Frieden mit der Natur in einer erwärmenden Arktis? | Polarjournal
Finden wir nach der Krise mit Corona auch einen Weg aus der Klimakrise in der Arktis und geben Polarfuchs und Co neue Hoffnung? Dr. Irene Quaile-Kersken beleuchtet den neuen Vorstoss von UNO-Generalsekretät Antonio Guterres. Bild: I. Quaile

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) fordert die Regierungen der Welt auf, im Zuge der Erholung von der COVID-Pandemie „Frieden mit der Natur zu schließen“, indem der Ausstoß von Treibhausgasen verringert und die Artenvielfalt wiederhergestellt werden. In einem neuen Bericht verlangen sie „Innovation und Investitionen nur in Aktivitäten, die sowohl Menschen und die Natur schützen“. Was bedeutet das für die sich rasch wandelnde Arktis und die indigenen Völker, die dort leben?

Die Narzissen in meinem Garten ducken sich in einem wilden April-Schneeschauer. Kürzlich hatten wir hier im Rheinland 26 Grad Celsius. Ziemlich rekordverdächtig für März hierzulande. Nun ist der April für seine Wechselhaftigkeit bekannt. Trotzdem stelle ich fest, dass auch Menschen, die früher auch bei dem extremsten Wetter behauptet hätten, das wäre normal, heute fragen, ob bei diesem Aprilwechselwetter der Klimawandel im Spiel sein könnte – egal, was die Meteorologen dazu sagen. Steigt etwa ein Bewusstsein, das sich noch in konkretes Handeln entwickeln könnte?

Narzissen mit Schnee (Foto: I.Quaile)

Ein vordringliches Problem

In knapp zwei Wochen werden sich führende Politiker aus aller Welt auf Einladung von US-Präsidenten Biden über schnellere Wege aus der Klimakrise diskutieren. Es geht um das 1,5- oder zumindest das 2-Grad-Ziel, das 2015 im Pariser Klimaabkommen festgelegt wurde. Zurzeit steht die globale Durchschnittstemperatur bereits um die 1,2 Grad Celsius höher als vor dem Industriezeitalter. Wir nähern uns gefährlich schnell dem oberen Limit. Und laut den Berechnungen der Weltwetterorganisation (WMO) wird auch dieses Jahr zu den heißesten in der Wettergeschichte gehören.

Die COVID-Pandemie hatte kurzfristig geholfen, unseren Treibhausgasaustoß  zu senken. (Deutschland hätte seine Klimaziele sonst auf alle Fälle verfehlt). Aber der Wirtschaftsaufschwung nach Corona könnte die Emissionen massiv steigen lassen. Es sei denn, wir schaffen die von der UNO und anderen propagierte „grüne Wende“.

Im Februar stellten UN-Generalsekretär Antonio Guterres und die Leiterin der UN-Umweltorganisation UNEP- Inger Andersen einen Bericht vor: Making Peace with Nature. Darin heißt es unter anderem ,Regierungen müssten synergetische und ehrgeizige Ziele vorlegen, um den Planeten zu schützen, indem die Treibhausgasemissionen noch in diesem Jahrzehnt um fast die Hälfte reduziert und die Artenvielfalt wiederhergestellt werden. Der Bericht basiert auf mehreren globalen Analysen unter anderem durch den Weltklimarat (IPCC), den Weltbiodiversitätsrat (IPBES) und UNEP selbst. Er bestätigt, dass wir uns in einem schweren dreifachen Umweltnotstand befinden: Klimawandel, der Verlust an Artenvielfalt sowie Umweltverschmutzung.

Die Experten wollen eine Blaupause vorlegen, um „die Notstände unseres Planeten vordringlich zu lösen und die Zukunft der Menschheit zu sichern“.

Ein monumentales Vorhaben!

Heutzutage wird immer wieder die Notwendigkeit betont, das Positive hervorzuheben. Botschaften sollen so formuliert werden, dass die Welt nicht in Resignation oder gar Verzweiflung verfällt. Es geht darum, konstruktiv zu sein, Wege aus der Krise zu zeichnen. Dementsprechend  kündigte die UNO den Bericht an: „Die Welt kann ihr Verhältnis zur Natur ändern und die Klima-, Biodiversitäts- und Umweltverschmutzungskrisen zusammen angehen, um eine  nachhaltige Zukunft zu sichern und künftige Pandemien zu verhindern“.

“Yes, we can”. Aber ist der Wille wirklich da, um das umzusetzen, und zwar so schnell, das der „dreifache Notstand des Planeten“ nicht zu einem vollkommenen Desaster wird?

Fridays for Future Protest (Foto: I.Quaile)

Zusammenhänge erkennen

Die Autoren wollen erklären, „wie wissenschaftliche Fortschritte und kühne politische Ansätze einen Weg aufzeigen können, die globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) bis 2030 und eine CO2-neutrale Welt bis 2050 zu erreichen, und gleichzeitig den Artenschwund anzuhalten sowie Abfall und Umweltverschmutzung zu reduzieren. „  (Übersetzt aus dem Englischen)

Etwas viel verlangt? Ein Kinderspiel? Eine Win-Win-Situation? Oder alles zusammen? Mit Bidens Klimagipfel, der internationalen Biodiversitätskonferenz COP 15 in China in Mai und dem UN-Klimagipfel in Glasgow in November mangelt es nicht an Gelegenheiten, um „kühne politische Ansätze” ins Rampenlicht zu stellen, vor dem Hintergrund der Erholung von der COVID-Krise. Aber wie könnte das aussehen?

„Dieser Pfad bedeutet Innovation und Investition ausschließlich in Aktivitäten, die sowohl die Menschen als auch die Natur schützen“, heißt es im UNO-Bericht.

Die Arktis: global versus lokal?

Während der Klimawandel die Arktis radikal verwandelt und der erleichterte Zugang das internationale Interesse an der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die Öffnung neuer Transitstrecken steigert, frage ich mich, was dieser Pfad für den eisigen Norden unseres sich rasch erwärmenden Planeten sowie ihre Bevölkerung bedeutet. Der durch die Havarie eines Containerschiffs verursachte Schiffsstau im Suezkanal in den letzten Wochen zeigte, wie stark das globalisierte Handelssystem von diesem Nadelöhr abhängig ist. Das belebt die Diskussion über die Nordpassagen durch die Arktis, die durch die Klimaerwärmung navigierbar werden.

Der Klimawandel eröffnet neue Möglichkeiten für die Schifffahrt in der Arktis (Foto. I.Quaile)

Seit Mitte der 1980er Jahren erwärmte sich die Arktis mindestens zweimal so schnell wie der globale Durchschnitt. Auch dieses Jahr wird voraussichtlich zu den wärmsten gehören. Die Durchschnittstemperatur ist bereits circa 1,2 Grad Celsius höher als im vorindustriellen Zeitalter (1850-1900). Die im Pariser Klimaabkommen definierten Obergrenzen (2 Grad, besser 1,5 Grad Celsius) rücken näher. Auch der Ozean erlebte Wärmerekorde. Sogar die Laptewsee im Nordpolarmeer, die als wichtigste Entstehungsstätte für das arktische Meereis gilt, erlebte eine mehrmonatige Hitzewelle.

Dazu: Wenn das Arktische Meer nicht zufriert

In der sibirischen Arktis waren die Temperaturen mehr als 5° Celsius höher als der Durchschnitt. Im Juni wurde mit 38.0°Celsius die höchste bekannte Temperatur nördlich des Arktischen Kreises gemessen. Die Hitze begünstigte eine außergewöhnliche Waldbrandsaison.

In ihrem Zustandsbericht für die Arktis zog die US-Wetterbehörde NOAA 2020 einen einfachen Schluss: die anhaltende Transformation der Arktis in eine wärmere, weniger vereiste und biologisch veränderte Region bleibe klar.

“Ja , und?” – wäre einst die Reaktion der breiten Öffentlichkeit gewesen. Inzwischen ist aber bekannt geworden, wie stark die arktische Region das Weltklima beeinflusst. Der Rückgang des Meereises und der Schneebedeckung zusammen mit dem Abschmelzen des Grönlandeises lassen die Erdtemperatur in der Arktis immer schneller steigen. Der Verlust der reflektierenden weißen Oberflächen führt dazu, dass noch mehr Hitze absorbiert wird, was ein weiteres Abschmelzen und wiederum verstärkte Erwärmung zur Folge hat.

Der Meeresspiegel steigt an, und der Süßwasserzufluss verändert den Salzgehalt des Ozeans. Die Meereszirkulation, die weltweit Wetter und Klima beeinflusst, wird auch verändert. Im letzten Jahr erregten Studien zu möglichen Veränderungen des Golfstroms, Wechselwirkungen zwischen dem Jetstream und unserem Wetter sowie dem Treibhausgasaustoß  von tauendem Permafrost ein breites Medieninteresse.

Wenn sich die Arktis verändert, verändert sich die Welt. Eisberge bei Ilulissat, Grönland (Foto. I.Quaile)

“An den äußeren Grenzen unseres Referenzsystems”

Während die wachsende Besorgnis über die globalen Auswirkungen eine grüne Energierevolution antreibt, beklagen die überwiegend indigenen EinwohnerInnen der Arktis mangelnde Aufmerksamkeit für ihre eigenen Probleme in internationalen Foren. In unterschiedlichen (digitalen) Zusammenkünften mit indigenen VertreterInnen in den letzten Wochen hörte ich wiederholt Vorwürfe eines „grünen Kolonialismus“.

Indigene Völker und andere alt eingesessene Bewohner des hohen Nordens sorgen sich, dass die „grüne Erholung“ nach der COVID-Krise auf Kosten derer stattfindet, die im Einklang mit der Natur leben und nicht zu den Verursachern des Klimanotstands gehören. Während beispielsweise Sami-RentierzüchterInnen oder andere, die von der Jagd oder der Fischerei leben, bereits Schwierigkeiten durch den Klimawandel erleiden, sehen sie sich jetzt zusätzlich von Aktivitäten der Außenwelt bedroht. Die Suche nach Energielösungen macht vor den abgelegenen Teilen der Arktis nicht halt. Der Klimawandel erleichtert den Zugang zu Regionen und Ressourcen, die internationale Konzerne als möglicherweise profitabel ansehen.

Auf dem Schirm: Arktische Eindrücke von Arctic Frontiers in Tromsö (Foto: Arctic Frontiers)

Im Februar nahm ich an der jährlichen Arctic Frontiers Konferenz teil (diesmal nicht in der „Arktischen Hauptstadt“ Tromsö, sondern in meinem Büro zu Hause in Bonn). Rolf Rodven, Exekutivsekretär des Arctic Monitoring and Assessment Programme (AMAP) des Arktischen Rats, erzählte, wie sein Großvater jedes Jahr vorhersagen konnte, wann die Eisbedeckung des Flusses schmelzen würde – bis er eines Tages sagte, es sei nicht mehr möglich. „Wir befinden uns an den äußeren Grenzen unseres Referenzsystems”, sagte Rodven in einer Diskussion über Klimazusammenarbeit in der Arktis. Das trifft den Kern der Sache. Rodven betonte die Notwendigkeit, alle einzubeziehen, um mit der Herausforderung des Klimawandels fertig zu werden. Indigene, Wissenschaftler und andere müssten zusammenarbeiten. Es gehe nicht nur darum, die Wirtschaft aufrecht zu erhalten. Dafür müsse man auch das Land und die Kultur schützen. Arktische Völker seien sehr gut dazu in der Lage, behauptete er.

Leider scheint es um diese Einbeziehung der indigenen Gruppen, die in der Arktis zu Hause sind, in den nationalen und internationalen Debatten über den Klimawandel nicht so gut bestellt zu sein.

Wenn der Boden unter den Füssen wegsackt

Ich erhielt diesen Eindruck ebenfalls von Teilnehmern der Permafrost Carbon Feedback Dialogues. Diese vierwöchige Serie von hochkarätigen (digitalen) Treffen wurde von der Permafrost Carbon Feedback Action Group (PCF) organisiert. Die kanadische Initiative verbindet Wissenschaftler, Geschäftsleute, Permafrostexperten, Politiker, indigene FührerInnen u.a. Sie wollen die Aufmerksamkeit auf die Ausmaße und Auswirkungen des Abtauens des Permafrosts sowie die Rückkopplungseffekte für das Klima lenken.

Schmelzen tiefe Permafrostschichten, dann wird relativ frische, „tiefgekühlte“ organische Bodensubstanz für den Abbau durch Mikroorganismen verfügbar. Dieser Abbau führt letztendlich zur Freisetzung der Treibhausgase Kohlendioxid und Methan. Das würde die Erwärmung der Atmosphäre verstärken.

Die Gruppe befürchtet, dass diese Prozesse globale Bemühungen um Klimaziele vollkommen aus der Bahn werfen könnten. Sie sehen auch einen Mangel an internationaler Zusammenarbeit, um das Problem anzugehen und über mögliche Lösungen nachzudenken.

Treibhausgasmessungen im Permafrostgebiet, Zackenberg, Grönland. (Foto: I. Quaile)

Das Recht auf Kälte

Unter den Experten war Candis Callison, Associate Professor des School of Journalism, Writing, and Media, und des Institute for Critical Indigenous Studies der kanadischen University of British Columbia. Callison gehört den Tahltan an, einem indigenen Volk im Nordwesten von British Columbia. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung im Norden indigen sei, gehörten sie zu Minderheiten in den Staaten, zu denen sie heute gehören. Darunter sind die USA, Russland, Kanada und Norwegen – wichtige Akteure beim Handel mit den fossilen Brennstoffen, die unser Klima verändert haben. Indigene Gruppen werden unverhältnismässig hart von den Klimaveränderungen betroffen. Ihre Wirtschaft, Infrastruktur und Kultur befinden sich im Wandel. Die Erosion der Küste zwingt ganze Dörfer zum Umsiedeln. Die Landschaft, der Boden verändern sich und mit ihnen die Tier- und Pflanzenwelt, von denen traditionelle Lebensweise abhängen. Ich erinnere mich an ein Treffen mit Archäologin Anne Jensen in Barrow, Alaska 2008. Sie erzählte mir, wie Menschen sie mitten in der Nacht anrufen würden, weil die Gräber ihrer Vorfahren drohten, im Meer zu versinken. Neulich sah ich Arbeitsangebote für „Klimaarchäologen“ im Norden, die ihre ganze Arbeitszeit damit verbringen sollen, möglichst viel von dieser Geschichte und Kultur zu retten, bevor die durch den Klimawandel verstärkte Erosion der Küsten es für immer verschwinden läßt.

Archäologin Anne Jensen bei Point Barrow, Alaska, wo ein Dorf umgesiedelt werden musste. (Foto: I. Quaile)

Indigene Menschen und Themen seien sowohl in nationalen als auch in internationalen Analysen zum Klimawandel vernachlässigt worden, sagt Callison. Die Situation verbessere sich nur schleppend. Der Weltklimarat (IPCC) habe lange gebraucht, um ihre Leistungen anzuerkennen. Die UN-Klimabehörde (UNFCCC) erwähnte indigene Völker in der Arktis erst nachdem Sheila Watt Cloutier, die damalige Vorsitzende des Inuit Circumpolar Council (ICC), zusammen mit anderen Inuit aus Kanada und Alaska 2005 eine Petition bei der Inter-American Commission on Human Rights einreichte. Sie prangerten den ungebremsten Treibhausgasausstoß als Verletzung der Menschenrechte der Inuit an. Das war die Basis für zukünftige Aktionen.

2015 veröffentlichte Watt-Cloutier The Right to be Cold, “Das Recht auf Kälte”. Im gleichen Jahr bei der Pariser Klimakonferenz versuchte ihre Nachfolgerin beim ICC Okalik Eegeesiak den Klimawandel als Menschenrechtsproblem und die Rechte der Indigenen Völker im Abkommen dokumentieren zu lassen. Trotzdem fand das Wort Arktis im endgültigen Dokument keine Erwähnung.

Im Zoomzeitalter: Candis Callison teilt ihren Bildschirm mit den Teilnehmenden der Permafrost Feedback Dialogues (Screenshot: I. Quaile)

Bei der Adaption an den Klimawandel und ihre Auswirkungen seien gegenseitiger Respekt und die Einbeziehung der Gemeinden vor Ort unabdingbar, betont Callison. Indigenes Wissen sei von unschätzbarem Wert. Allerdings okkupierten meistens Nichtindigene die Machtpositionen, berichtete sie. Bei den UN-Klimakonferenzen seien die indigenen Standpunkte eher am Rande vertreten.

Wenn die Lösung zum Problem wird

Die Nachfrage nach erneuerbaren Energien wächst immer weiter, während die Länder der Welt versuchen, CO2 einzusparen und ihre Klimaziele einzuhalten. Länder wie Norwegen, Schweden oder Finnland versuchen ihr Windenergiepotential zu nutzen. Aus eigener Erfahrung in einem ländlichen Gebiet in Westdeutschland weiß ich, wie konfliktträchtig dies sein kann. Alle wollen als umweltfreundlich gelten. Windturbinen, ja – „bei mir, aber nicht“.  Ich habe wenig Verständnis für die Gegner hierzulande. Es müssen bereits großzügige Entfernungen zu Wohngebieten eingehalten werden. Und die Turbinen sind jeder fossilen Alternative vorzuziehen. Als ich die junge norwegische Rentierzüchterin und Sami-Politikerin Inga Anne Karen Sara bei Arctic Frontiers hörte, waren meine Gefühle allerdings ganz andere.  Ihre Vorwürfe berührten mich. Im Namen einer „grünen“ Bewegung würde in ihrer Heimat Natur zerstört; sogenannte Lösungen für die Klimakrise schadeten den indigenen Bevölkerungen des Nordens, die nur weiterhin ihren traditionellen Lebensweisen im Einklang mit der Natur nachgehen wollten.

RentierzüchterInnen berichten, dass die Tiere Windturbinen meiden. (Foto: Inga Anne Karen Sara)

Rentiere meiden Gegenden, wo sie Windturbinen sehen oder hören können. Ihre Migrationsrouten und die Stätten, wo sie ihre Jungen gebären, werden von der neuen Technologie gestört.

„So zerstören angebliche Klimalösungen noch mehr Land, damit die Welt immer mehr konsumieren kann“, sagte Sara bei Arctic Frontiers.  Global ist hier ein Schlüsselbegriff. Es geht nicht um kleine, dezentrale erneuerbare Energiesysteme, die abgelegenen Gemeinden zugutekämen. Es sind industrielle Windparks, die Energie für weit entfernte Gegenden erzeugen, die den Sami und anderen im Norden schaden. Konsumieren ist das andere wichtige Thema. Können wir wirklich weiterhin immer mehr konsumieren und wachsen, obwohl unsere natürlichen Ressourcen begrenzt sind?

Kjolleford Windfarm, Finnmark, Norwegen: Foto: Statkraft

Es sei schwer genug, sich an die Klimaveränderungen anzupassen, sagt die junge Rentierzüchterin. Der Umgang mit den sogenannten Lösungen sei aber noch viel schwerer.

Immer mehr Natur zu zerstören, Probleme für diejenigen zu bereiten, die nachhaltig leben – das kann die Lösung nicht sein, meint Sara. Das bringt mich wieder zum anfangs erwähnten UN-Bericht. „Frieden schließen mit der Natur“. Eingriffe in die Natur im Namen einer angeblich „grünen“ Entwicklung – auf Kosten Indigener Völker – ist das nicht der ultimative Widerspruch?

Inga Anne Karen Sara, rechts, mit Arktisexpertin Mia Bennet, links. Im Vordergrund die Moderatoren bei Arctic Frontiers (Screenshot: I.Quaile)

Grün getarnter Kolonialismus

Susanne Normann von der Universität Oslo veröffentlichte 2020 einen Artikel im Journal of Community Psychology: Green colonialism in the Nordic context: Exploring Southern Saami representations of wind energy development.

Sie untersuchte groß angelegte industrielle Windparke in Norwegen und die Reaktionen der indigenen südlichen Sami. Einige der Projekte befinden sich in Bergregionen, wo die Sami Rentierzucht betreiben. Sie sind besorgt über die Auswirkungen der neuen Infrastruktur, des Straßenbaus und der Zunahme an menschlicher Aktivität auf dem Weideland der Tiere. Das bedroht nicht nur die Rentierzucht, sondern die Lebensweise und das kulturelle Überleben der Sami.

„Großflächige Windenergieanlagen werden als Strategien gegen die Klimaerwärmung präsentiert. Gleichzeitig können sie aber nachhaltige Lebenssysteme  bedrohen, Menschenrechte verletzen oder die Situation noch schlimmer machen für Menschen, die bereits Mühe haben, sich an die veränderten Klimaveränderungen anzupassen“, findet Normann. (Meine Übersetzung aus dem Englischen)

Auf die Lage kommt es an. Whitelee Windfarm bei Glasgow, Schottland (Foto: I.Quaile)

Pirita Näkkäläjärvi ist gewähltes ehrenamtliches Mitglied des Sami Parlaments in Finnland. Hauptberuflich arbeitet sie im Finanzmanagement eines großen finnischen Energieunternehmens. 2020 wurde sie für eine Publikation des Goethe-Instituts interviewt:  Das Recht auf Kälte: Die Menschen in der Arktis und der Klimawandel.  „Was bedeutet die globale Erwärmung für die Menschen, die seit vielen Generationen im hohen Norden leben wie in Sapmi, dem samischen Teil von Finnland, Norwegen und Schweden? Oder im nördlichen Sacha (Jakutien/Russland) oder in Grönland?“, heißt es in dem Vorwort. „Welche Rechte und Traditionen der indigenen Bevölkerungen werden bedroht?“

Näkkäläjärvi ist zu dem Schluss gekommen, dass Engagement für die indigene Gemeinschaft, die gegenüber der Windkraft sehr kritisch ist, keinen Konflikt mit ihrer gleichzeitigen Arbeit für ein großes Energieunternahmen darstellt. „Sowohl meine Arbeit als auch meine politische Haltung basieren auf denselben Werten von Nachhaltigkeit, Inklusion und Gleichberechtigung“, schreibt sie. Man müsse die Windparks nicht dort bauen, wo sie die indigene Kultur zerstören würden.

Image und Profit

Die Windenergie ist sowohl für den Verbrauch im Lande als auch für den europäischen Energiemarkt vorgesehen. Laut Forscherin Susanne Normann werden die Rechte oft an transnationale Investitionsfonds verkauft. Es sind globale Interessen, die die Agenda setzen, schreibt sie. Die norwegische Regierung erleichtere die groß angelegten Projekte, um seine internationalen Klimaversprechen zu erreichen. Der Kauf der erneuerbaren Energie helfe Firmen im Land und im Ausland, im Einklang mit dem Pariser Abkommen ihre Emissionen zu kompensieren und ihr Image zu „vergrünen“. Normann erwähnt unter anderen  Norsk Hydro, Alcoa, Google und Facebook, da sowohl die Aluminiumproduktion als auch die großen Server gewaltige Energiemengen benötigen.  „Greenwashing” auf Kosten der indigenen Rentierzüchter? Die Möglichkeit, dass transnationale Großunternehmen ihre klimaschädlichen Emissionen kompensieren, indem sie Energie kaufen, die den naturnahen Lebensstil Anderer zerstört, erscheint mir zumindest fraglich.

„Die Ergebnisse dieser Studie legen ein dringendes Umdenken der erneuerbaren Energieproduktion sowie die Einbeziehung indigenen Wissens in die Klimadebatte nahe,“ findet Normann. Einige der von ihr Befragten hatten allerdings eher das Gefühl, ihr Wissen werde als Selbstverständlichkeit, Meinungsäußerung oder „sogar Aktivismus“ klein geredet.

Seit fünf Jahren prozessieren Sami-Gemeinden gegen die größten Windfarmen. Sie appellieren auch an die UNO mit der Begründung, die Projekte verletzten ihre Land- und Kulturrechte.

Moderne Technologie ist in abgelegenen Gemeinden wie Barrow, Alaska, unabdingbar – an der richtigen Stelle. (Foto: I.Quaile)

Minen – ein weiteres Dilemma

Die Energiewende benötigt nicht nur erneuerbare Energie, sondern auch Batterien, die sie speichern. In einem umfangreichen (englischsprachigen) Artikel für die Barents Observer im Juli 2020 beschreibt Thomas Nilsen, wie die Jagd nach seltenen Metallen, die für die Batterien elektrischer Autos gebraucht werden, ebenfalls die Lebensweise der Rentierzüchter in Finnland und anderen Teilen Nordskandinaviens gefährdet. Nickel, Kupfer, Vanadium und Kobalt gehören dazu. Nilsen besuchte Sami-Rentierzüchter in Lappland. Eine davon ist Minna Näkkäläjärvi.

„Die Rentierzucht und der Abbaubetrieb können nicht an derselben Stelle koexistieren“, erzählte sie. Die Tiere müssten von einer Stelle zur anderen ziehen können. Die Bedingungen seien durch das sich verändernde Klima bereits schwierig genug geworden.

Die oben erwähnte Inga Anne Karen Sara und ihre Familie kämpfen auch gegen eine von der Firma Nussir geplante Kupfermine Die Mine würde nicht nur mitten im Rentiergebiet sein, sondern auch Abraum im Meer entsorgen, was verheerende Auswirkungen auf die Fischerei hätte.

Finnische Sami-Parlamentarierin Pirita Näkkäläjärvi engagiert sich gegen ähnliche Vorhaben im „Arm of Finland“, wo Kupfer, Nickel, Gold, Chrom, Vanadium und andere Metalle gefördert werden sollen.

„Viele dieser Metalle werden für die Herstellung der Batterien von Elektrofahrzeugen benötigt. Das führt zu einem Dilemma“, schreibt sie: „Auf der einen Seite soll die Elektrifizierung des Verkehrs die Abkehr von fossilen Brennstoffen ermöglichen. Anderseits beginnen wir gerade erst zu verstehen, wie wichtig das traditionelle Wissen der indigenen Völker beim Umgang mit dem Klimawandel sein kann. Aber wie können diese Menschen ihr traditionelles Wissen mehren und weitergeben, wenn das Land, auf dem sie leben, dem Bergbau überlassen wird?“

„Es ist falsch, dass Staaten bereit sind, die Kulturen ihrer indigenen Völker dafür zu opfern“, ist Pirita Näkkäläjärvi überzeugt. Nach Rentierzüchterin Minna Näkkäläjärvi unterzeichnete sie als zweite eine Online-Petition gegen sämtliche Bergbauaktivitäten im „Arm of Finland“.  Sie hofft, dass ausgerechnet das Corona-Virus der Petition eine besondere Chance  gibt. „Denn die Menschen entdecken in dieser schwierigen Situation erneut die Bedeutung der Natur“, erklärt sie.

Für Arctic Frontiers hielt Baz Köhlerz die Inhalte der Diskussionen in witzigen Karikaturen fest. (Foto: Arctic Frontiers)

Aufschwung nach der Pandemie – Risiken und Chancen

UNEP- Chefin Inger Andersen würde ihr da zustimmen.

“Indem sie uns gezeigt hat, wie die Gesundheit der Menschen und der Natur miteinander verwoben sind, hat die COVID-10 Krise die Notwendigkeit eines Umdenkens unserer Einschätzung der Natur gezeigt“, heißt es in dem oben genannten Bericht.

„Indem wir deren Wert in unseren Entscheidungsprozessen reflektieren – egal ob es um Wirtschaftspolitik oder persönliches Verhalten geht – können wir schnell und andauernd eine Wende in Richtung Nachhaltigkeit herbeiführen, sowohl für die Menschheit als auch für die Umwelt.“

Es bleibt noch abzuwarten, wie sich das in zukünftigen Entscheidungen über den Landverbrauch ausspielen wird. Unser Hunger nach erneuerbarer Energie muss mit der Notwendigkeit harmonieren, andere Landnutzungen zugunsten des Klimaschutzes zu erhalten.

Inger Andersen im Gespräch mit der Icebloggerin im DW-Studio in Bonn, 2019 (Foto: UNEP)

Keineswegs zurück zu „business as usual!“

Während die Welt um einen Ausweg aus der COVID-Krise ringt, die uns alle gezwungen hat, uns zu verlangsamen, gibt es eine reelle Chance, unseren Lebensstil zu überdenken. Unser Konsumverhalten hat uns in die Klimakrise geführt. Die Energiewende ist der Weg nach vorne – aber nur wenn sie Teil eines holistischen Verständnisses des Planeten auf der wir leben und der Begrenztheit seiner Ressourcen ist.

Kurzfristige Lösungen, die unsere natürlichen Ressourcen zerstören, um eine exzessive globale Nachfrage nach Energie zu befriedigen, sind nicht nachhaltig. Dezentralisierte, im wahren Sinne erneuerbare Energieprojekte, die Gemeinden vor Ort zugutekommen,  könnten es sein.

In einem Beitrag für Al Jazeera schreiben Eva Maria Fjellheim, vom  Centre for Saami Studies an der  Arctic University of Norway (UiT) und Florian Carl, ein Aktivist für Klimagerechtigkeit:

„Die „grüne” Energieindustrie verspricht uns ein nachhaltiges Wunderland mit Elektroautos und Hochgeschwindigkeitszügen, die von endlosen erneuerbaren Energiequellen angetrieben werden. Sie verfestigt die gefährliche Idee, dass wir unsere Sucht nach energieintensiven Lebensweisen auf eine nachhaltige Weise aufrecht erhalten können“.

Vielleicht ist es an der Zeit für uns in der entwickelten, industrialisierten, verbrauchsorientierten Welt, neu darüber nachzudenken, was wir wirklich brauchen, und wo wir unter Umständen mit weniger glücklich leben könnten. Damit könnten wir die Welt für  zukünftige Generationen erhalten. Susanne Haetta is eine samische Künstlerin und Schriftstellerin aus Norwegen. In Das Recht auf Kälte: Die Menschen in der Arktis und der Klimawandel vergleicht sie die „Mentalitäten und die Wahrnehmung der Realität in den Kulturen des kolonialen Kapitalismus mit denen der Völker, die seit jeher auf die nachhaltige Nutzung der Natur achten“.

Sie kommt zu dem Schluss: „In indigenen Gemeinschaften ergeben sich daraus erhebliche Verpflichtungen gegenüber den eigenen Traditionen, der Familie und dem Lebensraum. Daraus entwickeln sich Respekt und Dankbarkeit gegenüber den Schätzen der Natur“.

Indigene entnehmen der Natur nur so viel, wie sie brauchen und hinterlassen genug, damit sich die Ressourcen wieder erneuern können.

In der Kälte zu Hause. Barrow, Alaska. (Foto: I. Quaile)

„Wir müssen unser Verhältnis zur Arktis reparieren“

Edward Alexander ist Co-Vorsitzender des Gwichin Council International. Bei einer Arctic Frontiers– Diskussion, um den 25. Jahrestag des Arktischen Rats zu feiern, erinnerte er die Teilnehmenden, dass die Gwichin schon seit 25.000 Jahren nach ihren Prinzipien im Norden leben. „Früher sprachen wir die gleiche Sprache“, erzählte er – auch die Sprache der Pflanzen und der Tiere. Das sei nicht mehr der Fall. Die Region werde durch den Klimawandel und die Umweltverschmutzung bedroht. Wir müssen das alte Verhältnis zwischen Mensch und Natur wieder herstellen, sagte Alexander. Damit die Welt – im Norden und im Süden – bewohnbar bleibe, „müssen wir weltweit unser Verhältnis zur Arktis und allen Kreaturen, die dort wohnen, reparieren.“

Im Vorwort zum Bericht  Making Peace with Nature schreibt UN-Generalsekretär Antonio Guterres: “Indem wir die Natur anders betrachten, können wir ihren wahren Wert erkennen. Wenn wir diesen Wert in unseren Politiken, Plänen und Wirtschaftssystemen reflektieren, können wir Investitionen in Aktivitäten lenken, die die Natur wiederherstellen – und wir werden dafür belohnt werden.“

Für die Arktis insbesondere heißt das, dass die indigenen Völker auf allen Ebenen einbezogen werden müssen.

Tero Mustonen ist Klimaforscher bei der finnischen Umweltorganisation Snowchange Cooperative. Das weltweite Netzwerk lokaler und indigener Kulturen setzt sich dafür ein, degradierte Ökosysteme instand zu setzen und zu neuen CO2-Senken werden zu lassen. „Es ist wichtig, Menschen, die direkt betroffen sind –Indigene und Gemeinden vor Ort – ins Zentrum der Arbeit der Vereinten Nationen zu rücken“, schreibt er. „Wir müssen erkennen, dass Menschen und Natur Teile desselben Systems sind. Das haben die meisten Menschen schon längst vergessen.“

Bei den Permafrost Dialogues schlug Permafrostwissenschaftlerin Merrit Turrestsky vor, die Kooperation zwischen Wissenschaftlern, den Erstellern von Klimamodellen und den Menschen vor Ort zu intensivieren. Wir müssten „arktische Stimmen verstärken“, um sicher zu stellen, dass die Menschen an der „Klimafront“ berücksichtigt werden.

Mehr Geld, um indigene VertreterInnen an internationalen Konferenzen und Gipfeltreffen teilnehmen zu lassen, empfahl Arktisforscherin und Cryopolitics Bloggerin Mia Bennett im Rahmen von  Arctic Frontiers.

Harvard Senior Fellow Joel Clement sieht das Wissen der Indigenen als den „Schlüssel, um den Wandel in der Arktis erfolgreich zu bestehen“. In einer Keynote-Rede für Arctic Frontiers erklärte er weiter:

„Wir können weder soziale Gerechtigkeit noch Gleichheit allein mit westlicher Wissenschaft erreichen.“ Er sei allerdings optimistisch, dass indigenes Wissen nach und nach die ihm gebührende Stellung erhalte.

„Lasst uns diesen indigenen Augenblick in eine Ära verwandeln,“ appellierte er.

Das könnte uns allen gut tun, in unseren Bemühungen, Frieden mit der Natur zu schließen, und die klimaschädlichen Gewohnheiten, nach denen wir in den letzten 279 Jahren süchtig geworden sind, hinter uns zu lassen.

Genial: Karikatur von Baz Köhler für Arctic Frontiers. (Screenshot: I. Quaile)

Link zum Blog von Dr. Irene Quaile-Kersken:

Aktueller Blog: https://iceblog.org/

Ältere Blogs: http://blogs.dw.com/ice/

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