Sind «Pizzlies» und «Grolars» die besseren Eisbären? | Polarjournal
Eisbärenweibchen haben sich bereits mehrfach mit Grizzlymännchen gepaart. Bisher sind in der Wildnis acht Hybridbären aus Eisbären und Grizzlies in der kanadischen Arktis bestätigt worden. Eisbären sind perfekt an das Leben in der Arktis angepasst. Hybride, die ein weniger wärmendes Fell oder einen zu breiten Kopf haben, könnten auf dem Meereis nicht überleben. Foto: Heiner Kubny

Das Verbreitungsgebiet von Eisbären überlappt im nördlichen Kanada mancherorts mit dem von Grizzlybären. Grizzlies (Ursus arctos horribilis), eine Unterart der Braunbären, wandern auf der Suche nach Nahrung und einem Revier weiter nach Norden und Männchen werden seit mehr als 100 Jahren immer wieder auf dem Meereis gesichtet. So kommt es auch hin und wieder zu Begegnungen von Grizzlies und Eisbären, was gelegentlich sogar zur erfolgreichen Paarung führt. Der Nachwuchs ist dann eine Mischung aus beiden Arten. Ist diese Kreuzung möglicherweise sogar eine Antwort der Bären auf den Klimawandel?

Hybridisierung in der Arktis und Sub-Arktis wurde bisher nicht nur bei Eisbären und Grizzlies beobachtet. Es gibt auch Hinweise auf Kreuzungen zwischen Narwalen und Belugas, Grönlandwalen und Glattwalen und Weißflankenschweinswalen und Gewöhnlichen Schweinswalen. 

Eine Studie aus dem Jahr 2010 ermittelte bei 22 arktischen und subarktischen Meeressäugerarten mindestens 34 Hybridisierungsmöglichkeiten zwischen getrennten Populationen, Arten und Gattungen (Nature, B. Kelly, A. Whiteley & D. Tallmon, 2010). Für die arktische Biodiversität sind Kreuzungen zwischen Arten eine Gefahr, denn je mehr Hybride auftreten infolge des Aufeinandertreffens von ursprünglich isolierten Populationen oder Arten, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass seltene Arten aussterben, weil mit der Vermischung der Genome gehen ihre Anpassungen an den Lebensraum verlorengehen. Momentan ist allerdings noch recht wenig bekannt darüber, wie häufig Hybridisierungen wirklich auftreten und welche Auswirkungen sie auf Populationen haben. Selbst wenn es häufiger zu Paarungen zwischen zwei Arten kommen sollte, ist es nicht sicher, ob der Nachwuchs lebensfähig wäre bzw. ob es überhaupt zu einer Schwangerschaft kommen würde. Bei arktischen Meeressäugern ist die Wahrscheinlichkeit dafür jedoch recht hoch, da sich ihre Chromosomen über die Zeit kaum verändert haben. 

Ungefähre geographische Verbreitungsgebiete von Braunbären (braun) und Eisbären (blau). Die Zahlen geben den Standort von zwei Braunbären und sieben Eisbären. Karte: Cahill et al. 2013

Wenn Eisbären und Grizzlies aufeinandertreffen ist die Begegnung meist von aggressiver Natur. Es sei denn, es ist gerade Paarungszeit, die bei beiden Arten auf das Frühjahr fällt.

Seit 15 Jahren ist bekannt, dass sie sich beide Arten erfolgreich miteinander kreuzen. Neuere DNA-Analysen zeigen sogar, dass es seit dem Zeitpunkt vor etwa 500.000 Jahren, ab dem sich die Arten getrennt voneinander weiterentwickelt haben, immer wieder zu  Kreuzungen zwischen den beiden Bärenarten gekommen ist und beide noch alte DNA der jeweils anderen Art in sich tragen.

Als erster genetisch bestätigter Hybrid aus Eisbär und Grizzly in der Wildnis gilt ein Bär, der im Jahr 2006 in den kanadischen Northwest Territories von einem Trophäenjäger erlegt wurde. Vier Jahre später erlegte ein Jäger der Inuvaluit in Nordwestkanada einen weiteren Hybridbären. Die DNA-Analyse ergab, dass dieser Bär der Nachkomme eines Pizzly-Weibchens war, also bereits die zweite Generation, womit bestätigt wurde, dass Hybridbären nicht nur lebensfähig sondern auch fruchtbar sind. Insgesamt konnten bisher acht Hybride genetisch nachgewiesen werden, alle stammen von demselben Weibchen ab: vier Nachkommen in der ersten Generation und vier weitere durch Rückkreuzung dieser Nachkommen mit Grizzlies. 

Die Bezeichnungen Pizzly und Grolar setzen sich aus den englischen Artnamen «Polar bear» und «Grizzly» zusammen und zwar je nachdem, ob der Vater ein Eisbär oder ein Grizzly ist: Pizzly, wenn der Vater ein Eisbär ist, und Grolar, wenn der Vater ein Grizzly ist. Kanadische Wildtierbeamte schlugen Nanulak vor aus den Inuit-Wörtern «nanuk» (Eisbär) und «aklak» (Grizzlybär).

Grizzlybären sind kleiner als Eisbären, sie haben einen breiteren Schädel, lange Krallen zum Graben und ihr Fell besteht aus Haaren, die nicht hohl sind wie bei Eisbären. Männliche Tiere wandern gelegentlich weit über ihr eigentliches Verbreitungsgebiet hinaus bis auf das Meereis und treffen dort auf Eisbären. Foto: Jean Beaufort, Wikipedia

Merkmale von Pizzlies und Grolars

Die Hybridbären zeichnen sich durch einen Mix an Charakteristika aus: 

  • der Körper ist kleiner als der eines Eisbären aber größer als der eines Grizzlies
  • die Kopfform liegt zwischen dem breiten Schädel des Braunbären und dem schmalen Kopf eines Eisbären
  • der Nacken ist in etwa so lang wie bei einem Eisbären
  • die Buckel auf den Schultern stammen vom Grizzly
  • die Fußsohlen sind teilweise behaart
  • die Haare sind teils hohl wie bei Eisbären und teils massiv wie bei Grizzlies
  • zwei Hybride aus dem Osnabrücker Zoo zeigten typisches Eisbär-Jagdverhalten, konnten jedoch nicht so gut schwimmen wie Eisbären 

Mit dieser Vermischung von für den ursprünglichen Lebensraum perfekten Anpassungen sind  die Hybriden weder für den Lebensraum Land noch für Wasser und Eis gut gerüstet. Mit dem «Ein bisschen von allem» sind sie laut Dr. Evan Richardson, Eisbär-Forscher von Environment and Climate Change Canada, ein «ziemlich armseliger Eisbär und ein ziemlich armseliger Grizzly».

Ein cappuccinofarbener Pizzlybär. Auch wenn die Hybride häufiger auftreten sollten, gilt es als ausgeschlossen, dass sich in der näheren Zukunft eine neue Art bildet. Solche Prozesse dauern hunderttausende von Jahren. Foto: unbekannt

Was bedeutet das Auftreten von Hybriden für die Eisbären?

Die Wissenschaftler sind sich nicht ganz einig, ob sich die Bären wegen des Klimawandels häufiger begegnen. Bekannt ist jedenfalls, dass mindestens seit 1885 Grizzlybären auf dem arktischen Meereis gesichtet werden. Einige Wissenschaftler sagen, dass dies der Grund für die Kreuzungen sind, andere sind dagegen der Meinung, dass Eisbären wegen der Erwärmung der Arktis ihre Verbreitung nach Süden ausdehnen.

Sollte es jedoch häufiger zu Paarungen kommen, bringt dies für die Eisbären möglicherweise nichts Gutes mit sich. Die Evolutionsgenetikerin Eline Lorenzen von der Universität Kopenhagen und Biologe Andrew Derocher, Professor an der University of Alberta in Edmonton, Kanada, sind besorgt, dass die Dominanz der Grizzlies dazu führen könnte, dass die die einzigartigen genetischen Merkmale der Eisbären verloren gehen. 

«Letztendlich wird eine Art in die andere integriert werden, und es ist wahrscheinlich, dass es Eisbären sein werden, die sich in Braunbären integrieren», sagt Lorenzen.

Ob dies wirklich so geschieht, bleibt jedoch abzuwarten. Noch sind die Kreuzungen so selten, dass laut Derocher in näherer Zukunft für die Eisbären keine Gefahr durch Hybridisierung ausgeht. Hinzu kommt, dass Pizzlies und Grolars keine geschützte Art darstellen und somit bei Trophäenjägern beliebt sind.

Julia Hager, PolarJournal

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