Frühlingserwachen bei Sumpfkrokodilen in Nordnorwegen | Polarjournal
Die Sumpflandschaften auf Andøya sind im Winter meist zugedeckt und an viele Stellen bedecken Eisschichten die Gewässer. Da auch kaum Vögel und andere Tiere im Winter hier unterwegs sind, müssen Räuber eine Fastenzeit einlegen und auf den Frühling warten. Das gilt auch für die Sumpfkrokodile, die in solchen Gebieten sonst gut getarnt auf Beute lauern. Bild: Stefan Leimer

Ausgesetzte Tiere sind nicht nur in den mittleren Breiten ein Problem. Auch im hohen Norden gelangen Exoten immer wieder absichtlich oder unabsichtlich in einen artfremden Lebensraum und setzen sich dort fest, wenn sie anpassungsfähig genug sind. Und in Nordnorwegen, in der Heimat unseres Gastautors Stefan Leimer, hat sich eine besondere Art eingelebt, die aber wegen des zaghaften Frühlingsanfanges nur langsam in Bewegung kommt: Sumpfkrokodile.

«Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling…» Und ein Austernfischer auch nicht. Auch wenn die Watvögel pünktlich Mitte März auf den Vesteralen eingetroffen sind und auf der Insel den Beginn des Frühlings symbolisieren. Der Frühling zeigt sich aber sehr zaghaft. Insbesondere die Nächte sind noch so kalt, dass die stehenden Gewässer immer wieder zufrieren.

Frühlingserwachen auf Andøya bringt zahlreiche Vögel auf die Insel, angelockt durch ein breites Nahrungsspektrum. So beginnt dann auch gleich die Paarungszeit, auch wenn die Temperaturen noch eher tief liegen. Für die Krokodile auf Andøya muss es aber noch etwas wärmer werden. Bild: Stefan Leimer

Das bereitet insbesondere den Krokodilen Probleme, die allen Prognosen zum Trotz, seit einigen Jahren auf Andøya überleben. Das Kima ist dank Golfstrom nicht sehr kalt und die Gewässer sind für ihren Fisch- und Vogelreichtum bekannt. Nach der Winterstarre haben sie sich in den letzten Tagen in die Tümpel zurückgezogen. Sumpfkrokodile kommen ursprünglich aus Indien und Sri Lanka. Man nimmt an, dass die Reptilien vor einigen Jahren aus einer privaten Haltung in der Nähe von Nordmela an der Ostküste von Andøya entwichen sind.  Alle Versuche, die Tiere durch Abschuss zu dezimieren sind bislang gescheitert. Der Versuch, die Reptilien durch vergiftet Köder auszurotten, musste abgebrochen werden. Lokale Naturschutzorganisationen hatten sich beschwert, dass zu viele Raubtiere bzw. Raubvögel an dem vergifteten Futter starben.

Krokodile und Alligatoren sind durchaus in der Lage, in vereisten Gewässern zu überleben. Denn sie können ihren Stoffwechsel so stark herunterfahren, dass sie lange ohne Nahrung auskommen. Und im Wasser ist es wärmer als an der Luft. So müssen sie nur kleine Löcher ins Eis drücken, um atmen zu können.

Wie alle Reptilien sind Krokodile wechselwarme Tiere, die sich der Umgebungstemperatur anpassen. Da die Luft bis auf zurzeit oft noch kälter als das Wasser ist, verbringen die Reptilien einen Grossteil ihrer Zeit im Wasser. Die Gewässer, in denen sie sich bevorzug aufhalten sind aber wieder von einer Eisschicht überzogen und so bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als auszuharren. Mit der Schnauze halten sie eine kleine Öffnung im Eis zum Atmen frei. Im Vergleich zu Warmblütern haben Krokodile einen wesentlich geringeren Energieumsatz. Säugetiere setzen bis zu 80 Prozent der Nahrung in Energie um, um ihre hohe Körpertemperatur von durchschnittlich 37 Grad Celsius zu halten. Krokodile benötigen dafür nur zehn Prozent der Nahrung. Zudem können sie Wochen und Monate ohne Nahrung überdauern. Krokodile sind also ausgesprochene Hungerkünstler.

Zurzeit sind die Temperaturen in Bleik auf Andøya noch ziemlich frisch, auch für die Tiere. Doch die Sonne wird sich rasch immer stärker durchsetzen können und bald werden in den Sumpfgebieten auf Andøya wieder Warnschilder aufgestellt werden müssen, die vor den Krokodilen warnen. Bild: Stefan Leimer

Wieviele Sumpfkrokodile in den Mooren von Andøya leben, ist nicht bekannt. Experten gehen aber von knapp einem Duzend Tieren aus (2019). Eine Gefahr für Menschen besteht keine, da die Echsen in einem unwegsamen Gebiet leben. 2015 soll es aber zu einem Zwischenfall gekommen sein, als eine deutsche Touristin beim Sammeln von Moltebeeren von einem Krokodil überrascht wurde. Die 34-jährige Frau kam aber mit dem Schrecken davon. Bereits für 2020 war geplant, geführte Ausflüge für Touristen anzubieten. Wegen Corona und den ausbleibenden Touristen mussten die Pläne aber verschoben werden. Erste offizielle Exkursionen sind jetzt für Juli-August geplant, wenden die Norweger bevorzugt in den Sommerferien sind.

Stefan Leimer

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