Druck-Kunst in der Arktis | Polarjournal
Abb. 1 (links) Trommlerin, ca. 2005, 204/225, Papier, Tinte, H42 x W35cm, Lithographie
Abb. 2 (rechts) Trommler, ca. 2005, 204/225, Papier, Tinte, H42 x B35cm, Lithographie
Camilla Nielsen, Nuuk Grönland

Die Kunst der Bewohner der Arktis greift auf ein breites Spektrum an Materialien zurück. Von diesen sind viele lokal zu finden und werden schon seit jeher genutzt. Dazu gehören etwa Stein, Horn, Geweih, Walbarte, Elfenbein und Holz. Nicht alle Materialien sind überall gleichermassen gut erhältlich. Und bis heute werden beispielsweise auf Baffin Island mangels Bäumen kaum Kunstwerke aus Holz hergestellt. Doch wurde in den 1950er Jahren in Nordkanada eine neue Tradition begründet, die sich in der nordamerikanischen Arktis rasch verbreitete und sich weltweiter Beliebtheit erfreut – die des Druckens. In den Sammlungen des Museum Cerny finden sich etwa 350 Werke auf Papier.

Abb. 3-7, eine Auswahl an Logos: Kinngait, Nunavut

Von Reisenden und Siedlern in die Arktis mitgebrachtes Papier fand schon im 19. Jahrhundert intensiv Verwendung. Sehr frühe Beispiele hierfür stammen aus Grönland. Einer der ersten Grönländer, von dem ein umfassender Korpus an Malereien und Drucken erhalten ist, ist Aron von Kangeq (1822-1869). Bekannt wurde Kangeq seinen Zeitgenossen als Illustrator der ersten grönländischen Zeitung Atuagagdliutit, die ab 1861 erschien, für Grönländer kostenlos war und das Ziel verfolgte, den Inuit die dänische Kultur näherzubringen.

Abb 3-7, eine Auswahl an Logos: Kuujjuaraapik, Nunavik (links), Povungnituk, Nunavik (rechts)

Bis 1900 hatte sich in Westgrönland eine florierende Fremdenindustrie entwickelt. Ähnlich den Reisenden und Siedlern aus Europa, finden sich in den Zeichnungen der Inuit vor allem Darstellungen von Menschen und Landschaft. Zusätzlich waren jedoch auch religiöse und mythologische Darstellungen und vor allem auch Jagddarstellungen bei der zumeist europäischen Käuferschaft beliebt. Das Landesmuseum in Zürich zeigte im letzten Jahr einige Zeichnungen von Jakob Danielsen in der Ausstellung „Grönland 1912“, diese waren während der Expedition unter der Leitung von Alfred de Quervain erworben und mit in die Schweiz gebracht worden. Zeitgenössische Kunst aus Grönland ist damals wie heute in Mitteleuropa weitgehend unbekannt. Anders als die Tupilak genannten Figuren aus zumeist Walzahn, Walrosszahn oder Holz, findet die grafische Kunst bis heute hier kaum Verbreitung. Doch hat sich auch in Grönland in den 1960er und 70er Jahren eine Drucktradition etabliert – etwa 10 Jahre später als in Nordkanada. (Abb. 1 & 2) Trommler, limitierter Druck der dänischstämmigen Künstlerin Camilla Nielsen.

Abb. 3-7, eine Auswahl an Logos: Pangnirtung, Nunavik (links), Clyde River and the Canadian Eskimo Arts Council Symbol, Nunavut (rechts)

In Kinngait (vormals Cape Dorset), Nunavut, wurde in den 1950er Jahren erst mit Textil, später mit Papier experimentiert. Bedruckte Textilien aus der kanadischen Arktis sind derzeit in der Ausstellung „ᖃᓪᓗᓈᖅᑕᐃᑦ ᓯᑯᓯᓛᕐᒥᑦ Printed Textiles from Kinngait Studios“ im Textile Museum of Canada zu sehen. 1960 wurde in Kinngait die erste Serie an limitierten Drucken publiziert. Schnell folgten andernorts Inuitkünstler und auch in Pangnirtung, Puvirnituq, Qaminittuaq (vormals Baker Lake) und Ulukhaktok (vormals Holman) wurden Druckstudios eingerichtet. Federführend war hier der kanadische Künstler James Houston (1921-2005). Houston war 1958 nach Japan gereist, um dort Drucktechniken zu erlernen. Der Einfluss der japanischen Druckkunst zeigt sich unter anderem in der Verwendung von Maulbeerpapier für einige der Drucke und eines gestempelten Logos für die Werkstätte, sowie teils weitere für die Künstler und Drucker. Die Logos unterscheiden sich nach Ort und weisen den jeweiligen Druck als für die Serie des Jahres zugelassen aus. Zusätzlich dazu findet sich das Sigel des Canadian Eskimo Arts Council auf dem Papier, das anfangs gestempelt und später geprägt wurde. (Abb. 3, 4, 5, 6, & 7) Die Drucke aller Werkstätten sind in der nummeriert (als Teil einer Serie von meist 30 oder 50 Exemplaren pro Motiv), datiert und signiert und tragen teils auch den Titel des Bildes und haben den Namen des Druckers vermerkt. Dies entweder in der Inuit-Silbenschrift oder lateinischen Buchstaben.

Abb.8, Seegeist, 1962, 47/50, Papier, Tinte, H33 x B41.5 cm, Radierung
Johnniebo, Kinngait, Nunavut, Kanada
Abb. 9, Jäger fangen Wale mit ihren Harpunen und Robbenfellschwimmern, 1975, 19/40, Papier, Tinte, H57.8 x B68.6 cm, Steindruck
Joe Tarilunili, Puvirnituq, Nunavik, Kanada

Die Motive, ebenso die Materialien und Drucktechniken, haben sich über die mehr als 60 Jahre beständig verändert und erweitert. Mythologie (Abb. 8), Tierwelt (Abb. 9) und häusliche Szenen wurden zum Beispiel um technische Veränderungen und Darstellungen des Klimawandels ergänzt.

Einzelne Künstler erlangten auch international grosse Bekanntheit und erfahren auf dem Kunstmarkt grosse Wertschätzung. Ein Exemplar des Druckes „Enchanted Owl“ der Künstlerin Kenojuak Ashevak (1927-2013) von 1960 wurde 2018 für 216,000 kanadische Dollar versteigert. Von solchen Preisen des Kunstmarktes profitieren die Künstler allerdings nicht.

Abb. 10, Junge Eule, 2004, VII/X, Papier, Tinte, H80 x B65cm, Lithographie
Kenojuak Ashevak, Kinngait, Nunavut, Kanada

Kenojuak Ashevak unterstützte mit dem Verkaufserlös eines ihrer Drucke (Abb. 10) 2004 ein Projekt, dass die Einrichtung einer Druckwerkstatt in Uelen in Nordostsibirien zum Ziel hatte. Bisher blieb die Bemühung erfolglos und es sind nur die 2004 angefertigten 20 Drucke erschienen. Über die Druckkunst der Inuit wurden Bücher geschrieben, das Thema kann hier somit nicht erschöpfend dargestellt, sondern nur angerissen werden. Die Bibliothek des Museum Cerny bietet hierzu reichhaltige Literatur und kann nach Voranmeldung zu den regulären Öffnungszeiten konsultiert werden.

Martin Schultz, Museum Cerny

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