Falklandinseln als weltweit erster Seiwal-Hotspot bestätigt | Polarjournal
Seiwale zählen zu den Bartenwalen und sind mit bis zu 20 Meter Körperlänge und 45 Tonnen Gewicht kleiner als Finnwale. Bis in die 1970er Jahre wurden sie im Südlichen Ozean stark bejagt, weshalb sie heute noch als «stark gefährdet» eingestuft werden. Foto: Dr. Michael Wenger

Über fünf Jahre beobachteten und untersuchten Wissenschaftler*innen der Umweltschutzorganisation Falklands Conservation die kaum erforschten Seiwale in den Gewässern rund um die Falklandinseln. Als Ergebnis der Studie wurden die Küstengewässer der Falklandinseln als weltweit erste Key Biodiversity AreaI (KBA), ein Schlüsselgebiet der biologischen Vielfalt, anerkannt — ein Meilenstein im Walschutz und wichtiges Instrument für ökologisches und nachhaltiges Management dieser Meeresregion.

Dr. Caroline Weir, Walschutzbeauftragte bei Falklands Conservation und Leiterin der Studie, konnte mit ihrem Forschungsteam dank der einmaligen umfassenden Datenerhebungen einige der Wissenslücken schließen. Besonders häufig liessen sich die Seiwale im südlichen Sommer und Herbst vor den Falklandinseln beobachten — eine einmalige Gelegenheit für die Walforscher*innen. Sie fuhren so oft wie möglich mit kleinen Motorbooten hinaus und verbrachten Tausende von Stunden auf windiger See, um die Wale zu finden und Fotos von ihren Rückenflossen und Flanken zu machen. Mit der Zeit füllte sich so ihr Identifikationskatalog, der nun Zehntausende Fotos enthält und mit dessen Hilfe sie bisher über 500 Individuen identifizieren konnten. Anhand der Daten konnte das Team zeigen, dass dieselben Seiwale über Jahre hinweg immer wieder zu den Falklandinseln zurückkehren, und dass dieselben Individuen innerhalb eines Jahres über mehrere Wochen und Monate in der Region bleiben — ein Hinweis darauf, dass das Gebiet eine wichtige Ressource für die Seiwale darstellt.

Nicht nur die geringe Größe der globalen Population sondern auch die Lebensweise der Seiwale hat wohl dazu beigetragen, dass nur sehr wenig über die Tiere bekannt ist. Sie kommen weltweit vor, halten sich aber vorzugsweise in tiefen küstennahen Gewässern auf. Über ihre Wanderungen oder generell über ihr Leben im offenen Ozean wissen wir jedoch bis heute fast nichts. Foto: Dr. Michael Wenger

Bereits nach der ersten Saison war den Forscher*innen klar, dass die Wale die Sommermonate vor allem wegen des guten Nahrungsangebots vor den Falklandinseln verbringen. Kotproben verrieten ihnen, dass sich die Tiere hauptsächlich von in dieser Region reichlich vorkommendem Hummerkrill ernähren. 

Darüberhinaus entnehmen die Wissenschaftler*innen nun regelmäßig Biopsieproben der Haut und des Fettgewebes, um zum einen die genetische Vielfalt und die Verwandtschaft zwischen lokalen und globalen Populationen zu ermitteln und zum anderen, um Hinweise auf den Gesundheitszustand der Tiere zu erhalten.

Das Seiwal-Projekt startete in 2017 mit einer Pilotstudie zur Verbreitung, Populationsgröße und Ökologie der Wale im Berkeley Sound in East Falkland. In den folgenden Jahren wurden diese Datenerhebungen fortgesetzt und ausgeweitet auf das Sammeln genetischer Proben und das Aufzeichnen der Wallaute unter Wasser. Foto: Dr. Caroline Weir, Falklands Conservation

Vervollständigt wurde das ambitionierte Forschungsprogramm durch passives akustisches Monitoring mit Hilfe von Hydrophonen (Unterwasser-Mikrophonen). Die Aufnahmen zusammen mit den Beobachtungen vom Boot aus belegen, dass sich die Wale mindestens von Januar bis Mai im Gebiet aufhalten. Zudem ergab eine Zählung im Februar/März 2018 eine Abundanz von globaler Bedeutung mit etwa 900 Tieren vor der Westküste der Inseln. 

Während sich die verschiedenen Aspekte dieses umfassenden Forschungsprojekts relativ leicht lesen, waren die dahinter liegenden Anstrengungen für das Team enorm herausfordernd. Einerseits ist es ein wahres Geduldsspiel, die schnellen und geschmeidigen Schwimmer auf dem Wasser zu entdecken — ein Grund dafür, dass so wenig über Seiwale bekannt ist — und andererseits waren unzählige Stunden auf einem kleinen Boot bei oft schwierigem Wetter alles andere als gemütlich.

Weltweit der erste Seiwal-Hotspot: die gesamten inneren Schelfgewässer der Falklandinseln wurden zum Schlüsselgebiet für die Biodiversität erklärt. Karte: Falklands Conservation

Für das Forschungsteam zählte jedoch nur eines: so viele Daten wie möglich zu sammeln, um mehr über das Leben der stark gefährdeten Seiwale zu erfahren und sie lokal und global besser schützen zu können. Und die Mühen haben sich gelohnt! Die gesamten inneren Schelfgewässer der Falklandinseln bis zu einer Tiefe von 100 Meter wurden offiziell zum Hotspot für Seiwale erklärt, weltweit der erste für Wale überhaupt: Falkland Islands Inner Shelf Waters Key Biodiversity Area for Sei whales.

«Wir sind unglaublich stolz darauf, dass wir dieses Schlüsselgebiet für die Biodiversität der bedrohten Seiwale erreicht haben. Es ist der Höhepunkt von fünf Jahren bahnbrechender und herausfordernder Feldforschung, die die Bedeutung der Falklandinseln für diese wenig bekannte Art wirklich hervorgehoben hat. Es ist ein Privileg, in einem Gebiet zu arbeiten, in dem die Walpopulationen zu gedeihen scheinen, und es ist fantastisch zu sehen, wie sich diese Arbeit nun in globaler Anerkennung niederschlägt und zum zukünftigen Schutz dieser erstaunlichen Tiere beiträgt.»

Dr. Caroline Weir, Leiterin der Walforschung bei Falklands Conservation
Die Seiwal-Populationen scheinen sich langsam zu erholen vom jahrzehntelangen Walfang, der bis in die 1970er Jahre andauerte. Heute sind sie jedoch anderen Bedrohungen ausgesetzt wie Kollisionen mit Schiffen, geringere Nahrungsverfügbarkeit, Schadstoffen und anderen. Umso wichtiger ist daher die Arbeit von Falklands Conservation, die zur Anerkennung der Schelfgewässer der Falklandinseln als Key Biodiversity Area führte. Foto: Dr. Caroline Weir, Falklands Conservation

Auch die lokale Bevölkerung auf den Inseln hat mitgeholfen und viele Sichtungen gemeldet und Fotos geliefert, die den Datenschatz ergänzen. Und dank der breiten Unterstützung, auch durch die lokale Regierung und Industrie, bietet die neue Key Biodiversity Area eine großartige Chance für den Walschutz und ist angesichts möglicher Ausweitung bestehender menschlicher Aktivitäten oder der Umsetzung von neuen Vorhaben wie Ölförderung oder industrieller Lachszucht umso bedeutsamer. Die Regierung und die Industrie verfügen nun über die wesentlichen Kenntnisse, um ihr Management möglichst ökologisch und nachhaltig auszurichten und die natürlichen Ressourcen der Falklandinseln zu schützen.

Das Video bietet einen Einblick in das Leben von Seiwalen und Südlichen Glattwalen und in die Forschung von Falklands Conservation. Untertitel in deutscher Sprache sind verfügbar. Video: Falklands Conservation

Das fünfjährige Projekt von Falklands Conservation wurde von vielen Gruppen unterstützt, darunter die britische Royal Society for the Protection of Birds. Weitere finanzielle Mittel kamen von dem EU-Programm BEST 2.0, dem Falkland Islands Government Environmental Studies Budget und dem Darwin Plus-Programm der britischen Regierung.

Julia Hager, PolarJournal

Link zur Webseite von Falklands Conservation: https://falklandsconservation.com

Link zur Studie: Weir, C.R., Taylor, M., Jelbes, P.A.Q., Stanworth, A. and Hammond, P.S. (2021). Distribution and abundance of sei whales off the west coast of the Falkland Islands. Marine Mammal Science, https://doi.org/10.1111/mms.12784

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