CIRCUS ANTARCTICA – TEIL 1 | Polarjournal
Moderne Polarreisende gleiten über das Blaueis in der Ostantarktis. (Foto: Christoph Höbenreich, 2019)

Die Entwicklung des modernen Expeditionsgeschehens in der Antarktis und ein Versuch der Klassifizierung des Eisreisens

Während es im Alpinismus und im Klettersport oder auch im Segel-, Paragleit- und Kanusport längst anerkannte Klassifikationssysteme gibt, um nicht nur die Schwierigkeiten des Sports bewertbar, sondern auch die erbrachten Leistungen vergleichbar zu machen, gibt es diese für sportlich ambitionierte Eisreisen in Polargebiete bisher nur in Ansätzen. Ein neues Klassifikationsmodell soll mehr Klarheit und Struktur in den Vergleich moderner Polarexpeditionen und für Extremsportler bringen, die an den Enden der Erde neue Rekorde aufstellen wollen. Ein kurzer Abriss des modernen Polarexpeditionsgeschehens in der Antarktika.

von Christoph Höbenreich und Eric Philips

Wozu klassifizieren?

Heute geht es bei Polarreisen natürlich längst nicht mehr um Eroberungen oder gar die Befriedigung nationaler Interessen, sondern um persönliche Ziele und sportliche Herausforderungen. Die Expeditionen der Gegenwart kann man auch unmöglich mit denen der Pioniere und Entdecker vergleichen. Schon mit Blick auf moderne Ausrüstung, Satellitennavigations- und Kommunikationsgeräte sowie Versorgungs- und Rettungsmöglichkeiten verbietet es sich eigentlich, sich heute überhaupt noch irgendwelche Polarmedaillen umzuhängen.

Was ist aber auch in unserer High-Tech-Welt noch eine Pionierleistung und Vorher-noch-nie-Versuchtes? Was ein Abenteuer und Wagnis an der Grenze des Unmöglichen? Was eine sportliche Herausforderung? Und was nur Scheinabenteuer? Die sportlichen Spitzenleistungen moderner Polarathleten zu objektivieren und vergleichbar zu machen, ist eine Herausforderung, zumal Zielsetzungen, Arten möglicher Unterstützung und vor allem Fortbewegungstechniken sehr unterschiedlich sind.

(Grafik: Eric Philips, Christoph Höbenreich)

Trotz – oder gerade wegen – der wachsenden Zahl an Polarreisenden sowie des hohen Interesses der Medien und Sponsoren macht es das Fehlen eines etablierten Klassifizierungssystems für Polarexpeditionen leicht, sich im Lichte der Öffentlichkeit nach dem Motto „Mehr Schein als Sein“ zu inszenieren. Um Sponsoren zur Finanzierung polarer Träume gewinnen zu können, darf es auch nicht verwundern, dass in geschickter Selbstvermarktung bisweilen auch die Idee aufkommt, einen „Weltrekord“ aufstellen zu wollen, so als ob man Expeditionen gar mit Wettkämpfen auf normierten Rennbahnen vergleichen könnte. Das Schlagwort „Rekord“ ist im Zirkus medienwirksamer Eitelkeiten und im Wettlauf um die Gunst von Großsponsoren aber naheliegend, zumal es auch von uninformierten Lesern leicht verstanden wird. Zwar sind die einzigartigen Erlebniswerte und das Flair einer Polarexpedition meiner Ansicht nach nicht in Rekordmarken, -zeiten oder -distanzen zu finden, sondern haben eine ganz andere Dimension. Im Lichte der Rekordsuchenden mit beinahe irrwitziger No-Limits-Mentalität erscheint das aber als geradezu romantische Träumerei. Das Verschieben von Grenzleistungen und das Streben nach Rekorden ist ja nur allzu menschlich. Dadurch sind auch moderne Polarexpeditionen kompetitiv und wettbewerbsfähig. Und daher wurde in dem Bereich, in dem jeder für sich behaupten kann, die schnellste, längste, extremste oder außergewöhnlichste Leistung erbracht zu haben, der Ruf nach einem objektiven Vergleichssystem laut.

In den Filchner-Bergen im ostantarktischen König-Maud-Land, auch „Neuschwabenland“ genannt, erschweren sturmgefräste Sastrugis und messerharter Schnee das Schlittenreisen. (Foto: Christoph Höbenreich 2015)

Natürlich kann und soll in der Wildnis der Antarktis und der Arktis glücklicherweise jeder alles tun und lassen können, was er will (vorausgesetzt, er hält sich an die jeweiligen Gesetze und behördlichen Auflagen), egal ob Spaß und Spiel, Vorstöße und Entdeckungen in Neuland oder sportliche Höchstleistungen. Polarreisen sollen auch nicht kategorisch in Schubladen gesteckt werden.

Aber sobald man an die Öffentlichkeit geht oder gar messbare Rekorde anpeilt, wird die Aktivität zwangsläufig mit anderen verglichen. Und dazu braucht es einheitliche Maßstäbe und Terminologie. Sind Unterschiede in den zurückgelegten Distanzen noch relativ leicht verständlich, führen Ethik- und Stilfragen bei polaren Expeditionen – ebenso wie im Spitzenalpinismus – aber beinahe ins Esoterische und können fast nur mehr von Insidern richtig beurteilt werden. Die allgemeine Öffentlichkeit hingegen kann die feinen, aber oft entscheidenden Unterschiede in der Regel kaum mehr differenzieren. Und wenn dann noch Halbwahrheiten oder das Verschweigen von Tatsachen die Qualität der Wahrheit ersetzen, wird die Differenzierung zwischen vorgegebener und tatsächlicher Leistung unmöglich und werden Vergleiche ad absurdum geführt.

Gerade im menschlichen Grenzbereich ist es daher nicht egal, mit welchen Mitteln und Aussagen gearbeitet wird. Denn wenn Berichterstattung oder Sprache beliebig werden, werden am Ende der Welt und überall dort, wo es keine Schiedsrichter gibt, Werte und Maßstäbe belanglos.

Die Antarktis ist der entlegenste „Abenteuerspielplatz“ der Erde. (Foto: Christoph Höbenreich, 2015)

Die Polargebiete sind die entlegensten Abenteuerspielplätze für Neulandsucher und Extremabenteurer. Sie liegen aber nicht nur an den „Enden“ der Erde, sondern meist auch in der entfernten Peripherie des öffentlichen Bewusstseins. Im goldenen Zeitalter der Entdeckungen waren Abenteurer die treibende Kraft bei der Erweiterung unseres geografischen Wissens über die unbekannten Regionen des Planeten. Vielfach prägen ihre spannenden Heldentaten auch heute noch die Vorstellungen vieler Menschen über die Antarktis.

Kreuzfahrer auf der antarktischen Halbinsel unterwegs bei einem Zodiac-Ausflug. Auf „Südpolexpedition“, so wurde es verkauft! (Foto: Heiner Kubny)

Es darf aber auch nicht verwundern, dass moderne Expeditionsberichte oft nicht wirklich verstanden und eingeordnet werden können, wenn sich selbst Teilnehmer luxuriöser Kreuzfahrten an die antarktische Halbinsel bereits auf „Südpolexpedition“ wähnen (obwohl man dort oft nicht einmal den südlichen Polarkreis überschreitet) und sich gar wundern, wieso denn all die Pinguine nicht schon längst von Eisbären gefressen wurden? Schuld an der kollektiven Orientierungslosigkeit über das moderne Expeditionswesen in der Antarktis sind aber die Protagonisten bisweilen oft selbst. Denn immer wieder lässt auch ihre eigene Berichterstattung, bewusst oder unbewusst, zu wünschen übrig. Wird der Einsatz oder der Verzicht auf vorher eingeflogene Depots oder Versorgungsflüge bei Expeditionen meist noch erwähnt, wird von den „Explorern“ – wie sich Polreisende gerne nennen – in der öffentlichen Darstellung nicht selten geschickt unterdrückt oder ganz verschwiegen, dass sie von Profis geführt wurden. So als ob das ihre Leistung schmälern würde. Und wie können schließlich die historischen Leistungen eines Will Stegers, Reinhold Messners, Børge Ouslands, Rune Gjeldnes oder vieler anderer als Pionier- oder Höchstleistungen verstanden werden, wenn schon verkürzte Wettrennen, fahrzeugunterstützte oder andere touristische Unternehmungen wie „das letzte große Abenteuer der Menschheit“ dargestellt werden oder unerfahrene Skiläufer auf ihren „Rekordexpeditionen“ eigentlich einer ausgesteckten und präparierten Piste folgen?

Sportliche Polarexpeditionen können ganz unterschiedliche Ziele und Intentionen haben wie Rekordleistungen oder einfach die Wildnis Antarktikas mit Ski und Schlitten abseits ausgetretener Pfade erkunden. (Foto: Christoph Höbenreich)

Der Wert einer Unternehmung oder ihre Bedeutung für die Gesellschaft können natürlich diskutiert werden. Um aber Entwicklungen und Unterschiede von Polarexpeditionen überhaupt relativieren und realistisch bewerten zu können, sind erstens ein grundlegendes Verständnis geografischer Fakten und historischer Hintergründe und zweitens eine wahrheitsgemäße und seriöse Berichterstattung über Vorhaben und tatsächlich erbrachte Leistungen mit einer adäquaten Sprache erforderlich. Die Maxime der UIAA-Tirol Deklaration,1 die im internationalen Jahr der Berge 2002 in Innsbruck für den Bergsport verfasst wurde, lassen sich auch auf Polarexpeditionen übertragen: „Bergsportler sollten peinlichst auf eine realistische Information zu ihren Aktivitäten achten. Ein genauer Bericht fördert nicht nur die Glaubwürdigkeit des Kletterers oder Bergsteigers, sondern auch das öffentliche Ansehen seines Sports.“ Nichts anderes gilt für Polarathleten.

Bereits eine Nacht im Zelt im Schnee während einer Polarkreuzfahrt an der Antarktischen Halbinsel kann für manche eine „Expedition“ und ein „Abenteuer“ sein. Aber auch bei sportlich orientierten „Expeditionen“ ist es oft – bewusst oder unbewusst – nicht leicht zu erkennen, was tatsächlich ein Vorstoß in Neuland, was eine sportliche Höchstleistung, was ein Wagnis an der Grenze zum Unmöglichen oder was nur ein Scheinabenteuer ist. (Foto: Oceanwide Expeditions)

Seriöse und transparente Berichterstattung – oder mehr Schein als Sein?

„Weltrekord am Südpol“ ließ Anfang 2006 der Wiener Wolfgang Melchior als Teilnehmer einer geführten Reisegruppe über seine 893 Kilometer und 33 Tage lange Skireise vollmundig verlautbaren. Der damals 50-Jährige plante, „als erster Mensch in nur 40 Tagen ohne technische Hilfsmittel“ zum Südpol zu marschieren. Maßgeblich für den vermeintlichen Rekord war aber nicht etwa eine stärkere Gehleistung als vorhergehende Polreisende, sondern einfach eine deutlich verkürzte Strecke, da der Reiseveranstalter einen dem Pol viel näher gelegenen Ausgangspunkt als bislang üblich wählte. Man bricht aber keinen 100 Meter Sprintrekord, indem man nur 80 Meter läuft. Es hatte auch niemand sonst aus dem Team das Bedürfnis, die schöne Idee einer neuen, kürzeren Route zum Südpol zu einem „Weltrekord“ hochzustilisieren. Und auch die Pressemitteilung, als erster Österreicher den Südpol „ohne fremde Hilfe und nur mit selbst gezogenen Schlitten“ erreicht zu haben, relativiert sich, wenn man weiß, dass ihm als Hilfestellung viel Material aus seinem Schlitten abgenommen und von den anderen geschleppt werden musste, um die Expedition nicht scheitern zu lassen, wie die Norwegerin Cecile Skog in ihrem Expeditionsbericht schrieb. Sie selbst nahm dem Österreicher 25 Kilogramm Material ab. Melchior erhielt schließlich den Staatspreis für Kommunikation und Public Relation. 2008 führte übrigens dann der Norweger Christian Eide auf der gleichen Strecke ein Team in nur 24 Tagen zum Südpol.

Nach ihrer Testexpedition2005 kämpft sich die Norwegerin Cecilie Skog während der ersten inneren Skidurchquerung Antarktikas ohne Windsegel 2009/10 mit ihrem anfangs 135 Kilogramm schweren Polarschlitten über das Südpolarplateau. (Foto: Ryan Waters 2010)

Gar das „letzte große Abenteuer der Menschheit“ rekonstruieren wollte zum Jahreswechsel 2010/11 der 400 Kilometer lange „Wettlauf zum Südpol“ zwischen einem österreichischen und einem deutschen Skiteam mit den prominenten Teilnehmern Hermann Maier und Markus Lanz vor den Kameras des ORF und ZDF. Es sollte eine Hommage an den legendären Wettlauf zwischen Roald Amundsen und Robert Falcon Scott sein. Auch wenn die Naturverhältnisse am Südpolarplateau noch immer gleich hart waren und die TV-Aktion den Athleten eine respektable sportliche Leistung abverlangte, so mutete diese doch als eher merkwürdiger Vergleich mit den historischen Kontrahenten an und wurde auch nicht wirklich seriös genommen. Denn der erfolgreiche Norweger und der tragisch gescheiterte Brite hatten zur Eroberung des Südpols 1911/12 die fast siebenfache Strecke von hin und retour 2.700 Kilometern über unbekanntes Terrain, ohne Fahrzeugbegleitung, Satellitenverbindung zur Außenwelt und Rückholversicherung zu erforschen. Wie hätten Amundsen und Scott reagiert, wenn sie erfahren hätten, dass ihrer großartigen Entdeckungsreisen einmal bloß durch ein geschickt in Szene gesetztes Sportevent erinnert werden sollte?

Eiskalt erwischt hat es 2015 den deutschen Martin Szwed, der den Südpol solo in einer Zeit von nur 14 Tagen und 18 Stunden für eine Strecke von 1.130 Kilometern erreicht haben wollte – fast zehn (!) Tage schneller als der norwegische Profiabenteurer Christian Eide vier Jahre zuvor auf seiner zweiten Südpoltour – und sich dann aber auf der Suche nach Anerkennung in einem Gewirr aus Lügen, Täuschungen und Hochstapelei verfing. Letztlich stellte sich heraus, dass Szwed gar nicht am Südpol war.

Zur Versorgung der US Amundsen-Scott South Pole Station wurde 2006 von McMurdo über das Ross-Schelfeis und durch die Transantarctic Mountains bis zum Südpol die 1.600 Kilometer lange Eispiste „South Pole Traverse“ (SPoT, auch „McMurdo – South Pole Highway“ genannt) angelegt. Sie ist markiert und durch tonnenschwere Schlittenlastzüge planiert, was Skiläufern und Radfahrern das Vorwärtskommen wesentlich erleichtert. (Foto: Eric Philips 2017)

2018 publizierte der 33-jährige Amerikaner Colin O’Brady, dass ihm nach 54 Tagen und 1.455 Kilometer Strecke als erstem Menschen ein „Solo Unassisted Unsupported Crossing of Antarctica“ und vor allem eine vorher gar für „unmöglich“ gehaltene Leistung gelungen sei. Die an sich seriöse „New York Times“ beschrieb die Expedition unreflektiert als eine der bemerkenswertesten Errungenschaften in der Polargeschichte. Das sorgte für Diskussionen in der Fachwelt. Schließlich nahm sich das renommierte Fachmagazin „National Geographic“ der Sache an und recherchierte kritisch und aufschlussreich: O’Brady startete und beendete seine Expedition an den inneren Kontinentalrändern des Ronne-Filchner- bzw. Ross-Schelfeises, benützte eine häufig begangene Route und folgte ab dem Südpol sogar einfach der South Pole Traverse, einer zur Versorgung der US Amundsen-Scott South Pole Station im Jahr 2006 markierten und gesicherten Eispiste, auch „McMurdo – South Pole Highway“ genannt. Hier werden Gletscherspalten aufgefüllt und die sturmzerfurchte Oberfläche ist durch tonnenschwere Zugfahrzeuge und Tankschlitten planiert, was Skiläufern das Vorwärtskommen wesentlich erleichtert – und Radfahrern praktisch erst ermöglicht.

Der Norweger Børge Ousland 1996/97 auf der ersten Solo-Durchquerung des antarktischen Kontinents zwischen den beiden äußeren Rändern des Ronne-Filchner- und des Ross-Schelfeises – mit über 2.845 zurückgelegten Kilometern sprengt er die Grenzen des vorstellbar Möglichen. (Foto: Archiv Børge Ousland)

Wie sind all diese an sich ja bemerkenswerten sportlichen Leistungen aber zu vergleichen mit beispielsweise jener des damals 34-jährigen Norwegers Børge Ousland, der bereits 1997 als erster Mensch alleine, mit Ski, Schlitten und einfachem Zugschirm, über den gesamten gefrorenen Kontinent gezogen war: Satte 2.845 Kilometer in 64 Tagen – vom äußeren Kontinentalrand des Ronne-Filchner-Schelfeises zum Südpol, über den zerklüfteten Axel-Heiberg-Gletscher durch das Transantarktische Gebirge und über das gesamte Ross-Schelfeis bis zur US-Polarsiedlung McMurdo an der gegenüberliegenden Meeresküste?

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