russland hatte im Vorfeld erklärt, die Beobachterstaaten mehr in den Rat einbinden zu wollen.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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