Lawinengefahr bedroht Teile von Longyearbyen | Polarjournal
Der südlich (unten im Bild) von Longyearbyen gelegene Ortsteil Nybyen wurde 1946-47 gegründet, um der steigenden Kohleproduktion und dem zusätzlichen Personal Rechnung zu tragen. Seither leben und arbeiten dort rund 100 Einwohner Longyearbyens. Bild: Christian Bruttel

Longyearbyen, der Hauptort und Verwaltungssitz von Svalbard, liegt in einem Talkessel des Adventfjords. In dessen Hängen hatte 1906 der US-Amerikaner John Munro Longyear reiche Kohleflöze entdeckt und ausgebeutet. Dabei entstand der Ort Longyearbyen, der im Laufe der Zeit immer weiter nach hinten in Richtung Gletscher wuchs und so den Ortsteil Nybyen (Neustadt) formte. Die steilen Hänge, die den Ort umrahmen, werden aber mittlerweile immer häufiger zur Lawinengefahr.

Wie imminent die Lawinengefahr tatsächlich ist zurzeit, zeigte sich gestern Sonntag, als eine grössere Lawine von der Ostflanke des Talkessels in Richtung Nybyen abging und kurz vor den ersten Häusern zum Stillstand kam. Nach Angaben der Sysselmannen waren keine Menschen betroffen und es wurden auch keine Schäden an Infrastruktur gemeldet. Doch die Warnung der Behörden ist ganz klar: Kein Verkehr in den hinteren Bereich von Longyearbyen bis heute Montag. Dann wird eine Neubeurteilung der Lage stattfinden. Auch der Bereich unterhalb des Sukkertoppen, der Berg in Richtung Adventfjord und Longyearbyen, ist zurzeit wegen Lawinengefahr Sperrzone.

Seit einigen Tagen spielte das Wetter um Longyearyben etwas verrückt. Starke Winde von über 50 km/h, Temperaturen zwischen 0 und -10°C und entsprechende Schneestürme hatten zu «herausfordernden Wetterbedingungen» geführt, wie die Sysselmannen und die Medien in Longyearbyen meldeten. Nachdem am Freitag eine Schneemobil-Gruppe eine Lawine südwestlich von Longyearbyen gemeldet hatte und die Wetterlage weiterhin unbeständig blieb, ordneten die Behörden am vergangenen Freitag die Evakuierung von Teilen von Nybyen und einigen Gebäuden, die am Fuss des Sukkertoppen im vorderen Bereich Longyearbyens liegen, an. Ausserdem erteilten sie einen kompletten Verkehrsstopp für die Gebiete an. Wie Svalbardposten vermeldet, wurden 56 Personen evakuiert. Diese werden bis auf weiteres nicht nach Nybyen zurückkehren können. Die Sysselmannen hatten angekündigt, heute Montag eine weitere Beurteilung der Lage vorzunehmen und dann zu entscheiden, wie es weitergeht.

Der vordere Teil von Longyearbyen, liegt teilweise am Fuss des Sukkertoppen, einem der Berge des Longyeardalen. Der 424 Meter hohe Berg gilt aus Hausberg Longyearbyens. Doch Lawinenabgänge von seiner westlichen Flanke hatten zweimal die Ortschaft getroffen und auch Menschenleben gefordert. Bild: Michael Wenger

Zwar sind Lawinen in den Bergen von Svalbard immer wieder registriert worden, meist ohne Konsequenzen für Menschen und Infrastruktur. Aber im Februar 2020 hatte eine Lawine südlich von Barentsburg zwei Menschenleben gefordert. Und in den vergangenen Jahren wurde Longyearbyen mehrfach von Lawinenabgängen an den Osthängen der Bergkette getroffen. Im Dezember 2015 forderte eine Lawine zwei Menschenleben, darunter ein Kind, als die Schneemassen Wohnhäuser begruben. Und im Februar 2017 richteten weitere Lawinenabgänge vom gleichen Berg schweren Sachschaden in Longyearbyen an. Darauffolgende Abklärungen auch durch das norwegische geologische Institut führten dazu, dass Lawinenverbauungen an den gefährdetsten auf der Ostseite des Longyeardalens errichtet werden sollten. Doch diese wurden bisher nicht gebaut. Svalbard gehört zu den von der Klimaveränderung stark betroffenen Regionen in der Arktis. In den vergangenen 50 Jahren verzeichnete man einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von 4°C, im Winter sogar um 7°C. Dadurch sind auch die Niederschläge angestiegen und die extremen Wetterereignisse. Dadurch stiegt auch das Risiko für Lawinen rund um Longyearbyen, schreibt das norwegische Zentrum für Klimaservice in einer 2019 veröffentlichten Studie. In den vergangenen Tagen wurden mehrere grosse Lawinen in den Tälern rund um Longyearbyen registriert.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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